Voyeurismus
ich liebe es, anderen menschen zuzusehen. wie man den untenstehenden ausführungen zum thema intimität entnehmen kann, müssen die situationen, in denen ich nicht wegsehen kann, nicht einmal körperlicher natur sein - wenngleich ich menschen beim austausch von körperlichkeiten furchtbar interessant finde. nur um missverständnissen vorzubeugen: voyeurismus und schnüffel- bzw. spioniererei sind zwei gänzlich verschiedene dinge. der voyeur in mir beobachtet situationen, die ihm über den weg trippeln - und sucht sie nicht. ich muss mich keine sekunde zurückhalten, wenn ein fremdes handy bei mir vergessen wird oder ich ein notizbuch finde, dass mir nicht gehört. und zwar nicht, weil es mich nicht interessieren würde (das tut es nämlich brennend!!!), sondern weil es sich eben nicht gehört. punktum. (wenn das notizbuch aufgeschlagen ist, lese ich genau die seite, die offensteht. gleiches würde für eine analoge situation am handy gelten - leider gibts diese funktion nicht und ich muss leider draussen bleiben...)
neulich war ich in b.´s wohnung, und sie huschte schnell nach unten zum zigaretten holen. hurra: zeit, den blick ganz ungenant durch die wohnung gleiten zu lassen. zeit, sich endlich das bild im wohnzimmer ganz genau anzusehen, einen blick aufs cd-regal zu wagen und zu erspähen, wer auf dem kleinen gerahmten bild auf dem fensterbrett nun wirklich abgebildet ist. es wäre mir nie in den sinn gekommen, einen blick ins schlafzimmer zu wagen oder eine schublade zu öffnen - das tut man nicht und dabei bleibt es. faszinierend ist für mich nur der zufällig geöffnete aber gleichsam ermunternde blick - mich reizen lediglich diejenigen intimitäten, die freiwillig gegeben werden. ich hätte noch viel länger in diesem zimmer, in dem ich zwar schon so oft saß, mich nun aber erstmalig allein aufhielt verbringen können. ganz einfach, weil ich das erste mal in ruhe schauen und schauen und schauen konnte. schade - zigaretten holen geht ziemlich schnell. vielleicht darf ich ja mal blumen gießen?
es gibt eine künstlerin, die ich sehr gern mag: sophie calle. als ich das erste mal etwas von ihr las, stiess mich diese skizze ihrer arbeiten extrem ab: "suite venetienne" las sich für mich, wie eine pathologische studie. zwei jahre später habe ich dann die bilder und aufzeichnungen zu dieser arbeit in einer ausstellung gesehen und war fasziniert, abgestossen und begeistert.
sophie calle lernte in paris einen mann kennen - ihren ausführungen ist zu entnehmen, dass dieses später künstlerisch bearbeitete objekt in ihr keine sonderlichen emotionalen wirbel entfacht. weder ist sie besonders verliebt noch angezogen - man bekommt den eindruck, er sei plötzlich "da" gewesen, wie ein apfel, den man im augenblick des gewahrwerdens "einfach so" isst.
sie folgt ihm nach venedig, kleidet sich wie ein privatdetektiv der 50er, trägt regenmantel und blonde perücke, verfolgt den mann, befragt seine bekannten und freunde, kurz: sie inszeniert diese zufällige und trotzdem nicht minder leidenschaftliche observation als künstlerische szenerie. der mann erkennt sie, bittet sie damit aufzuhören - sie macht weiter. sie versucht sich auf dem (zumindest in meinen augen) höhepunkt der arbeit in seinem verlassenen hotelzimmer einzumieten - leider ohne erfolg. das letzte bild des fotografischen teils der arbeit ist ein bild vom bahnhof - dieser abschied ist beinahe märchenhaft, das bild den umständen entsprechend eher verwackelt aber trotzdem unglaublich schön.
ihre anderen arbeiten sind ähnlich: fremde und freunde, die eine nacht lang in ihrem bett schlafen dürfen und danach ihre erlebnisse zu einer reportage aufschreiben. sophie, die einen privatdetektiv auf sich selbst ansetzt und mit dem fremden einen "gemeinsamen" tag plant und diesen wie ein rendezvouz geniesst - sie fragt sich am ende der arbeit "ob er unseren tag so genossen hat, wie ich?". eine weitere arbeit als zimmermädchen in einem hotel, in dem sie die zimmer der fremden fotografiert, nach anhaltspunkten sucht, telefonnummern notiert und wäschehaufen ablichtet. wer die möglichkeiten hat, sophie calle ausgestellt zu erleben, dem sei dies dringend ans herz gelegt.
neulich war ich in b.´s wohnung, und sie huschte schnell nach unten zum zigaretten holen. hurra: zeit, den blick ganz ungenant durch die wohnung gleiten zu lassen. zeit, sich endlich das bild im wohnzimmer ganz genau anzusehen, einen blick aufs cd-regal zu wagen und zu erspähen, wer auf dem kleinen gerahmten bild auf dem fensterbrett nun wirklich abgebildet ist. es wäre mir nie in den sinn gekommen, einen blick ins schlafzimmer zu wagen oder eine schublade zu öffnen - das tut man nicht und dabei bleibt es. faszinierend ist für mich nur der zufällig geöffnete aber gleichsam ermunternde blick - mich reizen lediglich diejenigen intimitäten, die freiwillig gegeben werden. ich hätte noch viel länger in diesem zimmer, in dem ich zwar schon so oft saß, mich nun aber erstmalig allein aufhielt verbringen können. ganz einfach, weil ich das erste mal in ruhe schauen und schauen und schauen konnte. schade - zigaretten holen geht ziemlich schnell. vielleicht darf ich ja mal blumen gießen?
es gibt eine künstlerin, die ich sehr gern mag: sophie calle. als ich das erste mal etwas von ihr las, stiess mich diese skizze ihrer arbeiten extrem ab: "suite venetienne" las sich für mich, wie eine pathologische studie. zwei jahre später habe ich dann die bilder und aufzeichnungen zu dieser arbeit in einer ausstellung gesehen und war fasziniert, abgestossen und begeistert.
sophie calle lernte in paris einen mann kennen - ihren ausführungen ist zu entnehmen, dass dieses später künstlerisch bearbeitete objekt in ihr keine sonderlichen emotionalen wirbel entfacht. weder ist sie besonders verliebt noch angezogen - man bekommt den eindruck, er sei plötzlich "da" gewesen, wie ein apfel, den man im augenblick des gewahrwerdens "einfach so" isst.
sie folgt ihm nach venedig, kleidet sich wie ein privatdetektiv der 50er, trägt regenmantel und blonde perücke, verfolgt den mann, befragt seine bekannten und freunde, kurz: sie inszeniert diese zufällige und trotzdem nicht minder leidenschaftliche observation als künstlerische szenerie. der mann erkennt sie, bittet sie damit aufzuhören - sie macht weiter. sie versucht sich auf dem (zumindest in meinen augen) höhepunkt der arbeit in seinem verlassenen hotelzimmer einzumieten - leider ohne erfolg. das letzte bild des fotografischen teils der arbeit ist ein bild vom bahnhof - dieser abschied ist beinahe märchenhaft, das bild den umständen entsprechend eher verwackelt aber trotzdem unglaublich schön.
ihre anderen arbeiten sind ähnlich: fremde und freunde, die eine nacht lang in ihrem bett schlafen dürfen und danach ihre erlebnisse zu einer reportage aufschreiben. sophie, die einen privatdetektiv auf sich selbst ansetzt und mit dem fremden einen "gemeinsamen" tag plant und diesen wie ein rendezvouz geniesst - sie fragt sich am ende der arbeit "ob er unseren tag so genossen hat, wie ich?". eine weitere arbeit als zimmermädchen in einem hotel, in dem sie die zimmer der fremden fotografiert, nach anhaltspunkten sucht, telefonnummern notiert und wäschehaufen ablichtet. wer die möglichkeiten hat, sophie calle ausgestellt zu erleben, dem sei dies dringend ans herz gelegt.
Miss Manierlich - 18. Jun, 21:15
