18
Jul
2006

Warum ich nicht blogge

nach der am gestrigen tage - wenn auch weniger ausgeprägt als erwartet - geführten diskussion über chiaras wenig schmeichelhafte erwähnung im spiegel, habe ich mir die frage gestellt, ob man das, was ich und schätzungsweise 95% der bloginhaber bei myblog, blogger, twoday und blog.de hier betreiben, ernsthaft bloggen nennen kann. ich bin da ja eher skeptisch. auch wenn das folgende wahrhaft binsensweise ist: nicht jeder der in seiner freizeit mal in die posaune tutet, ist musiker. nicht jede kölner hausfrau, die an einem freche-frauen-roman über eine voll-crzay-coole kölner hausfrau und ihre pseudi-humorig aufbereiteten alltagserlebnisse schreibt, ist schriftstellerin. und nicht jeder, der hier regelmässig seine ergüsse unter ein nur in den seltensten fällen vorhandes publikum wirft, ist ein blogger.

ich habe noch nie einen trackback gesetzt. den ausdruck blogroll musste ich googeln. keine ahnung, was ein ping oder dieser dämliche feed-reader sein sollen. ich habe noch nie einen blick auf technorati geworfen und es dauerte ein halbes jahr, bis ich in der lage war, ein bild hochzuladen und weitere 2 monate, bis ich es mit einer url hinterlegen konnte.

meine aktivitäten auf blog.de waren amüsanter zeitvertreib mit folgerichtigem ausgang und was ich hier schreibe, erfüllt primär immernoch den zweck des aufbewahrens, sammelns und archivierens. wie jeder tagebuchschreiber mag ich den gedanken, in zwei oder drei jahren zu wissen, was ich heute gedacht habe. mehr nicht. ich will weder aufklären, noch thematisieren - ich möchte schreiben. und zwar auf die für mich denkbar praktischste weise.

die schiere masse der blog-melangerie aus tagebuch, bekennerblog, tittenschau und freak-panoptikum holt, so paradox das auch klingen mag, die anonymität zurück. zu zeiten, als es wenige tausend deutschsprachige blogs gab, war die chance unerwünscht ertappt zu werden, bei weitem größer als in zeiten, in denen mein chef seinen neuesten eherbruch und meine beste freundin ihre salsa-rezepte "bloggt". wenn ich jetzt ein foto hochlade, auf dem ich mein meerschweinchen rektal mit einem cornichon befriedige, wird das höchstwahrschenlich keiner lesen. wäre ich im besitz des protokolls der heutigen hauptausschuss-sitzung und würde dieses hier hochladen - es würde keine sau kümmern. die schiere masse und flut der indiskretionen, intimitäten und geständnisse verschliesst die einzelinformation umgekehrt proportional zu ihrer formalen öffentlichkeit.

ich blogge nicht: ich erzähle. ich stelle texte vor und für mich selbst zur disposition. und ich ärgere mich furchtbar über das stetig wachsende heer der aufmerksamkeitsgeilen, sitemeterbewehrten, technorati-dürchwühlenden proto-neublogger, denen die gier, bei der nächsten opelaktion bitte-bitte auch mitmachen zu dürfen, honigglänzend in profilbild und tagliste steht.

schade: eigentlich macht mich die steigende zahl der blogs irgendwie zufrieden, da sie im kern dokumentiert, dass menschen, deren schriftliche tätigkeiten regulär auf das verfassen von postits und sms beschränkt sind, jetzt das bedürfnis haben, zu schreiben. scheissegal warum sie das tun - nur bitte nicht, um almost famous zu werden. jedes himbeerkreischende, smiley-gefüllte rappel-blog, jedes staublangweilige sachblog und jedes stadtblog ist mir lieber, als die blogs derjenigen, die mit unübersehbaren star-ambitionen ins rennen gehen. die schreiben, um ihre postinganzahl und damit ihre attraktorwirkung zu erhöhen. die jeden noch so blödsinnigen beitrag kommentieren, um gesehen zu werden und jeden gang zum kühlschrank publicityträchtig inszenieren, diese medienflittchen. erzählt mir was - dann höre ich gern zu.
sportsfreund (anonym) - 19. Jul, 12:40

definiere bloggen!

für mich, der ich bei der geburt und der aufzucht des www immer auch beruflich dabei war, ist bloggen das mehr oder weniger regelmässige befüllen eines cms, das eventuell von einem provider gehostet wird. wer das macht ist ein blogger.

zunächst mal. was wer wann warum da inhaltlich reinpriemelt ist mir genauso wurscht wie das, was andere im bierzelt oder beim vw-golf treffen reden. ausser wenn ich es lesen will oder muss (letzteres wohl aufgrund meiner psychischen disposition, s.u.). was mich dann auf die palme bringt ist, wenn blogger offensichtlichen erfolg (messe ich an zugriffszahlen, kommentaren, zuspruch) mit inhalten haben, die ich persönlich dumm finde. das liegt daran, dass ich es ihnen neide, weil ich diese anerkennung gerne für die ergebnisse meiner eigenen kreativität, also im kern für meine person hätte.

gruss, sportsfreund!

Miss Manierlich - 19. Jul, 14:30

mein lieber sportsfreund,

natürlich kann man bloggen von dieser rein formalen seite aus definieren - wer rein technisch gesehen ein blog hat, der ist eben blogger. nach dieser definiton wäre aber eben auch jeder, der eine mit animated gifs vollgerappelte homepage sein eigen nennt, webdesigner (was ja per se schonmal ein affiger ausdruck ist).

bloggen hat für mich trotzdem immernoch viel mit einem anspruch sowie einer unprofessionellen profession zu tun, die ich nunmal nicht mein eigen nennen kann. ich finde blogs wie beispielsweise den shopblogger und natürlich den großartigen don a (nur um hier mal die beiden möglichen enden eines gedanklichen spektrums zu nennen) ausgesprochen fantastisch - gerade weil beide so absolut nichts mit dem zu tun haben, was ich hier in mein cms stopfe. ich jubele jedesmal gedanklich, wenn sich jemand ernsthaft und mit sachverstand mit blog-metathemen (wie beispielsweise der aktuell geführten diskussion um die bildung eines problogger-verbandes) auseinander setzt. trotzdem habe ich das sichere gefühl, zu solchen dingen nicht nur nichts beitragen zu können, sondern auch im kern nicht angesprochen zu sein. ich blogge einfach nicht - ich tagebuche so vor mich hin.

keine frage, dass mir auf blog.de permanent das messer in der tasche aufging und ich mich furchtbar über die dort gängigen mechanismen des gegenseitigen hypen und hochjubelns geärgert habe. was mich aber im kern wütend gemacht hat, war weniger der oberflächliche erfolg, den du an quantitativa misst, sondern der daraus entstehende inhaltliche duktus. lies dir doch bitte nur mal den verwandelten stil von ikonen des blödsinns wie dem geistigen aussenklo durch - das klang zu dem zeitpunkt, als madame noch tingelnderweise auf bekanntmachungs-pilgerfahrt war alles ganz anders, als nach dem ersten auftauchen in der top10-liste. was mich rasend macht, ist die von diesen leute ausgehende aura der berühmtheit, der vermeintlichen augenhöhenexistenz mit anderen triple-a-bloggern und die selbstgewissheit, dazu zu gehören, wenn über blogs als DAS neue ding gesprochen wird. solche leute fühlen sich allen ernstes angesprochen, wenn der spiegel über "einen von ihnen" schreibt und lecken sich gegenseitig die preisplaketten blank. leider "bloggen" solche leute genauso wenig wie ich - aber die selbstzufriedenheit und wahrnehmung der eigenen person als blog-instanz des moments ist elefantitisch ausgeprägt.

den wunsch nach anerkennung hatte ich eigentlich nie - bei mir schwankte das damalige promitum als sau des moments auf blog.de immer deutlich in richtung: ach du scheisse, hoffentlich erkennt mich niemand aus´m büro. und das war auch ehrlich gesagt der grund, warum ich nach der sperrung kein neues blog dort aufgemacht habe (auch wenn es mich jeden tag in den fingern juckt, meinen zwei dutzend lieblingen mal wieder den notwendigen schubs vor den bug zu geben!).

da du aber im augenblick der einzig wahre thronfolger von putiput und mir bist: mach uns keine schande, junge!

allerliebst,
deine miss manierlich
Gregor Keuschnig - 20. Jul, 17:04

Eigentlich weiss...

ich auch nicht, warum ich das tue, was ich tue, und warum man das "bloggen" nennt. Für mich ein Weblog eine Art tagebuchähnlicher Katalog, in dem einige ihre Belanglosigkeiten spazieren führen - andere ihre Ambitionen an den Mann/die Frau bringen wollen und wieder andere Medienflittchen spielen (der Ausdruck ist genial).

Das, was ich in meinem Blog veröffentliche (zugegebenermassen praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit) erreicht dennoch mehr Publikum, als würden diese Texte in der Schublade oder in einem realen "Tagebuch" verschwinden. Es ist einigermassen klar, dass es eine grosse Masse nicht interessiert. Solange es aber mich interessiert, es zu veröffentlichen - vielleicht aus Kommentaren hierzu zu lernen (sofern sie nicht beleidigend sind) - mache ich es. Vielleicht lasse ich es aber auch irgendwann sein.

Was mich am meisten fasziniert sind die "Blogger", die jeden Tag quasi im Stundentakt einfache (und komplexe) Nachrichtenschnipsel (oder auch Weltpolitik) herauspicken und glauben, derart kommentieren zu können, als seien sie mindestens "Experten". Wenn das so ist - alle Achtung. Ich weiss weder über die Verstrickungen oder Feindschaften zwischen Google und Microsoft detailliert Bescheid, noch masse ich mir an, jede Meldung über einen Bombenangriff im Nahen Osten sofort ergiebig zu kommentieren, noch interessiert es mich besonders, über ein Verbot von Analverkehr ohne Präservativ nachzudenken. Verbunden ist dieses "Universalwissen" dann noch mit einer mittelmässig bis starken Intoleranz anderen Meinungen gegenüber (auf die Idee, das jemand mal - ausnahmsweise - etwas besser wissen könnte, kommen diese Herrschaften meist nicht).

Und dann glaube ich, dass das auch "bloggen" genannt wird. Früher nannte man sowas Tratschen und es geschah meist in der Nachbar- oder Verwandtschaft. Heute wird über die ganze Welt getratscht. Das ist dann Globalisierung.

Kaweechelchen - 20. Jul, 17:34

Der Text spricht mir aus der Seele..Ich war richtig entsetzt über die Massen an (für mich) Müll, die ich in Blogs zu lesen bekam.Ich meine, ich will nicht behaupten, dass ich besonders super gut schreibe und mir geht es auch eher darum das ich später weiß, was mich so bewegt hat, aber ich finde es dämlich, wenn ich auf blogs klicke und der oberste "Text" besteht aus einem einzigen Satz. Und das beste ist, dass solche einsätzigen Blogs, dann noch nicht einmal eine Aussage haben. Es ist so, als würde ich immer, wenn ich mich von meinem Schreibtisch entferne schreiben würde:ich gehe gerade zur Toilette, weil mich meine Blase drückt.Ich weiß nciht ob Sie solche Blogs einmal gelesen haben, aber es ist eine reine Zumutung. Ich selbst "blogge" erst seit einer Woche und nachdem ich solche Dinge gelesen hatte, verging mir die Lust auf twodays vorbeizuschauen. Und kurze abgehackte Kommentare haben mich nur aggressiv gemacht. Vor allem hat einmal jemand in einem Kommentar geschrieben, dass er ein Lied empfiehlt und im Blog darunter war dieses Lied enthalten. Da hatte ich dann Lust meinen Blog offline zu setzen und so weiterzuschreiben, - denn für mich ist es auch ein Tagebuch, welches den Vorteil hat, dass es weder verbrennen, noch gefunden noch in meinem Zimmer herumfliegen kann und das auch noch mehr oder weniger hübsch aussieht. Nur fühle ich mich, wenn Blogger solche Kommentare hinterlassen, wie benutzt. Benutzt in dem Sinne, dass sie eine Spur hinterlassen wollen, wie es die Hunde tun. Damit man sie sieht und ihre Texte kommentiert usw. .Ich hatte öfter die Überlegung alle diese Kommentare zu löschen, aber ich habe es nicht gemacht. Ich reagiere eben nicht mehr auf so etwas.
Es ist jedoch sehr frustrierend, weil man sich ja doch eine Art Diskussion oder auch ein Feedback wünscht.
Ich habe mich aber damit abgefunden, dass ich die Masse hinter mir lasse und wie geplant für mich schreibe. Von so etwas lasse ich mich nicht mehr irritieren, auch wenn meine Texte niemanden interessieren mögen.
So und jetzt werde ich einmal weiter auf Ihrer Seite herumstöbern!
Ich muss noch hinzufügen, dass ich sicherlich weniger bewandt im Umgang mit Technik bin wie Sie. Allein für meine erste SMS habe ich länger als eine Stunde gebraucht und mein Blog ist durch Hilfe anderer entstanden.Ich bin ja mal gespannt wie überfordert ich mit der Mediatisierung und technischen Entwicklung in den nächsten jahrzehnten umgehen werde....Beängstigend irgendwie...
logo

Miss Manierlichs Manierismen

Aktuelle Beiträge

Nennen wir ihn Anna
unter stress verliebe ich mich mit schöner regelmässigkeit....
Miss Manierlich - 28. Jun, 00:58
lieber ambroggio, (schreib´...
lieber ambroggio, (schreib´ halt in meiner muttersprache...
Miss Manierlich - 19. Jun, 16:04
.
Werteste, Sie strahlen eine seltsam dekadente Attraktivität...
Ambroggio (anonym) - 19. Jun, 04:28
Rapa Nui
ich gehöre nicht wirklich zu denjenigen reisenden,...
Miss Manierlich - 19. Jun, 02:06
Dem Vater werden m. E....
Dem Vater werden m. E. zu hohe moralische Standards...
HMHB (anonym) - 17. Apr, 17:38

Archiv

Juli 2006
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
 
 
 
 
 
 1 
 2 
 3 
 4 
 5 
 6 
 8 
 9 
12
19
22
23
29
 
 
 
 
 
 
 

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Suche

 

Status

Online seit 776 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 28. Jun, 00:58

Credits

Knallgrau New Media Solutions - Web Agentur für neue Medien

powered by Antville powered by Helma


xml version of this page
xml version of this page (with comments)

twoday.net AGB


Anhedonie
Aufgelesen
Bloschenromane
Diorama
Dolce & Dubios
Miu Meu
Scarpediem
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren