20
Jun
2006

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ich hatte gestern abend nach dem kino wieder ein für mich beinahe klassisches erlebnis mit siri hustvedts "die verzauberung der lily dahl". obwohl ich nicht ganz sicher bin, ob es dafür nicht vielleicht einen fachausdruck gibt, beobachte ich seit kindertagen an mir selbst, dass ich mir oft wünsche, ich hätte etwas bestimmtes besser nicht gelesen, weil es mich noch tagelang verfolgt und aus dem mir nicht unmittelbar zugänglichen erfahrungsrepertoire seltsam penetrant sendet.

krabat war das erste buch, das so etwas bei mir auslöste: ich konnte wirklich tagelang nicht schlafen. der seltsame traum, den emil während der zugfahrt nach berlin in kästners "emil und die detektive" hat, war für mich ebenso gruselig - wie unter zwang habe ich die stelle immer und immer wieder gelesen, wohl wissend, dass mich schon eine einzige seite davon nächtelang begleiten würde. hauffs "kaltes herz" hat mich beinahe verfolgt: ich bettelte zu weihnachten drei jahre lang hintereinander an allen feiertagen ins schauspiel gehen zu dürfen, hörte mir in der zwischenzeit die kassette an oder wartete darauf, dass der film im fernsehen gezeigt wurde. es machte mir furchtbare angst und ich habe manchmal vorm schlafengehen beinahe akustisch kalluziniert (" in holland gibts gold.....")

das grundlegende muster ist heute noch gleich, die beiden schlimmsten erlebnisse hatte ich mit nabokovs "gelächter im dunkel" und murakamis "mister aufziehvogel", vielleicht weil in beiden ein sehr starkes dunkelheits- und eingeschlossensein-motiv vorherrscht. ebenfalls zutiefst beeindruckt hat mich der eher banale handlungsstrang in dorian gray, in dem angedeutet wird, dass lord henry dorian mit einem buch vergiftet bzw. verwandelt. ebenso wie dorian habe ich mich extrem in huysmans "a rebours" gestürzt - besonders das kapitel über die orchideen war grauenvoll. oder der abschnitt über das hauspersonal, das mit einer bestimmten niederländischen tracht pittoresk vorm abeitszimmerfenster auf und ab gehen musste....

gestern abend nun die verdammte lily dahl: auf den letzten zeilen bemerkt sie, dass der dorf-cretin eine lebensgroße puppe von ihr gebastelt hat, die ihren körper im kinderalter darstellen soll. mit dieser puppe läuft selbiger nächtens im kostüm des spinnweb aus shakespeares sommernachtstraum durchs dorf. vom ersten moment an, als lily ihn in seiner gruseligen spielhöhle damit ertappt, war mir vollkommen klar, dass ich diesen teil des buches besser nicht gelesen hätte, dass mich das bild des geistig retardierten, der mit seinen lädierten elfenflügeln über die wiesen läuft, eine puppe auf den armen, die nächsten nächte nicht mehr loslassen würde.

ich erinnere mich nur sehr, sehr selten an meine träume und bin ganz sicher, dass ich vollkommen belanglose, unspektakuläre allerweltsträume in mir umwälze. gestern nacht habe ich aber geträumt, ich wäre so hoch in einen walnußbaum geklettert, dass mich meine eltern nicht mehr herunter holen konnten, weil es schon abend war, als sie mich entdeckten. in diesem walnußbaum hatte ich plötzlich ein kleines ferkel auf dem arm, dass über die verworrenen äste auf mich zugekrochen kam. am nächsten morgen stand ich mit dem ferkel im arm unter dem baum und ging in ein haus, das ich instinktiv als das unsrige erkannte, obwohl es keinerlei ähnlichkeit mit meinem elternhaus hatte. ich wollte das schweinchen meinen schwestern zeigen, aber es hatte sich inzwischen in eine winzige grüne maus verwandelt. die zimmer meiner schwestern waren riesig, sie gingen von einem extrem schmalen flur ab. auch wenn mir das im traum nicht auffiel, hatte ich mich irgendwie in verschiedene, extrem potenzierte anteile aufgeteilt: jede meiner schwestern war irgendwie eine einzige meiner eigenschaften - oder zumindest sahen ihre zimmer so aus, dass ich mich sehr deutlich in ihnen ablesen konnte. während ich meine schwestern weckte und sie für die ferkelmaus begeistern wollte, hörte ich auf einmal, wie mir eine riesige grellgrüne ratte nachlief, die wohl ihr junges zurückholen wollte, mich dabei ansprang und fürchterlich biss. am ende des traumes hatte ich sowohl die kleine maus als auch die ratte ruhig auf dem arm - obwohl mich die ratte unverändert in den arm biss.

Vom Buchladen

ich habe mich am letzten freitag wieder einmal zu einem spontanen ramschbuch-kauf hinreissen lassen. normalerweise bestelle ich bücher bei amazon - in den meisten buchläden ärgert mich die immergleiche aufstellung aus freche-frauen-romanen und den ewigen klassikern viel zu sehr. natürlich sollte jeder doktor faustus, schuld und sühne und das schloß gelesen haben - trotzdem ärgert mich diese dümmliche mischung aus schund und schwerer kost. zumal mir immer öfter auffällt, dass das fachpersonal in buchläden meistens schockierend unbedarft bzw. ganz herablassend ausgedrückt: unsagbar unbelesen ist. ich habe keine lust, mir auf die frage nach dem inhalt eines buches anzuhören, dass selbiges bei elke heidenreich ganz, ganz toll besprochen wurde. ich will auch keine zusammengefassten klappentexte und wiedergaben aus verlagswerbebroschüren hören.

natürlich erwartet niemand, dass ein buchhändler sein gesamtes angebot gelesen hat - aber ich erwarte, dass er interessiert ist, literarische abwege kennt, mir etwas wirklich neues (und damit ist keine neuerscheinung gemeint) ans herz legt, mir aufgrund meines geschmacks, d.h. bücher die ich ihm als meine lieblinge nenne), etwas empfehlen kann. ich kenne wirklich nur einen einzigen leidenschaftlichen buchhändler, dessen antiquariat irgendwo beim rheinhafen vor sich hinschlummert und der sich exklusive öffnungszeiten wie di -fr, 14.00-18.00 leistet.

leider ist das von mir beschriebene phänomen nicht nur auf gruselige buchketten wie thalia beschränkt - in universitätsbuchhandlungen und kleinen lädchen sieht es häufig nicht viel besser aus. nicht mehr hören kann ich auch die antwort: haben wir nicht, kann ich ihnen aber bestellen. buchhändler ruhen sich gern auf ihren früh angelesenen lorbeeren aus: ich bestreite nicht, dass viele buchhändler mir in der klassikerkenntnis haushoch überlegen sind. leider reicht das aber nicht: kaum einer kann mir auf nachfragen eine spannendes buch eines jungen zeitgenössischen autors aus z.b. bulgarien empfehlen. vielleicht sollte ich nochmal nachfragen,wenn derjenige in ca. 15 jahren den nobelpreis bekommt. ich wage zu behaupten: in buchläden ist die unkenntnis des dort heumlungernden fachpersonals am augenfälligsten - jeder idiot kann an einer kasse bücher über den scanner ziehen, kein grund also, sich als elite des einzelhandels zu fühlen.

ein buchladen muss für mich (gerade wenn er gegen amazon anstinken will) im service, in der kenntnis und der liebe zum buch glänzen. und er sollte sich bitte auch nicht jeden schrott ins schaufenster stellen, nur weil eventuelle laufkundschaft gern das neue scheissbuch von ildiko von kürthy kaufen wollen könnte. ich kenne keinen einzigen buchladen, der auf etwas spezialisiert wäre - überall steht alles herum und das kotzt mich langsam wirklich an. ich bin sicher, dass leute die wirklich, viel und exzessiv lesen es sehr zu schätzen wüssten, in einen laden zu gehen und zu wissen: dort steht jemand zwischen den regalen, der sich exzellent in französischer moderne auskennt. dem man sagen kann: "ich liebe boris vian - was könnte mir denn an gegenwartsliteratur gefallen?" und der dann lächelnd ein halbes dutzend bücher aus dem regal zieht und mir etwas über diese erzählt. (oder der mir alternativ zumindest welche nennen kann die nicht seit wochen durch die feuilletons gehechelt werden - sie müssen ja nicht unbedingt vorrätig sein)

darum ärgert es mich maßlos, wie alle buchhändler über amazon schimpfen. ehrlich gesagt: amazon bringt mir die bestellten sachen nach hause - bei buchhandelsbestellung muss ich sie abholen. einen maßgeblichen serviceunterschied sehe ich nicht - im gegenteil, die empfehlungen, die amazon mir aufgrund früherer bestellungen macht, sind um einiges besser (d.h. meinem geschmack entsprechender) als das, was mir viele buchhändler gern mal andrehen wollen.

zurück zum ramschbuch des freitags: neben lily dahl habe ich "den schatten des windes" mit heimgenommen und bin einfach nur entsetzt. drei buchhändler haben mir zugeflötet, das buch wäre bezaubernd, fantastisch, großartig geschrieben und wirklich etwas ganz, ganz neues. ich wage zu behaupten: keiner von denen hat es gelesen. anders ist die gewaltige diskrepanz zwischen meiner subjektiven einschätzung und dem manifesten buchinhalt nicht zu erklären.

ich bin durchaus in der lage ein buch nicht zu mögen, aber trotzdem zur kenntnis zu nehmen, dass es sich um ein handwerklich überragendes buch handelt. auch wenn ich zola nicht mag, wird niemand den wert von "nana" bestreiten: es handelt sich trotzdem um ein wertvolles buch, auch wenn es mich nicht berührt hat.

"der schatten des windes" ist vielleicht eine eindrucksvolle beschreibung barcelonas - aber auch eine abgeschmackte, grausam pathetische (der "friedhof der vergessenen bücher"...) widergekäute suche nach einem geheimnisvollen dichter. sprachlich höchstens von durchschnittlicher qualität langweilt mich die obszönität der person des fermin ebenso wie die pubertäre unlogik der handlungen des protagonisten daniel.

und weil wir schon bei schlechten metaphern und adaptionen der mythologie sind: ein bisschen feinsinniger dürften die parallelen schon sein: daniel - in der löwengrube. penelope - die treue, wartende geliebte. miquel - michael der drachtentöter. fumero - der feuerspeiende bösling. mir schwant für die letzen 100 seiten schon schlimmes und ich bin sicher, ich werde nicht enttäuscht.

heute abend gibts zur nachtlektüre lieber noch ein paar seiten aus "swanns welt" - eine widerholung von etwas geliebtem ist allemal sinnvoller verbrachte lesezeit, als eine schlechte neu-aufwärmung.
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