8
Jun
2006

Leiden in Zeiten des Ostblocks

im klappentext des buches "die asche meiner mutter" steht sinngemäß: jede irische kindheit ist schlimm. besonders die arme irische kindheit. und besonders die irische, verarmte, katholische kindheit. ich wage zu behaupten: die ostdeutsche kindheit nimmt es zumindest hinsichtlich des essens allemal damit auf.

ich war schon immer ein extrem schwieriges kind, was das essen anbelangte. und die prekäre mangelsituation im osten deutschlands der 80er jahre hielt für jemanden wie mich jeden tag aufs neue unendliche qualen bereit.

bereits mit dem eintritt in den kindergarten ereignete sich jeden morgen folgendes ritual. ich mochte partout keine butter oder sonstige gelblichen fettbeschmierungen auf meinem von daheim mitgebrachten frühstück. meine kindergartenerzieherin machte es sich jedoch zur frühmorgendlichen aufgabe, alle mitgebrachten kinderfrühstücke auf die ausreichende verwendung von fett zu untersuchen. jeden morgen wurde mein geliebtes milchbrötchen mit selbstgekochter marmelade in die küche zu einer schwitzenden, achselbehaarten matrone gegeben, die den erzieherisch dringend notwendigen fettfilm über mein frühstück legte. allein der umstand, dass die selben hände wenige sekunden vorher irgendetwas anderes in der küche berührt haben könnten, machte mir den genuß des brötchens schier unmöglich. achja: milchbrötchen sind leicht gesüsste helle brötchen, die etwa die konsistenz von butterhefezopf haben.

bis heute will mir einfach nicht einleuchten, warum es damals so schwer gewesen sein soll, für kinder zu kochen. meiner erfahrung nach sind kinder extrem dankbare, wenn auch in ihrem genußspektrum recht eingeschränkte esser. nudeln mit tomatensoße beispielsweise gab es mit glück alle 2 monate. dafür mindestens einmal pro woche kräftig geschwefelte kartoffeln mit quark und einem obskuren stückchen (ich wage es kaum aufzuschreiben - übelkeit weht mich an) leberwurst. nachmittags ging es grausam mit der obligaten tasse lauwarmer milch weiter. seit dem zeitpunkt meines abgestilltseins habe ich mich strikt geweigert, milch in anderer form zu mir zu nehmen, als mit so viel kakao, dass die milch beinahe schwarz wurde. allein vom geruch erwärmter milch wurde mich speiübel. für die nachmittägliche milch galt das gleiche regel, wie für mittagessen und frühstück, die darin bestand, dass es nicht einmal eine wahlmöglichkeit zwischen friss oder friss nicht gab: es wurde gegessen und punkt. ich weiss nicht wie viele stunden ich vor tellern mit langsam erkaltendem, sich auflösendem mittagessen gesessen habe und beobachtet habe, wie sich quark in der mittagshitze langsam in schlierige bestandteile auflöste oder wie fettiges schweinefleisch sich langsam zusammenzog. manchmal hatte ich glück und musste nur die kartoffeln, die so extrem nach schwefel rochen, dass ich rückblickend fast meinte, mir müssten die augen getränt haben, essen. meist galt jedoch: mindestens die hälfte aller auf dem plastikteller befindlichen dinge musste gegessen werden. es hätte mir absolut nichts ausgemacht, im kindergarten gar nichts zu essen. aber kutteln, fettige eintöpfe oder erwärmte grobe blutwurst mit kartoffelbrei bekam ich beim besten willen nicht herunter. von extremen abartigkeiten wie braungekochtem spinat, leber und anderen innereien abgesehen - selbst bei kartoffelsuppe verspürte ich das prägnante würgegefühl, den dauerbegleiter meiner kindergartenzeit.

wenn mittags aus einem wagen die abgeschrammten, dunkelgrünen esseimer abgeladen wurden, schlug auch im sommer immer die stunde der wahrheit - der für mich allerschlimmste denkbare inhalt war puddingsuppe. puddingsuppe bestand im kern aus mit milch leicht verdünntem pudding, in den dann wahlweise eine scheibe hefeknödel oder trockenes, keksartiges zeug gebröselt wurde. wer jemals im sommer bei 30 grad einen viertelliter heissen erdbeerpudding essen musste weiss, wovon ich rede. ganz furchtbar war auch etwas, das wellfleisch hiess und im kern extrem bauchspeckhaltiges, grau-verkochtes schweinefleisch mit extremer kümmel-lastigkeit war. selbst die eigentlich annehmbaren spirelli mit tomatensoße wurden mir irgendwann durch die beigabe von fragwürdigen wurstwürfelchen vergällt - diese einfach an den tellerrand zu sortieren oder im sommer, wenn draussen gegessen wurde, irgendwo im gebüsch verschwinden zu lassen, war selbstredend unmöglich und wurde mit maximaler härte geahndet.

ich weiss nicht, wieviele gespräche meine eltern mit den kindergartenerzieherinnen führten. fakt ist aber, dass eine selektive lockerung der essregeln für mich niemals durchgesetzt werden konnte. fakt ist ebenfalls, dass ich nach 2 traumatischen jahren zunächst jeden morgen heftige wein- und schreianfälle bekam, wenn ich in den kindergarten gebracht werden sollte, die sich im späteren verlauf dahingehend entwickelten, dass ich zunächst regelmässig nach dem essen kotzte und später wieder anfing, nachts und während des mittagsschlafes ins bett zu machen. insbesondere letzteres trug nicht unbedingt dazu bei, dass die pädagogischen drakoner mich tiefer in ihr herz geschlossen oder mir gar das essen erlassen hätten - in der folge aß ich immer direkt neben den erzieherinnen, die strengstens kontrollierten was und wie ich aß und mich permanent aufgrund meines ess-neurotischen bettnässens und meiner legendären kotzanfälle vor dem rest des kindergartens vorführten. nachmittags saß ich oft als einziges kind im inneren des kindergartens und bekam garten- oder sonstiges aktivitätenverbot. das hatte zumindest den vorteil, dass mir die nachmittägliche essenspause erspart blieb, zu der jedes kind eine tasse lauwarme milch trinken musste.

an den kindergarten-horror schloß sich mit meiner einschulung der nachmittägliche schulhort an, zu dessen extremen nachteilen das gemeinsam einzunehmende mittagessen - der gleiche inakzeptable dreck wie im kindergarten - gehörte. der extreme fraß und die daraus folgenden qualen blieben also die gleichen. zum glück hatten meine eltern aber ein einsehen und liessen mich mittags von meiner großmutter abholen, die seit monaten darauf drängte, meiner essensqual ein ende zu bereiten und mich mittags bekochen zu dürfen. ab dem zeitpunkt galt es nur noch, die morgendliche schulmilch zu umschiffen, die manchmal im winter bereits gefroren ankam und dann in eigens dafür an den heizkörpern im klassenzimmer befindlichen milchbehältern langsam aufgelauwärmt wurde.

ich bin eine absolut pathologische wiederholungsesserin und koche mir manchmal drei wochen lang jeden abend exakt das gleiche essen. meine eltern berichten dass es eine zeit gab, in der ich als kind jeden abend ein wienerwürstchen mit senf gegessen habe und mich weigerte, selbst bei besuchen oder in restaurants etwas anderes zu mir zu nehmen.

aus der oben geschilderten zeit resultiert u.a. auch meine extreme abneigung gegen jegliche form weiterverarbeiteten fleisches - ausser hotdogs und paté kann ich nur fleisch ohne haut und vollkommen ohne fett essen. ausserdem bin ich von dem zwang beseelt, sofort nach dem kochen alle reste auf tellern und aus töpfen zu entsorgen. seit rund 5 jahren esse ich absolut keine milchprodukte, ausser einem gelegentlichen klecks sahne in einer sauce oder einer kugel eis, was mir eine veritable calzium-mangelerscheinung eingebracht hat. ich reagiere absolut allergisch darauf, in restaurants etwas zu essen, von dem ich annehmen muss, es könnte in bereits zubereiteter form im kühlschrank gelagert worden sein. ich probiere nichts von genjis teller, das auch nur in der nähe von einer salatbeilage mit yoghurtdressing lag. ich habe getrennte messer zum schneiden von zwiebeln und obst. vor weissen lebensmitteln, selbst spargel und leichenblasser pasta, grusele ich mich und bis heute kann ich keine pellkartoffel essen, weil mir sofort ein imaginärer schwefelgeruch in die nase steigt. ich kann nichts zu mir nehmen, was sich durch für mich distinkte nahrungsmittelgruppen auszeichnet - gemüse und eier zählen beispielsweise dazu. mir wird schlecht, wenn ich irgendwo ein fettauge erspähe. ich ekele mich vor flüssigkeit, die aus bereits gekochten dingen auf dem teller austritt - beispielsweise, wenn man fisch anschneidet. ich verspüre tiefsten widerwillen vor allen dingen, die ein knorpeliges bissgefühl haben - garnelen und hummer zählen dazu. ich würde am liebsten jede verkäuferin in einer bäckerei darum bitten, meine frühstücksbrötchen mit handschuhen in die tüte zu stecken - und bäckereien, in den bereits belegte brötchen neben dem baguette liegen, meide ich.

es gibt leute mit schicken oder zumindest interessanten ess-ekel-ticks. von g. mahler (korrigier mich, wenn ich mich irre, putiput) erzählt man sich beispielsweise, er konnte kein fleisch essen, dass noch in der tierischen ausgangsform auf den tisch kam: beispielsweise musste backhühnchen-fleisch so ausgelöst sein, dass nicht mehr erkennbar war, woher es stammte. mein ess-tick ist im kern einfach nur lästig und hinderlich. egal was man sonst an der erziehung eines kindes alles falsch machen kann: meine eventuellen nachkommen müssen niemals und unter keinen umständen etwas essen oder auch nur probieren, was ihnen sichtlichen ekeln bereitet.

***

kleiner nachtrag, um den ess-erinnerungsteil meiner kindheit zumindest ein wenig aufzuheitern:
auf den schrecken einer woche im kindergarten folgte stets ein wochenende des verwöhnens von seiten meiner eltern und meiner schwester. beispielsweise habe ich so furchtbar gern die schnitzelpanade gegessen, dass meine panier-versierte schwester mir am wochenende regelmässig ein schnitzel "nur aus panade" machte. staubtrocken aber wirklich unglaublich toll. ausserdem eine großartige schnitzel-mimese für meinen vater, der es nicht sonderlich gern sah, wenn nicht alle das gleiche auf dem teller hatten. ich war den tränen nahe, als er einmal aus versehen mein panade-schnitzel auf dem teller hatte.
C. Araxe - 9. Jun, 12:36

Als Kind habe ich kein Fleisch gegessen. Sie werden ahnen, weshalb nicht. Meine Mutter erzählte mir, dass sie einmal eine ganze Portion Fleisch in meinem Mund entdeckte. Abends, als sie mich vom Kindergarten abholte.
Der Teller musste ja leer werden ...

Miss Manierlich - 9. Jun, 13:47

das klingt beinahe wie aus einem surrealen roman: man stelle sich nur vor, wenn jemand in einem buch von vian entdecken würde, sein gegenüber habe aus unerklärlichen gründen fleisch im munde. a propos: darf ich die erinnerung verwenden? ich meine, wenn es mich jemals surreal anwehen sollte?

bestes,
miss manierlich
C. Araxe - 9. Jun, 13:54

Gern. Vor allem wenn Sie das mit Vian verbinden.

Der Fleischausreißer, Das Fleisch der Tage oder doch lieber Herbst im Fleisch?
Miss Manierlich - 9. Jun, 13:59

ich dachte eher an: ich werde auf euer fleisch spucken. mal schauen, was mir dazu noch einfällt.

bestes,
miss manierlich

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