Aus dem Leben eines Callgirls

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wenn eine scheinbar neue technologie (oder was man eben dafür hält) langsam auch in jene gesellschaftsschicht diffundiert, die sich gern für künstlerisch und intellektuell besonders ambitioniert hält, dann kommen dabei oder kurz oder lang wirklich skurrile auswüchse zum vorschein. so bescherte uns beispielsweise die gute alte textnachricht perlen wie diesen sms-roman. ja man könnte meinen, dass alles, was niemand drucken oder lesen will, früher oder später medial einen zweiten aufguss verpasst bekommt. vielleicht klappt´s ja, wenn wenigstens die form prätentiös ist? ich verrate vermutlich keine geheimnisse wenn ich sage: meistens klappt es eher nicht.

was übrigens weniger daran liegt, dass die chance, unter tausend bloggern einen guten autor zu finden geringer läge, als selbigen unter tausend metzgereifachverkäuferinnen oder anwärterinnen auf das grundschullehramt aufzuspüren - au contraire!. vielmehr liegt der fatale fehler bereits in der intellektuellen hybris, mit der menschen, die sich zum schreiben berufen fühlen, sich hinsetzen, den blogdealer ihres vertrauens aufrufen, kurz ungoustiös die finger knacken und sich sagen: so! ab heute schreibe ich einen blogroman.

ich lese gern und viel in blogs. ich freue mich über die schilderung eines wiedersehens mit einem vergessen geglaubten liebhaber ebenso, wie über eine liebevoll und gefall-unsüchtige skizze einer begebenheit im supermarkt. menschen, die bloggend schreiben können, die man gern und imme wieder liest, die selbst zum erzähler ihres lebens werden, sind etwas wunderbares und aus meinem lese-leben nicht mehr wegzudenken. andererseits nennen sich die verfasser meiner und anderer herzensblogs merkwürdigerweise so ausgesprochen selten schriftsteller oder gar blogromaciers: woran das wohl liegt....? vielleicht an jenem kleinen quentchen bescheidenheit, das denjenigen, die vollmundig verkünden einen "roman" zu schreiben bedauerlicherweise ebenso fehlt, wie wahrhaftige befähigung zum erzählen und schildern. mal eben lässig aus der hüfte einen "roman" auszusondern, heisst nicht weniger als aus der form den inhalt und die güte abzuleiten. nicht alles was sich reimt, würde ich gedichtet nennen. nicht alles, was eine reprise besitzt ist eine sinfonie und nicht jede stupide quatschgeschichte, die sich über wochen hinweg zieht, ist ein blog- oder sonstiger roman.

blogroman. wie das schon klingt. genauso gut könnte man einen roman, der in ein moleskine geschrieben wird, einen notizbuchroman nennen. oder den powerbookroman erfinden. fakt ist: die handvoll blogromane die ich kenne ( über diesen hier kann ich mir in ermangelung von spanischkenntnissen kein urteil bilden - auch wenn er den deutsche welle international weblog award, der mir persönlich nichts sangt, gewonnen haben soll) bzw. die sich ergoogeln lassen, sind allesamt von erbärmlicher und beinahe empörend schlechter schriftstellerischer qualität.

(ich sage das folgende genau einmal: die "romane" sind unterirdisch schlecht und teils von frappierend mieser qualität sowie korrespondierendem, dreist-primitiven inhalt. die autoren, ihr leben, ihre menschlichen und sonstigen qualitäten sind kein gegenstand meiner betrachtung. blogromanciers interessieren mich als personen kein stück.)

beginnen wir mit der lebensgeschichte eines callgirls. herrje - eines callgirls? musste ausgerechnet dieser himmelschreiend blödsinnige 80er-jahre-ausdruck gewählt werden, bei dem man weniger an eine verruchte prostituierte, als vielmehr an schulterposlter, weisse stretchminis und dauerwellenlöckchen denkt? ich persönlich assoziiere angesichts des ausdrucks "callgirl" ja immer das furchtbare michael jackson video, in dem am ende das bündelchen visitenkarten im hubschraubergedröhn verweht.

roman und "callgirl" also? na dann. wer sich auf dieses terrain wagt, der darf weder den vergleich mit zolas "nana" , fabers karmesinrotem blütenblatt, wedekinds "lulu" meinetwegen auch mit bozena, der prostituierten aus musils törless scheuen.

freud

wohl denn "aus dem leben eines callgirls", geben wir dir eine unvoreingenommene und neutrale chance und beginnen mit den ersten einträgen des romänchens. die handlung spielt irgendwann n.f., also nach freud und somit ab den vierziger jahren. diese information wird dem leser im zuge der entdeckten masturbation des jugendlichen callgirls vermittelt, nicht ohne hinzuzufügen, hätte freud noch gelebt, wäre das spätere callgirl sofort zu ihm geschleift und mit der diagnose "penisneid" belastet worden. penisneid-diagnose infolge adoleszenter maturbation in kombination mit freud? blödsinn: siggi hielt masturbation in kindesjahren für natürlich und der späteren sexualität durchaus förderlich. da beschleicht mich doch glatt die vermutung, hier fuchtele jemand mit begriffen wie dem ausgelutschten penisneid herum, ohne ein fünkchen ahnung vom gemeinten zu haben. dieses fehlverständnis hätte sich durch einen google-aufwand von 3 minuten erleuchten lassen. naja, vielleicht kochte in der einbauküche der autorin ja gerade der brühwürfel über...

weiter im text: das künftige callgirl wird nach acht volksschuljahren in ein franziskannerinnenkloster verfrachtet. wenn wir ein einschulungsalter von 6 jahren voraussetzen, dann sollte die junge dame rund 14 jahre alt sein. halt - das ist sie aber nicht: in mitschülerin rebeccas sapphischen armen findet ein magisches, retardierendes moment statt: die beiden wolllüstigen mädels sind nämlich äusserlich zwei brave zehnjährige mädchen. entweder das callgirl wurde mit 2 jahren eingeschult - oder die autorin schlampt mal wieder.

unwillkürlich wird dem einschlägig bewanderten leser angesichts dieser lahmen pensionatskulisse wedekinds büchlein zur körperlichen erziehung junger mädchen einfallen. gute güte, warum ranken sich so viele erotische bzw. erotisieren sollende machwerklein um den topos des gestrengen mädcheninternats? doch weiter im text, denn dort wird es jetzt wahrhaft ärgerlich.

rebeccas vater, ein ehemals jüdischer, nun konvertierter katholik, ist also samt familie in die schweiz geflüchtet- in kombination mit der vormals gegebenen zeitlichen information so weit nachvollziehbar. um aber in ihren schmierigen pornophantasien vom sapphischen internat am fuße des venushügels (denkt hier noch jemand anders an monty pythons ritter der kokosnuß, in dem aus einem schloß der fröhliche ruf erscholl: und nachher haben wir alle oralen sex?) bloß keine ungoustiösen historischen kontexte zu schildern, bezeichnet die autorin die gründe der konvertierung als "letale phobie". letale phobie? was genau meint die autorin bitteschön damit?!? das? oder eher das? vielleicht auch das? in jedem fall ist der begriff so euphemistisch wie ärgerlich und seltsam. die damaligen verhältnisse in ihrer subjektiven wahrnehmung als phobie zu bezeichnen ist abstossend und hochgradig seltsam. der begriff "letale phobie" legt zudem nahe, es handele sich um irgendeine art von fachtermini - zumindest ich habe weder in dsm noch icd etwas darüber finden können und bitte um aufklärung.

voegelkunde-Kopie

rebecca und das callgirl in spe befinden sich wenig später im auto eines herren, der freimütig anbot, die damen ein stück des weges mitzunehmen. doch schon treibt die erbarmungslose autorin ihre leser auf den nächsten spannungs- und schlüpferklimax: der mercedesfahrer entführt die jungen klosterschülerinnen stantepede in seine gemäuer, wo es auch folgerichtig direkt ab in den keller geht, der schön klischeetriefend wie für den zweiten teil von eyes wide shut hergerichtet ist. und wie sich das gehört, hat die autorin auch direkt die passende anrede aus männlichem munde parat. "liebe klosterschülerinnen?" zu lang. "moin mädels?" zu vertraulich und proletarisch-direkt, der herr soll ja als gebildeter upperclass-mercedesfahrer identifizierbar sein. diese brisante literarische klippe meistert die autorin durch verwendung der anrede "meine nymphchen". der eine oder andere vorgebildete leser gerät eventuell ins stocken: benannte nicht humbert humbert seine gespielinnen vor dolores auf die gleiche weise? naja. macht nichts. zu diesem zeitpunkt dürften sich nicht mehr allzu viele gebildete leser im zuschauerraum befinden.

der rest der szene ist standard: eine blödsinnige vögelmetapher als rahmenhandlung für´s, nunja, für´s vögeln eben. unfreiwillig komische dialoge und phrasen ("zieh mein artusschwert aus dem stein!", "salziger, süßer liebessaft", "er flutete sie") als geleit einer standard-fickfilmchen-handlung. in diesem sinne: ab zum nächsten kapitel!

dort erfahren wir zunächst, dass sich der eitle schänder wie ein "nackter eichelhäher" gebärdete und das poor becky den vorfall weniger gut verwunden habe, als unsere plaudernde protagonistin. und während das spätere callgirl auf den zinnen nach ihrem nackten eichelhäher ausschau hält, stürzt sich rebecca (nicht ohne vorher ein gewisses sümmchen empfangen zu haben - ein schelm, wer in verbindung mit ihrem konvertierten vater böses denkt) mal eben von den selbigen.

in den folgenden absätzen lesen wir dann (abgesehen von heissen schulmädchenspielen mit dem behandelnden arzt in einem genesungsheims) unter anderem von einer zugfahrt im im express der o., wo ein bisschen rasiert, ein bisschen geschlemmt und ein bisschen mit der reitgerte rumhantiert wird. zum glück hat die heldin vorher ihr erstes zigarettchen richtung lunge befördert- das entspannt für das kommende in abteil 52 des zuges alias area 51 der blogromankultur.

wie es weitergehen wird? ehrlich gesagt: es interessiert mich nicht. was ich bisher lesen durfte, war schlampig recherchiert bis grob falsch, inhaltlich schlüpfrig-trivial und von miserabler qualität. die fick-impressionen sollen durch verwendung mannigfaltiger metaphern und pseudo-vivider bilder poetisch und ästhetisiert wirken -tun sie aber nicht. grobe handwerkliche fehler wie der peinliche freud-faux-pas mischen sich mit standard-altherrenphantasien, ärgerlichkeiten wie der letalen phobie und lausigem stil. n den kommentaren stellt die autorin überraschende wendungen in den motiven für "martins" zuhälterei in aussicht, die nicht mit dem "üblichen" "konform" gehe. obwohl mich das vermeintliche wissen der autorin über gängige zuhältermotivation brennend interessiert, ahne ich auch hier schreckliches.

summa: lieber mal einen guten porno schauen. oder ein paar zeilen freud konsumieren und anschliessend in einem ornithologiekurs an der örtlichen vhs entspannen. vielleicht trifft man dort ja die autorin, die mit einem hello-kitty-kugelschreiber ihrer heldin eine nachrasur des intimbereiches verpasst.

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