Gift im Buch Pt2
vor kurzem gab es einen beitrag zu den "giftigen" büchern - gestern abend habe ich wieder ein solches gelesen, bei dem mir ein weiterer, verwandter gedanke kam.
es handelt sich dabei um eines meiner lieblingsbücher von nabokov (die eigentlich alle fantastisch und unbedingt lesenswert sind!), "gelächter im dunkel". kurze inhaltsangabe: wohlsituierter, ältere herr (albinus), der mit seiner blässlichen frau und dicklichen tochter ein leben zwischen bohemian und bohnensuppe fristet, lernt im dunkel eines kinosaals eine junge platzanweiserin (margot) kennen, verliebt sich in diese und verlässt seine frau. natürlich liebt margot aber nicht ihn, sondern einen von albinus´ künstlerfreunden (rex), den sie lange vor albinus bereits zu ihren liebhabern zählte. nach einer furchtbar beschriebenen dreieicksbeziehung kommt albinus hinter margots verrat und erleidet im gefecht der gefühle einen autounfall in folge dessen er erblindet. margot verfrachtet albinus in eine kleine villa in einem schweizer kurort, wo sie ihn pflegen und umsorgen will. mit dabei ist rex, der sich im schutze von albinus´ blindheit unbemerkt in der villa einquartiert - alsbald beginnt das pärchen den blinden grausamst zu quälen.
und hier beginnt das eigentlich furchtbare: die dann folgenden spielchen mit dem blinden und heillos margot verfallenen albinus sind so gruselig und pervers, dass ich es jedes mal kaum fassen kann, gerade weil sie rein psychischer natur sind. so schildert margot albinus die ausstattung und und größe der räume, ihre möblierung und die farbe der wände vollkommen falsch und gemäß rex´anweisungen - weil es diesem gefällt, dass er albinus "sicht" auf die welt steuern kann. es bereitet rex perverses vergnügen, dass er albinus´ vorstellungen diktiert und ihn dazu bringen kann, einen raum gedanklich als blaues mansardenzimmer zu "sehen", der eigentlich eine gelbe küche ist. diese und andere quälende schilderungen sind in ihrer mächtigkeit von so vollkommener furchtbarer subtilität, dass es mich jedesmal zutiefst erschreckt.
ich glaube, es gibt einen unterschied zwischen dem schildern körperlicher und psychischer grausamkeit. sicherlich ist jeder in der lage, sich eine schilderung körperlicher qual auszudenken - man besitzt einen körper, weiss recht differenziert was wann und wie wehtut und kann dieses in verstärkter form ausformulieren. ich stelle es mir nicht sonderlich schwer vor, drei seiten über körperliche qualen zu formulieren, da das bewusste repertoire, aus dem man diese schilderungen schöpft, definitiv breiter oder zugänglicher ist. für psychische grausamkeiten hingegen fehlt mir dieses instrumentarium komplett. der umstand, dass das vorstellungsrepertoire für physische mißhandlungen so viel leichter zugänglich ist, als dasjenige für nabokov´sche quälereien, macht mich extrem nachdenklich und stellt eigentlich einen kontraintuitiven zustand dar. es sollte doch viel einfach sein, ausgehend von eigenen gefühlen und psychischen schmerzen solche situationen zu abstrahieren. die möglichkeiten derjenigen dinge, die man an einem körper zerstören und schmerzvoll malträtieren kann sind in bezug auf den geist recht begrenzt und variieren eher hinsichtlich des eingesetzten instruments. psychisch bietet sich eine weitaus größere variationsbreite, ein schier endloses repertoire an feinsinnig konstruierten grausamkeiten.
das gruselige an den schilderungen des buches ist für mich der umstand, dass die geschilderten unsagbarkeiten so wahnsinnig spezifisch sind. viele filme oder bücher arbeiten ausgesprochen virtuos mit menschlichen grundängsten: der angst im wald, der angst vor dunkelheit, der angst vor dem unbekannten in der wohnung nebenan. viel furchtbarer sind schilderungen jedoch für mich, wenn sie in hochgradig spezifischen kontexten platziert sind und trotzdem auf so subtile weise allgemeines erschrecken auslösen. ich weiss bis heute nicht, ob mich diese schilderungen so berühren, weil sie das aufkochen meiner ängste provozieren oder doch nacktes grauen vor demjenigen forcieren, der diese spielarten ausübt. graut es mir angesichts einer projektion auf albinus oder vielmehr vor der geistigen konstitution rex´ oder nabokovs?
ich bemerke, dass ich es leichter verzeihen könnte, wenn jemand der mir nahe steht, sich physische ekelhaftigkeiten a la "saw" ausdenken würde, als schriebe er ein buch wie "gelächter im dunkel". anders und etwas unbeholfener ausgedrückt: die denkmöglichkeiten in bezug auf physische grausamkeiten färbten für mich weniger auf das wesen eines menschen ab, als das gleiche prinzip übertragen auf psychische qualen. wenn sich jemand eklige körperliche foltermethoden ausdenken und diese in einen film oder ein buch gießen würde, fände ich das aus geistiger ebene weniger bezeichnend, als jemand, der das gleiche mit geistigen quälereien beherrschen würde. irgendwie habe ich das gefühl, als benötige man zur schilderung psychischer grausamkeiten andere geistige voraussetzungen und müsse tiefer in sich hinabtauchen und sich auf das dort vor sich hinbrütende einlassen, als zur darstellung eines kunstvollen armbruches durch einen stiletto.
ein ganz ähnlicher fall ist walter moers´ "rumo und die wunder im dunkeln". dort gibt es ein folterinstrument das "kupferne jungfrau" genannt und in dem der zu folternde durch hunderte haarfeiner injektionsnadeln durchbohrt wird. diese nadeln sollen aber nicht töten, sondern sind lediglich die klaviatur, auf der ein sammelsurium von flüssigkeiten in den körper des zu quälenden geleitet werden sollen. flüssigkeiten, die furchtbare träume bewirken, das gehirn mit glückswellen überfluten, die kummer auslösen oder verliebtheit. auch dieses instrument ist (abgesehen von den nadeln) definitiv ein instrument psychischer folter - die vorstellung, dass ein ältlicher herr irgendwo in der pampa nachts am schreibtisch ein solches instrument erdenkt und danach mit seiner familie fischstäbchen isst, ist wirklich erschreckend.
es handelt sich dabei um eines meiner lieblingsbücher von nabokov (die eigentlich alle fantastisch und unbedingt lesenswert sind!), "gelächter im dunkel". kurze inhaltsangabe: wohlsituierter, ältere herr (albinus), der mit seiner blässlichen frau und dicklichen tochter ein leben zwischen bohemian und bohnensuppe fristet, lernt im dunkel eines kinosaals eine junge platzanweiserin (margot) kennen, verliebt sich in diese und verlässt seine frau. natürlich liebt margot aber nicht ihn, sondern einen von albinus´ künstlerfreunden (rex), den sie lange vor albinus bereits zu ihren liebhabern zählte. nach einer furchtbar beschriebenen dreieicksbeziehung kommt albinus hinter margots verrat und erleidet im gefecht der gefühle einen autounfall in folge dessen er erblindet. margot verfrachtet albinus in eine kleine villa in einem schweizer kurort, wo sie ihn pflegen und umsorgen will. mit dabei ist rex, der sich im schutze von albinus´ blindheit unbemerkt in der villa einquartiert - alsbald beginnt das pärchen den blinden grausamst zu quälen.
und hier beginnt das eigentlich furchtbare: die dann folgenden spielchen mit dem blinden und heillos margot verfallenen albinus sind so gruselig und pervers, dass ich es jedes mal kaum fassen kann, gerade weil sie rein psychischer natur sind. so schildert margot albinus die ausstattung und und größe der räume, ihre möblierung und die farbe der wände vollkommen falsch und gemäß rex´anweisungen - weil es diesem gefällt, dass er albinus "sicht" auf die welt steuern kann. es bereitet rex perverses vergnügen, dass er albinus´ vorstellungen diktiert und ihn dazu bringen kann, einen raum gedanklich als blaues mansardenzimmer zu "sehen", der eigentlich eine gelbe küche ist. diese und andere quälende schilderungen sind in ihrer mächtigkeit von so vollkommener furchtbarer subtilität, dass es mich jedesmal zutiefst erschreckt.
ich glaube, es gibt einen unterschied zwischen dem schildern körperlicher und psychischer grausamkeit. sicherlich ist jeder in der lage, sich eine schilderung körperlicher qual auszudenken - man besitzt einen körper, weiss recht differenziert was wann und wie wehtut und kann dieses in verstärkter form ausformulieren. ich stelle es mir nicht sonderlich schwer vor, drei seiten über körperliche qualen zu formulieren, da das bewusste repertoire, aus dem man diese schilderungen schöpft, definitiv breiter oder zugänglicher ist. für psychische grausamkeiten hingegen fehlt mir dieses instrumentarium komplett. der umstand, dass das vorstellungsrepertoire für physische mißhandlungen so viel leichter zugänglich ist, als dasjenige für nabokov´sche quälereien, macht mich extrem nachdenklich und stellt eigentlich einen kontraintuitiven zustand dar. es sollte doch viel einfach sein, ausgehend von eigenen gefühlen und psychischen schmerzen solche situationen zu abstrahieren. die möglichkeiten derjenigen dinge, die man an einem körper zerstören und schmerzvoll malträtieren kann sind in bezug auf den geist recht begrenzt und variieren eher hinsichtlich des eingesetzten instruments. psychisch bietet sich eine weitaus größere variationsbreite, ein schier endloses repertoire an feinsinnig konstruierten grausamkeiten.
das gruselige an den schilderungen des buches ist für mich der umstand, dass die geschilderten unsagbarkeiten so wahnsinnig spezifisch sind. viele filme oder bücher arbeiten ausgesprochen virtuos mit menschlichen grundängsten: der angst im wald, der angst vor dunkelheit, der angst vor dem unbekannten in der wohnung nebenan. viel furchtbarer sind schilderungen jedoch für mich, wenn sie in hochgradig spezifischen kontexten platziert sind und trotzdem auf so subtile weise allgemeines erschrecken auslösen. ich weiss bis heute nicht, ob mich diese schilderungen so berühren, weil sie das aufkochen meiner ängste provozieren oder doch nacktes grauen vor demjenigen forcieren, der diese spielarten ausübt. graut es mir angesichts einer projektion auf albinus oder vielmehr vor der geistigen konstitution rex´ oder nabokovs?
ich bemerke, dass ich es leichter verzeihen könnte, wenn jemand der mir nahe steht, sich physische ekelhaftigkeiten a la "saw" ausdenken würde, als schriebe er ein buch wie "gelächter im dunkel". anders und etwas unbeholfener ausgedrückt: die denkmöglichkeiten in bezug auf physische grausamkeiten färbten für mich weniger auf das wesen eines menschen ab, als das gleiche prinzip übertragen auf psychische qualen. wenn sich jemand eklige körperliche foltermethoden ausdenken und diese in einen film oder ein buch gießen würde, fände ich das aus geistiger ebene weniger bezeichnend, als jemand, der das gleiche mit geistigen quälereien beherrschen würde. irgendwie habe ich das gefühl, als benötige man zur schilderung psychischer grausamkeiten andere geistige voraussetzungen und müsse tiefer in sich hinabtauchen und sich auf das dort vor sich hinbrütende einlassen, als zur darstellung eines kunstvollen armbruches durch einen stiletto.
ein ganz ähnlicher fall ist walter moers´ "rumo und die wunder im dunkeln". dort gibt es ein folterinstrument das "kupferne jungfrau" genannt und in dem der zu folternde durch hunderte haarfeiner injektionsnadeln durchbohrt wird. diese nadeln sollen aber nicht töten, sondern sind lediglich die klaviatur, auf der ein sammelsurium von flüssigkeiten in den körper des zu quälenden geleitet werden sollen. flüssigkeiten, die furchtbare träume bewirken, das gehirn mit glückswellen überfluten, die kummer auslösen oder verliebtheit. auch dieses instrument ist (abgesehen von den nadeln) definitiv ein instrument psychischer folter - die vorstellung, dass ein ältlicher herr irgendwo in der pampa nachts am schreibtisch ein solches instrument erdenkt und danach mit seiner familie fischstäbchen isst, ist wirklich erschreckend.
Miss Manierlich - 17. Jun, 12:14
