Es frühlingt sehr...

man merkt nicht nur dass es frühling wird, wenn einem die eigene wohnung hemungslos versifft und dreckig vorkommt. schon gar nicht merke ich, dass es frühling wird, weil mein körper bittend nach spaghettitops rufen würde (das schonmal gar nicht, siehe: meine magerquarkfarbige epidermis). frühling wird´s, so weiss die kleinstädterseele zu behaupten, wenn endlich wieder sperrmüll abgeholt wird, denn selbiger markiert hier zeitlich immer nahezu exakt den halbjährlichen übergang der jahreszeiten. (besonders wenn man in einer gegend lebt, in der es sowieso nur laues kalt und laues heiss gibt, in der die jahreszeitengrenzen sich also langsam auflösen. das liegt, so weiss die nachbarin von links unten, in deren wohnung es wie bei einem hehler aussieht, an irgendeinem französischen pseudo-föhn....)
sperrmüllzeit also. zeit, alles zu entsorgen, was sich im laufe eines halben jahres so ansammelt. dass das natürlich eine menge ist, steht ausser frage: offenkundig hat die halbe straße im letzten jahr einen neuen staubsauger erstanden und auch neue computermonitore scheinen ganz gut gegangen zu sein. fröhlich erschallt mit beginn des einbruchs der dunkelheit das kollegiale hupen weisser kinderschänder-kleintransporter und seit dem herbst bin ich dazu übergegangen, den keller nicht mehr selbst zu leeren, sondern auf höflich klingelnde anfragen ab 23.00 zu warten. einfach so die kellertür aufmachen und die selbstbedienung auszurufen (fand ich ziemlich praktisch) wurde im inneren des hauses nicht gern gesehen. gestern hing folgerichtig ein, im besten bioladenkeifton verfasster, hübsch mit cliparts verzierter computerausdruck an der haustür, der in 18pt comic sans darauf hinweis dass man bitte keine sperrmülldealer ins haus lassen möge.
kurz nach dem sperrmüll, beginnt sich dann am örtlichen kiez erstes leben zu regen. das wägelchen, aus dem heraus pferdefleisch in gläsern verkauft wird, steht wieder an der letzten strassenbahnhaltestelle der innerstädtischen zone. bei tengelmann finden die ersten basilikumtöpfe wieder reissenden absatz und ganze herden schlecht sozialisierter teenagermütter in spe tragen ihre babybäuche in weissen frottee-trainingsanzügen spazieren. die werdenden väter polieren ihre kantigen 80er-jahre cabrios auf hochglanz und legen in hitzigen diskussionen zur bekräftigung des gesagten eine hand auf die brust.
ich bin ja der festen überzeugung, dass es richtige innerstädtische kleinkieze nur in kleinstädten gibt, fernab von milchkaffee im unterholz und werbeklitschen die wie hiesige gutbürgerliche gasthöfe im bahnhofsmillieu heissen. hier ist nichts gebrochen (und schon gar nicht rhetorisch oder ironisch) und auf tischtennisplatten wird geraucht oder geknutscht , anstatt mitte-lässig drumherum zu hecheln und becks gold zu trinken. minigolf ist nicht das neue segeln, sondern minigolf und folglich ablehnenswerterweise doof. lediglich die funkelnagelneue ankündigung für de hazz macht sich vielleicht etwas fremd an den längst verbarrikadierten, in pariser messinggrün-verwitterung gestrichenen öffentlichen toiletten. das mit der mohnhaupt hat man gehört, flüstert es an der theke der bäckerei des no-name-supermarktes, aber es ist ja noch nicht raus, ob die jetzt wirklich hierher zurück kommt. aber weil frühling ist, quietscht mein dutzend papageientulpen trotzdem fröhlich den takt auf dem heimweg.
Miss Manierlich - 3. Apr, 18:07
