14
Jun
2006

Kaninchenloch 1:53

lieber sebastian,

hinunter ins kaninchenloch. ich weiss nicht, was du verloren hast – sicherlich keinen fächer oder ein paar gaze-handschuhe. eher schon einen florettdegen, ein bösartig glänzendes werkzeug – etwas, das verletzt, obwohl es ebenso gut ein schmuckstück sein könnte. ich befürchte dass ich, wenn wir einander nichts mehr zu sagen haben, mein haar tatsächlich mit einer abgebrochenen lanze zusammenstecken werde und knöchelgliederkletten um meinen hals rasseln werden.

ich bemühe mich, das richtige zu tun. brav recke ich den hals, um mediezinfläschchen von silbernen tischen zu erhaschen, ich streiche die rosen deines wortes in einem lächelnd verzauberten garten von weiss zu schwarz zu nichtig – du willst mich nicht einmal köpfen dafür, sondern passierst mich wie eines deiner sinnlos blühenden gewächse. es regnet spielkarten, schwarze kätzchen und schweigen. ich versuche, mich meiner spielschritte zu erinnern und gleichzeitig den blauen pilz deiner worte zu umklammern, die mich grösser und kleiner werden lassen. wunderland ist nichts, als ein verlassenes kaninchenloch, als ich mich müde zu einer tischgesellschaft setze, die du mir beiseite gestellt hast. ich bin zu unruhig um zu registrieren, dass du als boshaften wink alle versammelten mit weissen handschuhen, grotesk sitzenden fräckchen und fächern ausgestattet hast, wie um mir zu zeigen, dass ich nicht dir, sondern ganz wunderland nacheile. morgen, so offeriert mir die herzogin unter einem hagel aus ferkel-niesen und sich windenden flamingohälsen, wird es marmelade geben. morgen habe ich schweratmend unter einem baum gestanden, während du dich in deinem intellekt auflöstest. morgen habe ich durch eine winzige tür auf einen schreibtisch mit einem wandelnden salzfässchen auf geknickten beinen geblickt. das gleiche morgen, das sich als unüberwindbarste aller zeiten für uns herausstellte ist es, durch dessen spiegel ich zu schlüpfen versuche.

das hasardieren mit einem büschel voll spielkarten ist dem gewichen, was deiner präzision, schnelligkeit und mathematischen unmittelbarkeit sichere entsprechung gibt. ich pflücke zerfallende duftbinsen, laufe um die wette und werde für zu langsam befunden – für einen kurzen moment glaube ich, wir wären wegen des zitronenplätzchenfalters hier, dessen ökologische nische selbst für ihn selbst zu eng ist. auch in der schaukelpferdfliege schimmert etwas sebastian – zu deutlich pulst durch die silbrigen kanülenadern ihrer flügel die unmöglichkeit der exklusivität.

und plötzlich weiss ich, warum wir hier sind. wir bewegen uns für ein paar stunden auf klar definiertem feld - um uns ist nichts, was nicht weiss oder rot wäre, es gibt kein freies spielerisches streifen mehr, sondern nur noch züge und passagen. die geometrie und vermeintliche berechenbarkeit deiner züge bringen mich beinahe um den verstand, ich versuche das tosen und hasten durch beherzten griff in einen ziegenbocksbart aufzuhalten. wie in einem pervers verdrehten schachspiel ist es mir erlaubt, maximal ein, quälend langsam zu erreichendes, feld nach dem anderen zu begehen, während du dich im königinnenkleid scheinbar mühelos von einem ende des spieles zum nächsten bewegst.

was am ende von spiegelland steht? zwei rudimente, die einander gegenseitig beteuern, sie seien das fabelwesen und der andere das wahrhaftige. und während wir uns blickend und schreibend betasten, um dem anderen zu zeigen, wo unsere chimärenköpfe, sphinxbeinchen und gläsernen augenpaare liegen, plappert um uns herum der plumpudding, der sich höflich vorstellt, um nicht verspeist zu werden.
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