Eine kleine Duschbiographie
ich liebe es, zu duschen. müsste ich eine zeitlose top five der klassiker meiner freizeitgestaltung aufstellen - das duschen rangierte ganz weit oben.
egal, wie meine wohnungen (bisher 4 an der zahl) beschaffen waren - alle freude logierte stets im bad.
die erste wohnung, die ja bekanntlich weniger wohnraum als vielmehr emanzipatorisches statement und quadratmetergewordener abnabelungsprozess ist, war ein zimmer in einem evangelischen wohnheim. und wenn es eine sache gibt, die fürwahr charakterbildend und persönlichkeitsprägend ist dann die, mit einer handvoll gemeinschaftsfühlender und extrem offener junger christen zusammen zu leben. vielleicht hätten sie mir das rauchen oder mein hole-poster an der tür verziehen - das minimum zweimalige ausgedehnte tägliche duschen in der gemeinschaftlich genutzten sanitäranlage wurde mir zum verhängnis.
allgemein liegt mir das duschen in lokalitäten, die wie aus dem bilderbuch der landschulheime entsprungen scheinen ja nicht sonderlich. ausserdem finde ich es ekelerregend, aus der nasszelle nebenan das schaben einer rasierklinge über den zweitagebart auf christlichem frauenbein schaben zu hören. oder genau zu wissen, dass hinter einer doppelt gekachelten wand jemand garantiert und unüberhörbar hinter dem scheinbaren wasserschutz des duschstrahls pinkelt: ich stelle mir dann sofort bildlich vor, wie sich auf dem boden der duschwanne bernsteinfarbenes rinnsal mit schaumgekröntem mädchenduschgel-getränktem wasser vermengt...
eine der duschen im evengalischen unisex-duschraum lag jedoch (geschützt durch eine milchglasscheibe) direkt hinter dem kirchenschiff, so dass man sonntags bei geöffnetem fenster quasi direkt über dem altarraum duschte. mit sehr viel phantasie stelle ich mir mein eigenes, neugierig aus dem fenster schauendes dusch-antlitzt als schwachen abglanz hinter einem apostelgeschmückten fenster vor. das bild meiner selbst als dusch-aura hat etwas extrem reizvolles - in anbetracht der dann doch beträchtlichen entfernung von runden 15 metern luftlinie aber wohl eher ein wunschtraum. ich will trotzdem nicht verheimlichen, dass ich manchmal des winters, namentlich in der adventszeit, ohne zuhilfenahme elektrischer beleuchtung mit ein, zwei zigaretten der chorporbe lauschte: oberkörper halb aus dem fenster gelehnt und der rücken lieblich-warm beregnet. großartig war das.
leider verlebte ich nur einen einzigen winter dieser art, denn die christen hielten meine duschpraxis einer evangelischen mitbewohnerin für (vereinfacht und sehr verfreundlicht ausgedrückt) unangemessen. also zog ich mit einer freundin in eine weniger tolerante umgebung, in der das bad ein schmaler schlauch in gediegen heruntergekommener altbaulage war. endlich duschen ohne ende! und wie sich das für zwei junge, wilde, freide, junge damen gehört, wurde das bad gleich mit plakaten zutapeziert. und zwar geschätzte 26 mal mit dem gleichen: no sex until marriage. (ich hätte das ja gern verlinkt, aber offenkundig trennte sich diese wirklich miese zeltplatzmusik-kapelle bereits vor jahren...)
dem duschvergnügen in der zweiten wohnung stand meine erzschwäbische mitbewohnerin entgegen, die nur alle zwei tage duschte und die zwischenräume mit einem waschlappen (!!!!) überbrückte. dieser umstand führte in regelmässigen abständen zu weibischer zeterei, wenn die nebenkostenabrechnung ins haus flatterte und führte dann auch folgerichtig nach rund zweieinhalb jahren zur auflösung der wohngemeinschaft. ich duschte fürderhin in der wohnung allein und minimum zwei mal am tage.
der nächste umzug stand an und während der wohnungssuche verliebte ich mich unsterblich in ein weitläufiges atelier in einer ehemaligen druckerei, neu- und werberdeutsch loft genannt. und das loft war großartig: akzeptabel heruntergekommen, mit einer schweren stahltür und quadratischen oberlichtern versehen. das badezimmer hatte der vorbesitzer provisorisch mit plastikplane ummantelt ins wohnzimmer verlegt - leider lediglich mit waschbecken, badewanne und toilette versehen. meine pikierte frage, wo denn das richtige bad sei, wurde mit einem spaziergang in den innenhof beantwortet. der eigentümer der druckerei hatte liebevoll für seine ehemaligen mitarbeiter mitgedacht, und ihnen im innenhof eine gigantische wc- und duschanlage gebaut: mindestens 20 toiletten und ebenso viele duschkabinchen im lässigen sportplatzstil harrten dort der übernahme durch einen kenner. ich sah mich im geiste schon für jeden tag ein separates klo für jeden tag der woche dekorieren (ein plüschiges montagsklo, ein abgeklärtes sonntagsklo) und jeden tag in einer anderen dusche mit anderen duschessenzen (apfel am dienstag, vanille-honig am donnerstag) und angemessenen wassermassen zelebrieren.
kurz bevor ich begeistert alles unterschrieben hätte, was der vormieter mir hingehalten hätte, sah genji sich genötigt einzuschreiten und ohne hier auf einzelheiten einzugehen: es wurde gedroht, geschimpft und gewütet und ich unterschrieb den mietvertrag nicht. wer auch immer jetzt im paradies duschen mag: möge schweinegülle, blut und galle aus dem duschkopf strömen. solche duschen sind für laien wie maseratis für fahranfänger.
ich glaube, dass alle geschichten über einfache freuden des alltages traurig enden. die meinige endete am letzten freitag mit der zustellung der nebenkostenabrechnung für das jahr 2005. dabei hatte ich mich doch schon in sicherheit gewogen und geglaubt, es könnte ewig so weitergehen mit mir, meinem duschkopf und den dutzenden fläschlein freinduftender essenzen, auf deren klaviatur ich virtuos wie keine zweite spielte.
der nebenkostenbescheid bescherte eine nachzahlung in höhe zweier paar neuer schuhe und eine demütigende erkenntnis. in unserem haus wird seit neuestem ganz modern mit fernablese gearbeitet, im bescheid sieht man also leider genau, was in welchem raume und welcher wohnung verbraucht wurde. aufgelistet ist beschämenderweise (wer bitteschön will denn sowas wissen???) jeweils der verbrauch des ganzen häuserblocks sowie der eigene anteil. eine eingehende lektüre des fünfseitigen briefes offenbarte mir nun, dass ich als eine von 30 parteien zwar nur ein vierzigstel der heiz- und stromkosten zu verantworten habe, aber ein glattes sechstel des wasserverbrauches auf mein bad entfallen. eine welt lag in scherben und ergoss sich final gurgelnd in den ausguss...
wenn man das letzte mal unbekümmert duscht, sieht man wie in einem zeitraffer alle duschen, mit und in denen man jemals schöne stunden verbrachte, an sich vorbeiziehen. duschen mit glas- oder scheiebtüren. ebenerdige und in duschwannen beherbergte duschen. duschen in badewannen. regenwasserduschen. duschen in schicken oder in kaschemmigen hotels. heulende duschzeiten wenn man liebeskummer hatte oder freudig-heitere duschen, wenn der gespiele noch selig schnarcht. duschen mit flamingobedruckten vorhängen oder edelvarianten aus brusthohem milchglas...
mein vater (duschromantik und -fanatik liegt in der familie) hat im keller einen wahrlich exzentrischen duschaltar für sich und meine mutter geschaffen: eine hübsch gemauerte dusche in form eine cir. anderthalb meter hohen "S" in deren spiralinnereien zwei duschen platziert sind. jetzt können meine eltern (oder meine schwester und ich) während des gemeinsamen und doch getrennt-intimen duschens miteinander plaudern. und verdammt: so sieht das paradies aus.
egal, wie meine wohnungen (bisher 4 an der zahl) beschaffen waren - alle freude logierte stets im bad.
die erste wohnung, die ja bekanntlich weniger wohnraum als vielmehr emanzipatorisches statement und quadratmetergewordener abnabelungsprozess ist, war ein zimmer in einem evangelischen wohnheim. und wenn es eine sache gibt, die fürwahr charakterbildend und persönlichkeitsprägend ist dann die, mit einer handvoll gemeinschaftsfühlender und extrem offener junger christen zusammen zu leben. vielleicht hätten sie mir das rauchen oder mein hole-poster an der tür verziehen - das minimum zweimalige ausgedehnte tägliche duschen in der gemeinschaftlich genutzten sanitäranlage wurde mir zum verhängnis.
allgemein liegt mir das duschen in lokalitäten, die wie aus dem bilderbuch der landschulheime entsprungen scheinen ja nicht sonderlich. ausserdem finde ich es ekelerregend, aus der nasszelle nebenan das schaben einer rasierklinge über den zweitagebart auf christlichem frauenbein schaben zu hören. oder genau zu wissen, dass hinter einer doppelt gekachelten wand jemand garantiert und unüberhörbar hinter dem scheinbaren wasserschutz des duschstrahls pinkelt: ich stelle mir dann sofort bildlich vor, wie sich auf dem boden der duschwanne bernsteinfarbenes rinnsal mit schaumgekröntem mädchenduschgel-getränktem wasser vermengt...
eine der duschen im evengalischen unisex-duschraum lag jedoch (geschützt durch eine milchglasscheibe) direkt hinter dem kirchenschiff, so dass man sonntags bei geöffnetem fenster quasi direkt über dem altarraum duschte. mit sehr viel phantasie stelle ich mir mein eigenes, neugierig aus dem fenster schauendes dusch-antlitzt als schwachen abglanz hinter einem apostelgeschmückten fenster vor. das bild meiner selbst als dusch-aura hat etwas extrem reizvolles - in anbetracht der dann doch beträchtlichen entfernung von runden 15 metern luftlinie aber wohl eher ein wunschtraum. ich will trotzdem nicht verheimlichen, dass ich manchmal des winters, namentlich in der adventszeit, ohne zuhilfenahme elektrischer beleuchtung mit ein, zwei zigaretten der chorporbe lauschte: oberkörper halb aus dem fenster gelehnt und der rücken lieblich-warm beregnet. großartig war das.
leider verlebte ich nur einen einzigen winter dieser art, denn die christen hielten meine duschpraxis einer evangelischen mitbewohnerin für (vereinfacht und sehr verfreundlicht ausgedrückt) unangemessen. also zog ich mit einer freundin in eine weniger tolerante umgebung, in der das bad ein schmaler schlauch in gediegen heruntergekommener altbaulage war. endlich duschen ohne ende! und wie sich das für zwei junge, wilde, freide, junge damen gehört, wurde das bad gleich mit plakaten zutapeziert. und zwar geschätzte 26 mal mit dem gleichen: no sex until marriage. (ich hätte das ja gern verlinkt, aber offenkundig trennte sich diese wirklich miese zeltplatzmusik-kapelle bereits vor jahren...)
dem duschvergnügen in der zweiten wohnung stand meine erzschwäbische mitbewohnerin entgegen, die nur alle zwei tage duschte und die zwischenräume mit einem waschlappen (!!!!) überbrückte. dieser umstand führte in regelmässigen abständen zu weibischer zeterei, wenn die nebenkostenabrechnung ins haus flatterte und führte dann auch folgerichtig nach rund zweieinhalb jahren zur auflösung der wohngemeinschaft. ich duschte fürderhin in der wohnung allein und minimum zwei mal am tage.
der nächste umzug stand an und während der wohnungssuche verliebte ich mich unsterblich in ein weitläufiges atelier in einer ehemaligen druckerei, neu- und werberdeutsch loft genannt. und das loft war großartig: akzeptabel heruntergekommen, mit einer schweren stahltür und quadratischen oberlichtern versehen. das badezimmer hatte der vorbesitzer provisorisch mit plastikplane ummantelt ins wohnzimmer verlegt - leider lediglich mit waschbecken, badewanne und toilette versehen. meine pikierte frage, wo denn das richtige bad sei, wurde mit einem spaziergang in den innenhof beantwortet. der eigentümer der druckerei hatte liebevoll für seine ehemaligen mitarbeiter mitgedacht, und ihnen im innenhof eine gigantische wc- und duschanlage gebaut: mindestens 20 toiletten und ebenso viele duschkabinchen im lässigen sportplatzstil harrten dort der übernahme durch einen kenner. ich sah mich im geiste schon für jeden tag ein separates klo für jeden tag der woche dekorieren (ein plüschiges montagsklo, ein abgeklärtes sonntagsklo) und jeden tag in einer anderen dusche mit anderen duschessenzen (apfel am dienstag, vanille-honig am donnerstag) und angemessenen wassermassen zelebrieren.
kurz bevor ich begeistert alles unterschrieben hätte, was der vormieter mir hingehalten hätte, sah genji sich genötigt einzuschreiten und ohne hier auf einzelheiten einzugehen: es wurde gedroht, geschimpft und gewütet und ich unterschrieb den mietvertrag nicht. wer auch immer jetzt im paradies duschen mag: möge schweinegülle, blut und galle aus dem duschkopf strömen. solche duschen sind für laien wie maseratis für fahranfänger.
ich glaube, dass alle geschichten über einfache freuden des alltages traurig enden. die meinige endete am letzten freitag mit der zustellung der nebenkostenabrechnung für das jahr 2005. dabei hatte ich mich doch schon in sicherheit gewogen und geglaubt, es könnte ewig so weitergehen mit mir, meinem duschkopf und den dutzenden fläschlein freinduftender essenzen, auf deren klaviatur ich virtuos wie keine zweite spielte.
der nebenkostenbescheid bescherte eine nachzahlung in höhe zweier paar neuer schuhe und eine demütigende erkenntnis. in unserem haus wird seit neuestem ganz modern mit fernablese gearbeitet, im bescheid sieht man also leider genau, was in welchem raume und welcher wohnung verbraucht wurde. aufgelistet ist beschämenderweise (wer bitteschön will denn sowas wissen???) jeweils der verbrauch des ganzen häuserblocks sowie der eigene anteil. eine eingehende lektüre des fünfseitigen briefes offenbarte mir nun, dass ich als eine von 30 parteien zwar nur ein vierzigstel der heiz- und stromkosten zu verantworten habe, aber ein glattes sechstel des wasserverbrauches auf mein bad entfallen. eine welt lag in scherben und ergoss sich final gurgelnd in den ausguss...
wenn man das letzte mal unbekümmert duscht, sieht man wie in einem zeitraffer alle duschen, mit und in denen man jemals schöne stunden verbrachte, an sich vorbeiziehen. duschen mit glas- oder scheiebtüren. ebenerdige und in duschwannen beherbergte duschen. duschen in badewannen. regenwasserduschen. duschen in schicken oder in kaschemmigen hotels. heulende duschzeiten wenn man liebeskummer hatte oder freudig-heitere duschen, wenn der gespiele noch selig schnarcht. duschen mit flamingobedruckten vorhängen oder edelvarianten aus brusthohem milchglas...
mein vater (duschromantik und -fanatik liegt in der familie) hat im keller einen wahrlich exzentrischen duschaltar für sich und meine mutter geschaffen: eine hübsch gemauerte dusche in form eine cir. anderthalb meter hohen "S" in deren spiralinnereien zwei duschen platziert sind. jetzt können meine eltern (oder meine schwester und ich) während des gemeinsamen und doch getrennt-intimen duschens miteinander plaudern. und verdammt: so sieht das paradies aus.
Miss Manierlich - 1. Nov, 21:44
