15
Jun
2006

Schuldgefühle Reloaded

ich habe vor kurzem angefangen, dir ein mail über das furchtbarste schuldgefühl-erlebnis meiner kindheit zu schicken - ich habe es abgebrochen in meinen entwürfe-ordner verschoben, weil der ton und ansprachweg so eklig anbiedernd und kriecherisch waren. irgendwann traue ich mich aber bestimmt es abzuschicken.

gestern abend habe ich mir zur linderung der seele kartoffelbrei aus der tüte mit unangemessen viel butter und muskat gekocht - nebst zwei von unten schwarzgebrannten spiegeleiern ein verlässlicher trost im alltag. dabei fiel mir eine weitere, typische geschichte aus meiner kindheit bzw. frühen adoleszenz ein. ich war ungefähr 11 jahre alt, meine schwester studierte im dritten oder vierten semester medizin.

ich war krank und meine mutter kochte mir, nachdem sie spät aus dem krankenhaus gekommen war, mein lieblingsessen: kartoffelbrei mit tiefkühlgemüse. ich habe mich wenn ich krank war, immer besonders schuldig gefühlt - weil ich meinen eltern, die sowieso immer extrem lange arbeiteten, extra aufwände bescherte, auch wenn ich rückwirkend glaube, dass sie es gern getan haben.

neben mir am krankenbett stand also ein teller mit der wohlig dampfenden lieblingsspeise - das thermometer lag daneben und ich kam auf die idee, doch einmal zu messen, wie warm das essen wohl sei und steckte das thermometer tief in das essen. es knackte verräterisch, das quecksilber hatte sein reservoir gesprengt und verschwand irgendwo im kartoffelbrei.

es ist mir immernoch unbegreiflich (d.h.: ich verstehe den mechanismus, aber nicht das weshalb), was dann folgte: ich habe den teller (mit einem gewissen sicherheitsabstand um das einsteckloch des thermometers herum) leer gegessen und lebte die nächsten stunden in panischer angst, an quecksilbervergiftung zu sterben. so dumm das klingt: lieber hätte ich mich vergiftet, als meiner mutter nach einem 14-stunden-tag im krankenhaus zu sagen, dass ich ihr essen verdorben hatte - ihre mühe also umsonst gewesen war, weil ich so ein scheiss-rücksichtsloses kind war. ich habe meine schwester dann drei tage später angerufen und heulend die geschichte erzählt - sie hat erstaunlich ruhig reagiert, nannte mich komplett bescheuert, meinte aber, dass eher die quecksilberdämpfe schädlich wären und mein gründlich von kartoffelbrei eingehülltes quecksilber kein sonderliches problem darstellen würde. der folgende bluttest ergab keine erhöhten schwermetallkonzentrationen.

ich habe meiner mutter die geschichte während meines absolventenballs erzählt (das schien mir eine willkommene gelegenheit mit der psychologie im ganzen, einschliesslich der erlebnisse meiner kindheit, abzuschliessen). ich habe sie nur sehr selten so fassungslos erlebt: das stückchen erleichterung, das mir das beichten verschaffte, hat sich bei ihr im kontraintuitiven manifestiert: sie hält sich jetzt für die schlechte mutter. es ist wirklich unglaublich, was menschen miteinander anstellen, wie man sich gegenseitig unbewusst quälen, belasten, verkorksen und traumatisieren kann.

Wien 14:53

lieber sebastian,

die dinge verändern sich gerade wie in alices wunder- und spiegelländern. ganz ohne aus winzigen fläschchen rubinrote- und waldmeistergrüne flüssigkeiten zu trinken, ganz ohne pasteten auf silbernen tabletts und lockenden teewägen.

dein name ist seit einigen tagen zu lang für einen einzigen mund geworden. ich flüstere und lächele ihn manchmal morgens beim duschen vor mich hin und habe das gefühl, etwas beinahe verbotenes zu tun, weil du so weit entfernt bist, dass es fast unmoralisch schmeckt, einzig zu meiner zerstreuung etwas zu murmeln, was so untrennbar mit dir verbunden ist. mehrmals am tag steigt überplötzlich schwindel und in mir auf und während ich mich mit der last desjenigen teils der natur abmühe, der keine trillernden, schwarzen flaumböllchen in bäume wirft oder wasser entspringen lässt, sondern in einem schwitzenden, feuchtwarmen, erbrechenden körper, der mit der kontrolle über sich selbst vollständig ausgefüllt ist, besteht – bist du wie so oft verschwunden.

ich bin jetzt in der stadt, in deren zentrum ein kanapee steht. kanapees, auf denen gelangweilte fräuleins des neunzehnten jahrhunderts die phantasien ihres aufgewühlten blutes in ein ohr flüstern, dass du vereehrst, kanapees an denen schnitzler seine bilderfolgen einer katzengoldenen lustbarkeit vorbeiziehen lässt. ich liege bisher nwie ein unbenutzter gegenstand herum - anstatt über den ring zu laufen und die intaktheit meiner körpers am fehlerfreien funktionieren meiner beine abzulesen. du gehst meist am frühen morgen, wenn ich in mehrere handtücher gehüllt in einem verdunkelten zimmer auf den harten und unanständig weissen laken eines fremden zimmers den tag beginne. Gibt es nicht ein lied, in dem gesagt wird, das der tod ein wiener sein muss?

es ist unsagbar heiss in wien. zu heiss für den ersten gemeinsamen ausgang seit wochen. zu heiss für anfang april, zu heiss für zu hohe schuhe, in denen ich mich selbst wie eine der surrealistischen giraffen mit abnorm verlängerten beinen am horizont entlang stolpern sehe. auch wenn du dich nie umschaust, verlangsamst du deinen schritt sofort, wenn ich kurz der kühle des terrazos eines hauseinganges zustrebe. auch wenn ich dein gesicht nicht sehe, weiss ich genau dass es den ausdruck eines gelangweilten hundebesitzers trägt, der unmutig auf den schnüffelnden, markierenden und umherstreunenden ballast eines spazierganges, der zum gemeinsamen abladen von fäkalien wird, niederblickt.

ausgerechnet zur ungargasse muss ich mich heute quälen. anders als böhmen liegt klagenfurt nicht am meer - kühlung, brise, tadzioblicke vor jadefarbenen spiegelflächen: all´ das wird mir heute verwehrt und ich tröste mich mit gedanken an moby dick, dessen verspielte musik ich noch am wochenende, bäuchlings an deiner geistigen seite, als wegzehrung in mich aufgesogen habe.

es ist nichts als widerwillen in mir, nichts als hinterhergezogensein, anstrengung und launischer kindergesichtertrotz - trotzdem folge ich dir wie das graugansjunge seinem konrad. denn es war einmal eine prinzessin von kagran, die am ende des kurzen märchens, dass ihre geschichte erzählt, mit schaum vorm mund und vollständig ermüdet inmitten ihres hofstaates lallend zusammen brach.

ich habe seit einigen hundert metern das gefühl, dass wir in der ungargasse nicht ankommen werden, dass es dein ziel war, achtlos vorbeizugehen, keinen blick zu heben, keinen sich bewegenden vorhang zu erspähen. ich fühle mich geprüft, erinnere mich an einen satz des buches, über divergierende und konvergierende welten und ich versuche krampfhaft, diesen einen satz nicht allzu programmatisch zwischen uns wiederhallen zu lassen: ich habe in ivan gelebt und sterbe in malina. 6 meter lang bin ich mir vollkommen sicher, dass es dich nicht gibt, dass ich dich erdenken musste und kann es kaum erwarten, dass hotelzimmer nach deinen spuren abzusuchen. in diesen momenten könnte ich nicht verwunderter sein, öffnete sich der himmel und fiele anstelle des schwertes, dass die orleansche johanna aus dem gras zog, eine harpune vom himmel. so wie ahabs gefährten nicht müde worden zu betonen, es handle sich lediglich um einen, wenn auch gigantisch großen und auffällig klugen, wal und nicht um eine strafende gottheit, versuche ich mir immer wieder zu sagen, dass das, vor dem ich zu bestehen wünsche, nichts mehr als ein mensch ist.

aus meinen walgedanken erwache ich erst am nächsten morgen, in einem beschämend einfach möblierten hotelzimmer - das würgen, die kopfschmerzen und das verkrampfte schlängeln auf den laken haben die umgebung größer, übermächtiger und weiter erscheinen lassen, als es die gesunde wahrnehmung mit ihrem unerbittlich realistischen blick zulässt. das bett ist zu einer einzelschlafstätte zurückgeschrumpft, vor meinen augen tanzt kein elmsfeuer mehr und mein herz schaukelt träge wie die pequod in meiner brust. verdammt, zeig´ dich endlich wieder und lass´ mich dir nicht blind für die eigene lächerlichkeit nachjagen, würg´ deine stimme wie eine katze gewöllig nach oben - aber lass´ mich keine spanischen goldstückchen als belohnung für denjenigen, der dich als erster sieht, an einen morschen mast nageln.
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