17
Jun
2006

Gift im Buch Pt2

vor kurzem gab es einen beitrag zu den "giftigen" büchern - gestern abend habe ich wieder ein solches gelesen, bei dem mir ein weiterer, verwandter gedanke kam.

es handelt sich dabei um eines meiner lieblingsbücher von nabokov (die eigentlich alle fantastisch und unbedingt lesenswert sind!), "gelächter im dunkel". kurze inhaltsangabe: wohlsituierter, ältere herr (albinus), der mit seiner blässlichen frau und dicklichen tochter ein leben zwischen bohemian und bohnensuppe fristet, lernt im dunkel eines kinosaals eine junge platzanweiserin (margot) kennen, verliebt sich in diese und verlässt seine frau. natürlich liebt margot aber nicht ihn, sondern einen von albinus´ künstlerfreunden (rex), den sie lange vor albinus bereits zu ihren liebhabern zählte. nach einer furchtbar beschriebenen dreieicksbeziehung kommt albinus hinter margots verrat und erleidet im gefecht der gefühle einen autounfall in folge dessen er erblindet. margot verfrachtet albinus in eine kleine villa in einem schweizer kurort, wo sie ihn pflegen und umsorgen will. mit dabei ist rex, der sich im schutze von albinus´ blindheit unbemerkt in der villa einquartiert - alsbald beginnt das pärchen den blinden grausamst zu quälen.

und hier beginnt das eigentlich furchtbare: die dann folgenden spielchen mit dem blinden und heillos margot verfallenen albinus sind so gruselig und pervers, dass ich es jedes mal kaum fassen kann, gerade weil sie rein psychischer natur sind. so schildert margot albinus die ausstattung und und größe der räume, ihre möblierung und die farbe der wände vollkommen falsch und gemäß rex´anweisungen - weil es diesem gefällt, dass er albinus "sicht" auf die welt steuern kann. es bereitet rex perverses vergnügen, dass er albinus´ vorstellungen diktiert und ihn dazu bringen kann, einen raum gedanklich als blaues mansardenzimmer zu "sehen", der eigentlich eine gelbe küche ist. diese und andere quälende schilderungen sind in ihrer mächtigkeit von so vollkommener furchtbarer subtilität, dass es mich jedesmal zutiefst erschreckt.

ich glaube, es gibt einen unterschied zwischen dem schildern körperlicher und psychischer grausamkeit. sicherlich ist jeder in der lage, sich eine schilderung körperlicher qual auszudenken - man besitzt einen körper, weiss recht differenziert was wann und wie wehtut und kann dieses in verstärkter form ausformulieren. ich stelle es mir nicht sonderlich schwer vor, drei seiten über körperliche qualen zu formulieren, da das bewusste repertoire, aus dem man diese schilderungen schöpft, definitiv breiter oder zugänglicher ist. für psychische grausamkeiten hingegen fehlt mir dieses instrumentarium komplett. der umstand, dass das vorstellungsrepertoire für physische mißhandlungen so viel leichter zugänglich ist, als dasjenige für nabokov´sche quälereien, macht mich extrem nachdenklich und stellt eigentlich einen kontraintuitiven zustand dar. es sollte doch viel einfach sein, ausgehend von eigenen gefühlen und psychischen schmerzen solche situationen zu abstrahieren. die möglichkeiten derjenigen dinge, die man an einem körper zerstören und schmerzvoll malträtieren kann sind in bezug auf den geist recht begrenzt und variieren eher hinsichtlich des eingesetzten instruments. psychisch bietet sich eine weitaus größere variationsbreite, ein schier endloses repertoire an feinsinnig konstruierten grausamkeiten.

das gruselige an den schilderungen des buches ist für mich der umstand, dass die geschilderten unsagbarkeiten so wahnsinnig spezifisch sind. viele filme oder bücher arbeiten ausgesprochen virtuos mit menschlichen grundängsten: der angst im wald, der angst vor dunkelheit, der angst vor dem unbekannten in der wohnung nebenan. viel furchtbarer sind schilderungen jedoch für mich, wenn sie in hochgradig spezifischen kontexten platziert sind und trotzdem auf so subtile weise allgemeines erschrecken auslösen. ich weiss bis heute nicht, ob mich diese schilderungen so berühren, weil sie das aufkochen meiner ängste provozieren oder doch nacktes grauen vor demjenigen forcieren, der diese spielarten ausübt. graut es mir angesichts einer projektion auf albinus oder vielmehr vor der geistigen konstitution rex´ oder nabokovs?

ich bemerke, dass ich es leichter verzeihen könnte, wenn jemand der mir nahe steht, sich physische ekelhaftigkeiten a la "saw" ausdenken würde, als schriebe er ein buch wie "gelächter im dunkel". anders und etwas unbeholfener ausgedrückt: die denkmöglichkeiten in bezug auf physische grausamkeiten färbten für mich weniger auf das wesen eines menschen ab, als das gleiche prinzip übertragen auf psychische qualen. wenn sich jemand eklige körperliche foltermethoden ausdenken und diese in einen film oder ein buch gießen würde, fände ich das aus geistiger ebene weniger bezeichnend, als jemand, der das gleiche mit geistigen quälereien beherrschen würde. irgendwie habe ich das gefühl, als benötige man zur schilderung psychischer grausamkeiten andere geistige voraussetzungen und müsse tiefer in sich hinabtauchen und sich auf das dort vor sich hinbrütende einlassen, als zur darstellung eines kunstvollen armbruches durch einen stiletto.

ein ganz ähnlicher fall ist walter moers´ "rumo und die wunder im dunkeln". dort gibt es ein folterinstrument das "kupferne jungfrau" genannt und in dem der zu folternde durch hunderte haarfeiner injektionsnadeln durchbohrt wird. diese nadeln sollen aber nicht töten, sondern sind lediglich die klaviatur, auf der ein sammelsurium von flüssigkeiten in den körper des zu quälenden geleitet werden sollen. flüssigkeiten, die furchtbare träume bewirken, das gehirn mit glückswellen überfluten, die kummer auslösen oder verliebtheit. auch dieses instrument ist (abgesehen von den nadeln) definitiv ein instrument psychischer folter - die vorstellung, dass ein ältlicher herr irgendwo in der pampa nachts am schreibtisch ein solches instrument erdenkt und danach mit seiner familie fischstäbchen isst, ist wirklich erschreckend.

Call me Goldtöpfchen

kosenamen sind ja auch so eine sache – mittlerweile vertrete ich die ansicht, dass man die intensität der liebe an der fülle und exklusivität des benutzten liebessprachlichen inventars bemessen kann. im folgenden meine ganz persönlichen ratschläge fur das kosen:

tiernamen sind nur unter bestimmten umständen gestattet. es ist zum beispiel absolut verboten, männern diminutiv-tiernamen zu verpassen. bärchen, tigerchen und katerchen sind kastrierend – und ganz nebenbei nicht von jener der liebe innewohnenden schaffenskraft beseelt. ja, ich weiss, dass liebe auch liebesblöd machen kann, aber wer seinen partner bärchen nennt, der war schon vorher blöd. an bärchen ist übrigens auch beschissen, dass sich hier weibische urwünsche ausdrücken: das schmalhüftige fräulein, dass sich an den ungezügelten, starken (behaarten...) bär, das tier im manne, anschmiegt. widerlich. tiernamen sind in ordnung, wenn sie auf nicht primär männliche attribute abzielen und eine der jeweiligen beziehung, bzw. dem daraus resultierenden erkenntnisgewinn geschuldete metapher darstellen. waschbär ist also schon ganz ok. ich würde zum beispiel gern mal flamingo genannt werden – aber irgendwie kommt da keiner drauf.

bezüge zum jeweiligen berufsstand oder ausbildungsgrad sind nett – sollten aber noch mit einer prise exklusivität nachgewürzt werden. niemand möchte doch ernsthaft aus der kitchenette (tolles wort. ich stand neulich an der ampel sogar hinter einem vanette) rufen: „einzelhandelsverkäufer? die schnitzelpfanne toskana mit kalorienreduzierter saurer sahne wäre dann fertig?“ hier empfehle ich clevere kleine bildhafte umwege zum ziel, beispielsweise solche, die eine position, eine typische handbewegung oder ein übles klischee zum inhalt haben. das "häuptling" in wichtelhäuptling wäre ein beispiel hierfür – im kern lediglich eine pikant bösartige, betont abfällige und gleichgültige umschreibung dafür, dass dein partner ein verdammt hohes tier ist. Oder gern eins wäre. Oder dass du gern hättest er wäre eins.

sagen, mythen, märchen sowie literarische und historische figuren sind ein nimmer versiegendes schätzkästchen, wenn dir mal gar nichts passendes einfallen will. muss ja nicht unbedingt venus sein – kicherkicher. ich kannte doch tatsächlich mal einen mann, der mich kleine frau stör nannte. (na? wer weiss, woher es stammt? ohne googeln bitte, und putiput hühnchenlord darf auch nicht mitmachen...) hierbei dürfen auch gern die geschlechter verdreht werden: dein "bärchen" ist eine mimose? nichts leichter als das: nenn´ ihn zukünftig erbsenprinz. ein blasser vertreter der fachschaft altphilologie? schneewitterich wäre doch passend. ok, es dürfte klar sein, worauf ich hinauswill.

ticks, spleens und kleine störungen sind ähnlich ergiebig – prinz genji (na? aufmerksam mitgelesen?) nennt mich zum beispiel, wenn ich gierig vor einem luxuspantoffelgeschäft stehe, gern das pradramolett. ok – das habe ich mir ausgedacht –mein freund ist ein stocknüchterner volkswirt, der zum leidwesen seiner umwelt auch philosophie bis zum abschluss gebracht hat. aber es wäre nett, wenn es mal jemand tun würde. flamingofüssiges pradramolett – für eine solche anrede verzeiht man ein halbes dutzend unangenehme eigenschaften... genji nennt mich übrigens in solchen situationen gierauge. und das ist wenigstens besser als maus. oder mausi. oder mäuschen.

womit wir bei den kombinationen wären. hat man sich einmal auf ein hauptwort eingeschworen, fügt man ein beliebiges passendes attribut hinzu, um verführerischen kosenamen den letzten schliff zu geben. genji fährt einen gruseligen, wirklich furchtbaren kleinen altmänner-sportwagen (ja. den, in den der wind in der hp-werbung verliebt ist), der unangenehmerweise in einen hellen blaumetallicton gekleidet ist. um dieses gefährt nun abschliessend lächerlich zu machen, behaupte man einfach steif und fest, die farbe sei veilchenfarben. jene paris-hilton-lidschattenfarbe, die zu einem knallharten altmänner-auto nicht recht passen will. veilchenfarben kann man nun mit jedem, eigentlich liebevoll gemeinten kosenamen mischen, um diesem ein wenig von seiner romantik zu nehmen. ich kosename in diesem sinne im moment: klopfkäfer, perlenhäutiger, zaubernuss, fräuleinherzmörder, musenschänder, drosselbärtchen, stänkerponybändiger und veilchenmobilist.

warum wohl muss die arme königin rumpelstilzchens namen erraten? warum muss bastian (jaja, michael ende ist scheisse, aber hier passt er ganz gut) der kindlichen kaiserin einen neuen namen geben, um sie zu retten? warum denken selbst schwangere teeniemütter länger über einen kindernamen nach, als darüber, ob man nicht doch lieber einen gummi für den autorücksitzfick zu hilfe ziehen sollte? weil uns allen die vorstellung innewohnt, ein name sei eben doch mehr als ein unterscheidungsmerkmal oder eine bezeichnung. sucht euch namen aus, die zumindest die realistische chance haben das wiederzugeben, was ihr euch vor euren einbauschränken gerade extravagantes zu fühlen einbildet. ihr tut es ja doch nicht: ihr fühlt gewöhnlich, ihr liebt gewöhnlich, ihr lebt gewöhnlich – so wie ich übrigens auch. aber mich springt die gewöhnlichkeit in allem was ich tue nicht ganz so vulgär an, wie die bärchen-und schätzchen-genannten und -nenner. vielleicht sollte man sich wenigstens bemühen, das alltägliche und unprätentiöse, das man nun einmal fühlen muss, in einer weise zu bekleiden, dass man den standardkörper darunter nicht sofort erahnt. in diesem sinne: kosenamt mal wieder ein bisschen geistreicher, ja?
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