3
Sep
2006

Vatikalium

um himmelswillen - da geht man gutgläubig dem hinweis auf ein gewisses komplott nach und findet eine fortsetzungsgeschichte, die seit dezember 2005, also in runden 9 monaten bereits auf 143 teile angewuchert ist. verdammt! aber hart und zur einsamkeit verdammend ist das kritikerleben! wenn man sich aber schon parasitär von den feinsinnigen ergüssen der anderen ernähren will, dann muss es doch nicht wirklich ein menü mit 143 gängen sein....doch halt: keine vorurteile und lieber frischen mutes drauflos gelesen!

raffen wir die ersten teile mal flott zusammen: in elsas hause hängt im schöngeistigen literaturstübchen ein leerer nagel in der wand, der dringend auf ein bild wartet. nicht irgendein bild: renaissance-fürst mit bösblutigem blick und olivenhain im hintergrund soll es sein. und natürlich findet elsa auf der suche nach ihrem bild in einem gar verwunschenen gässlein ein kleines, verstaubtes lädchen abseits der touristisch abgelaufenen pfade, wo ein seltsames altes verkäufermännlein allerlei kostbarkeiten feil bietet. selbiger empfängt elsa mit einem rowling´schen satz, wie in potters harry nicht schöner hätte vernehmen können: elsa solle morgen wieder kommen, dann sei ihr bild da. und natürlich kommt elsa am nächsten tag wieder, findet ihr bild, dass einen der medici zeigt und erwirbt selbiges. schon im gehen erkundigt sie sich nach einem gestern gesehenen bild und wird davon in kenntnis gesetzt, dass selbiges für einen mysteriösen fremden mit rotem umhang bestimmt war, der samt bild nebenan noch ein käffchen trinkt - wohin elsa natürlich prompt folgt. den rot beumhängten findet sie nicht, aber immerhin bekommt sie in einem amarettini ein zettelchen mit einer geheimnisvoll kryptischen mailadressse, die prompt angeschrieben wird und als antwort einen verweis auf einen puschkin-vers liefert. selbiger eröffnet eine unheilvolle verbindung zwischen medici (der auf dem bild) und buonarotti (der aus dem verslein), von dem man erzählt, er habe für eine besonders gelungene christus-darstellung einen kreuzigungstod herbei geführt um ein möglichst vivides objekt zu haben.

töten um der kunst willen?, mag elsa sich gefragt haben. huch, woran erinnert realelsa das nur? genau: an snuff-movies.

und mit dieser schönen parallele wird die buchelsa von der autorenelsa von einem gelehrten kunstexperten an einen vatikan-geistlichen und gelehrten dottore verwiesen. weil vatikan und inquisition und alles, was da in den vatikanischen archiven schmort: das fesselt die brown-affinen leser und die snuff-these würzt wie ein samtigzartes lorbeerblatt den kitzelverwöhnten zungenrand der zuhörer.

zum glück findet sich im hause des dottore auch ein schnittiger handwerker, mit zerrissenen hosen , wuscheligem haar und einer im guns ´n roses-röhren geübten stimme, der - natürlich - den hauchfreundlichen namen lorenzo trägt. hurra: das stinkt nach der hausfrau liebstem alten fisch, nämlich der affäre mit dem handwerker, der im abendrot gitarre spielt und schauspieler oder maler werden will. endlich kommt spannung in die sache- aber leider verbleiben noch 137 weitere kapitel....

verdammt - der chippendale-handwerker ist der monsignore selbst. höre ich da von fern eine dornenvögel-geschichte herantrapsen? naja, prösterchen auch - die farneses keltern nämlich selbst und der gute wein erklärt fürs erste das warmwohlige kribbeln im bauch der buchelsa vollkommen. denn auch wenn lorenzo ein "kunstexperte" und ein strubbeliger coke-light-mann des vatikans ist, steigt er auf buchelsas these bereitwillig ein und bestätigt, dass snuff-movies und heiligenlegenden ja eigentlich von einem gewissen standpunkt aus so ziemlich das selbe wären. naja...raffen wir das ganze mal etwas: im vatikan gibt es nämlich nicht nur ein snuff-archiv, sondern hausfrauenphantasie-lorenzo hat ein rotes mäntelchen, dass er verschreckten damen gern mal um die bebenden schultern wirft, wenn ein geheimnisvoller unbekannter ihr auto unter beschuss nimmt. achja: geschlummert wird nach besuch der dorfpolizei im opulenten himmelbett unter dem bild, dessen käufer buchelsa damals folgte (noch 130 kapitel....).

die nächsten kapitel wird kurzweilig gekocht, wir erfahren, von lorenzos tragischer familiengeschichte und dem bösen estefanio, onkel und kardinal in brutaler zweieinigkeit. achja:das auto von lorenzos best buddy zeno explodiert und im krankenhaus stellt sich nicht nur zenos wundersame unversehrtheit, sondern auch der umstand heraus, dass der empfehlende gelehrte offenkundig zweimal existiert. naja, egal: ab in die priesterliche lasterhöhle und schnell erstmal elektronische post lesen.

der unbekannte (der mit der mailadresse aus dem post-espresso-gebäck) schickt dieses mal eine bibelstelle und als lorenzo der heissblütige oben in seiner motel-nachttischbibel schmökern will, findet er buchelsas zimmer in trümmern und sein bild gestohlen. trotz dieses schocks schläft monsignore auf der couch und gibt elsa so jede gelegenheit, ein bisschen an seinen priesterlaken zu schnüffeln. heisssss baby!

trotzdem ist die per mail empfangenen bibelstelle noch nicht entschlüsselt, aber wenigstens kommt lorenzos schwester auf ein sprüngchen vorbei und informiert buchelsa darüber, dass die schwester des bösen kardinal-großonkels estefanio eine mit hellsicht geschlagene wahrsagerin mit minimum zweiundzwölfzig gesichtern ist.

so - genug gescherzt. ich kann unmöglich weitere 115 kapitel minutiös wiedergeben. mein bisheriges pensum "snuff, heisse priester und moussierende verschwörtungstheorie" reicht mir vollauf. ich fühle mich, als hätte ich in meinen kopf das geistige pendant zu einem halben dutzend serviettenknödel ohne soße gestopft. buchelsa besucht lorenzo im vatikan, lernt den bösen kardinalsonkel kennen und träumt auch weiterhin lorenzos blut-schweiss-und kirchentraum. achja: eine verrückte nonne taucht auf, elsa spaziert mal eben so mit ihrem toyboy-priester in die vatikanischen archive und findet dort ein büchlein, dass 500 jahre kirchengeschichte lässig über den haufen werfen würde. (alles andere hätte mich auch wirklich gewundert...) achja: warum die verrückte nonne mit dem rasiermesser verrückt ist, erfahren wir jetzt auch: sie kocht zucchini bei onkel estefanio - folgerichtig stirbt sie nach dem abendessen.

lorenzo bloggt übrigens auch und buchelsa goutiert konfektfressend während ihrer schnüffeltour seinen stil, indem sie dem chippendale-monsignore "verve" und eine schlüssige beweisführung durch beifälliges nicken attestiert. zu diesen und anderen überheblichkeiten: siehe kritikpunkt 1.

ansonsten wird ein wenig erpresst, der böse onkel bietet buchelsa ein schlüpfriges arrangement an, auf lorenzo, den anonymen autor einer brandschrift, wird während des hochamtes ein anschlag verübt und zwischendrin gibt es diverse warm-kalte antipasti. ausserdem erfahren wir, dass auf den farnese ein fluch lastet und wir buchelsas zickigem hin- und her um einen fick mit dem monsignore folgen müssen, damit der fluch gebrochen wird. gottseidank - ich dachte schon, das ganze würde irgendeinen sinn machen! naja, auf jeden fall stirbt der papst, lorenzo übernimmt (dabei wollte er doch am betreffenden abend seinen rücktritt verkünden) leitende stellung während der konklave und elsa zieht sich gekränkt zurück. hier endet das fragment. (hurra!)

ich weiss ja, dass man einen text sorgfältig und ev. ein zweites mal lesen sollte um sich ein endgültiges urteil zu erlauben - aber ich kotze gleich kartoffelflocken aus der nase, wenn ich noch eine weitere seite lesen muss. wirklich! trotzdem fasse ich mal fix meine bisherigen kritikpunkte zusammen:

1. buchelsa ist dumm wie knäckebrot
wer jemals während der rezeption eines horrofilms vor entsetzen angesichts fremder blödheit die hände über dem kopf zusammengeschlagen hat, der wird an buchelsa seine helle freude haben. wenn irgendwo eine tür zu einem schummerigen keller offensteht: elsa latscht rein und ruft leise "huhuu?". wenn irgendwo eine schreibtischschublade offensteht - elsa riskiert einen blick. romanfiguren wie elsa lassen flammende rote tücher vor meinen augen flattern. ausserdem nervt ihr scheissbornierter, pseudo-intellektueller ton ebenso wie ihre bridget-jones-selbstgespräche und die selbstgefällige art, in der sich buchelsa und realelsa in solchen situationen als geistige gegenspielerinnen stilisieren.

2. auf der suche nach einer geschichte
auch wenn dumme zungen anderes plappern: man merkt einfach, ob ein "autor" (nennen wir realelsa mal der einfachheit halber so) vor beginn der erste seite eine klare geschichte im kopf hat, oder einfach mal so vio sich hin erzählt. jurek becker nennt dieses schriftstellerische verhalten in seiner "amanda herzlos" nicht nur einen groben handwerklichen fehler, sondern fand auch das folgende schöne bild eines "erzählzuges, der planlos in der landschaft herum fährt". und dafür ist es unerheblich, ob der zug durch eine endlose schilderung italienischer kochgunst kurvt. mich ärgert es, wenn ich bemerken muss, wie autoren eine geschichte lieblos hinrotzen, sich spontan von scheinbar fulminanten ideen leiten lassen, aus mangel an konsistenz langweilige nebenstraßen bestreifen und am ende zwischen den bäumen keine zwischenräume mehr bleiben. autorenelsa hat absolut keine ahnung, wo sie ihre buchelsa am ende herauskommen lassen will - und das merkt man verdammtnochmal. warum dieser ganze quatsch um zwei mysteriöse bilder, einen geheimnisvollen antiquar und eine snuff-movie-videothek im vatikan, wenn diese erwähnungen nicht einmal in ansätzen ein motiv, geschweigedenn eine handlung bilden?

3. extrem schlimme live-spreche
dialoge sind ja so eine sache. ich durfte mal einen blick in das drehbuch eines meiner leiblingsfilme werfen und war entsetzt, wie hölzern und plump die dialoge dieses, von mir wegen eben jener geliebten filme auf papier "klangen". insofern will man realelsa ja wahrlich keinen vorwurf machen, aber all´ ihre dialoge spreizen (um es mal metaphorisch auszudrücken) die ganze zeit gestelzt den finger ab. sie klingen hohl und häufig redundant, sie bemässigen sich einer lustspiel-ausdrucksweise und klingen immer wie die stimme, die mir am telefon meine sms vorliest. sehr unschön, das.

4. das siez-problem
ja, ich weiss: simone und jean-paul haben sich trotz koitus gesiezt und irgendwie wirkte das alles sehr sexy. ist es aber nicht: es ist maniriert und von blödsinnigster merkmals-schreibe geprägt. mich persönlich kotzen szenen, in denen ein kinn gestreichelt, auf schößen gehockt und sich aneinander gerieben wird, nur um das ganze durch siezen wieder zu brechen, einfach nur an. das mag ja ein distinktionskriterium oder merkmal individueller schreibe sein - aber es wäre nicht weniger peinlich, würde lorenzo sich beim sprechen am sack kratzen oder ständig kochen. huch - das tut er ja schon...

5. extrem schleichige schleichwerbung
permanent wird von tiscali.it-mailboxen, mailadressen und anderem gesprochen. ich meine: vielleicht stellt sich ja heraus, dass die grundlagen für tiscali.it vor 600 jahren aus dem golde eines verkaufes eines toskanischen snuff-movies gelegt wurden und fest in den händen des vatikans sind. sollte das nicht der fall sein, nerven diese erwähnungen und stellen eine vollkommen blödsinnige information dar. kleines beispiel für das gemeinte in anderem gewande? aber gern: "Ich habe Gottseidank Alice Dsl bekommen, das ging ganz fix und ist sehr schnell und unkompliziert“, plauderte ich drauflos" um himmelswillen - was soll das denn??? diese art von product-placement reisst beim anschleichen direkt den schirmständer um. vielleicht war ja wenigstens tiscali-werbung draufgedruckt...

fazit? vielleicht morgen. oder übermorgen. vielleicht verwandelt sich der roman ja auch von der unfreiwilligen zur offensiven komödie und elsa wird päbstin? oder lorenzo ist ihr bruder? oder ratzinger, dan brown und zwei dutzend kunsthistoriker verklagen realelsa?
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