29
Nov
2006

Der Schönste Beruf überhaupt

ich hasse es, wenn bekannte und freunde von ihrem "job" reden. was viel weniger den inhalt oder duktus ihrer erzählung und viel mehr den terminus an sich betrifft. "job", das klingt furchtbar. nämlich nach temporärer einnahmequelle, nach deckung der lebenserhaltungskosten und freudloser tätigkeit. umso ärgerlicher ist es, dass ich mich manchmal dabei ertappe, mein tagwerk gedanklich selbst als job zu bezeichnen. um das gemeinte etwas zu präzisieren: ich habe arbeit, aber keinen beruf. himmel, was tue ich eigentlich täglich 8-10 stunden? ich bin beschäftigt, meist sogar über die maßen: ich telefoniere, schreibe, diskutiere, ärgere mich herum, wickele ab, organisiere, halte deadlines qualvoll ein oder setze schnippisch anderen leuten fristen, ich zeichne kram ab und stopfe abzuzeichnendes in umlaufmappen - ist das schon ein beruf? und wenn doch: was denn bitteschön für einer?

vor anderthalb jahren saß ich an einem qualvollen nachmittag auf dem arbeitsamt und meldete mich als teil des zeitvertragsrituals planmässig als in drei monaten arbeitssuchend. brav füllte ich ein formular aus und stockte schon bei der frage nach meinen qualifikationen, oder wie es dort hiess: besonderen kenntnissen oder fähigkeiten. auf nachfrage antwortete mir eine dame, die hinter einem schalter herum lungerte, hier könnte ich beispielsweise einen staplerführerschein erwähnen. ahja. damals fiel mir erstmals auf, dass ich eigentlich nichts kann. oder besser: was ich kann, ist ein absoluter luxusartikel, eine grünkandierte kirsche auf dem klebrigen cocktail arbeitsmarkt. beschriebe ich das, was ich tagtäglich tue (und was 10 monate pro jahr extrem harte und enervierende arbeit ist), dann läse sich das ergebnis wie der durchfall eines besoffenen brandeins-redakteurs. meine fähigkeiten sind coaching-geschwätz und feuilletonflatulenz.

in solchen momenten tut es mir aus vollem herzen leid, dass ich nichts anständiges gelernt habe - beschämend wird dieser umstand gerade durch ein in regelstudienzeit absolviertes und durch zwei jahre asta montiertes studium gekrönt. hätte ich auf dem arbeitsamt vielleicht erwähnen sollen, dass ich feinsinnige kenntnisse im bereich der sprachlichen item-validierung und der rotation einer faktorenmatrix aufweise? ich kann mit meinen händen nichts, was nicht mit tastatur und maus zusammen hängt. und auch wenn das folgende wie borniertes geschwätz klingt: ich wünschte, ich könnte etwas mit meinen händen. vielleicht will ich es im moment nicht können müssen, aber ich würde es eben gern können können. genji (mal wieder) hat vor seinem durch die studienstiftung stipendierten studiums eine schreinerlehre absolviert und kann folglich nicht nur mit sap und neuem hauslhaltsrecht zaubern, sondern auch schmuckschatullen basteln und birnbaumholzstühle zerlegen. (ich würde ja neben dem halbwegs auswendig präsenten icd10 zumindest lehrlinghafte kenntnisse im bereich des bilderrahmens aufweisen können. oder eine kleine baumschule oder gärtnerei besessen haben.)

heute fiel mir wieder schmerzlich auf, was es für wunderschöne, händische berufe gibt. m., der beste freund, beispielsweise, betreut menschen bei der auswahl von papieren. so einfach kann glücklichsein manchmal vonstatten gehen: er sitzt in seinem büro, umgeben von tutenden lastwägen, die papier an druckereien liefern, inmitten von 40 metern bodenhoher kommoden, in deren schubladen tausende sorten papier lagern und erfreut glückliche menschen mit allem, auf das man drucken kann. stundenlang streicht er jeden tag über seidenmatte, halbglänzende oder matt gestrichene papiere unterschiedlichster grammatierung. er schwärmt von papieren aus eukalyptusfasern, velorusfauschigen briefumschlägen, changierenden aussenhüllen und baumwollpapieren. aus dem stegreif unterscheidet er blind anhand der puren haptik oder wahlweise optik, welches von rund 500 reinweissen papieren er vor sich hat und überzeugt bockige marketingidioten, warum ein mit silbrigen glitzerpartikeln versetztes, nachtblaues papier als einband eines geschäftsberichtes scheisse aussieht.

es macht mich taumelig vor rasendem neid, dass andere menschen ein an ihren beruf gebundenes produkt besitzen, lieben und wertschätzen dürfen. dass m. im laufe seines lebens einen gegenstand maximal erfassen und kennenlernen darf, seine raschelnden und 300-gramm-starren schätzchen zu nudelverpackungen, speisekarten und hochzeitsbüchern werden sieht. m. kennt die schwächen und stärken von rund 500 druckereien und empfiehlt für jedes papier auch direkt die beste druckmaschine: distinction blanc 135g in offset? am besten zur firma x, deren gerät y druckt am schönsten, den einband in 300g-qualität dann aber bitte in dieser netten kleinen druckerei 40 km südlich - der buchbinder ist so liebevoll und pedantisch. ganz im ernst: zumindest ich sterbe vor neid, wenn ich zeuge solcher telefonate werde oder beobachten darf, wie m. wie ein origamiäffchen leitern und stühle erklimmt, um mir genau das richtige weisse papier für eine visitenkarte hervorzukramen und mir selbiges empört entreisst wenn ich murmele, dass wir das gleiche ja noch für das nächste mailing verwenden können...?
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