6
Mrz
2016

Heute, 06.03.

Gestern Verabredung mit dem ältesten und engsten beruflich entstandenen Kontakt. Wir haben uns fast zwei Jahre nicht gesehen, wissen diffus was der jeweils andere so macht, aber ich habe trotzdem Angst vor dem, was passiert.

Treffen in einer fancy Industriehalle, in der er mit seiner (natürlich) Agentur residiert. Seit drei Jahren versucht er verzweifelt, wieder dort anzukommen, wo wir uns damals wegen meines Jobwechsels trennten. Er macht großartige Arbeit, hat ein perfektes Auge, unglaubliches Gefühl für Räume und Inszenierung und einen ziemlich guten Geschmack. Auf der Negativseite: Alkohol, eine fatale Neigung zu einem Lebensstil, der seinen (nicht einmal seinem damaligen,wirklich sehr gutem Einkommen) finanziellen Möglichkeiten nicht entspricht und einen Frauengeschmack, der immer in die Katastrophe führt (Typ überreizte, histrionische, sexuell neurotische Kindfrau). Es war damals zwischen uns beiden immer ein halb ernster, halb (vermutlich von meiner Hälfte) verlachter Scherz, dass er schon um die 6.000 Euro (netto natürlich) bräuchte, damit er sich nicht einschränken müsse und so leben könne, wie er sich dies vorstellte. Nun ist das durchaus ein Einkommen, das ich auch irgendwie vertun könnte, ich habe allerdings akzeptiert, dass man auch mit einem weitaus kleineren Betrag ganz schick leben kann. Er rennt dieser Summe immernoch hinterher und bis es soweit ist, lebt er schonmal so als ob. Die Agenturräumlichkeiten sehen ziemlich exakt so aus wie das, was ich vor nunmehr vier Jahren in der Kulturhölle hinter mir gelassen habe. Eiermann-Tische, Plakate hipper Kunstevents, jede Menge Apple-Hardware, Aschenbecher, ironische Deko, Mateflaschen. Mittendrin: der Mensch, mit dem ich acht Jahre lang alles geteilt habe, was nicht Haus und Bett war und der sich kein Stück verändert hat. Er lacht, gestikuliert, zeigt, rotiert durch die Räume um mir 3 Jahre Pitchen in a nutshell zu zeigen. Es sind wunderschöne Arbeiten dabei, keines der Konzepte wurde gekauft. Über Wasser hält er sich und seine handvoll Studenten und Praktikanten mit Promotionjobs, Knochenarbeit auf Messen und notfalls fährt er mit dem LKW über Nacht irgendwelchen Kram nach München oder Hamburg.

Er sieht einigermaßen gut , also nicht versoffen-aufgequollen und grau, sondern relativ frisch und gepflegt aus, beim Umarmen spüre ich wieder Ansätze von Köperspannung und Muskeln. Ich setze mich auf eine Hängematte, die pittoresk vor einer Fensterfront hängt und fange an zu rauchen. Er ist kaputt und am Ende, das Akquisegeschäft, das Klinkenputzen, die Buchhaltung, das Verschriftlichen seiner Ideen, das Hinterherlaufen und Networken macht ihn fertig. Das Umfeld, das mich innerlich sehnsüchtig aufseufzen lässt, weil mein Büro eine Hölle aus grauem Teppichboden, Eichenimitat und Besprechungsecke mit Freischwingerstühlen ist (das durfte ich mir - whooohoo- vor Antritt aus einem spiessigen Ringordner aussuchen, in dem hierarchie-abhängig die Ausstattung versammelt war), tröstet ihn, den es nach USM und Vitra gelüstet, nicht. Während ich mir zumindest letzteres privat gönne und mit der Unfreiheit im Büro erkaufe, steht er am Ende der Schwelle, an der solche Büros noch cool und nicht schäbig sind, die Ablösung in Form quirliger junger Männer steht bereit, er ist in his words zu alt für die Scheiße.

Ich habe Hunger, er besteht darauf mich einzuladen und schleift mich in ein neues Restaurant in der Nähe, an dessen Besitzer er seit längerem wegen eines Auftrags schraubt. (Als am Ende des Abends die Rechnung kommt sterbe ich vor Scham, weil er die Bedienung davon überzeugen will, er dürfe hier immer auf Rechnung essen, diese sich aber weigert.)

Seine großen Themen sind immernoch Selbstverwirklichung und Freiheit. Ich ergänze gedanklich verzweifelten Optimismus und glücksritterliche Zuversicht. "Es muss einfach", "Es kann nicht sein, dass" und "Wir sind doch wirklich gut, oder?" sind die großen Konstanten des Abends. Nach anderthalb Stunden muss ich ihm sagen, dass er sich dummerweise einen extrem akquise- und connection-lastigen Arbeitsbereich ausgesucht hat, in dem nicht viel so wenig gilt wie die Qualität und dafür umsomehr die Qualitätsvermutung großer, gut vernetzter und dauerpräsenter Platzhirsche. Was seine Qualität von deren unterscheidet ist, dass seine Ideen moderner, frischer und toller sein mögen - die gesetzten Mitkonkurrenten wissen, was exakt so oft verkauft wurde, um es dem nächsten Kunde noch als hinreichend neu aber gleichzeitig bestätigter Massengeschmack verkaufen zu können.

Fünf Jahre, wiederholt er immer wieder, fünf Jahre dauere es selbst bei den ganz Großen der Branche, bis es richtig laufe. Ich öffne schon den Mund um ihm zu sagen, dass 5 durchschnittliche Jahre nicht bedeuten, dass es in fünf Jahren immer klappe. Sondern, dass die Wahrscheinlichkeit innerhalb dieser fünf Jahre am größten sein mag - um dann danach abrupt abzubrechen. Es heisst nicht, dass es doch jetzt, innerhalb von einem Jahr klappen müsse und die Warscheinlichkeit von Tag zu Tag höher wird. Es heisst: Du bist vermutlich keiner der ganz Großen, bei denen es klappt.

Wir umarmen uns lange im Auto, er bittet mich darum, ihn nicht direkt heim, sondern an einer Tankstelle abzusetzen. Ich fahre sofort los, weil ich nicht sehen möchte, mit welchem und mit wieviel Alkohol er wieder herauskommt.
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