25
Okt
2006

Erinnerung, sprich.

ist nicht nur ein gar zauberhaftes autobiographisches buch des einzigartigen, wunderbaren und vielgeliebten nabokov, sondern auch sinnbildlich für mehrere begegnungen der letzten tage und wochen, die allesamt seltsam unpersönlich und unbemerkt vonstatten gingen.

man merkt dass man alt wird, wenn sich plötzlich sprichwörter bewahrheiten. ich nenne das einfach mal frühreife altersweisheit und beginne ernsthaft daran zu glauben, dass man sich tatsächlich immer zwei mal im leben trifft oder zumindest miteinander in unmittelbare berührung kommt.

in meinem winzigen flur, einem selbst im sommer leicht hinterhöfig belichterten quadrat, dessen kantenlänge kaum mehr als eine türbreite beträgt, steht über der wohnunstür eine achtlos mit schwarzem scherenschnittpapier beklebte blechbüchse. kleine wohnungen zwingen ja bekanntlich zur ordnung oder zumindest zu verstau- und versteckgefäßen, die einen sichtschutz vor der latenten gerümpeligkeit bieten sollen, ihre verschlossenheit aber meist nur halbherzig einlösen. diese meine schachtel sieht schon von aussen so schäbig und abgenutzt aus, dass sie beinahe aus glas sein könnte, so stark drängt die unordnung von innen nach draussen. drinnen liegen, wahllos zusammengeschüttet ein paar dutzend briefe und postkarten, alle aus der zeit, die meinen neunzehnten geburtstag umkränzt, garniert mit einem stapel bilder eines urlaubes an der amerikanischen westküste, auf denen ich samt und sonders veritabel blödsinnig in die kamera blinsele,schimpfe oder mich gleich abwende. eigentlich sind die bilder eine gute exposition für den inhalt der kiste, der wie ein unsichtbarer haussegen über arglos in meine wohnung stolpernden besuchern hängt: zu emotional vollgesogen zum wegwerfen und zu voll mit beschämenden erinnerungen, um den weg in den offiziellen wohnbereich anzutreten. in der schäbigen (und ich meine tatsächlich schäbig. nicht: in würde gealtert und mit reizvoller patina behaftet) kiste in meinem flur findet sich sozusagen der brieflich dokumentierte flur der letzten acht jahre, ein schriftlicher eintritt ins wasauchimmer, geschrieben von wenauchimmers.

gestern abend bin ich vor schreck in jenen zustand verfallen, der mich manchmal anspringt, wenn ich etwas bemerke, das schon lange da ist und sich bisher nur geschickt oder zufällig meiner aufmerksamkeit entzog. so wie ein lange erwartetes mail, dass sich in einer spamflut verbirgt, eine rechnung, die vorm papiercontainer aus den wochenblättern rutscht oder eine textnachricht, die mehrere stunden im dunkel des displays eines nicht aufgeladenen handys wartet. gestern war es die bloße erwähnung einer person, gefolgt von drei, vier clicks meinerseits die schliesslich in einem älteren artikel bei spiegel online endeten.

ich weiss nicht warum man glaubt, die existenz einer anderen person sei unabdinglich vom eigenen bewusstsein, von der eigenen erinnerung an eine nabelschnur gelegt, die den anderen direkt nach entzug der aufmerksamkeit im gedächtnisbauch verhungern lässt und einen staubigglänzenden bühnenscheinwerfer der wiederauferstehung auf den anderen richtet, wenn man sich erinnert. die schreckmomentperson des gestrigen abends, nennen wir sie der einfachheit halber und ohne einen film mit jim carrey zu tangieren, den mondmann, hat sehr lange und in form eines längeren briefes in der haussegenkiste gelegen. genauer gesagt lag am grund der kiste, neben einer van-gogh-postkarte aus amsterdam voller, sich überwerfender grammatikalisch fehlerstrotzender impressionen einer ebenfalls gedächtnistoten schulfreundin, auch noch ein weiteres stückchen mondmann in form eines grausigen stückchens modeschmuck mit einem bröckchen fake-onyx im zentrum. obwohl ich normalerweise jeden wiederentdeckten schmuck sofort wie aschenputtel anprobieren muss, habe ich den ring sofort wieder hektisch in die papierflut getopft, wo er nach kurzem widerstand unter mehreren briefen eines damals verheirateten düsseldorfer bankangestellten, der heute sein dasein bei einem zementvertreibenden unternehmen fristet, verschwand.

der mondmann ist also wieder da. und mit ihm die erinnerung an ein neunzehnjähriges manierliches ich, auf dessen suche ich mehrere besonders unangenehme jahresringe von mir streifen musste, die zwar keinen kunstonyx, aber andere unangenehme, verdrängt geglaubte, stumpfgelebte glitzerdinge zierten.

es dauert wie bei einem scharfen schnitt mit einem küchenmesser einige sekunden, bis das gehirn glaubt, dass da gerade etwas wehtut, dass da wirklich blut kommt, ein knochen zersplittert in den seilen hängt, ein augenlid für immer vornüber gekippt ist und ein haarbüschel unter dem wasser den fußbodens auseinander läuft.

dann kommt die erinnerung aus der provisorisch genähten memowunde, stossweise wie aus einer verletzten erinnerungsarterie, die sich pumpend aus der schäbigen schachtel ergiesst. und alle erinnerungen würden, einem großen erinnerungsblutbild unterzogen einen dramatischen mangel an positiven damals-ich-bildern ergeben. ich sehe mich in einem schäbigen studentenwohnheim, mich in einem ebenso heruntergekommenen zimmer in leipzig, mich beim spazierengehen im park und mich auf einem zeltplatz. im vordergrund dieser teils betörend scharfen, teils erschreckend undeutlichen kopfpolaroids immer den mondmann. den mondmann beim erzählen an einem nächtlichen gewässer, dem mondmann auf einem baumstumpf, den mondmann an der seite seiner damaligen freundin, die eine laugenbrezel zum frühstück ordert und der mondmann in erschreckter pose, als wie uns ein dreivierteljahr später zufällig auf einer studentenparty wiedersehen.

und etwas wirkt störend an diesen erinnerungen, etwas drängt sich ungut wie der kopf eines hydrabandwurmes aus der wunde. ich störe mich selbst beim erinnern. in jeder situation zucke ich peinlich berührt zusammen, wenn ich mich selbst sehe. ich störe mich beim an-mich-erinnern.

als der mondmann-brief, den ich hastig und auf einem kippelnden stuhl balancierend aus der kiste kramte, damals bei meinen eltern ankam, sass ich in einer runde von abiturienten in meinem damaligen zimmer und besprach irgendetwas belangloses bezüglich der abizeitung - seltsam, wie gut man sich an so etwas erinnert. ich habe den brief damals hastig überflogen und dann in eine schreibtischlafe gestopft, weil er und der mondmann gerade weniger wichtig waren, als ein rückblick auf eine abschlussfahrt an die italienische riviera. mir fiel ein, dass ich den brief bis heute nicht richtig gelesen habe: der mondmann sass in seinem studentenwohnheim, f. hockte wie eine zerberusköpfige kröte auf meiner herzkiste und mein freund macht in frankfurt irgendwas mit flash. der mondmann war nie ganz ernstgenommen und hatte in seinem zimmer ein billiges poster von nirvana.

und jetzt ist der mondmann auf einmal wieder da, ich habe dem drang, ein kurzes mail zu schreiben nach kurzem überlegen widerstanden - was hätte es bitteschön auch zu erzählen geben können. ich stelle mir das alles sehr unangenehm vor: da sitzt man nun als mondmann, ständig belästigt von einem potpourri des bodensatzes aller menschen, die man flüchtig kennenlernte und vermutlich sind es nicht einmal die tollsten menschen, die da jetzt angerobbt kommen. die wohlerzogeneren menschen sind hoffentlich zahlreich taktvoll genug, in der versenkung zu verharren und unbelästigend untätig zu bleiben. wann immer man als mondmann irgendwo ist, strömen solche wir-haben-mal-ein-apfelschorle-zusammengetrunken-leute nebst ich-hab-dir-mal-in-der-bibliothek-das-herrenklo-gezeigt-gestalten auf einen ein und fordern promptes und vivides erinnern. und bevor ein gewisses flüsschen jetzt weiter fliesst und mäandert knipse ich romy-schneider-anbetend preisschildchen vom zaratüteninhalt auf den wohnzimmerfußboden.
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