Fetisch Endzeitstimmung

an manchen tagen kotzt man sich selbst wahnsinnig an. gäbe es die möglichkeit, nach kurzem suchen des reißverschlusses mit einer eleganten bewegung aus sich selbst heraus zu schlüpfen, dann wäre heute abend ein ziemlich guter zeitpunkt. und zwar nicht nur, weil meine achtlos über einen stuhl geworfene hülle sich dann allein mit ihren kopfschmerzen herumärgern dürfte.

ich neige dazu, jede situation nicht nur bis zu ihrem eventuellen finale zu durchdenken, sondern ich bemerke an mir selbst die äusserst unangenehme eigeneschaft, das gesamte potenzial eines momentes auch mit vollem inventar zu durchleben und meinen sozialen tanzpartner gnadenlos durchs dickicht dieses parcours mitzuschleifen.

gestern nachmittag bemerke ich während eines harmlosen telefonats mit genji leichte verstimmungen, potenzierte diese (hochgradig bewusst, also leider nicht entschuldbar) sofort mit all den kleinen irritationen der letzten wochen und fand mich kurz darauf in schönster histrionischer dramastimmung wieder. plötzlich fühlte sich alles lauschig-vertraut nach feinster krise an und mein gehirn versorgte meinen mund zuverlässig mit dem notwendigen anklagend-beleidigenden inventar, um mein gegenüber vollends von der eskalation der situation zu überzeugen.

auch nach einem solchen telefonat hält meine psyche versiert das kurzfristig in die höhe geschossene erregungsniveau und stellt fleissig und ohne weiteres externes zutun möglichkeiten neben fakten. zwei zigaretten später fühlt sich alles so an, als hätten genji und ich uns gerade getrennt, die banalität des anlasses rückt zugunsten erster beziehungsendarbeit in den hintergrund. nach solchen aktivitäten räume ich abends daheim genjis hemden aus meinem kleiderschrank und stopfe die geburtstagsperlenkette in die flohmarktkiste.

und dann sitzt man einen tag später im zug, fährt an mannheims lieblichen waldungen und frankfurts dreck vorbei, ignoriert das herrische summen des handys, blättert gelangweilt in einem hochglanzblättchen und schaut sehnseufzig nach links, wo die wunderschöne lieblingskollegin liebesgrüße in die tastatur hackt und dabei ein selbstgekochtes wunschessen ausdealt. auf dem weg zum termin in der amsterdamer straße inhalliert man hastig so viel pappsüße flüssigkeit aus silberblauen dosen wie man kann, um während der besprechung so oft wie möglich wohlentschuldigt scheinpinkeln gehen zu können und aufs summende telefon zu starren. auf dem rückweg klappert man möglichst leise an die innerhöfische fensterfront, wirft einen blick auf einen obszön-japanischen dachgarten und betäubt den aufsteigenden kummer mit zwei blätterteigfischlein mehr, als der taille eigentlich zuzumuten ist. verdammt, es fühlt sich alles so echt an.

der beliebig kopierbare kuß unter der standard-beistands-sms klebt impertinent am absatz und lässt sich weder am bahnsteig noch mit einem stückchen wurfpost fortwischen.

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