17
Jul
2006

Endstation Luisenstraße

wenn man siebenundzwanzig ist, dann hat das leben nicht mehr viel zu bieten. man rollert nach der arbeit auf rad und heimweg zur apotheke, ersteht für ein halbes monatsgehalt vichy-produkte, ärgert sich, weil der fahrtwind den pony zerwühlt und man beim abrupten bremsen ein bisschen schienbeinhaut durch pedalberührung verliert.

oder man erlebt endlich etwas so bahnbrechendes und spektakuläres, dass man sich in der bemühung, möglichst gleichgültig und betont gelassen mit einem schicken das-passiert-mir-dauernd-gesichtsausdruck rollend aus der szene entfernt.

das muss man sich mal überlegen: ich bin 27 jahre alt geworden, ohne jemals auf wirklich vollkommen plötzliche und überraschende weise von einem mann angesprochen zu werden.

natürlich gibt es flüchtige feierlichkeiten-bekanntschaften. oder mal ein kennenlernen am kalten buffet oder einem lesesaal. aber es ist mir zum allerersten mal passiert (ich wiederhole: ein vierteljahrhundert plus 2!), dass mich auf der strasse jemand anhält und fragt, ob ich nicht lust auf ein beliebiges kaltgetränk im biergarten habe.

genauergesagt fragte der junge herr auf dem kleinjungenphantasie-entsprungenen motorrad erstmal nach der luisenstrasse. ich musste passen - strassennamen sind meine schwache seite. macht nichts, eigentlich würde er einfach nur gern etwas mit mir trinken gehen. ha! dabei war ich vom achtstündigen büroalltag nicht wirklich in bester optischer konstitution und bei genauerem körperkontakt vielleicht sogar verschwitzt. nach endlosem wühlen in zwei taschen schrieb er mir seine nummer auf ein tempotaschentuch (bezaubernd! ein mann, der eine packung taschentücher im rucksack hat. ich wette, in seinem bad gibts tampons in zwei verschiedenen größen...) und fuhr mit einer losen verabredung für den morgigen abend davon.

wenn ichs mir genauer überlege, hätte ich das mit der verabredung lieber sein lassen sollen. irgendwie macht das alles kaputt, weil das tagversüssende der begegnung sich schon morgen in das plagende moment des absagens verwandelt haben wird. und trotzdem fühlt es sich phantastisch an, weil es irgendwie sympathisch war. kein blödsinniges adoleszentes johlen aus einem auto mit schrotgurten. kein bierhauchiges kneipengespräch. sondern einfach nur das gefühl, dass jemand freundlich und kein bisschen verbalzt höflich um meine gesellschaft bittet.

und jetzt gönne ich mir zur feier des tages ein ausgiebiges cremen mit vichy-produkten und einen übervollen teller kirschmarmeladen-gefüllte miniatur-dampfnudeln mit vanillesoße.
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