Bonn, 17:23
lieber sebastian,
unser austausch kennt nur zwei, einander vollständig ausschliessende zustände, unsere kommunikation ist binär, diametral, pol-artig und im tiefsten wesen und vor allem anderen: aneinander vorbei. vielleicht wäre es einfacher, wir würden einander wie zwei frontsoldaten schreiben und zwischen zwei gewechselten worten lägen oft mehrer stumme wochen, die sich dann in einer kaskade des verspätet angekommenen wortes entladen würde. vielleicht ist das reziproke hin und her unser beider stärke nicht – wir sind zu träge oder zu engstirnig, uns wirklich aufeinander zu beziehen.
ich versuche besser, dich dorthin mitzunehmen, wo ich mich vor dieser form des austausches sicher fühle: in die literatur, die mich begleitet, die ich liebe und die uns weit genug voneinander trennt, dass ich dir so etwas wie eine postkarte schreiben kann – wer hätte jemals auf die zeilen im rücken einer abbildung des eiffelturms oder eines austauschbar blauen strandes geantwortet.
bonn ist ein guter ausgangspunkt. nicht das bonn, in dem böll seine politikerfrauen am ufer des rheins verzweifelns lässt, sondern dasjenige, in dem die diplomatenvillen ausgestorben und die ministerien zu dependancen geworden sind. das bonn, in dem trotz heftiger stadtmarketing-bemühungen mittlerer angestellter alle blicke sehnsüchtig und also rückwärts gerichtet sind. das bonn, das fast noch ein wenig nestwärme ausstrahlt, das glänzend unter vormals erworbener patina liegt und trotzig bemüht ist, nicht ausgestorben oder über die politische abwendung gekränkt zu wirken.
natürlich könnte ich jetzt ausmalen, wie wir durch godesberg laufen, nach schloß poppelsdorf, oder den vulkansee einmal umrunden und dann in einem kirschholzfurnierten und altdamenfrequentierten café wirtschaftswundergefüllten kuchen von einem spitzendeckchenimitat aus kaffeespritzerabweisendem plastikpapier essen. vielleicht summst du beim rückweg zum bahnhof etwas von betthoven (ich bin sicher, du sumst fantastisch), weil dein musikalisches repertoire und absolutes gehör es dir ermöglicht, kontextabhängig zu summen, wo andere menschen zu wiederholen gezwungen sind, was sie heute morgen im radio gehört haben.
vielleicht machen wir uns aber auch auf die suche nach einem gymnasium, das ernst bloch heisst und das wir natürlich entweder gar nicht, oder erst viel später zwischen zwei buchdeckeln in einer unwürdigen bahnhofsbuchhandlung finden. vielleicht bist du auf der suche nach diesem ort ausdauernder, wenn ich dir erzähle, das wir uns dort vor ein paar nächten, auf dem boden einer turnhalle getroffen haben. Dass wir uns mittags weichpanierten fisch mit salzkartoffeln oder ein stückchen anämisch gekochte hühnerbrust geteilt haben (du bist muslime, deswegen versagt mir dein blick das begehren angesichts eines schnitzels) und in einem kellerraum kompromittierende bilder, die mich beim geschlechtsverkehr mit einem lehrer zeigen, auf einer orange-graue website verborgen haben. achja: natürlich bist du dann alev, ohne dass ich ada sein könnte – selbst die gazellenhüftigen prinzessinnen sind weit von mir entfernt , aber manchmal hat es mich schon beruhigt, adas bösartig gleichgültigen gedankengängen folgen zu können, ohne mit intellektuellen seitenstechen hinter ihr zurück zu bleiben.
weißt du noch, wie es früher, insbesondere in den wintermonaten, in klassenzimmern roch? wie adoleszente leiber im dutzend rochen, wenn feuchte jacken in überhitzten räumen trockneten, übersüsse vanillige drogeriemarktparfums mit hektisch aufgebäumten hormonen und kreidestaub vermischt aufstoben. es fällt mir schwer, dich in diesen zusammenhängen zu denken, ungleich schwerer, als dich in einen literarischen körper hineinzudenken, in dem ein geist steckt, der an etwas krankt, das man zu schnelles wachstum nennen könnte. so wie manchmal bei pflanzen der stängel den blättern nicht hinterherkommt, zeichnet sich auch dein alter ego durch die qualen eines zu grossen und zu regen intellekts aus, der gänzlich ohne reflektion und empathie ausgestattet, wie ein tollwütiges tier seine umwelt anfällt.
vielleicht gehen wir danach durch die korridore und verlassenen zimmer der schule, bleiben kurz innehaltend vor dem portal stehen und werfen einen ängstlichen blick nach oben, weil sich vielleicht schon der zweite lehrer zum suizid auf einem dachfirst bereit macht. vielleicht dröhnt aus dem fahrradkeller die ohrenbetäubend schlechte musik einer sogenannten schulband, in jedem fall wären wir beide in eile, jedoch nicht eilig genug, um uns nicht vorher etwas zu examinieren und wie zwei junghirsche die geweihe ineinander schlagen zu lassen.
bonn ist ein guter ausgangspunkt, ein guter ort für die erste postkarte, eine passable laufübung, für das was folgen wird und zum zeitpunkt, da du dies hier liest, schon längst geschehen ist. die prinzessinnen haben sich ihrem schicksal ergeben, adas schwergebauter körper vertritt multinationale konzerne in streitfällen in millionenhöhe. ich bin vollkommen sicher, dass wir von der wochenendfahrt nach amsterdam nicht wieder zurückgekehrt sind, weil die nächste station dieser gedachten reise in einem verwinkelten antiquariat spielen wird.
unser austausch kennt nur zwei, einander vollständig ausschliessende zustände, unsere kommunikation ist binär, diametral, pol-artig und im tiefsten wesen und vor allem anderen: aneinander vorbei. vielleicht wäre es einfacher, wir würden einander wie zwei frontsoldaten schreiben und zwischen zwei gewechselten worten lägen oft mehrer stumme wochen, die sich dann in einer kaskade des verspätet angekommenen wortes entladen würde. vielleicht ist das reziproke hin und her unser beider stärke nicht – wir sind zu träge oder zu engstirnig, uns wirklich aufeinander zu beziehen.
ich versuche besser, dich dorthin mitzunehmen, wo ich mich vor dieser form des austausches sicher fühle: in die literatur, die mich begleitet, die ich liebe und die uns weit genug voneinander trennt, dass ich dir so etwas wie eine postkarte schreiben kann – wer hätte jemals auf die zeilen im rücken einer abbildung des eiffelturms oder eines austauschbar blauen strandes geantwortet.
bonn ist ein guter ausgangspunkt. nicht das bonn, in dem böll seine politikerfrauen am ufer des rheins verzweifelns lässt, sondern dasjenige, in dem die diplomatenvillen ausgestorben und die ministerien zu dependancen geworden sind. das bonn, in dem trotz heftiger stadtmarketing-bemühungen mittlerer angestellter alle blicke sehnsüchtig und also rückwärts gerichtet sind. das bonn, das fast noch ein wenig nestwärme ausstrahlt, das glänzend unter vormals erworbener patina liegt und trotzig bemüht ist, nicht ausgestorben oder über die politische abwendung gekränkt zu wirken.
natürlich könnte ich jetzt ausmalen, wie wir durch godesberg laufen, nach schloß poppelsdorf, oder den vulkansee einmal umrunden und dann in einem kirschholzfurnierten und altdamenfrequentierten café wirtschaftswundergefüllten kuchen von einem spitzendeckchenimitat aus kaffeespritzerabweisendem plastikpapier essen. vielleicht summst du beim rückweg zum bahnhof etwas von betthoven (ich bin sicher, du sumst fantastisch), weil dein musikalisches repertoire und absolutes gehör es dir ermöglicht, kontextabhängig zu summen, wo andere menschen zu wiederholen gezwungen sind, was sie heute morgen im radio gehört haben.
vielleicht machen wir uns aber auch auf die suche nach einem gymnasium, das ernst bloch heisst und das wir natürlich entweder gar nicht, oder erst viel später zwischen zwei buchdeckeln in einer unwürdigen bahnhofsbuchhandlung finden. vielleicht bist du auf der suche nach diesem ort ausdauernder, wenn ich dir erzähle, das wir uns dort vor ein paar nächten, auf dem boden einer turnhalle getroffen haben. Dass wir uns mittags weichpanierten fisch mit salzkartoffeln oder ein stückchen anämisch gekochte hühnerbrust geteilt haben (du bist muslime, deswegen versagt mir dein blick das begehren angesichts eines schnitzels) und in einem kellerraum kompromittierende bilder, die mich beim geschlechtsverkehr mit einem lehrer zeigen, auf einer orange-graue website verborgen haben. achja: natürlich bist du dann alev, ohne dass ich ada sein könnte – selbst die gazellenhüftigen prinzessinnen sind weit von mir entfernt , aber manchmal hat es mich schon beruhigt, adas bösartig gleichgültigen gedankengängen folgen zu können, ohne mit intellektuellen seitenstechen hinter ihr zurück zu bleiben.
weißt du noch, wie es früher, insbesondere in den wintermonaten, in klassenzimmern roch? wie adoleszente leiber im dutzend rochen, wenn feuchte jacken in überhitzten räumen trockneten, übersüsse vanillige drogeriemarktparfums mit hektisch aufgebäumten hormonen und kreidestaub vermischt aufstoben. es fällt mir schwer, dich in diesen zusammenhängen zu denken, ungleich schwerer, als dich in einen literarischen körper hineinzudenken, in dem ein geist steckt, der an etwas krankt, das man zu schnelles wachstum nennen könnte. so wie manchmal bei pflanzen der stängel den blättern nicht hinterherkommt, zeichnet sich auch dein alter ego durch die qualen eines zu grossen und zu regen intellekts aus, der gänzlich ohne reflektion und empathie ausgestattet, wie ein tollwütiges tier seine umwelt anfällt.
vielleicht gehen wir danach durch die korridore und verlassenen zimmer der schule, bleiben kurz innehaltend vor dem portal stehen und werfen einen ängstlichen blick nach oben, weil sich vielleicht schon der zweite lehrer zum suizid auf einem dachfirst bereit macht. vielleicht dröhnt aus dem fahrradkeller die ohrenbetäubend schlechte musik einer sogenannten schulband, in jedem fall wären wir beide in eile, jedoch nicht eilig genug, um uns nicht vorher etwas zu examinieren und wie zwei junghirsche die geweihe ineinander schlagen zu lassen.
bonn ist ein guter ausgangspunkt, ein guter ort für die erste postkarte, eine passable laufübung, für das was folgen wird und zum zeitpunkt, da du dies hier liest, schon längst geschehen ist. die prinzessinnen haben sich ihrem schicksal ergeben, adas schwergebauter körper vertritt multinationale konzerne in streitfällen in millionenhöhe. ich bin vollkommen sicher, dass wir von der wochenendfahrt nach amsterdam nicht wieder zurückgekehrt sind, weil die nächste station dieser gedachten reise in einem verwinkelten antiquariat spielen wird.
Miss Manierlich - 26. Mai, 18:17
