26
Sep
2006

Wi(e)dersehen

animiert durch eine (nicht ganz uneitel für schön befundene) perle von der bezauberndsten stewardess ever musste ich gerade an f. denken.

zu zeiten, da das internet wahrlich nur für eine auserwählte spezies zugänglich war, befand sich im büro meines vaters, irgendwo in der vorerzgebirgischen provinz ein durch das örtliche rechenzentrum der hochschule vorzüglich-dauerhaft zur verfügung gestellter internetzugang.

vor dem umzug in die vollsaniert-standesgemäßen räumlichkeiten lag das büro in bizarrer kader-lage in einem mit plastikwellschindeln gedeckten anbau. und so schlich ich im alter von zarten 16 jahren jeden abend für mehrere stunden in die, schäbig nach kindergarten riechenden, mit linoleum ausgestatteten räumlichkeiten, drückte bangen fingers den schalter, der eine erschrocken aufzitternde neonröhre versorgte, zückte vorfreudig den schlüssel und tat, was junge damen eben so tun, wenn sie das internet für sich entdecken.

ich war damals schon mit dem ernüchternden wissen ausgestattet, dass respekt auf peer-group-seite eben nicht immer auch sympathie und anerkennung nach sich zog - für die prinzessinnen der schule war ich zu krawallig und ungeschminkt, für einen handwerkerlehrling, der im tiefergelegten einsergolf die dringend notwendige defloration nach einer festivität im clubhaus eines beliebigen fc an mir vollzogen hätte, zu hochnäsig. ich schob meine, in damals für wesentlich gehaltenen belangen reduzierten sozialen kontakte auf die exklusivität der mitgliedschaft im club manierlich und blickte noch ein wenig blassierter auf die aspiranten, die zwar immer ein wenig angst vor mir hatten, diese aber auch stets durch höflichen abstand markierten. im wesentlichen habe ich die zeit zum abitur mit zwei handvoll vertrauten hinter mich gebracht und mich von ostseeurlauben und sommerlichen festivitäten, auf denen feuertopf aus drei-liter-dosen und faxe-bier konsumiert wurde, ferngehalten. mein damenkränzchen aus drei sehr engen freundinnen habe ich sehr lieb gehabt - und immer nur halb für voll genommen. denn fürs vollnehmen gab es ja seit ich 16 war f.

f. habe ich eines nachts im irc kennengelernt, als ich eine gedichtzeile von van hoddis zuende zitieren konnte, die jemand in den raum warf. gewissermaßen setzte dieser umstand die pfadmarke für unsere weitere, rund siebenjährige bekanntschaft, die nach vier jahren in einem verschlafenen nest im harz fulminant an die wand fuhr.

f. hatte eine hübsche telefonstimme und den bissigen humor des frustrierten altphilologen, der sich in irgendwelchen new-media(ja, so hiess das eben damals)-klitschen als texter herumschlagen musste und irgendwann statt junior junior mal semi-senior werden wollte. bis es so weit kommen sollte, schrieb ich hunderte von emails und tagebuchartige briefe in ein leben hinein, dass mir nur durch den schmalen, nadeldünnen luftschlauch seiner getippten worte und gesprochenen beschreibungen zugänglich war. ich habe mich voller wucht in die welle des ersten verliebtseins geworfen, ihm marias und fontane vorgelesen und nebenbei im ehebett meiner verreisten eltern einen unspektakulären, beinahe unwirklichen erstes koitus erlebt.

am realsten wurde die situation, wenn ich ihm aus dem urlaub jeden tag eine postkarte schrieb - dann fühlte sich alles am wirklichsten an. der fremdheitstaumel ausserhalb von daheim verband sich mit der fremdheit, in die hinein ich schrieb zu einer gleichwertigkeit, aus der heraus ich manchmal erwartete, die urlaubsbriefe würden nach meiner rückkehr in meinem eigenen briefkasten liegen. nach drei semestern (und vorher tauchte diese frage wirklich kein einziges mal auf) fragte f. irgendwann, ob ich ihn nicht gern besuchen würde. die ehrliche antwort darauf hätte nein lauten müssen, weil das ganze zu blödsinnig und offenkundig sinnlos war. weil man eben die anderen bekanntschafen und kleinen schwärmereien, die wie auf eine laterna magica, deren untergrund meine zuneigung zu f. bildete, vorbeogezogen waren nicht einfach als notwendigkeit, bis zur finalen vereinigung deklarieren konnte. weil man die verführerisch giftige melange aus extremer intimität und vollkommener unkenntnis eben nicht auf einen schluck herunterwürgen und um die rechnung bitten durfte. weil ich mir den f., der als adressat fungierte nicht dadurch ernüchtern wollte, dass ich zur abwechslung mal persönlich zustellte.

natürlich habe ich mich trotzdem ins auto gesetzt und eine sehr, sehr lange fahrt von frankfurt nach kassel nach x darüber nachgedacht, warum ich nicht einfach abgelehnt hatte. als ich das, was da am vereinbarten treffpunkt auf mich zusteuerte sah, wäre ich gern einfach wieder ins auto gestiegen. nicht, weil das nahende und näherkommende so furchtbar gewesen wäre - sondern weil unsere verbindung in den letzten zwei jahren lediglich für diesen moment existiert hatte. ich hatte ihn gesehen - schlusstusch und runter mit dem vorhang. es reichte mir in diesem moment vollständig, dass es ihn gab, dass er einen körper hatte und willens war, mir damit die hand zu geben, wasser in ihn hineinlaufen zu lassen oder vermittels seiner beine neben mir herzugehen. ich hatte nicht auf diesen f., ich hatte auf gar keinen physisch fassbaren f. gewartet.

ich dachte die ganze zeit nur an seinen körper, speziell an die zutiefst physischen repräsentationen seiner person. in diesem moment zogen sämtliche magenverstimmungen, kariösen kinderzähne, pubertätspickel und ejakulationen an mir vorbei. ich realisierte zum ersten mal, das f. nicht nur vormals in meinen gedanken keinen körper gehabt hatte, sondern ab diesem tag nur noch als körper in meiner vorstellung existieren würde. ich würde zukünftig nicht mehr an f. schreiben, sondern an seine leicht glänzende nase, seine krampfaderdurchzogenen beine, seine wachsenen fingernägel und langsam verfettenden haare sowie an jeden einzelnen tropfen urin, der durch das kanalsystem seines körpers floss.

an stelle eines rein vergeistigten ideals trat ein vollständig seelenloser körper. aus einer ätherischen existenz, die ganz aus sprache zu bestehen schien, wurden poren, talgdrüsen, darmzotten und nasenhaare.

er hat damals nicht einmal im ansatz versucht, an unsere vorhergegangene vertrautheit anzuknüpfen. vielleicht hat er gemerkt, wie ich mich innerlich zusammenzog wie eine salzbestreute muschel, sobald er nur nach seinem wasserglas griff. es hat mich schockiert, wie sein geist so vollständig hinter seinem körper zurück trat, wie selbst seine mir so vertraute stimme zu schabenden muskelbändern und angegrauten schleimhäuten wurde. ich habe mich furchtbar geekelt und das desaster nach drei stunden unter fadenscheinigen gründen abgebrochen. f. der körper blieb zurück, f. der geist lag irgendwo in seiner wohnung in einem karton. neulich beim googeln habe ich dann gesehen, dass er gerade zum sprecher der ortsgruppe einer inakzeptablen partei gewählt wurde. ich habe kurz gelächelt und mir das obligate pinkeln in einem vereinshaus vorgestellt. hoffentlich gab es danach grillplatte - zu wünschen wäre es ihm.
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