Bedrückendes

ich mag die bösartigen traumbilder von herrn füssli. ich ärgere mich furchtbar, dass ich erst zwei monate später geburtstag habe, ergo 8 wochen zu spät in die tate britain komme - wenn passenderweise die gothic nightmares schon wieder in kisten verpackt an den ort ihres stamm-verbleibs zurück geschafft werden. füssli ertappte mich zum ersten mal vor rund 16, 17 jahren - damals bekam ich zum geburtstag ein bändchen mit perlen der sog. deutschen schauerromantik, auf dessen buchdeckel jenes werk abgebildet war. irgendwie verfolgte mich das bild für die nächsten jahre - es war auf einem lehrbuch c.g. jungs abgebildet, hing allen ernstes über dem schreibtisch einer offenkundig mit extrem robusten nerven ausgestatteten kurzzeitbekanntschaft oder hämte mich von einem notizbüchlein einer freundin an. die kleine chimäre, die als nachtmahr auf der für diese zeit üppig dahinfliessenden schönen hockt, hat mich nicht so sehr erschreckt, wie der gespenstische pferdekopf, der dem hintergrund entwächst. als kind war ich fest davon überzeugt, der kopf sei gekocht - da ich den geronnen weissen ausdruck der augen nur vom feitäglichen fisch kannte.

das passende märchen zu diesem gruseligen bild ist für mich bulemanns haus von theodor storm, dass meine wahnsinnigen eltern mir als ungefähr siebenjährigem kind vorlasen. ich war ein ungemein schreckhaftes kind, das angst hatte, in bebilderten märchenbüchern bestimmte seiten umzuschlagen, weil dahinter furchtbare illustrationen lauerten - von meiner panischen angst vor dem "kalten herz" gepaart mit dem umstand, die schallplatte trotzdem jeden tag zu hören, berichtete ich ja schon.

bulemanns haus war ein ähnlicher fall. das märchen gehört zu den aus meiner sicht eher wenig bekannten novellen storms und ist definitiv, anders als die regentrude und sogar der schimmelreiter, wirklich ungeeignet für kinder. den gesamten text gibts dankenswerterweise im projekt gutenberg. ich hege seit dieser zeit eine skepsis gegenüber katzen - wäre es nicht unmöglich bzw. ein besonders romantischer fall von psychosomer erkrankung, würde ich sagen, meine katzenhaarallergie rührt aus angst vor graps und schnores.

natürlich sind die sätze über den organist, der weisse röslein von einem büschlein pflückt, über das totkranke kind, das zur genesung eines silbernen taufbechers bedarf und ein paar andere tragende elemente des textes wirklich recht, nunja, schwach.

trotzdem hat mich die novelle als kind zutiefst beeindruckt - allein die schilderungen der kleinen gestalt, die sich wie ein verschrumpeltes äpfelchen in sich zurück zieht, ist fantastisch. von den durchs haus streifenden, rieigen katzen, ihren schatten am fenster und der mäusemetzelei ganz zu schweigen.

ich mag storm, für sätze wie diesen, aus dem anfang der novelle:

"Einer, der im Übermut den Türklopfer anschlug, um den Widerhall durch die öden Räume schallen zu hören, behauptet sogar, er habe drinnen auf den Treppen ganz deutlich das Springen großer Tiere gehört."

storm spricht nicht von hysterischem fauchen, blitzend gelben augen oder verzweifelten hilferufen des herrn bulemann - dieses "springen großer tiere" ist in sich bereits so andeutend, verheissend und von bösartiger präzision, dass sich jede weitere dramatisierung verbietet. es steckt auch in dieser groben umschreibung genug angst und klopfen eines kinderherzes.

schön auch, wie herr bulemann immer durch das bild des alten männleins mit einer zipfelmütze (besser noch: einer gestreiften zipfelmütze!) beschrieben wird, der wie ein kind zusammengekauert auf dem kanapee hockt und ängstlich nach den beiden katzen lauscht.

wenn ich storm lese, möchte ich den krachts, illies und browns dieser welt zurufen, dass das, wofür sie von tausenden von menschen bewundert und geliebt werden, im kern zutiefst vergänglich ist. wer wird sich an pointierte schilderungen der zeitgeschichte, verschwörungstheoreme und abrechnungen mit der eigenen generation erinnern, wenn der notwendige bezugsrahmen fehlt?

wer effi briest liest, wirklich liest, für den wird sich das buch öffnen und mit einem leisen flüstern seinen sinn in den lesenden entleeren - auch wenn ein ehebruch an der winterlichen ostsee heute kein drama mehr ist. die nächtlichen gedanken von penelope-molly bei joyce bedrücken - auch wenn man niemals mit wärmenden, mehrfach gestopften wollsocken, neben einem schnarchenden iren im bett lag.

ich habe einmal in einem interview auf die frage, warum ein regisseur, dessen name mir entfällt, keine sog. special effects in seinen filmen einsetze, folgende, sinngemäße antwort gelesen: wenn wir uns heute 10 jahre alte filme, die wegen ihrer special effects damals hochgelobt und hochfrequentiert waren, ansehen, wirken diese filme lächerlich - weil unser auge heute bessere, realistischere, schnellere effekte und simulationen kennt. das einzige was bleibt, sind geschichten - über die niemand lachen wird.

ähnlich verhält es sich für mich mit vielen büchern, die geschickt den zeitgeist widerspiegeln. verbrennt den prada-tragenden teufel (vielleicht ohne die schuhe...). entsorgt moppel-ich und die verdammt mies-geschriebenen freche-frauen romane. sie bedeuten nichts. sie erzählen nichts. und sie sind die kleinen schwestern filmischer verbrechen wie "i, robot".

manchmal habe ich das gefühl, der fundus dessen, was es wirklich noch wert ist, geschrieben und gelesen zu werden, verringert sich mit jedem jahr. in der flut der bücher, die jedes jahr lärmend und geschwätzig in die thalia- und gondrom-filialen plätschert, finden sich mit glück ein, zwei fantastische, großartige und bewegende bücher.

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