20
Jun
2006

Vom Buchladen

ich habe mich am letzten freitag wieder einmal zu einem spontanen ramschbuch-kauf hinreissen lassen. normalerweise bestelle ich bücher bei amazon - in den meisten buchläden ärgert mich die immergleiche aufstellung aus freche-frauen-romanen und den ewigen klassikern viel zu sehr. natürlich sollte jeder doktor faustus, schuld und sühne und das schloß gelesen haben - trotzdem ärgert mich diese dümmliche mischung aus schund und schwerer kost. zumal mir immer öfter auffällt, dass das fachpersonal in buchläden meistens schockierend unbedarft bzw. ganz herablassend ausgedrückt: unsagbar unbelesen ist. ich habe keine lust, mir auf die frage nach dem inhalt eines buches anzuhören, dass selbiges bei elke heidenreich ganz, ganz toll besprochen wurde. ich will auch keine zusammengefassten klappentexte und wiedergaben aus verlagswerbebroschüren hören.

natürlich erwartet niemand, dass ein buchhändler sein gesamtes angebot gelesen hat - aber ich erwarte, dass er interessiert ist, literarische abwege kennt, mir etwas wirklich neues (und damit ist keine neuerscheinung gemeint) ans herz legt, mir aufgrund meines geschmacks, d.h. bücher die ich ihm als meine lieblinge nenne), etwas empfehlen kann. ich kenne wirklich nur einen einzigen leidenschaftlichen buchhändler, dessen antiquariat irgendwo beim rheinhafen vor sich hinschlummert und der sich exklusive öffnungszeiten wie di -fr, 14.00-18.00 leistet.

leider ist das von mir beschriebene phänomen nicht nur auf gruselige buchketten wie thalia beschränkt - in universitätsbuchhandlungen und kleinen lädchen sieht es häufig nicht viel besser aus. nicht mehr hören kann ich auch die antwort: haben wir nicht, kann ich ihnen aber bestellen. buchhändler ruhen sich gern auf ihren früh angelesenen lorbeeren aus: ich bestreite nicht, dass viele buchhändler mir in der klassikerkenntnis haushoch überlegen sind. leider reicht das aber nicht: kaum einer kann mir auf nachfragen eine spannendes buch eines jungen zeitgenössischen autors aus z.b. bulgarien empfehlen. vielleicht sollte ich nochmal nachfragen,wenn derjenige in ca. 15 jahren den nobelpreis bekommt. ich wage zu behaupten: in buchläden ist die unkenntnis des dort heumlungernden fachpersonals am augenfälligsten - jeder idiot kann an einer kasse bücher über den scanner ziehen, kein grund also, sich als elite des einzelhandels zu fühlen.

ein buchladen muss für mich (gerade wenn er gegen amazon anstinken will) im service, in der kenntnis und der liebe zum buch glänzen. und er sollte sich bitte auch nicht jeden schrott ins schaufenster stellen, nur weil eventuelle laufkundschaft gern das neue scheissbuch von ildiko von kürthy kaufen wollen könnte. ich kenne keinen einzigen buchladen, der auf etwas spezialisiert wäre - überall steht alles herum und das kotzt mich langsam wirklich an. ich bin sicher, dass leute die wirklich, viel und exzessiv lesen es sehr zu schätzen wüssten, in einen laden zu gehen und zu wissen: dort steht jemand zwischen den regalen, der sich exzellent in französischer moderne auskennt. dem man sagen kann: "ich liebe boris vian - was könnte mir denn an gegenwartsliteratur gefallen?" und der dann lächelnd ein halbes dutzend bücher aus dem regal zieht und mir etwas über diese erzählt. (oder der mir alternativ zumindest welche nennen kann die nicht seit wochen durch die feuilletons gehechelt werden - sie müssen ja nicht unbedingt vorrätig sein)

darum ärgert es mich maßlos, wie alle buchhändler über amazon schimpfen. ehrlich gesagt: amazon bringt mir die bestellten sachen nach hause - bei buchhandelsbestellung muss ich sie abholen. einen maßgeblichen serviceunterschied sehe ich nicht - im gegenteil, die empfehlungen, die amazon mir aufgrund früherer bestellungen macht, sind um einiges besser (d.h. meinem geschmack entsprechender) als das, was mir viele buchhändler gern mal andrehen wollen.

zurück zum ramschbuch des freitags: neben lily dahl habe ich "den schatten des windes" mit heimgenommen und bin einfach nur entsetzt. drei buchhändler haben mir zugeflötet, das buch wäre bezaubernd, fantastisch, großartig geschrieben und wirklich etwas ganz, ganz neues. ich wage zu behaupten: keiner von denen hat es gelesen. anders ist die gewaltige diskrepanz zwischen meiner subjektiven einschätzung und dem manifesten buchinhalt nicht zu erklären.

ich bin durchaus in der lage ein buch nicht zu mögen, aber trotzdem zur kenntnis zu nehmen, dass es sich um ein handwerklich überragendes buch handelt. auch wenn ich zola nicht mag, wird niemand den wert von "nana" bestreiten: es handelt sich trotzdem um ein wertvolles buch, auch wenn es mich nicht berührt hat.

"der schatten des windes" ist vielleicht eine eindrucksvolle beschreibung barcelonas - aber auch eine abgeschmackte, grausam pathetische (der "friedhof der vergessenen bücher"...) widergekäute suche nach einem geheimnisvollen dichter. sprachlich höchstens von durchschnittlicher qualität langweilt mich die obszönität der person des fermin ebenso wie die pubertäre unlogik der handlungen des protagonisten daniel.

und weil wir schon bei schlechten metaphern und adaptionen der mythologie sind: ein bisschen feinsinniger dürften die parallelen schon sein: daniel - in der löwengrube. penelope - die treue, wartende geliebte. miquel - michael der drachtentöter. fumero - der feuerspeiende bösling. mir schwant für die letzen 100 seiten schon schlimmes und ich bin sicher, ich werde nicht enttäuscht.

heute abend gibts zur nachtlektüre lieber noch ein paar seiten aus "swanns welt" - eine widerholung von etwas geliebtem ist allemal sinnvoller verbrachte lesezeit, als eine schlechte neu-aufwärmung.
staubundhoffnung - 29. Jun, 13:51

C'est la vie

Das Problem mit "doktor faustus, schuld und sühne und ..." ist für mich, was fange ich in meinem rasenden Leben damit an ?! Es behindert durch seinen moralischen Anspruch und sollte erbauen. C'est la vie.
Su.

Miss Manierlich - 29. Jun, 14:10

nunja - der umstand des erbaulichen während des lesens ist sicherlich ein recht dehnbarer. vielleicht liegt´s auch daran, dass mein leben keinesfalls ein rasendes ist. und was den moralischen anspruch angeht: vielleicht kann man sich in unterschiedlicher oder gar trennbarer weise an form und inhalt berauschen? d.h.:mich erfeut primär die form und ich unterschlage in meiner brecht-zuniegung gern einmal den moralischen gehalt.
staubundhoffnung - 29. Jun, 17:23

C'est ma vie

Ja, so könnte man es leben ... Nur, das Leben ist zu oft dagegen. C'est ma vie.
Su.

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