21
Sep
2006

Locus Amoenus

über plattformen, die speziell den community-aspekt betonen, ist nahezu alles gesagt - zumindest, was die mit hoher wahrscheinlichkeit anzutreffende qualität des dort gebloggten, das soziale sammelsurium(/panoptikum) und die für aussenstehende befremdliche gruppendynamik anbelangt.

was allerdings fehlt (und zwar dringend!) ist ein praktischer kleiner reiseführer durch die taktischen und geistigen untiefen dieser rappelnden ameisenhaufen der eitelkeiten. man werfe mir einen gewissen tunnelblick vor, aber irgendwie fehlt mir dann doch die zeit, mich so lange auf einer anderen plattform aufzuhalten, um auch dort mit pauken und trompeten rausgeschmissen zu werden. also muss ich auf die äusserst spezifischen kenntnisse meiner persönlichen lieblingsplattform zurück greifen. selbiges ist aber mitnichten ein makel: ich bin fest davon überzeugt, dass sich in jeder, wirklich jeder community nach einer gewissen dauer identische soziale konstellationen herausbilden und archetypen etablieren. wäre meine these ein fettglitzerndes spanferkelchen, könnte ich ihm blog.de als erfrischende zitronenscheibe ins maul stopfen. (insider dürfen das spanferkel auch durch die berühmte blogmilchgebende postingsau ersetzen)

wie der sagenumwobene locus amoenus erstreckt sich die plattform der herzen in der bundesdeutschen bloglandschaft: am rande dahinsilbernder bächlein tollen keusche knaben und mädchen, von etwaigem fallobst wird keiner erschlagen, gelächter und fröhlich umhergeschmetterte scherze duseln durch die luft und ein hauch patschuli klebt in den kommentaren.

was sich zunächst als liebliches idyll darstellt, entpuppt sich jedoch schnell als scharfkantige muschelbank aus wespennestern, zu voller blüte gereifter animositäten und wohldurchdachter hackordnung. vorhang auf für die erste expedition ins tierreich. in der heutigen folge: der prinzessinnenfelsen.

damen

bereits aus beträchtlicher entfernung wird der geneigte besucher des prinzessinnenfelsens die für diesen sektor charakteristischen geräusche vernehmen: seidiges haar raschelflüstert lasziv unter der täglichen dosis von einhundert bürstentrichen, sanfte ploplaute wie von tausenden gleichzeitg geöffneter lipglossfläschlein mit himbeergeschmack, das zutrauliche klackern einer sacht geschlossenen jack-johnson-cd-hülle: keine frage, auf diesem felsen ist für jeden geschmack was dabei.

bewohnerinnen dieser intellektuell eher schattigen gegend bedienen sich als username auffällig gern zusammengesetzter substantive oder 80er-jahre-prickelnder anspielungen. mysteriös und verspielt, mädchenhaft und trotzdem reif, geheimnisvoll und romantisch, verrucht und ungezügelt - danach den lachsack dreimal kräftig schütteln und heraus kommt dann sowas, sowas, sowas oder in leicht proseccoisierten momenten auch mal sowas.

sind die neugierigen fremden einmal den verlockungen des prinzessinnenfelsens erlegen, gilt es natürlich, diese möglichst dauerhaft an sich zu binden. als probate lock- und bleibmittel haben sich folgende dinge erwiesen:


ein regelmäsig zu wechselndes profilbild (leser lieben abwechslung)

echte fotos scheiden natürlich aus. also wird flink ein profilbildchen gewählt, das sich möglichst auf schlüsselreize der kundschaft spezialisiert: ein schemenhaftes gesicht hinter einer zerzausten (ficken!) lockenpracht, ein paar sorgsam manikürte füsschen in plastikpumps, ein lasziver ausschnitt eines arschsegments, ein storchenbeinchen oder eine pinupige comicfigur. wenn dann jemand immernoch zweifelt, dass hier eine reinrassige glühbirne, in deren corona qualvoll verbrannte männermotten schmachten, am werke ist: eine geschickt platzierte abstimmung verfehlt ihr ziel niemals!


die regelmässige berichterstattung aus dem bettkästchen (mach ihnen die nutte, baby!)

als faustregel auf dem prinzessinnenfelsen gilt: sexuelle erlebnisse sollten immer plastisch zum ausdruck bringen, wer auch in situationen, in denen die libido funkensprühend wie ein bengalisches feuer in den nachthimmel zischelt, das ruder in der hand hat. fickpostings sollten nach möglichkeit der dramatik eines interruptus folgen:kurz bevor es zur sache gehen (ruhig ein wenig ausschmücken und blumige schilderungen nicht scheuen) kann, klingelt das strassbesetzte handy und boybandname/mann nummer xx/ der ex-freund/ der geile hausmeister ruft an. nach verlassen der wohnung hat die gute alte schilderung der ekstatisch zerwühlten kleidung noch nie seine wirkung verfehlt. die beliebtesten versionen: hochgerutschten minirock runterziehen, bh-träger richten oder der klassiker: ohne höschen in die u-bahn.

überraschende wendungen

wenn der leserfluss abzuebben droht empfiehlt sich ein thematischer/biographischer/sexueller hakenschlag. wenn männliche leser sich dem nächsten, sich wohlig in der bewunderungssonne räkelnden maikäfer zuwenden, ist dringender handlungsbedarf geboten - wie wäre es damit, überraschend die beziehung zu beenden? deine leser mit einem ründchen devotion zu überraschen? ein dogmafilmähnliches filmchen online zu stellen? erfahrene prinzessinnen haben zu diesem zweck bereits vorgebaut und ein entsprechendes repertoire an männlichen protagonisten eingeführt: so ist immer stimmung in der bude.

für geistigen frühsport ist auf dem damengestein allemal gesorgt: zum glück birgt die große mutter internet eine schier unüberschaubare fülle hochgradig reliabler, valider und zuhöchst objektiver frauenzeitungstestchen für die zeiten, in denen das prinzessinnenego a) dringend ein ründchen seelenmasturbation benötigt oder b) mal wieder alle kommentatoren dezent zu tollheitsbekundungen aufgefordert werden müssen. von nix kommt nämlich bekanntlich nix.

prinzessinnen knüpfen gern und schnell zugeneigt-freundschaftliche beziehungen zu ihren, zumeist männlichen kommentarhofschranzen und eifrig komplimentierenden hechelrittern. geduldet ist, wer ein gewisses maß an täglicher zuwendung investiert, sich an bilderrätseln und blödsinniger kleinmädchensinnsuche beteiligt und bis zum schluss glaubhaft begehrliche hoffnung hegt. wenn man glück hat, gefällt sich die prinzessin lediglich in der rolle des fliegenstreifens, der von den dämlichsten küchenfliegen der plattform umsummt wird. mit pech hat die prinzessin gewisse kunsthandwerkliche ambitionen oder gar akademische wahnvorstellungen und langweilt regelmäsig durch blödsinnige gedichte oder den verbalen fortschrittsbalken ihres studiums der betriebs- oder niederen sozialwissenschaften. in diesem fall empfehle ich einen schnellen wechsel zu den ehemaligen prinzessinnenfelsen-bewohnerinnen zwei plätscherlaute weiter richtung grundwasser: weniger zähe und ausdauernde felsenanwärterinnen verlegen sich nämlich erfreulicherweise häufig aufs eigentliche kerngeschäft. und das ist ja auch ganz reizvoll.
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