26
Mai
2006

Bonn, 17:23

lieber sebastian,

unser austausch kennt nur zwei, einander vollständig ausschliessende zustände, unsere kommunikation ist binär, diametral, pol-artig und im tiefsten wesen und vor allem anderen: aneinander vorbei. vielleicht wäre es einfacher, wir würden einander wie zwei frontsoldaten schreiben und zwischen zwei gewechselten worten lägen oft mehrer stumme wochen, die sich dann in einer kaskade des verspätet angekommenen wortes entladen würde. vielleicht ist das reziproke hin und her unser beider stärke nicht – wir sind zu träge oder zu engstirnig, uns wirklich aufeinander zu beziehen.

ich versuche besser, dich dorthin mitzunehmen, wo ich mich vor dieser form des austausches sicher fühle: in die literatur, die mich begleitet, die ich liebe und die uns weit genug voneinander trennt, dass ich dir so etwas wie eine postkarte schreiben kann – wer hätte jemals auf die zeilen im rücken einer abbildung des eiffelturms oder eines austauschbar blauen strandes geantwortet.

bonn ist ein guter ausgangspunkt. nicht das bonn, in dem böll seine politikerfrauen am ufer des rheins verzweifelns lässt, sondern dasjenige, in dem die diplomatenvillen ausgestorben und die ministerien zu dependancen geworden sind. das bonn, in dem trotz heftiger stadtmarketing-bemühungen mittlerer angestellter alle blicke sehnsüchtig und also rückwärts gerichtet sind. das bonn, das fast noch ein wenig nestwärme ausstrahlt, das glänzend unter vormals erworbener patina liegt und trotzig bemüht ist, nicht ausgestorben oder über die politische abwendung gekränkt zu wirken.

natürlich könnte ich jetzt ausmalen, wie wir durch godesberg laufen, nach schloß poppelsdorf, oder den vulkansee einmal umrunden und dann in einem kirschholzfurnierten und altdamenfrequentierten café wirtschaftswundergefüllten kuchen von einem spitzendeckchenimitat aus kaffeespritzerabweisendem plastikpapier essen. vielleicht summst du beim rückweg zum bahnhof etwas von betthoven (ich bin sicher, du sumst fantastisch), weil dein musikalisches repertoire und absolutes gehör es dir ermöglicht, kontextabhängig zu summen, wo andere menschen zu wiederholen gezwungen sind, was sie heute morgen im radio gehört haben.

vielleicht machen wir uns aber auch auf die suche nach einem gymnasium, das ernst bloch heisst und das wir natürlich entweder gar nicht, oder erst viel später zwischen zwei buchdeckeln in einer unwürdigen bahnhofsbuchhandlung finden. vielleicht bist du auf der suche nach diesem ort ausdauernder, wenn ich dir erzähle, das wir uns dort vor ein paar nächten, auf dem boden einer turnhalle getroffen haben. Dass wir uns mittags weichpanierten fisch mit salzkartoffeln oder ein stückchen anämisch gekochte hühnerbrust geteilt haben (du bist muslime, deswegen versagt mir dein blick das begehren angesichts eines schnitzels) und in einem kellerraum kompromittierende bilder, die mich beim geschlechtsverkehr mit einem lehrer zeigen, auf einer orange-graue website verborgen haben. achja: natürlich bist du dann alev, ohne dass ich ada sein könnte – selbst die gazellenhüftigen prinzessinnen sind weit von mir entfernt , aber manchmal hat es mich schon beruhigt, adas bösartig gleichgültigen gedankengängen folgen zu können, ohne mit intellektuellen seitenstechen hinter ihr zurück zu bleiben.

weißt du noch, wie es früher, insbesondere in den wintermonaten, in klassenzimmern roch? wie adoleszente leiber im dutzend rochen, wenn feuchte jacken in überhitzten räumen trockneten, übersüsse vanillige drogeriemarktparfums mit hektisch aufgebäumten hormonen und kreidestaub vermischt aufstoben. es fällt mir schwer, dich in diesen zusammenhängen zu denken, ungleich schwerer, als dich in einen literarischen körper hineinzudenken, in dem ein geist steckt, der an etwas krankt, das man zu schnelles wachstum nennen könnte. so wie manchmal bei pflanzen der stängel den blättern nicht hinterherkommt, zeichnet sich auch dein alter ego durch die qualen eines zu grossen und zu regen intellekts aus, der gänzlich ohne reflektion und empathie ausgestattet, wie ein tollwütiges tier seine umwelt anfällt.

vielleicht gehen wir danach durch die korridore und verlassenen zimmer der schule, bleiben kurz innehaltend vor dem portal stehen und werfen einen ängstlichen blick nach oben, weil sich vielleicht schon der zweite lehrer zum suizid auf einem dachfirst bereit macht. vielleicht dröhnt aus dem fahrradkeller die ohrenbetäubend schlechte musik einer sogenannten schulband, in jedem fall wären wir beide in eile, jedoch nicht eilig genug, um uns nicht vorher etwas zu examinieren und wie zwei junghirsche die geweihe ineinander schlagen zu lassen.

bonn ist ein guter ausgangspunkt, ein guter ort für die erste postkarte, eine passable laufübung, für das was folgen wird und zum zeitpunkt, da du dies hier liest, schon längst geschehen ist. die prinzessinnen haben sich ihrem schicksal ergeben, adas schwergebauter körper vertritt multinationale konzerne in streitfällen in millionenhöhe. ich bin vollkommen sicher, dass wir von der wochenendfahrt nach amsterdam nicht wieder zurückgekehrt sind, weil die nächste station dieser gedachten reise in einem verwinkelten antiquariat spielen wird.

G.

im herbst nach meinem ersten gemeinsamen urlaub mit genji musste ich nach berlin fahren, um dort auf einem kongreß, dessen ziel und sinn mir heute, nach zwei-einhalb jahren immernoch komplett schleierhaft sind, eine kollegin zu vertreten.

die furchtbare schwärmerei all´ meiner bekannten, der nimbus der großartigen stadt, der berlin ungebrochen anhaftet sowie recht dezidierte eigenerfahrungen mit dem widerlichen mitte-pack, liessen mich nur sehr missmutig die koffer packen. die aussicht, vier tage in einer trübseligen lokalität am einsteinufer erfolglos die interessierte zuhöhrerin zu mimen und danach dem zwang nachgeben zu müssen, irgendwas zu unternehmen, weil man ja schonmal da ist, breitete sich bereits mit dem verlassen des zuges aus der bahnhofshalle aus. berlin ist für mich primär dreckig und vom charme einer highschool-abschlussball-königin. alles ist ein bisschen zu aufgesetzt schmuddelig, hipster-überlaufen, altbau-versnobt und zu anstrengend. wer in berlin mit ungewaschenen haaren sojalatte trinkt, hat für seine frisur schätzungsweise 2 stunden in einem bad mit freistehender badewanne zugebracht. mir persönlich geht die nuttige zurschaustellung der eigenen nachlässigkeit extrem auf den sack - ebenso wie das blödsinnige geschwatze über neue und alte it-places und das dümmliche beharren auf dem status des vermeintlichen trend-monopols.

das hotel war erwartungsgemäß ziemlich rosa-luxemburg-strassig, ich kam komplett durchnässt und hochgradig furstriert an und verzweifelte bei der aussicht, die nächsten drei nächte unter fliessendem duschwasser im bad rauchen zu müssen.

der nächste morgen begann in der gleichen tonart, nachdem ich die halbe nacht "frustrierte junge frau in mittelklasse-hotelzimmer" gespielt hatte, weil genji sich nicht meldete und sich vor meinem fenster berlin betont großstädtisch krachmacherisch geben musste. anderthalb stunden später sitze ich in einem viel zu kleinen sitzungssaal vor einem namensschild, auf dem jemand halbherzig mit rotem edding meinen namen korrigiert und dabei in drei worten 4 rechtschreibfehler machte und versuche unauffällig mit dem glücklicherweise mitgebrachten ibook black&white zu spielen, während irgendjemand am kopf des raumes so tut, als hielte er eine keynote. mitten in die obligate vorstellungsrunde platzt jemand in den raum, schüttelt sich wie ein junger hund den regen von seiner grausigen helly-hansen-pluster-daunenjacke und stellt sich mit so juveniler prallhodigkeit vor, dass ich das brandschanzen eines dorfes kurz unterbreche und nach oben schaue.

anders als in einem barbara-cartland-roman trifft mein blick bedauerlicherweise nur ein viel zu glattes, viel zu junges und obendrein mit jenem abartig selbstzufriedenen hey-hey-ich-bin-dozent-an-der-hff-blick (der allen kleinen jungs, die schon einmal einen schlechten avantgarde-film auf digi beta gedreht haben anhaftet) ausgestattetes gesicht, so dass meine hand schon während des betrachtens wieder mit der maus eine spirale formt und ein holzwunder auf meinen dorfbewohner niederprasseln lässt. was er über sein neuestes, wahnsinnig spannendes, super-innovatives, sowas-kann-nur-aus-berlin-kommendes projekt erzählt, verrauscht hinter einer zeremonie meiner beglückten dorfbewohner.

während der mittagspause, die allen ernstes in einer art gigantomanischem autohaus eingenommen wird, sitze ich mit einem dutzend extrem mitteilsamer menschen, die sich blöderweise fast alle kennen, an einem tisch und wühle in einem fettucine-nest nach der ersehnten nachricht von genji. meinem nachbar zu rechten geht es erfreulicherweise ähnlich und wir unterhalten uns über das bizarre ambiente, den umstand, neben glitzernden hochmotorisierten mittelstandsträumen halbwegs seriös zu essen sowie "rumo und die wunder im dunkeln". netterweise kann a. perfekt die zwei stimmen löwenzahns imitieren und beschert mir damit die nettesten 10 minuten der letzten 18 stunden.

auf dem rückweg zum sitzungssaal fragt jemand meine linke schulter (aufgrund des ansprachemodus schonmal per se unhöflich) nach feuer, dass ich, in ein gespräch über storr den schnitter vertieft, ebenso unfreundlich über meine rechte schulter nach hinten reiche. in erkenntnis der eigenen schlechten manieren drängt sich der feuer-erbittende zwischen mich und meinen gesprächspartner, sammelt dabei prompt einen weiteren unhöflichkeitspunkt und stellt sich als g. und somit als der skandalös schlecht angezogene, exponiergeile zuspät-kommer des vormittags vor.

normalerweise hasse ich solche zufalls-bekanntschaften. ich vermeide es tunlichst, mich auf tagungen und sonstigen beruflichen beisammen-hockereien zu tief ins socialising einzuwühlen. nachdem die letzte powerpoint-folie gefallen ist, packe ich meist meine unterlagen und verschwindet schleunigst - ich hasse die vorstellung, teil der sozialen notgemeinschaft, die sich aus einsamkeit, mitteilungsbedürfnis und stadtfremdheit ergibt, zu sein. merkwürdigerweise sind mir aber (zumindest gedanklich) die älteren herren in vertreteranzügen, die gesalzene mandeln an hotelbars essen lieber, als das verdammte, anüsiergeile pack anfang 30. wenn man nicht einfach irgendwo gepflegt absackt, sondern dies auch noch in einem szenetip aus einem hochglanz-magazin wie "max" tun muss - dann wirds arm.

g. plaudert ungefähr 10 minuten vor sich hin und seltsamerweise verspüre ich den wunsch, mich an einem gespräch mit einem so grauenhaft gewandeten und optisch viel zu akademisch-schönen mann zu beteiligen. üblicherweise vermeide ich gespräche mit menschen, die ein klein wenig zu klassisch-schön sind, die ihr profil im gespräch immer in diejenige pose halten, die sich auf snapshots bewährt hat und die erfahrungsgemäß immer auf den feuchten schritt ihres weiblichen gegenübers pokern.

nach dem ersten konferenz-tag steigen wir blöderweise in die gleiche bahn (zum glück ist löwenzahn mit dabei) und verstehen uns merklich immer besser, so dass sich das obligate telefonnummern-tauschen für den späteren abend nicht vermeiden lässt - als berliner ist in ihm also nicht nur der wunsch nach gepflegter pirsch, sondern auch nach missionierung geweckt. rückblickend erscheint es beinahe paradox, dass ich es ihm moralisch übelnehme, wie er von seiner mitbewohner-exfreundin plaudert, mich selbst aber retrospektiv zuhöchst integer dabei fühle, mit genji zu kontern. sei´s drum - alles ist besser als die verheissung, noch einen abend im hotelzimmer das handy anzustarren und zu warten. ausserdem will löwenzahn uns ebenfalls begleiten - mit einem etwas zu schrill-freudigen ton bringe ich meine freude über sein dabei-sein zum ausdruck.

drei stunden später stehe ich dezent aufgehübscht und in meinen marsch-untauglichsten schuhen vorm hotel, als g. mit dem ästhetischen äquivalent seiner helly-hansen-jacke (die gottseidank einem gepflegten understatement-jäckchen mit schal gewichen ist) fahrräderisch um die ecke rollt und wir laufen bis zur neuen schönhauser-straße. auf dem weg dorthin fallen die letzten ressentiments meinerseits und als ich gerade wohlgemut über eine straße galoppieren will, zieht g. mich plötzlich ein bisschen zu zielstrebig an seine schulter - bevor ich los-rohrspatzen kann, schreit es kauderwelschig aus dem taxi, dass mich beinahe vorm deutschen künstlerbund überfahren hätte.

obwohl ich hochgradig empört darüber bin, wie leicht es ihm von mir gemacht wird, sich als retter zu stilisieren, fühlt sich dieses zurückgehaltenwerden merkwüdig gut an - vielleicht auch deshalb, weil ich bei genji immer diejenige bin, die stolpernde, stürzende, fallenlassende und dem tod geweihte wichtel von strassen, auf treppen und auf bordsteine zerrt.

der abend mit löwenzahn ist angenehm, seltsamerweise waren wir alle drei sommers in new york und ergänzen einander mit drei hochgradig subjektiven sichtweisen auf die stadt, bis eine windschiefe pyramide entsteht, in deren schatten man vortrefflich fraternisieren kann. gegen 12 verabschiedet sich löwenzahn, der kaum die sichtweite verlassen hat, als g. und ich schon übereinandergeknäult und wüst knutschend auf dem tisch liegen.

in diesm moment fühlt sich alles zum ersten mal grundlegend falsch und hochgradig beschissen an - einfach weil zu viel klischee, zuviel ausbruchswunsch und zuviel intellektueller gleichklang mitspielt. g. mag die gleichen filme, hat die gleichen bücher gelesen und reagiert in extremer weise auf meine sprache und das, was ich erzähle. alles zusammen ergibt einen verstörenden eindruck der situation und ich wünsche mir zum ersten mal, auf kratziger hotelbettwäsche auf einen anruf von genji zu warten.

auf dem weg ins unvermeidliche white trash (damals noch in der torstraße) zu zweit auf dem fahrrad verstärkt mein widerwillen das klischeehafte der situation - junges pärchen nachts um halb zwei, gemeinsam auf fahrrad, regenfeuchte kastanienblätter, zwei absinthfläschchen und ein wehender schal. ich hätte die situation sofort abgebrochen, wäre mir ein besseres argument als die zurschaustellung des jungen und ungebundenen exo-glücks eingefallen. spätestens beim komplett widersinnigen halb-koitus am fuß eines kelleraufgangs eines leerstehenden hauses fallen mir zwei dutzend gründe ein. obwohl ich mich bereits innerhalb der situation (und erst recht mit dem abstand von mehr als 2 jahren) furchtbar für diesen gedanken schäme, paart sich ungutes zaudern in diesem moment mit handfester, panischer angst. es gibt nichts, auf das ich mich sinnlich konzentrieren könnte, als einen fremden, mich nur rudimentär anziehenden körper, dumpfe straßengeräusche und müdes nicht-wollen. als ich mich der situation entziehe blitzt für sekundenbruchteile etwas zwischen uns auf, was sich zwei monate später während g.´s besuch bei mir fatal und grausam entladen wird: unser beider unbändiger wunsch aus einer situation als der stärkere hervor zu gehen.

es wäre gelogen zu behaupten, ich wäre in diesem moment verliebt oder auch nur geil auf ihn gewesen - eigentlich ging es nur um kühles mitziehen. um überlegen-bleiben und ostentative demonstration einer mischung aus intellektueller skepsis und unberührtheit. leider löste sich diese überspannung zwischen uns auch nach meiner kapitulation nicht auf. vielleicht ärgert mich dieser umstand am allermeisten: ich hatte zum ersten mal in meinem leben das gefühl etwas zu tun, um es erlebt zu haben, um es mitzumachen - wie einen postadoleszenten ladendiebstahl als aufnahmeritual. ich hätte ihm vor zorn am liebsten ins gesicht geschlagen, weil so offenkundig war, dass er das, was ihn vermutlich am stärksten attrahierte, nämlich meine demonstrative unberührtheit und geistige dominanz, durch das provozieren einer beängstigenden situation aufbrechen wollte. zu diesem zeitpunkt bin ich nicht gegangen, weil mir der gedanke zuwider war, er könnte eine kausale verbindung zwischen meinem gehen und seinem, ob der kellerfeuchte und meiner panik eregierten schwanzes konstruieren.

im white trash kühlte meine stimmung langsam ab - vielleicht weil g. so enthemmt an mich als psychologin appellierte und mir seine (recht banalen) sexuellen ausschweifungen als laterna magica präsentierte. ich werde nie vergessen, wie er den namen der frau, der mit seiner und ihrer defloration verbunden ist, ins ohr hauchte. wie er über franzens korrekturen sprach und mich allen ernstes mit melissa verglich. wie wir über filme, die in berlin spielen sprachen und er so begeistert war, weil ich ein längeres zitat aus seinem lieblings-berlin-film parat hatte.

am nächsten tag habe ich nur in der zeit black&white gespielt, in der er seine präsentation hielt - weil ich wusste, wie tief es den mann aus dem zugigen hauseingang treffen würde, wenn ich mein desinteresse auch öffentlich zeigen würde. ausserdem hatte ich mich nachts erkältet, meine nase färbte sich unschön rot, ich begann ungoustiös zu schwitzen und vor meinen augen flimmerte es erhitzt. warum ich trotzdm mit dem mann, der mit einem körbchen krankenkost abends um elf in meinem zimmer stand geschlafen habe, weiss ich nicht mehr.

das heisst: ich könnte die berührungs-kaskade jedes einzelnen moments in beide richtungen aufzeigen. ich weiss, dass ich eine weisse leinenbluse und einen weinroten schal von genji trug, dass ich red bull in die badewanne gekotzt habe und er mir bis ich eingeschlafen bin aus einer strähne meines haares voodoo-püppchen drehte. und ich weiss auch, dass ich am morgen danach eine 11 stunde alte sms von genji gelesen habe, der mit grippe im bett lag. ich weiss noch, wie sehr ich mich 700 kilometer weit weg in mein eigenes bett gewünscht habe, wie gern ich aus einem gemeinsamen teller mit genji hühnersuppe gelöffelt und futurama angesehen hätte. und wie verdammt mich der routiniert neben mir liegende körper mit all seinen verworrenen geistigen innereien anekelte.

ich habe mich furchtbar dafür geschämt, neben dem logischen antagonisten des mannes zu liegen, den ich liebte. in diesem augenblick hätte ich den körper, der unter meinen händen jugendlich zuverlässig funktionierte und jegliche zwischen uns flackernde ästhetische synchronität für den anblick von genjis aufgeregt zappendelnden äffchenfüssen während einem sonntäglichen tatort eingetauscht. ich habe mich nicht moralisch schlecht gefühlt - sondern ästhetisch. es war hochgradig ungoustiös - nicht menschlich falsch.

nach anderthalb stunden vorbeirauschenden präsentationen habe ich meine sachen gepackt und bin einfach gegangen. ich habe genji kiloweise donuts, australian-pralinen, eine neue starbucks-tasse (die alte hatte ich im zorn einmal aus dem fenster geworfen) und einen ersatz für seine verschlissene freitag-tasche gekauft, habe mich in den nächsten zug geworfen und versucht, berlin mit einem in den mülleimer gestopften hotdog-papierchen zu entsorgen.

warum g. mich trotz allem 2 monate später besuchte, warum ich diesem aufenthalt zustimmte und wie oberflächlich bemüht-tolerant genji das alles auffasste ist mir komplett unklar. ich werde nie vergessen, wie genji, bevor ich g. vom bahnhof abholte und er zu einer weihnachtsfeier fuhr, sagte dass er sein rennveilchen vor meiner wohnung stehenlassen würde, damit wenigstens ein halber cherubim anwesend sei. ebensowenig wie ich vergessen werde, wie ich am nächsten morgen heulend und zitternd am küchenfenster stand, auf sein auto geschaut habe und ihn anrufen musste, damit er g. aus meiner wohnung entfernen möge.

mir ist immernoch nicht klar, wie es damals nicht zum eklat kommen konnte. wie ruhig g. seine sachen packte und meine wohnung verliess. wie genji 10 minuten später in der küche stand, ausdrücklich keine erklärungen hören wollte, sich den rest des tages im büro freinahm, mich ins bett packte und für uns beide kochte. wir haben bis heute nie darüber gesprochen, was damals eigentlich passiert ist. genji hat an seinem verhalten mir gegenüber nie etwas verändert oder auch nur mit einem wimpernzucken verraten, dass er veletzt oder wütend auf mich ist. und irgendwie löst sich angesichts dieser erinnerung alles, wirklich alles, was ansonsten zwischen uns beiden im unreinen ist, komplett auf.
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