30
Okt
2006

Für eine Handvoll Silber

ein verspäteter beitrag zum großen preis, kategorie thematische chimärentexte:

sobald man die autobahnausfahrt verlassen hat, beginnt sich das somatische gedächtnis zu regen. durch das sportlich geferdete auf und ab des rennveilchens hindurch erinnert sich das weiche fleisch des oberschenkels und die härte des steißes sofort an das schwingende negativ des soeben befahrenen untergrundes - an die morgendlichen fahrten im bus richtung praktikumsplatz, den kühnen schwung, der sattelwärts richtung mädchenpo auf damenrad übertragen wird und an die ersten, zaghaften testfahrten im mütterlichen firmenwagen. bloß ganz kurz richtung staubecken, an den feuchten birkenstämmen vorbei, unsicheres wenden (damals noch "umlenken" genannt) auf herbstlich nassfeuchten betonplatten mit waffelmuster, bitte etwas mehr abstand, da vorn kommt ein heimtückisch wie ein wegelagerer in der kurve lauerndes brombeergestrüpp.

ich werfe einen kurzen blick nach links, wo die begleitung den schlimmsten schlaglöchern einer, direkt in der wendezeit sanierten landstraße geschickt auszuweichen versucht und bemühe mich, eine reaktion aus dem profil zu saugen. so nahe waren wir meiner ursuppe noch nie und ich finde, es dürfte sich das eine oder andere neugierige spähen, visuelle aufhorchen oder zumindest pflichtbewusste aufmerksamkeit regen. das gegenüber passiert reglos die tankstelle, an der ich meine erste schachtel zigaretten (eve 120 - die nuttenversion eines tabakproduktes mit geblümtem filter) erstand, durchfährt die heimatliche peripherie mitsamt ihrer windgebeugten streuobstwiesen und hastig angebauten wintergärten. er sieht die bauliche grenze, die 89er-zäsur nicht, seine auge wendet sich nicht schamvoll ab, ob der ps-schwachen vorgartenschönheiten in pastelligen metallictönen, zumeist japanischer oder rüsselsheimer bauart. sofort kralle ich mich an den symptomen der schlimmsten phänomene sächsischer hauskosmetik fest: billige aussenrolläden, carports, velux-dachfenster, ab und an die simpelste ausführung eines gartenhauses aus dem baumarkt - die provinz versucht bemüht selbstvertändlich, ihr angekommensein zu demonstrieren.

dann taucht sie plötzlich auf, die prägnante silhouette der städtischen kirche, die beinahe so heisst wie das große dresdner pendant. sofort wird meine rückseite kirchenbank-kalt und ich wünschte mir eines der qaudratischen schaumstoffnichtse, die manchmal sogar an kalten ostersonntagen entschuldigend an spärliche kirchgänger verteilt werden. weil mir bereits kalt ist, denke ich eine kaskade später an den herbstlichen ritus des kastanien-, eichel- und sekundärrohstoffsammelns in der schule sowie die großzügige belohnung in form von bienchenstempeln an der wandzeitung. und an die dampfenden schwarzen feuchtnasen der rehe im stadtpark, die gierig brot aus meinen fingern rissen, das so billig war, dass man mal eben ein, zwei ganze laiber an reh und ente verfüttern konnte. das heimtückische schlagloch an der alten baumwollspinnerei zerrt mich kurz vor der wunderschönen zschopaubrücke wieder in die realität einer mit schwarzem leder überzogenen sitzheizung. so hoch (muss sich die begleitung anhören), stand damals im hochwasserjahr die flut. dort hinten, in jenem gettoesken teil der provinz, hämisch klein-moskau genannt, hat eine bürgerwehr die strasse in selbstjustiz vor gaffern mit metallenen müllkübeln abgesperrt, kinderpatrouillen postieren lassen und bettlaken aus fenstern gehisst, auf denen die meistmisshandelte parole der nikolaikirche zu lesen war. die begleitung lächelt pflichtschuldig und provoziert so den nächsten erinnerungsschwall.

ich weiss nicht, warum ich wie eine stadtführerin auf ihn einrede, jedes haus versuche mit bedeutung zu belegen - wie eine wahnsinnige nachtwächterin springe ich mit meiner erinnerungsfackel in jedes mit brettern vernagelte haus und entzünde ein ephemeres licht. es ist ja alles so viel schöner und wärmer als es aussieht, da ist noch leben und erinnerung hinter dem bröckelnden putz. da vor zum beispiel, wo obszön neofarbene schilder eine 99-cent-party oder erotikmesse bewerben, da war der konsum, den ich immer mit meiner oma aufsuchte. der laden, in dem ich die cuba-orange hassen und die himbeerlimonade in braunen bierflaschen lieben gelernt habe.

wenn ich von meiner kindheit berichte, muss ich mich jedesmal angestrengt bemühen, keinen widerwärtigen jana hensel -ton anzuschlagen, keinen allzu starken eindruck eines produktes einer zerrissenen generation zu hinterlassen, sondern meine provinz mühsam wie einen sack mit pflastersteinen auf die gleiche stufe des wertigkeitspodestes zu hieven, auf dem andere kindheitsstädte schlummern.

ich versuche nur diejenigen teile meiner kindheit zu eventuellen gesprächen beizusteuern, die so auch im schwarzwald oder sauerland hätten vonstatten gehen können - mit dem zweifelhaften resultat, dass ich beinahe das gefühl habe, gerade etwas ausgedachtes, erlogenes zum besten zu geben. so als würde etwas wichtiges fehlen, als nähme ich meinen rückblicken die pointe wenn nicht erwähnt wird, dass sich dieses oder jenes bitteschön im vorwende-sachsen zutrug.

vor einigen tagen fiel mir erstmals auf, dass ich zwar weiss, wie alt ich zum zeitpunkt des mauerfalls war und ich mich auch an unseren ersten ausflug nach bayreuth am 11. november erinnere (dies tue ich, weil meine schwester und ich furchtbar beleidigt waren, den 11.11. nicht in der schule verbringen zu dürfen. mein vater seinerseits war entsetzt, dass wir diesen bedeutsamen ersten ausflug gegen das werfen von luftschlangen und das abspielen blödsinniger weisen in der turnhalle eintauschen wollten und zwangsverpflichtete uns zur teilnahme), aber bei vielen, vielen anderen ereignissen nicht mehr sagen kann, ob sie wohl vor oder nach der großen zäsur stattfanden.

der tag, als ich zum ersten mal meinen hausschlüssel verlor und durch das kellerfenster einsteigen musste - zerriss ich in diesem augenblick eine ungeliebte hose aus dem kaufhaus oder ein schickeres exemplar von c&a? das objekt des ersten wirklichen schmachtens (stil- und erwartungsgerecht ronny genannt) im ferienlager - knabberten wir abends während der verzückten gespräche in unseren mehrbettzimmer cottbuser keks oder das westliche pendant mit 52 zähnen?

ich glaube manchmal, das problem ist nicht der schwierige akt der integration zweier distinkter kindheits-erlebnisräume, als deren resultat eine mischung aus dem zauber der smaragdenstadt, milchbrötchen, bravo und der frösi resultiert. zumindest für mich besteht das problem auch nicht darin, dass sich orte meiner kindheit auflösen oder schandbare kapitalusmusinduzierte metamorphosen durchwandeln. schwierig ist es, zwei parallel voneinander ablaufende, in ihrem zeitlichen verfugtsein komplett durcheinandergeschüttelte, kindheiten zu besitzen.

ich weiss genau, wann ich meinen ersten scout auf dem rücken spazierenführte, ab wann es regelmässig milchschnitte im kühlschrank und alf im kasettenrecorder gab. ich weiss andererseits wann welches mädchen meine freundin war, sehe mich nach einem sozialen splitterbruch auf einem klettergerüst thronen oder in braungefliessten freibädern meine bahnen ziehen. aber es gelingt mir auch unter anstrengung nicht, diese beiden welten miteinander zu integrieren. das zu monströser wichtigkeit aufgeblähte vorher/nachher baut sich wie ein biographischer türsteher vor mir auf, lässt seinen erinnerungs-schlagring von der einen in die andere hand gleiten, aber ich weiss einfach nicht, ob der geklaute lutscher aus rumänien oder speyer kam. ich kann mich nicht erinnern, ob mir im jahr meines bis dato schlechtesten halbjahreszeugnisses der belohnende kinobesuch in einen russischen oder einen amerikanischen kinderfilm verwehrt wurde. ob ich, als meine milchaversion erstmals zuschlug, bereits aus knautschigen tetrapacks oder immernoch aus dickwandigen glasfläschchen trank. ich weiss noch genau, wie ich einmal bei einem lokalen kompetitiven sportereignis im hochsprung antrat und höhen, die bei meiner damals schon herausragenden körpergröße problemlos übersteigbar sein sollten, wie ein bockendes pferd verweigerte. bloß: scheiterte ich in trigema und adidas oder in burgunderrotem einheitstrainingsanzug?

bizarrerweise weist ein großteil der in dieser zeit im osten sozialisierten altersgenossen eine beinahe fetischartig anmutende markenkenntnis auf, die sich darin äussert, dass ein großteil der auf brüchigem zerebral-lochstreifen eingebrannten erinnerungen konsumorientierte natur ist. meine damalige lieblingsschokoladenmarke, präferierte füllhalter, die angebeteten turnschuhe von l.a. gear mit den bei sonnenlicht erstrahlenden blüten - und auf der anderen seite zuckerrübengeister, dederon-turnbeutel und basteln im pionierhaus.

urlaubserinnerungen aus ungarn vermischen sich gedanklich und gefühlt mit dem ersten familienurlaub an die adria, auf dessen fahrt mehrere stunden von seiten der weiblichen familienmitglieder geschwiegen wurde, weil man vater das dach des wartburgs mit einem selbstgebastelten dachgepäckträger zierte und das grauen unter froschgrüner teichfolie vor wasser und spättischen blicken schützte. aus welchem land und mit welcher reiselektüre kehrten wir zurück, als die stangenbohnen unseren garten in ein reich voller goldtöpfchen und verwelkter dahlien verwandelten? wann war das, als es das letzte mal spirelli mit romatensoße direkt aus dem glas gab? wie weit war alles schon fortgeschritten, als ich das erste mal eine familienpackung mövenpick-eis mit walnüssen heimtrug und mich ärgerte, dass ich diesen stolz erbeuteten schatz nicht wie einen wasserkrug auf dem kopf nach hause tragen konnte?

da sitzt es also, das ich mit den zwei kindheiten, das mit nutallverschmierten fingern pionierknoten flocht und fährt am ehemaligen lieblingsbäcker vorbei, der die watteweichesten pfannkuchen der welt eintütete. das ich zeigt aus dem fenster, als man an der verfallenen villengegend, in der früher chemnitzer textilmagnaten ihre wochenenden verbrachten, vorbeifährt und bittet um eine pause vor dem ehemaligen jugendstil-kindergarten, aus dessen kellerfenstern es früher penetrant nach schwefel roch. das ich watet tief durch bucheckern, setzt sich neben das rennveilchen der begleitung, die mit beinahe kondolierender haltung im wageninneren verbleibt und sucht die bordsteinschwelle, an der früher die einfachsten skateboard-tricks scheiterten. da andere ich äugt verschämt durch die schmiedeeisernen gitter und versucht im laub einen abdruck der schaukel zu erhaschen, die manchmal unter der trägen wucht eines sorgsam ausbalancierten kinderkörpers fast senkrecht in die luft ragte.
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