12
Sep
2006

Melancholia...

ist ja definitiv ein buch, das man im beginnenden herbst mal wieder aus dem regal kramen sollte. weil es beschämt und bekümmert und man sich danach sofort intellektuell grobmotorisch und prinzessinnenhaft dünkelig fühlt.

heute bin ich einfach nur furchtbar müde, das wochenende lauerte bis halb sechs in meinem körper, um sich dann mit gebrüll, aufgespartem schlaf und kopfschmerzen auf mich zu stürzen und aus dem büro zu treiben. daheim warten noch mehr kopfschmerzen, eine küche voll verdrängtem geschirr, ein zerwühltes bett und drei mails, die ich seit wochen standhaft zu ignorieren versuche - zwei rechnungen, in deren streitfall ich seit woche patzige zeilen wechsele und ein schlussbericht, abzuliefern bitteschön bis ende des dritten quartals. solche unannehmlichkeiten spült man bestenfalls mit zitronenwasser, thaichips, kalten hühnerbeinchen und einer handvoll dolormin runter und hofft, dass sich am nächsten morgen alles in wohlgefallen aufgelöst hat.

meine rückenpartie fühlt sich wie ein tanzboden an einem sonntagmorgen an - drei nächte in genjis alter wohnung, 150 quadratmeter jugendstil, vollgestopft mit allem, was eine neureiche familie bei umzug ins neue domizil nicht mitzunehmen bereit war, haben ihre spuren hinterlassen.

nach zwei stunden pusten haben wir am freitagabend die luftmatraze in eine ecke getreten und uns aufs parkett gelegt. auf das parkett, auf dem (oder zumindest in dessen unmittelbarer nähe oder in dessen aurischer umgebung) jana laufen lernte und christel nach dem sonntagmorgensex das tablett mit dem frühstück trug. parkett, das absolut verbotenes, unbetretbares terrain bekleidete, wie in einem film von tarkowski.

vor über einem jahr haben wir schon einmal dort übernachtet, weil meine wohnung durch besuch belegt war - der ewige fluch der zu kleinen zweizimmerwohnung. ich weiss noch genau, wie selig ich den desaströsen zustand der wohnung aufnahm. wie die umzugskisten, das 10 monate nicht geputzte bad, der dreck und die unordnung mich erleichtert haben. spiegelblanke seen aus kirschholzparkett und bauhaus-accessoires hätte ich nicht ertragen. dreck und unordnung haben den eintritt in diesen teil genjis leben extrem erleichtert. im bad, das verdammterweise sogar einen balkon besitzt, war es dermaßen dreckig, dass ich mich geekelt hätte, ein handtuch zu benutzen - gefliest war das ganze erbaulicherweise in schlimmstem, achziger-angehauchten villeroy-und-boch-kitsch in gelb-blau-roten geometrischen formen. schade, dass kein gebrauchter tampon im wasser schwamm, oder pissflecken an der wand klebten - das hätte meine stimmung zum überlaufen gebracht.

man ist versucht, bei jedem schritt durch die wohnung nach spuren zu suchen. man meint, in jedem winkel würden reste eines lebens kleben, an dessen bande man einige meter weit mitgelaufen ist und dass sich nun an einem anderen ort fortsetzt. ich habe mich ein wenig gefühlt, wie catherine millet, die in einem kapitel ihres furchtbaren buches über den sex mit einem extrem unhygienischen, dreckigen und verwahrlosten mann schreibt - zumindest in unsexueller form kann ich die lust an der verwahrlosung, die erregung die von ihr ausgeht nachvollziehen. es hat mich glücklich gemacht, in den achtlos an den rand eines gemeinsamen lebens geworfenen dingen genjis drei tage zu verbringen. die vergessene stimmung war ein wenig wie in "blade", die feinweisse überzuckerung mit staub und dreck wirkte beinahe befreiend - es tat gut zu sehen, wie sich staub und dreck auf das ehemalige puppenheim legt.

ich weiss gar nicht, in welchem zimmer wir geschlafen haben und wollte auch nicht nachfragen - wenngleich ich sicher bin, genji hätte es vollkommen arglos erzählt und vermutlich auch flink mit der fingerspitze die einrichtung des raumes auf ein verlassenes möbelstück skizziert. wenn man auf einem gruseligen sessel sitzt und den blick über kistenweise spielzeug schweifen lässt, bespringt einen die erkenntnis, wie wenig man von dem mann, den man liebt doch eigentlich weiss, wie ein tollwütiges tier. die doppezüngigkeit und zweischneidigkeit einer existenz, die man nur von einer seite kennt und dafür umso schmerzhafter von ihrer gegenseite etwas erahnt, verfliegt zu genugtuung.

wovor man jahrelang ausgeschlossen harrend verweilte, entpuppt sich als standardexistenz, eingeschlossen in einer melangerie aus mittelmässigem geschmack, zeitlosen standards und ästhetischen ausfällen. dann zieht man den klebrigglatten schlafsack unter sich gerade und schmiegt sich von hinten an das, was man liebt und was so mühelos wie alice zwischen den spiegeln umherspringt.
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