Schuldgefühle Reloaded
ich habe vor kurzem angefangen, dir ein mail über das furchtbarste schuldgefühl-erlebnis meiner kindheit zu schicken - ich habe es abgebrochen in meinen entwürfe-ordner verschoben, weil der ton und ansprachweg so eklig anbiedernd und kriecherisch waren. irgendwann traue ich mich aber bestimmt es abzuschicken.
gestern abend habe ich mir zur linderung der seele kartoffelbrei aus der tüte mit unangemessen viel butter und muskat gekocht - nebst zwei von unten schwarzgebrannten spiegeleiern ein verlässlicher trost im alltag. dabei fiel mir eine weitere, typische geschichte aus meiner kindheit bzw. frühen adoleszenz ein. ich war ungefähr 11 jahre alt, meine schwester studierte im dritten oder vierten semester medizin.
ich war krank und meine mutter kochte mir, nachdem sie spät aus dem krankenhaus gekommen war, mein lieblingsessen: kartoffelbrei mit tiefkühlgemüse. ich habe mich wenn ich krank war, immer besonders schuldig gefühlt - weil ich meinen eltern, die sowieso immer extrem lange arbeiteten, extra aufwände bescherte, auch wenn ich rückwirkend glaube, dass sie es gern getan haben.
neben mir am krankenbett stand also ein teller mit der wohlig dampfenden lieblingsspeise - das thermometer lag daneben und ich kam auf die idee, doch einmal zu messen, wie warm das essen wohl sei und steckte das thermometer tief in das essen. es knackte verräterisch, das quecksilber hatte sein reservoir gesprengt und verschwand irgendwo im kartoffelbrei.
es ist mir immernoch unbegreiflich (d.h.: ich verstehe den mechanismus, aber nicht das weshalb), was dann folgte: ich habe den teller (mit einem gewissen sicherheitsabstand um das einsteckloch des thermometers herum) leer gegessen und lebte die nächsten stunden in panischer angst, an quecksilbervergiftung zu sterben. so dumm das klingt: lieber hätte ich mich vergiftet, als meiner mutter nach einem 14-stunden-tag im krankenhaus zu sagen, dass ich ihr essen verdorben hatte - ihre mühe also umsonst gewesen war, weil ich so ein scheiss-rücksichtsloses kind war. ich habe meine schwester dann drei tage später angerufen und heulend die geschichte erzählt - sie hat erstaunlich ruhig reagiert, nannte mich komplett bescheuert, meinte aber, dass eher die quecksilberdämpfe schädlich wären und mein gründlich von kartoffelbrei eingehülltes quecksilber kein sonderliches problem darstellen würde. der folgende bluttest ergab keine erhöhten schwermetallkonzentrationen.
ich habe meiner mutter die geschichte während meines absolventenballs erzählt (das schien mir eine willkommene gelegenheit mit der psychologie im ganzen, einschliesslich der erlebnisse meiner kindheit, abzuschliessen). ich habe sie nur sehr selten so fassungslos erlebt: das stückchen erleichterung, das mir das beichten verschaffte, hat sich bei ihr im kontraintuitiven manifestiert: sie hält sich jetzt für die schlechte mutter. es ist wirklich unglaublich, was menschen miteinander anstellen, wie man sich gegenseitig unbewusst quälen, belasten, verkorksen und traumatisieren kann.
gestern abend habe ich mir zur linderung der seele kartoffelbrei aus der tüte mit unangemessen viel butter und muskat gekocht - nebst zwei von unten schwarzgebrannten spiegeleiern ein verlässlicher trost im alltag. dabei fiel mir eine weitere, typische geschichte aus meiner kindheit bzw. frühen adoleszenz ein. ich war ungefähr 11 jahre alt, meine schwester studierte im dritten oder vierten semester medizin.
ich war krank und meine mutter kochte mir, nachdem sie spät aus dem krankenhaus gekommen war, mein lieblingsessen: kartoffelbrei mit tiefkühlgemüse. ich habe mich wenn ich krank war, immer besonders schuldig gefühlt - weil ich meinen eltern, die sowieso immer extrem lange arbeiteten, extra aufwände bescherte, auch wenn ich rückwirkend glaube, dass sie es gern getan haben.
neben mir am krankenbett stand also ein teller mit der wohlig dampfenden lieblingsspeise - das thermometer lag daneben und ich kam auf die idee, doch einmal zu messen, wie warm das essen wohl sei und steckte das thermometer tief in das essen. es knackte verräterisch, das quecksilber hatte sein reservoir gesprengt und verschwand irgendwo im kartoffelbrei.
es ist mir immernoch unbegreiflich (d.h.: ich verstehe den mechanismus, aber nicht das weshalb), was dann folgte: ich habe den teller (mit einem gewissen sicherheitsabstand um das einsteckloch des thermometers herum) leer gegessen und lebte die nächsten stunden in panischer angst, an quecksilbervergiftung zu sterben. so dumm das klingt: lieber hätte ich mich vergiftet, als meiner mutter nach einem 14-stunden-tag im krankenhaus zu sagen, dass ich ihr essen verdorben hatte - ihre mühe also umsonst gewesen war, weil ich so ein scheiss-rücksichtsloses kind war. ich habe meine schwester dann drei tage später angerufen und heulend die geschichte erzählt - sie hat erstaunlich ruhig reagiert, nannte mich komplett bescheuert, meinte aber, dass eher die quecksilberdämpfe schädlich wären und mein gründlich von kartoffelbrei eingehülltes quecksilber kein sonderliches problem darstellen würde. der folgende bluttest ergab keine erhöhten schwermetallkonzentrationen.
ich habe meiner mutter die geschichte während meines absolventenballs erzählt (das schien mir eine willkommene gelegenheit mit der psychologie im ganzen, einschliesslich der erlebnisse meiner kindheit, abzuschliessen). ich habe sie nur sehr selten so fassungslos erlebt: das stückchen erleichterung, das mir das beichten verschaffte, hat sich bei ihr im kontraintuitiven manifestiert: sie hält sich jetzt für die schlechte mutter. es ist wirklich unglaublich, was menschen miteinander anstellen, wie man sich gegenseitig unbewusst quälen, belasten, verkorksen und traumatisieren kann.
Miss Manierlich - 15. Jun, 23:18
