2
Mrz
2016

Heute, 02.03.

Der Tag beginnt novemberlich, vorm Fenster hängt dichter Nebel. Ich bleibe einfach liegen, atme flach, schaue nach draußen und warte, dass sich das Höhlengefühl einstellt. Wieder stört dabei das bodentiefe Fenster, dank dessen ich aber zumindest sehen kann, wie die Nachbarn (die, mit den ultrastylishen Möbeln) ihren Schäferhund (nicht so ultrastylish) ausführen. Der Hund schwenkt fröhlich den Po und strebt zum Wasser. Im Bad riecht es penetrant nach dem neuen Duschbad in einer überzuckerten Mädchengeruchsrichtung, mit der ich seit neuestem die Brille putze weil meine Stimmung steigt, wenn ich die ersten Stunden des Tages Rhabarber rieche.

Mit Kaffee und Zigarette in der Hand sehe ich vom Balkon aus den Nachbarshund missmutig heim trotten, als über dem Rhein eine Vogelgang aufflattert würdigt er sie keines Blickes. Ich frage mich, ob er tagsüber allein vor der Glasür zum Balkon liegt und nach draußen schaut. Seit August lebe ich jetzt hier, die Lage liegt weitestgehend ungenutzt vor sich hin und nötigt mich stumm.

Auf dem Weg zur Straßenbahn spiele ich im Kopf den Tag durch und merke, wie mich die enge Taktung und die Aussicht auf viele Stunden Besprechungen frustriert. Der Chef liegt mit nahezu allen Kollegen im kalten oder heissen Krieg und erwartet, dass wir seine frohe Botschaft ebenfalls verbreiten. Ich bin verdammt schlecht darin, überzeugend zu wirken, wenn ich mich schäme. Ich kann streiten, Sitzungen abbrechen, harte Kritik üben und schlechte Nachrichten überbringen. Mein Gesicht habe ich nicht unter Kontrolle, man sieht mir immer an, was ich denke und es kommt extrem blöd, Härte zu simulieren und mimisch gleichzeitig um Nachsicht zu bitten.

Ein Großteil der Belegschaft ist in einem Workshop und ich fasse immernoch nicht, wie umfassend und überall hier geworkshopt wird. In jedem Raum stehen mehrere Metaplanwände, Moderationsköfferchen und Flipcharts, die Ausgaben für Moderationskärtchen müssen astronomisch sein, immer springt irgendjemand auf und pinnt, skizziert und visualisiert etwas. Ich habe eine Klebepunktallergie und seit Monaten niemandem mehr die Hand gegeben, ohne schwarze Finger zu sehen (schlimmer Whiteboardmarker-Unfall).

Es gibt schon früh am Morgen Geschrei, beleidigte Eitelkeit und stures Festklammern an Befindlichkeiten. Ich klammere mich an das lächelnde Gesicht meines Lieblingsteamleiters und tappe nur ein Mal in die Falle, einem Vorwurf mit Rechtfertigung zu begegnen.

Nachmittags kippt die Stimmung und ich werde merkwürdig heiter. Wir lachen, jemand findet eine vergessen geglaubte Schachtel Gebäck, ich gehe vergnügt zum letzten Termin des Tages, der sich wie ein Absacker anfühlt. Zum Abendessen gibt es Simits, Radieschen und irgendetwas seltsam tomatiges von der Zwergenwiese.
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