29
Jan
2007

Kaninchenkritik

ein letztes stühlerücken, ich ziehe meine knie so nah an die brust, als wöllte ich mit einem glitschigen geräusch zwillinge aus mir heraus pressen, jemand frottiert aufdringlich nahe an mir vorbei und fällt aufatmend auf einen der letzten freien plätze. hinter den vorhängen zittert und zappelt es schülertheatrig, im scheinwerferlicht rieselt eine pudrige melange aus staub und maskerade, programmhefte werden zu flüstertüten gerollt, füsse kratzen lautlos über abgetretenen teppich und eine bösartig leise frauenstimme zischt etwas in ein unbekanntes ohr in reihe drei.

ich bin gekommen, um zuzuhören, mich je nach art der vorstellung für ein paar oder auch viele minuten an den intellektuellen nabel eines anderen legen zu lassen, von einem fremden mutterkuchen zu naschen und mich ganz auf etwas anderes einzulassen. vielleicht bin ich in dieser hinsicht ein bisschen passiv, aber ich bemühe mich, etwas mir dargebotenes mit maximaler aufmerksamkeit zu beschenken und im gegenzug halte ich die klappe und stelle keine blöden zwischenfragen. so funktioniert kultur nun einmal für mich: ich will nach dem kino nicht mit popcorngeschmack im mund eifrig schnatternd die besten momente des filmes zerquatschen. ich muss mich nach einer lesung nicht mit allen anderen am signiertisch drängen und dem autor eine schwärmerische kritik ins ohr drücken. ich geniesse gern stumm und für mich allein - sobald ich das gefühl habe, ich konsumierte etwas, um es danach zu bewerten, zu komentieren oder zu reflektieren, schiebt sich sofort ein störender filter vor den genuß.

ich lese gern blogs, weil sie mir das gefühl geben, nicht nur einer von vielen zuschauern, hörern oder lesern zu sein. dieses mehr-sein resultiert aber nicht aus dem umstand, dass jemand tür und tor für meine kritik öffnet, sei sie auch noch so blöd, sondern alles ist so geschrieben, als wär´s nur für mich gedacht und erzählt. die kleine bühne ist mit bedacht so gewählt, dass der vortragende in tiefes zuhörerschwarz schaut und sich niemand schämen muss, weil er nicht an den richtigen stellen lacht, frühzeitig den saal verlässt oder einnickt. zufriedenheit hinterlässt meist keine spuren und aus einem schönen erlebnis lernt man nichts.

ich habe einmal ein seminar besucht, in dem ich stumm wie ein fisch meine gedanklichen kreise durchs glas gezogen und mich still und leise gefreut habe, wenn etwas besonders reizvolles aus der aufklappenden schatzkiste geblubbert kam. nie hätte ich mich gemeldet, mich in den diskurs der von ein, zwei personen bestritten wurde eingeklinkt. schlimmer noch: ich habe mich meist furchtbar geärgert, dass andere teilnehmer sich für keine, wirklich keine frage zu blöd waren. zu offensichtlich war das mitmachen, mitreden und dabeisein wollen - in diesen sitzungen habe ich alles gelernt, was man über das fremdschämen wissen muss.

ich ärgere mich meist über kurze fünfwortkommentare. ein kurzes "schön", "sehe ich genauso" oder "sowas ist mir auch schonmal passiert..." empfinde ich als unhöfliches duftmarkensetzen und aufdringliches aufzeigen. ich verfasse keine derartigen kommentare, denn ich möchte wennschon dann gern umfangreich und elaboriert auskunft über die mir per text eingegebenen stimmungen geben. nicht zu lang, sollte er sein, mein kommentar und trotzdem präzise genug um das wohlige seufzen wiederzugeben, mit dem sich die lesende welpenseele rückwärts in ihr körbchen fallen lässt. achja: allzu anbiedernd sollte die freude über einen text dann auch nicht werden. niemand will eine pinscherseele in seinen kommentarsträngen, die sich sofort schutzlos auf den bauch wirft. dann schon lieber eine stolze pechschwarze dogge, deren herz man erst erobern muss.

und wenn ich jetzt einen text wie diesen von autoren wie jenem lese, dann fühle ich mich unangenehm ertappt. dann ist es, als donnere plötzliche die zeus´sche stimme meines damaligen profs durch den raum: fräulein manierlich, sie sind hier nicht im kino oder theater, wo einer für unterhaltung und die anderen für gutes publikum sorgen. bringen sie doch bitte auch einmal etwas konstruktives ein.

vermutlich wäre ich zunächst erst einmal knallrot geworden, wäre unangenehm nervös auf dem stuhl herum gerutscht und hätte dann etwas davon gemurmelt, dass zuhören doch viel schöner ist. dass ich nicht daran glaube, dass jeder kommentar schon aufgrund seines rückmeldenden charakters geäussert und gehört werden sollte. dass ich mich in meinem schweigen gern auf den feinen unterschied zwischen dem schweigen einer gelangweilten gruppe hauptschüler im heimatmuseum und dem hingerissenen schweigen berufe. und ich kenne und praktiziere (zumindest dort, wo es die höflichkeit gebietet) fast ausschliesslich das hingerissene, glücksglucksende schweigen. ich halte selbiges für eine hohe form der bewunderung und der achtung - auch wenn dies für den sprechenden nur schwer auseinander zu halten sein mag.

schweigen heisst in diesem falle, dass einer sache nichts mehr hinzuzufügen ist. ich zucke innerlich zusammen, wenn ein konzert durch das lästige geräusch aneinanderklappender, schwitziger handflächen beendet und damit in seiner vollkommenheit gestört wird - warum blasen die klatscher nicht gleich in blechhörner, die auch bei einem fussballländerspiel zu hören sein könnten? man betritt sofort verschlammtes terrain aber: gäbe es eine stille, dezente form der bekundung von ergriffenheit oder freude, ich würde sie sofort und exzessiv nutzen. sagen wir, demnächst würden an opernhauskassen riesige weisse papier-kaninchen auf fahnenstangen ausgegeben. ist eine vorstellung zuende und man selbst begeistert, hebt man einfach sein weisses kaninchen und fertig.

einfacher wäre das alles, wenn der schreibende sagen wir mal: an der supermarktkasse sitzen, meine waren übers band ziehen und dabei leise seine texte lesen würde. dann könnte ich eine handvoll schalotten in meine handtasche stopfe, mich kurz über den scanner beugen und leise etwas kleines, unbedeutendes vom wesen eines ersten krokus sagen. ich könnte freundlich lächeln und müsste nicht direkt das große, laute barocke blumen- und früchtegesteck zwischen uns knallen.

das problem ist doch, dass ich nach lektüre eines blogs nur eine äusserst rumorige, vergleichsweise lautstarke art der freudenbekundung habe. alles was nicht mit der fanfare getrötet und hinter einem zuckenden cursor in ein kommentarfeld gegossen wird, ist nicht vorhanden und wird zwangsweise als stille, passivität und vorbeischlendern gedeutet.

am ende der vorstellung klatscht vielleicht niemand. vielleicht geht einfach und erbarmungslos das licht im saal an und derjenigende, der sich viele anstrengende minuten auf der bühne abkämpfte, blickt nicht in strahlende gesichter, sondern einen leeren raum, der lediglich blass nach zuhörern riecht, in der letzten sitzreihe basteln sieben weisse kaninchen aus achtlos entsorgten eintrittskarten ein riesiges nest und alles, was der vortragende gern hören möchte, verrauscht im vorraum des foyers. darf ich bitte trotzdem auch zukünftig im zuschauerraum auf den ganz billigen plätzen stehen und mich freuen?
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