20
Aug
2012

Glamour und Diskurs

Gemütlich in ein feuchtes Badetuch eingewickelt (und langsam das Sofa durchfeuchtend) habe ich das Wochenende mit Viktor Pelewins "Fünften Imperium" verbracht - ein großartiges, großartiges Buch. Allein schon wegen des Todesbonbons und des Hamlets...
(Also: Lesen. Sofort! Und sich darüber freuen, dass Vampirausbildung auf den beiden Säulen Glamour und Diskurs beruht...)

Mächtig viel "Diskurs" liest man neuerdings auch in Blogs und auf Twitter. Fast möchte man glauben, es gäbe gar keine Gespräche, Austausche oder lockere Konversationen mehr - alles, was irgendjemandem nach zu wenig Schlaf und zu vielen Zigaretten im Hirn aufploppt und in die tastatur gehackt wird, ist "Diskurs". Was ich persönlich extrem nervtötend finde, da Diskurs (zumindest für mich) eben irgendwie mehr ist, als sich in wohlfeilem Soziologie-Proseminar-Duktus über Pussy Riot auszutauschen. Diskurse sind für mich Gespräche, die den Austausch zwischen personalisierten Gesprächsparteien längst verlassen haben: Große, kraftvolle Ideen und Inhalts-Ströme, zu denen bzw. innerhalb der man sich verorten und Haltung beziehen muss. Über-Gespräche, die etwas zum Beben bringen. Jeden sinnlosen Kommentar, den man mal in sein Blog gerotzt hat, gleich als eigenen Beitrag zu diesem oder jenen Diskurs auszurufen klingt für mich nach schwerer Hybris: Ich denke nicht - ich reflektiere. Ich führe keine Gespräche - ich beteilige mich an Diskursen. Schlimm sowas.

Ebenfalls schlimm (und nebenbei hübsch bezeichnend für die oben angesprochene Hybris):

Jens Best und die Todesstrafe für Agrarspekulanten

Hier mal die schlimmsten Zitate:

"Als ich gestern die Schlagzeile las, dass wieder mal eine Hungersnot aufgrund von Dürren anstehen würde, fragte ich mich, ob sich an einer anderen Ursache für hohe Nahrungsmittelpreise auf dem Weltmarkt irgendetwas verändert hatte, seit ich mich das letzte Mal darum gekümmert hatte."

Wie jetzt: "seit du dich das letzte mal darum gekümmert hast"? Ich nehme nicht an, dass hier "Kümmern" im-Sinne von sich-um-die-Blumen-des-Nachbarn-kümmern gemeint ist. Sondern eher: 2008 habe ich mich mal total eingehend im Zuge meines Komplexe-Zusammenhänge-in-einer-Nacht-begreifen-Selbstbildungsprogramms mit Terminhandel befasst. und sofort kapiert, woran das System krankt und was man ändern muss. Ich kümmere mich gerne mal um die ganz dicken Bretter - solche kleinen Gedankenspielereien halten fit und rege.

Ich kenne die Finanzbranche und insbesondere die Ecken, die das große Geld verwalten, durch persönliche Kontakte gut. Die Wirkung von spekulativen Termingeschäften auf die realen Warenmärkte hat intern noch nie jemand ernsthaft bestritten. Im Gegenteil, darin liegt ja der Reiz dieser Variation des immer gleichen perversen Spiels, um aus Geld noch mehr Geld zu machen ohne irgendeinen anderen Wert zu schaffen.

Ja klar: die Ecken, wo das richtig große Geld verwaltet wird - die kennst du natürlich wie deine Westentasche. Ebenso wie den internen Meinungskonsens bezüglich Termingeschäften. Was genau soll dieses Pseudo-Insidergetue?!? Und wenn wir gerade dabei sind: Was konkret hast du eigentlich schon geschaffen, was einen Wert hat? (ich verkneife mir jetzt mal eine spitze auf Brachliegendes....)

Also doch Todesstrafe – das geht dann ans Eingemachte, da hilft kein Bonussystem, keine Karriereaussichten, keine PR. Wenn die letzte Glocke geläutet wird, wird auch der räudigste Hund geläutert (oder zieht wenigsten den Schwanz ein).

Alter! Wenn die letzte Glocke geläutet wird? Dann hilft auch keine PR mehr? Und vielleicht auch - ich wage es kaum auszusprechen - keine wohlfeilen Pseudo-Provokationen per tweet?

Plötzlich waren alle auf Twitter voll besorgt um das arme Banker-Menschenleben, welches da aus Strafe für sein massenmörderisches Handeln (“er wusste es doch nicht”) nun theoretisch in Jens nachmittaglichen Wahnvorstellungen zum Bock geführt werden würde.

Ich sage es gern noch einmal: Wer die todesstrafe ablehnt (was für mich schlichtweg auch eine Frage humanistischer Gesittung ist), der lehnt sie für alle Menschen gleichermaßen ab. Für politische Demonstranten und Päderasten-Scheisskerle. Für Revolutionäre und Mörder. Für zu Unrecht inhaftierte Freiheitskämpfer und gewissenlose Waffenhändler. Es gibt kein bisschen Todesstrafe. Es gibt kein "für bestimmte Vergehen"-angemessen. Das einzige was es gibt ist: ein Tweet, der im Sommerloch mal wieder ein bisschen die eigene spon-ability erhöhen sollte - notfalls halt auch mit Todesstrafe.

“Nein” twittert es aus allen Ecken, nicht Todesstrafe, sondern Grundgesetz führe uns hier langfristig zum Ziel. Ausgerechnet wo die Gier die Vernunft bereits besiegt hat, soll also das Klopfen auf das Grundgesetz zu mehr Menschlichkeit führen. Ich verschwendete wegen diesem wenig reflektierten aber doch brav auswendiggelernten naiven Verfassungspatriotismus einen letzten Gedanken an die Todesstrafe.

Richtig ist richtig - falsch ist falsch. Der vermeintliche Grad der Reflektion, der zum einen oder anderen führte, spielt exakt keine Rolle. Und was soll diese überhebliche Häme gegen das "brave Auswendiglernen"? Lass mich raten: der Gegenpol dazu ist das kleine Wunderkind, das schon in der Schule im Geschichtsunterricht mit historischen Konventionen brach, sich nie einer Denkunmöglichkeit beugte und dieses nimmermüde, reflektierende, sich dem Auswendiglernen entziehende Genie in den Dienst der ganz großen Ziele des 21. Jahrhunderts stellte? Z.B. nachts total entgrenzt und ohne Auswendiglernen mal das Hungerproblem auf der Welt lösen? Oder einen kamerabewehrten Mob mit brennender Verbalheugabel....?

Nix Advocatus Diaboli, ich war einfach der anti-humanistische Arsch.

Ja genau: advocatus diaboli - so sieht sich deinesgleichen extrem gern. Ehrlich, du unermüdliche Wahrheitsfliege, die peinigend-lästig den Kopf des Despoten umbrummt und ausspricht, was sonst keiner zu sagen wagt. Diabolisch präzise treffen deine unangenehmen Wahrheiten mitten ins Herz der braven Auswendiglerner. Und: anti-humanistisch? Wie wäre es mit: Stammtisch? Klingt nicht so glamourös - aber deine Argumente sind die des erregten Bürger-Mobs, der nachts Mahnwachen vor Wohnhäusern von Pädophilen hält. der Bürger- und Menschenrechte mit Füßen tritt. Der ganz gern selbst definieren möchte, wieviel Schuld ein Mensch auf sich nehmen muss, bis ein Recht auf leben in ihrer Gemeinschaft verwirkt ist. und der sich in die Enge getrieben dann auch gern in triefenden Sarkasmus flüchtet:

Nun denn, ich werde also meiner Wut an die Kette legen. Werde brav davon sprechen, wie mit mehr Transparenz, auch gerne mal erzwungener Transparenz die Märkte humanisiert werden können. Wie mit “Mehr Daten für alle” auch mehr Wissen über die weltweiten Handelsrealitäten und damit automatisch mehr Gerechtigkeit Einzug hält, weil der Mensch ebenso ungern wie seinen ganzen Kopf auch schlicht das Gesicht verliert. Werde minimale Strafen monetärer Natur als Erfolg ansehen, wohlwissend, dass hinter verschlossenen Mahagoni-Türen gegrinst wird über die Peanuts, mit denen man die Gutmenschis befriedigte. Wohlwissend, dass mindestens der gleiche Betrag simultan an Auftrags-Aufmerksamkeits-Profis rausgeht, damit so ein ‘Maleur’ nicht nochmal passiere. Wohlwissend, dass irgendein Kommunikationsstudent direkt aus dem Studium eingestellt wird, um zwei Jahre lang ein wenig Corporate Awareness Citizenship Tralala darüberzumalen.

Wie wäre es mit: Ich werde einmal etwas tun, ohne es vorher öffentlichkeitswirksam anzukündigen? Werde mir einmal meinen ekelhaft-abgeklärten klugscheißenden Zynismus verkneifen? Werde einmal nicht den ultra-informierten Insider mit wissendem Lächeln geben?

Ganz im Ernst: Wirf mal einen Blick auf dein xing-Profil. Lies dir nur ein Mal durch, was dort steht. Findest du wirklich, dass jemand dessen persönlicher Qualifikations-Honig z.b. eMail-Marketing, SEO und Yachtchater umfasst geeignet ist, dem geneigten Leser den Ekel und die Absurdität unseres Wirtschaftssystems zu erklären? Du stehst an ziemlich ähnlichen Fleischtöpfen. Und du hast die Frechheit, mit noch vollem Mund und einem guten Nachschlag auf dem Löffel in Richtung der Nachbarkantine zu zeigen, und dich selbst als "advocatus diaboli" zu stilisieren? Ehrlich: das ist schon fast wieder witzig.
Weltenweiser - 23. Aug, 08:49

Ist das nicht die übliche Provokation von ihm? Sich darüber aufzuregen ist legitim, aber man kann die Zeit doch so viel schöner verwenden. Danke für den Buchtipp. Und es freut mich sehr, hier mal wieder etwas zu lesen.

Miss Manierlich - 27. Aug, 09:19

Naja, ich finde das ist schon irgendwie eine neue Qualität - weil so eklig moralisch augeplustert und empört. Und ich finde, sich darüber wiederum selbst zu empören ist doch eine ganz nette Beschäftigung ;-)
logo

Miss Manierlichs Manierismen

Aktuelle Beiträge

Nachgefragt
Nachdem der Text ja nun schon älter ist, hätte...
NullOuvert (Gast) - 9. Apr, 21:24
payday loans
aabpvylj http://paydayloansaustrali afsc.com/ payday...
payday loans (Gast) - 8. Mrz, 00:02
Ein Jahr in der Niemandsbucht
Es gibt in "Amanda Herzlos" eine Stelle, die so geht:...
Miss Manierlich - 4. Mrz, 21:31
Sie
sollten hier wirklich mehr schreiben.
kuhlila (Gast) - 4. Mrz, 00:43
Mist, ich springe wirklich...
Mist, ich springe wirklich immer wieder auf diese Art...
Miss Manierlich - 12. Feb, 20:13

Archiv

August 2012
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
 
 
 1 
 2 
 3 
 4 
 5 
 6 
 7 
 8 
 9 
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
21
22
23
24
25
26
27
29
30
31
 
 
 

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Schimpf und Schande - behave!

manierlich (at) web.de

Suche

 

Status

Online seit 2560 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 9. Apr, 21:24

Credits

vi knallgrau GmbH

powered by Antville powered by Helma


xml version of this page

twoday.net AGB


Anhedonie
Aufgelesen
Bloschenromane
Diorama
Dolce & Dubios
Miu Meu
Scarpediem
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren