8
Apr
2008

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der abnabelungsprozess von den eltern hat in meinem falle eine elementare stufe übersprungen: diejenige, in der man seine eltern einmal als um jedes erzeugersein bereinigte, quasi nackte menschen sieht. ich habe mich beispielsweise nie gefragt, ob ich meine mutter respektieren oder gar mögen würde, würde ich sie nicht als mutter, sondern etwa als kollegin kennenlernen. sicher ist mir schon lange bewusst, dass mein vater, dieser kleine drahtige alte fritz, die furchteinflössende autorität die er noch immer für mich darstellt aus seinem schieren vatersein und keinesfalls aus seinem ehrfurchtgebietenden wesen bezieht. ich habe beide oft genug mit den verschiedensten emotionalen optischen gerätschaften des kindes betrachtet, sie nächtelang in mikroskopische einzelheiten und fernglasferne gesamtheiten zerlegt und erhöht und seziert - ein nichtauflösbarer rest blieb immer.

bis vor kurzem konnte ich auch nur darüber mutmaßen wie es sich anfühlt, etwas über seine eltern zu erfahren, dass es fürderhin unmöglicht macht, sich jemals wieder mit ihnen als eltern im eigentlichen , als instanz etwas guten und richtigen auseinanderzusetzen.

die familien meiner beiden patentanten wurden in den späten siebziger jahren bei einem fluchtversuch an der innerdeutschen grenze gefasst und mit ihren familien zu mehreren jahren haft verurteilt. aufgrund der engen verbindung und freundschaft, die zwischen meinen eltern und beiden familien bestand, folgten unmittelbare konsequenzen für meine familie: die patenfamilien betrachteten meine eltern bis weit nach der wende als verräter, als undichte stellen, die den fluchtversuch scheitern liessen. das regime hingegen nahm meine eltern als enge vertraute von republikflüchtlingen gleichermaßen ins visier und stufte sie als potenzielle aufrührer ein.

besonders meinen vater traf das misstrauen der patenfamilien unglaublich hart, der verdacht lastete bis zur akteneinsicht schwer auf ihm und ich weiss noch wie heute, wie er an jenem tag mit einem stapel trophäenartig vor sich hergetragener kopien, die ein feuerroter bstu-stempel zierte, den gartenweg hinaufkam. die präsentation dieses stapels papier (der erwartungsgemäß nichts als belanglosigkeiten enthielt) während einem der nächsten besuche der patenfamilien verlief hingegen keinesfalls so, wie er es erwartet hatte. als minderschwerer fall hatte mein vater natürlich erst viel später als die bei der flucht gefassten familien akteneinsicht bekommen, längst war geklärt, wer beide familien damals verraten hatte. bei diesem, in form und inhalt hochnotpeinlichen treffen kam es keineswegs zu einer wirklich tiefen versöhnung oder entschuldigung, vielmehr beschlich mich das gefühl, mein vater sei zutiefst enttäuscht, dass sich der durch die gescheiterte fluch und die inhaftierung entstandene graben nicht schliessen lasse. die patenfamilien waren nicht bereit, meinen vater als opfer des regimes zu akzeptieren oder sich gar für den verdacht zu entschuldigen. bespitzelungen über den gartenzaun, lachhafte wohnungsskizzen oder jahrelange überwachungen von telefongesprächen und briefen wogen keinen tag haft und trennung von mann und kindern auf. es gab keine entschuldigung, kein näherrücken - vielmehr verstärkte sich die kluft, das erfahrungsgefälle und das unausgesprochene gefühl eines zwecklosen ringens um die schaffung einer gemeinsamen verständnisbasis.

das heutige verhältnis ist ein oberflächlich entspanntes: gemeinsame kurzurlaube, gegenseitige besuche, der von beiden seiten ernsthaft betriebene versuch an etwas anzuknüpfen, dass am tag der missglückten flucht unwiderruflich zuende war. das thema inhaftierung ist auf eine merkwürdige weise präsent, insbesondere die trennung von den kindern, die während der zeit der elterlichen haft in heimen und bei pflegefamilien untergebracht waren.

kurzer exkurs:
eine meiner patentanten waren einen großteil ihrer haft in hoheneck untergebracht. wer sich die mühe macht, und auch nur den kurzen starttext liest, der wird mit einem gefühl heftigen kotzdranges belohnt - hoheneck war vor einigen jahren gegenstand schlimmster pr, da geschmacksresistente investoren aus dem für seine grausamen haftbedingungen berüchtigten gefängnis für politisch inhaftierte frauen eine art erlebnishotel machen wollten, zitat: " Und gerade diese Verbindung macht Hoheneck so interessant, das gibt es kein zweites Mal, dies eröffnet Möglichkeiten, die kein anderer hat!".

meine patentante spricht seit langem davon, dass sie sich mit dem gedanken trägt, hoheneck noch einmal mit ihren kindern, meiner mutter und mir zu besuchen. dass die führungen von der oben erwähnten firma organisiert wurden und die auf der website präsentierten presseberichte durch einen aufgegeilten geisterbahnton geprägt waren, sprach meine mutter im vorfeld behutsam an - wir fuhren trotzdem. was während dieser führung passierte, in welchem sensationsprallen, saftigen ton dieser ort im wortsinn zur schau gestellt wurde, entzieht sich jeglicher schilderbarkeit und war zutiefst verabscheuungswürdig und widerlich.

ich habe mich gewundert wie stoisch, beinahe paralysiert meine patentante neben uns stand, als man beispielsweise während der führung eine abteilung in der sie zwei jahre lang arbeitete präsentierte. dort wurde alte arbeitskleidung zerschnitten und zu was-auch-immer verarbeitet: "lumpenabteilung" wurde das genannt, süffisierte die führende kraft und liess bewusst offen, ob sich dies auf die hier arbeitenden oder das material bezog. wäre meine patin nicht dabei gewesen, hätte ich den mitarbeiter gern auf die geschmacklosigkeit seiner äusserungen hingewiesen und mich auf dem absatz umgedreht. so stand ich als tochter meines vaters, der aufgrund eines lächerlichen haufens akten seine unschuld beweisen und rehabilitation herbeiführen wollte daneben und habe mich zutiefst geschämt.

diese scham schlug in bodenlose wut auf meinen vater, der sich noch heute gern als, wenn auch kleines, unbedeutendes opfer der ddr stilisiert um, als meine patin auf dem heimweg sehr sachlich und sehr ruhig erzählte, mein vater hätte sie, ihren mann und ihre kinder während der beinahe fünfjährigen haft kein einziges mal besucht. an diesem nachmittag habe ich alles gelernt, was man über das gefühl angesichts unterbliebener zivilcourage wissen kann.

irgendwann erfährt man etwas über seine eltern, das diese um einen aspekt erweitert, der für einen kurzen augenblick jeglichen respekt und jegliche achtung vor ihnen abfallen lässt. dann sieht man seine eltern sehr klar und deutlich vor sich: den bstu-aktenstapel, das charakterschwache tuscheln über die furchtbaren geschehnisse in einem staat, das erschreckend unpolitische einer sich selbst als ehemals zutiefst staatsfeindlich empfindenden existenz (die im kern nur eine von tausenden unzufriedenen kleinen maulern war) einen verblendeten älterwerdenden mann, der zu feige war, seine engsten freunde während der haft zu besuchen. meine enttäuschung hätte nicht größer sein können, hätte ich erfahren dass mein vater ein kleiner zuträger war, der nachts mit spitzem bleistift kantinengespräche zu papier brachte. er hatte keine überzeugung - zumindest keine, für die er das äusserst geringe wagnis einzugehen bereit gewesen wäre, seine freunde zu besuchen. und er verdient sein bstu-feigenblättchen nicht, diese rechtfertigung, diese nachträgliche legitimation seines zutiefst unwürdigen verhaltens.
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