8
Mrz
2016

Heute, 08.03.

Ich gebe gern und verhältnismäßig (gemessen am Anteil meines Einkommens,) viel Geld für Essen aus. Das heisst: Basics im Lieblingssupermarkt, dazu Wochenmärkte, alles vom Tier (das macht aber einen eher kleinen Teil aus, Fleisch ist nicht so arg meins, nur bei Gulasch, Bolognese und Sushi setzt es bei mir aus) beim lokalen Fachdealer, viel auswärts essen, viel und genussig daheim kochen. Wenn ich Kokoswasser, den ersten Spargel, grüne Smoothies oder Konditoren-Schweinsöhrchen will, dann schmeisse ich Geld nach dem Wunsch. Essen ist mir wichtig und folglich gebe ich dafür gern und relativ sorglos Geld aus. Ich weiss nicht, ob das ein Privileg ist, aber wenn, dann ist es sicherlich eins, das man wollen muss. Und zwar immer und unabhängig vom Einkommen.

#armeleuteessen also. Ich weiss (im Sinne von: selbst oder aus nächster Nähe gesehen) nichts darüber, wie oder was arme Leute essen. Was ich weiss ist, was man halt so glaubt, oder was zu glauben man nahegelegt bekommt, was arme Leute essen oder (noch schlimmer) was sie vermeintlich essen könnten, wenn sie nicht ihre ganzen paar Kröten für Kippen, Alkohol und anderen Kram raushauen würden. Was speziell in letzterem mitschwingt ist der latende Vorwurf, das Geld sei da, allein es fehle der Wille, das Engagement, die Fähigkeit zur priorisieren. Fakt ist: Armut bedingt schlechtes (also z.B. industriell hochverarbeitetes, naturfernes, in Treibhäusern und Quälanstalten produziertes Zeug) Essen. Genauso wie eher beengte Wohnverhältnisse. Kein Urlaub. Eingeschränkte Mobilität. Das ist schlimm - aber keine Wertung, Etwas ein "Armeleuteessen" zu nennen, ein Essen also als billig, günstig, wasauchimmer zu bezeichnen, sagt (zumindest in meiner Lesart) nur etwas über den Preis aus - aber nichts darüber, dass Menschen mit wenig Geld nichts anderes verdient hätten oder eben nichts anderes essen dürften. Es sagt: die Zutaten, die dieses Essen ausmachen, sind billig oder auch für Menschen mit wenig Geld erschwinglich. Und ganz ehrlich: wenn ich mir Kartoffelbrei mit Spiegelei oder Arme Ritter mache, tue ich das nicht, weil ich mit kribbelnder Kopfhaut mal in meiner bornierten Wohlfühlbubble erfahren will, was die armen Leute so essen. (Das einzige überteuerte Lebensmittel, das ich wirklich mag sind Trüffel. Wenn ich mir das mal gönne, dann weil ich den Geschmack sehr gern mag - nicht weil ich mal wissen möchte, wie es sich anfühlt reich zu sein).

Ich würde mir wünschen und ich würde mich ehrlich freuen, wenn jeder Mensch, egal ob arm oder reich oder gefühlt irgendwo dazwischen gut und nachhaltig essen könnte - und dies auch täte. Und komischerweise war mein erster Gedanke beim ArmeLeuteEssen-Experiment nicht, den armen Menschen mal zu zeigen, dass man sehr wohl bio essen könnte, wenn man nur wöllte. Sondern: Druck auf diejenigen auszuüben, die finanziell sehr wohl könnten, es aber trotzdem nicht tun. Jemandem, der pro Tag wenige Euro für seine Ernährung hat, mache ich keinen Vorwurf, wenn er sich gegen bio und für irgendetwas anderes, z.B. mehr Masse entscheidet. Jemandem, der das Geld hätte, aber beim Essen spart, darf man hingegen sehr wohl die Frage stellen, warum sich in dieser Weise entschieden wird. Und im Gegensatz zum Empfänger von finanzieller Unterstützung sehe ich hier wirkliche Verantwortung für den eigenen Konsum und den Teil des Verhaltens sowie von Entscheidungen, die durch Geld bestimmt werden. Für mich war der Duktus des Experiments: Wenn es sogar unter den denkbar schlimmsten finanziellen Bedingungen möglich ist, sich bewusst und gut zu ernähren - dann gibt es eigentlich keine Ausrede und keine Entschuldigung mehr, dies bei höherem Einkommen nicht zu tun. Deutlicher: Dann ist es eine bewusste Entscheidung (für Urlaub, eine höhere Taktung beim Erwerb technischer Geräte, größere Wohnungen, tollere Autos), das Geld nicht für Essen auszugeben. Spannend ist für mich nicht die Biorama-Frage, ob sich bio nur "Besserverdiener" leisten können - sondern ob es Menschen gibt (von miraus kategorisiert anhand ihres Einkommens), die sich etwas leisten müssten. Und die sich wirklich dafür rechtfertigen müssten, es nicht zu tun. Ich möchte über Entscheidungen sprechen - nicht über die Auswirkungen von Bescheiden. (Extrem regt mich beispielsweise immer auf, wie ein bisschen Kleingeld für einen offenkundig Obdachlosen mit Verweis darauf, das Geld würde ja doch nur versoffen, verwehrt wird. Diese den-Gegenstand-meiner-Wohltat-bestimme-immernoch-ich-Attitüde ist superschlimm. Mich freut der Gedanke, dass sich jemand für das bisschen Kleingeld ein Bier kaufen kann, auf das er Lust hat. Das Essensding ist irgendwie genauso: kauft euch etwas Gutes, Sinniges, Wertiges, wenn ihr schon Geld von der Allgemeinheit bekommt.)

Ausgesprochen schlimm ist leider auch die reflexhaft um sich beissende Reaktion derjenigen, die sich sofort zum Rächer der Entehrten machen. Ich finde es nicht zynisch, ein Essen "ArmeLeuteEssen" zu nennen und das "Experiment" übt m.E. viel mehr Druck auf die, die sich gutes Essen leisten können aus, als auf Menschen, die finanzielle Unterstützung beziehen müssen. Überhaupt keinen anderen Verhaltensmodus als Empörung und keine andere Reaktion mehr als Betroffenheit und Kränkung zu empfinden ist ebenfalls eine bewusste Entscheidung, Wie ich meine Privilegien checken soll, ohne mich zu fragen wie es ohne sie aussieht, oder wie Verzicht aussähe, ist mir nicht klar. Ich dachte immer, sich in andere Lebensumstände hineinzuversetzen, wäre etwas Richtiges - die Reaktionen auf diese läppische Aktion belehren mich aber gerade, dass das borniert und überheblich sei. Entbindet wenig Haben vom wollen müssen? Muss man viel haben, um zu können?

Niemand muss die Kraft haben, etwas zu wollen. Niemand muss wollen können. Aber auch ohne Müssen und Wollen gibt es Verantwortung, und sei es auch nur für die eigenen Entscheidungen.

Im vielgeteilten Artikel "vom Luxus über #armeleuteessen zu fantasieren" findet sich leider ganz am Ende Krudes. Hier heisst es:

[tl,dr: Selbstversuche wie #armeLeuteessen möchten bestimmte Menschen(gruppen) motivieren, Konsumentscheidung für sich zu begründen bzw. bestimmte Argumente bestimmter Menschen nicht gelten zu lassen, ohne zu hinterfragen, auf welcher Grundlage welche Entscheidungen getroffen werden. Das ist missachtende Kackscheiße und nicht nachhaltig.]


Ich verstehe es einfach nicht. Warum werden die Erfahrungen von Menschen mit wenig oder kleinem Budget für Ernährung für ungültig erklärt, wenn ich meine eigenen Konsumentscheidungen hinterfrage? Darf wirklich nur noch derjenige über ein Problem (und ich halte es für ein Problem, sich aus finanzieller Not schlecht ernähren zu müssen) sprechen, der es nicht nur selbst sondern dauerhaft und unverschuldet erlebt, weil alles andere Missachtung und Herabwürdigung ist? Ähnliches ist hier zu lesen: Warum ist es überhaupt notwendig, sich im Rahmen eines Selbstversuchs einen Einblick in diese Lebenssituationen zu verschaffen, wenn es doch genügend Menschen gibt, die mit diesen Lebenssituationen auch tatsächlich leben? Warum greift man nicht auf deren Erfahrungsschatz zurück, gibt ihnen den Raum darüber zu sprechen und nimmt sie dabei auch als Experten ihrer Lebenslage ernst?. Ernsthaft, wir fragen uns, warum es eigentlich notwendig ist, sich einen Einblick in eine Lebenssituation zu verschaffen, die nicht die eigene ist? Selbstversuche (für mich sind es keine) sind ebensowenig nachhaltig wie Zuhören und repitierende Schilderungen Betroffener. Glaubt ernsthaft jemand, der Mindestsatz wäre so niedrig, weil noch nie jemand die Gelegenheit gehabt hätte ernsthaft und eindringlich zu erzählen, wie sich das Leben mit Mindestsatz anfühlt? Dass es also nur ein Mal ein richtiges, ernsthaftes, echtes Zuhören geben müsse, damit sich etwas ändert? Es ist anders und schlimmer: Jeder weiss, dass das zu wenig Geld ist. Jeder kann sich vorstellen, wie beschissen es ist mit so wenig Geld zu leben. Zuhören ändert nichts - ändern ändert etwas. Und Perspektivwechsel sind nichht die schlechtes Ausgangsbasis für Veränderungen.
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