18
Sep
2006

Und am Sonntag zu den Mufflons...

keine frage: die verortung bundeseutscher städte und landschaften zählt nicht zu meinen starken seiten. ich müsste lügen, würde ich behaupten, ich könnte auf einer landkarte mit kreiselndem zeigefinger absurditäten wie das sauerland umrunden. vermutlich fände ich noch nicht einmal flensburg und müsste die donau gedanklich rückwärts zu quelle oder versickerung rückverfolgen.

blankes entsetzen stand mir allerdings im gesichte, als ich am wochenende mit zweien der kinder von bullerbü heimische gefilde besuchte und zeitweise vor erstaunen angesichts solch grandioser örtlichkeiten-unkenntnis die farbe eines kandierten weihnachtsapfels annahm.

nach siebenstündiger fahrt rollten wir im bis unters dach bepackten polo der ausfahrt dresden altstadt entgegen als meine beiden begleiterinnen bekannten, bei erwähnung des ortes dresden eigentlich nicht wirklich eine visuelle oder sonstige assoziation ihr eigen zu nennen. frauenkirche vielleicht, ok. die semperoper kannte man aus der unsäglichen werbung einer ortsansässigen brauerei - dann war aber auch schon schluß. obwohl es beinahe halb zwei war, überfiel mich der drängende wunsch, die anlaufstelle äussere neustadt hintenan zu stellen, und einen umweg über terrassenufer und augustusbrücke vorzunehmen. sicher ist sicher und vielleicht würde sich ja doch noch so etwas wie eine vage bildliche erinnerung einstellen.

meine mittlerweile ins histrionische kippende stimme flatterte vor der kühlerhaube wie das rote fähnchen eines schlecht ausgebildeten fremdenführers: wir passierten yendize,
umkreisen den zwinger, halten kurz vorm residenzschloß und passieren die brühlsche terrasse: am liebsten hätteich das auto am terrassenufer ins halteverbot gestellt und dem besuch eine erinnerung abgezwungen - notfalls mit gewalt. die wolllüstig gereckte kuppel der kunstakademie, auf deren klimax eine nadelspitzige fama tanzt erhebt sich in den himmel, weniger meter entfernt zieht der fürstenzug die ewige bahn der wettiner und im albertinum schlummert die mänade des skopas. ich blicke in erstaunte gesichter, als ich vom grünen gewölbe meiner kindheit erzähle, vom filligran beschnitzten kirschkern hinter einer monströsen lupe und der naiven zuneigung meines vaters für den kreuzchor. wie erklärt man, warum die münzgasse verabscheuenswert ist, warum der große garten und das japanische palais ein herz höherschlagen lassen? warum kitzelt der vanillige farbton von schloß pillnitz sofort eine erinnerungskaskade, die sich am kamelienhaus entlädt herauf und wie erklärt man, warum es sich großartig frivol anfühlt, des winters im taschenbergpalaus schlittschuh zu laufen? warum ist die prager straße eine monstrosität, wie erklärt man, was am gedanken der gartenstadt hellerau und ihrer werkstätten so einzigartig ist? an diesem wochenende gehen gret palucca und grafin cosel hand in hand unterm blauen wunder ins wasser...

nach dem abitur war kein wunsch dringender, als so weit wie möglich fortzuziehen: möglichst viele kilometer zwischen mich und den chemnitzer sonnenberg, den freiberger bergbauwahn, die gemächlich dahinsickernde mulde und das sonntägliche stückchen eierschecke bringen. während des gesamten wochenendes habe ich meine herkunft und kindheit wie eine abgestossene orangenkiste unterm arm getragen, jederzeit bereit sie zu besteigen und vom gipfel ihrer spärlichen erhöhung flammende reden auf ihre schönheit und wärme in ratlose gesichter zu sprechen. es war unangenehm wie ein eingeschlafener finger zu erfahren, wie wenig raum die orte meiner kindheit in der repräsentation eines auf örtlichkeiten heruntergebrochenen deutschlandbildes einnehmen. während jana hensel und konsorten das verschwinden der plätze und der eigentümlichkeit ihrer kindheit betrauern, befällt mich irritation angesichts der tatsache, dass nicht nur das früher, sondern auch das jetzt nicht nur unbekannt, sondern schlimmer noch: gänzlich abseits des vorstellungsraumes liegen. dem bild eines grauen, verbrannten und plattenbebauten dresdens hätte ich all´ die zärtliche zuneigung meiner zungen entgegen setzen können - am wochenende galt es jedoch nicht, ein bild durch ein anderes zu ersetzen, sondern auf eine weisse fläche erste, grobe skizzen aufzubringen. ein bild, das sättigungsbeilagen, pioniertücher und leere bananenkisten gezeigt hätte, wäre mit wenigen pinselstrichen korrigierbar gewesen, vermutlich hätte ein abendessen am fusse des blauen wunders mit blick auf den weissen hirsch vollauf genügt. aber es gab weder ein bild noch das gefühl, es gäbe leere flecken an einer wand, an der doch etwas hängen müsste.

auf dem heimweg musste ich plötzlich an die mufflon-sonntage denken. wenige autominuten von zuhause entfernt lag als zentrum meines damaligen kindlichen gipfels der freude am waldrand ein mufflon-gehege, das ungeachtet von wetter und ermüdeter elterlicher besuchsfreude regelmässigst frequentiert wurde. mufflonerinnerungen (mufflonmäuler, mufflonspeichelfeuchte brotquader, mufflonhornschubser) vermischten sich während vollsanierte, sechsspurig ausgebaute autobahnkilometer unter mir davonhuschten, mit erinnerungen an herbstliches pilzsammeln und die großmütterliche frisierkonsole , auf der ein ringdöschen aus meißner porzellan stand, dessen deckel ich einmal im eifer des spielerischen gefechts zerschlug. der versteinerte wald vor dem chemnitzer theaterplatz tauchte aus orangefarbener strassenbeleuchtung auf und die stämme trugen die von mir gehassten roten, grobgestrickten mützen. ich habe an meine kinderschallplatte von hauffs kaltem herzen gedacht und an das erste fischbrötchen, das ich im alter von sieben jahren auf dem rücksitz eines postgelben wartburgs gegessen habe, während meine eltern über den kürzesten weg aus dem herbstlichen annaberg stritten.

nach dem denkbar ernüchternden auftakt habe ich es tunlichst vermieden, meine lieblingsorte zu besuchen und mich gar dabei ertappt, wie ich voll bösartiger häme kurzentschlossen die kunsthöfe und das frühstück im garten der planwirtschaft gegen die bizarre institution der gläsernen manufaktur und ihrer grandios-perversen huxleyesken ausstellung eintauschte. schwere blutrote limousinen und die ungebrochene nähe von thomas´ "man of distinction", ein dresden, das sich bereitwillig wie eine touristenhure in coffeeshops und auf elbdampfern räkelt und räume ausfüllt, deren wände wie wg-gästetoiletten mit sich gegenseitig unterbietenden angeboten für guided tours bekleistert sind, während wenige zimmer weiter die andächtigen mufflons vorsichtigen hufes durch einen pretiosensaal schleichen und mit weichen mäulern kirschkerne mit 185 angesichten aus meiner hand klauben.
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