13
Nov
2006

Kindliche Lektüren

hat eigentlich einmal jemand die these überprüft, gemäß der die bücher, die man in seiner kindheit zu sich nahm, die spätere persönlichkeit maßgeblich beeinflussen sollen? wenn das stimmt, dann dürfen sich einige leute noch auf etwas gefasst machen, wenn mein kindlicher lesestoff so langsam nach oben mendelt.

in bezug auf meine lektüren darf ich mich guten gewissens als sonderfall bezeichnen - die klassische lesebiographie bürgerlicher haushalte ist in meinem falle eher verwinkelt und abstrus, ich bin mir nicht sicher ob es viele junge damen gibt, die henry miller vor den kindern aus bullerbü gelesen haben. (dramatisch erscheint mir persönlich ja weniger der frühe miller, als vielmehr die späte lindgren.)

ich würde jetzt sehr gern von jenem musischen und feinsinnigen haushalt berichten, in dem ich emporkeimte, von wandhohen bücherregalen und kinderoper am sonntagmorgen. war nur leider nicht ganz so. das heisst: eine reichhaltige hausbibliothek gab es schon, nur sah diese ein wenig so aus, als hätte sie ein wahnsinniger bestückt und zusammen gestellt. (bizarr mutet es in diesem sinne an, wenn genji die großartig billigen zonen-reclam-ausgaben aus tiefster überzeugung lobt.) auch wenn ich als kind jurek becker, tucholsky oder max frisch kaum vermisst habe: für eine eigene ausgabe von "krabat" hätten meine schwester und ich gemordet. ganz zu schweigen von mary poppins, karlsson vom dach oder dem zweiten band der rückblickend wahrlich schauderhaften hanni-und-nanni-reihe. die wenigen, acht- und lieblos zerlesenen kinderbuchexemplare, die mein großvater während halbheimlicher treffen im ungarn-urlaub von seinen versippten neu-enkeln mitbrachte, führten in unserem kinderzimmer ein wahrhaft königliches leben, wurden sorgsam in klebefolie gebunden und schatzig gehütet. ich erinnere mich an einen synchronen schwesterlichen heulanfall auf der rückbank eines postgelben wartburgs, weil an der grenze die unendliche geschichte am grund eines koffers entdeckt wurde.

ich bin mir nicht sicher, ob die bindung und das verhältnis das ich heute zu büchern habe, aus diesem tiefen begehren heraus entstand. bizarr erscheint mir rückwirkend, dass auch bücher, die eigentlich zutiefst systemkonformer natur waren, schlichtweg nicht zu bekommen waren, wie beispielsweise anne franks tagebücher, die mein vater einmal triumphierend in einem budapester antiquariat aus dem regal zog. in selbigem geschäft wurden unter der ladentheke und zu horrenden preisen auch bücher verkauft, die westdeutsche touristen in hotels vergessen hatten. nach zähen und von beiden seiten erbittert geführten kämpfen bekamen meine schwester und ich dort einmal jede einen zerlesenen schund-horror-comic, die ich so oft gelesen habe, dass ich noch heute das schaurige bild einer blutrünstigen orchidee vor augen habe, die einen raffgierigen (sicher kapitalistischen) amazonas-forscher auf ihre dornen spiesst.

der buchbasierte teil meiner kindheit war extrem von jungenliteratur geprägt: noch heute überrasche ich vorwiegend männliche bekanntschaften mit versierter kenntnis jack londons und jules vernes, die ohne zweifel den von meinen vater mit in den haushalt eingebrachten büchern zuschulden kommen. aus diesem umstand rührt auch die tatsache, dass ich parallel zum zeigestockparcour in der schule altdeutsche schrift lesen lernte, da ein großteil der in unserem haus verfügbaren kindrliteratur in derselbigen abgefasst war.

neben der externen existierte bei uns daheim auch noch eine zweite, eher nach innen agierende zensurinstanz in person meines vaters, der wie erwähnt aus einer schon beinahe suprakarrikiert bürgerlich-patriarchalen familie stammte, der ihrerseits ein familienoberhaupt vorstand, dass sich in kühnsten träumen einen neuen deutschen kaiser wünschte. (der ,nebenbei erwähnt, nicht unbedingt hätte ostdeutsch sein müssen.) wenn mein vater schon keinen einfluss darauf nehmen konnte, was es in buchläden und bibliotheken alles nicht gab, konnte er doch zumindest beeinflussen, was an besonders obskuren blüten sozialistischer kinderliteratur nicht auf schreib- oder nachttischen liegen sollte.. als der bruder meiner mutter mir einmal ein kinderbuch mit dem titel "die pioniere von vallescura" schenkte, folgte ein bösartiger streit in der küche und die getreuen aus vallescura wurden auf einem pionierbasar vor der turnhalle an dankbarere kinder weitergegeben. er tolerierte, dass schnatterinchen und moppi bei "zu besuch im märchenland" ein dümmlich daherschwatzender agitproper bär namens mischka zur seite gestellt wurde. er liess beim vorlesen von alfons zitterbacke auch die schlimmsten schilderungen von pioniergeburtstagen und deutsch-sowjetischer freundschaft nicht aus. aber wenn in der schule schon bücher wie käuzchenkuhle oder timur und sein trupp zur pflichtlektüre gehörten, dann erzwang er daheim mit leidenschaft einen anderen lesestoff.


der zauberer der smaragdenstadt
wurde in allen bis zum damaligen zeitpunkt erschienenen bänden am fuß unseres doppelstockbettes vorgelesen. den letzten wolkow-band der reihe, der gelbe nebel, auf den meine schwester und ich sehnsüchtig warteten und für den in der stadtbücherei eine warteliste existierte, konnte mein vater auch nach langer suche nirgendwo käuflich erwerben. und da wir alle anderen bände besaßen, hat mein vater ihn heldenmütig geklaut, bzw. in der bücherei als verloren gemeldet, die neubeschaffung bezahlt und ihn damit schon wieder fast legal erworben. für solche erinnerungen verschmerze ich beinahe den umstand, dass er dem, in seiner familie offenkundig auf die zarten blätter der dna geschriebenen wahnsinn des wunsches nach einem deutschen kaiser mit zunehmendem alter ebenfalls nachgibt.

solche bücher waren jedoch selten und es fällt mir wirklich schwer mich an kinderbücher zu erinnern, die ich noch im ostdeutschen teil meiner kindheit gelesen hätte. die zeitspanne, in der ich hauffsche märchen oder ein kinderbuch griechischer mythologie gelesen habe, ist verhältnismässig lang. es fehlte der bündige anschluss an ostdeutsche jugendliteratur abseits des grusels der abenteuer des werner holt.

also haben meine schwester und ich uns früh auf die verworrene bibliothek meiner eltern verlegt, auf puschkin, gogol und zola, bunt durcheinander gewürfelte regalreihen ererbter, zufällig unter ungarischen ladentheken gefundener oder unter der hand weitergegebener schätzchen. manchmal fällt mir in gesprächen auf, dass ich zwar recht präzise weiss, worum es in einem buch formal geht, mir aber jegliche analyse, reflexion oder intellektuelle verarbeitung eines inhaltes fehlt. daran erkenne ich dann meist, dass ich dieses buch als kind gelesen habe, wie man als kind eben frischs "stiller" "liest".

viel zu spät, zu zeiten in denen die westfälische oder hessische peer group begann sport-bhs zu tragen oder petting im schuppen eines fussballvereins zu verüben, habe ich kästner und lindgren gelesen. nicht, weil ich so ein vergeistigtes kind gewesen wäre, sondern schlichtweg aus dem bewusstsein heraus, dass diese bücher mir zur vollständigen kinderbiographie noch fehlten.

im ehemaligen zimmer meiner schwester haben meine eltern denjenigen teil ihrer bibliothek ausgelagert, der im wohn- und esszimmer keinen platz fand oder eher albern wirken würde. an weihnachts-, oster- oder anderen besuchsabenden nehme ich mir immer wahllos einen kinder- oder jugendband aus den regalen, suche nach der zum aschenbecher umfunktionierten muschel und widme mich dem stopfen der löcher, die henry miller und tolstoi hinterlassen haben. manchmal ist auch eines der bücher aus dem kinderbuchverlag berlin oder der reihe des kleinen trompeters mit dabei.
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