Gebeinernes

während des antwortens auf einen kommentar fiel mir wieder ein, wie es sich anfühlte, in jenem knöchernen kirchenbau..
mir fehlt ausserhalb des ästhetischen wahrlich jeder begriff für morbides oder gar düster-altreligiöses. bedauerlicherweise wird man in kutna hora jedoch gerade mit dieser grenzdebilen spielart adoleszenten faszinosums eimerweise übergossen.
im gegensatz zum jubel-trubel in prag finden sich in und um die kirche vergleichsweise wenige touristen - zumindest nicht diejenigen, die mit lärmenden guides am kafka-haus vorbeigetrieben werden. zunächst hielt ich dies für einen immensen vorteil, was sich jedoch als grober irrtum heraus stellte. diejenigen, die da waren, hatten für diesen umstand nämlich eine so breite wie skurrile palette an gründen. das publikum setzte sich damals jeweils zur hälfte aus dramatisch geschminkten jungen menschen, die sich selbst als wahlweise als gothics, schwarze oder new romancer bezeichneten und einem verpickelten theologischen seminar zusammen. bezeichnenderweise bilden sich beide gruppierungen extrem viel auf ihre liberale und tolerante einstellung zur jeweils anderen gruppe ein - trotzdem kann man irgendwie nicht wirklich ohne einander.
beide grüppchen umkreisten sich also zunächst in provozierender exhibition eigenen glaubens, später fielen erste, wohlweislich in gegnerische richtung entäusserte kommentare, die nichts anderes zum zweck hatten, als den anderen endlich zu einem flotten ründchen religiösen diskutierens zu bewegen. besser, man verliess den ort zügig, als die diskussion langsam für beide seiten vorurteilsbestätigend und damit interessant und anekdotenhaft wurde.
mir leuchtet einfach nicht ein, warum so viele orte so viele menschen sofort zum plaudernden, thematisch an der lokalität festgemachtem zwangs-diskutieren bringen. aus welchem grund es so verpönt ist, sich vor betthovens geburtshaus nicht über fortschreitende taubheit auszutauschen. aus welchem grund man vor dem völkerschlachtdenkmal sofort - bitteschön so prompt wie engagiert - über das phänomen krieg im allgemeinen und die heutige politische lage im speziellen schwatzen muss. warum kramt in turin jeder die altbekannte anekdote von nietzsches misshandeltem pferd hervor?
Miss Manierlich - 29. Jun, 14:16
