24
Sep
2006

Auf der Jagd nach der krausen Glucke

sowieso und überhaupt war der nahende herbst früher irgendwie leichter. meine einzige sorge war, ob ich wohl endlich aus dem grausigen dunkelroten anorak heraus gewachsen sein würde und ob mein vater beim spazierengehen vergessen würde, harmonische fotos von mir und meiner schwester zu machen.

damals reichtes es nämlich mitnichten aus, sich einfach gelangweilt unter einen vogelbeerbaum zu stellen und stolz einen korb mit plizen in die kamera zu halten. nein, das ganze sollte nach glücklicher schwestern-zweisamkeit aussehen.

noch heute hängt im esszimmer ein idyllisches bild, dass uns beide hand in hand von hinten, in einem gebüsch verschwindend zeigt. auf der anderen, der kamera abgewandten seite brodelte es heftig, wenige sekunden nach betätigen des auslösers rissen wir, als hätten wir uns aneinander verbrannt, die hände auseinander und wissen heute nicht mehr, wer wen garstigst gekniffen hat. es ging damals glaube ich darum, welches unserer beiden sommer-mastkaninchen zuerst geschlachtet werden sollte.

bevor der wald betreten wurde, nahm mein vaters uns vorsorglich die komplett stumpfen küchenmesser, im sächsischen familienmund liebevoll hümmelchen genannt, ab. obwohl es damals noch keine hollywoodesken antizipationen gab, sah er meine leicht trampelige schwester beim rehgleichen sprung über eine wurzel vermutlich derart ungeschickt stolpern, dass das hümmelchen sich gleichzeig durch herz, beide augäpfel und lunge bohren würde. ich galt zwar als vertrauenswürdiger, durfte aber aus gründen einer fairness, die mir bis heute nicht einleuchtet, ebenfallls kein messer mit mir führen.

auf dem ersten pilzspaziergang, an den ich mich erinnere, hatte mein vater aus der küchenschublade das erstbeste messer mitgenommen und prompt beim freudigen hallimasch-ernten auf einem baumstumpf liegen gelassen. meine mutter beeilte sich nach unserer rückkehr sofort zu erwähnen, dieses messer sei seit generationen in familienbesitz: schon ihr großvater hätte damit auf der schwäbischen alb hallimasch geerntet. mein vater machte unterdessen beim pilzesäubern auf zeitungspapier (freie presse, wenn das interessiert) unmutige geräusche, die anzeigen sollten, dass die mütterlichseitige familie, namentliche der schwäbische teil so geizig sei, dass besagtes messer wohl immernoch in einer schublade in sigmaringen und nicht im nachmittäglich bewanderten forst läge. seitdem rangierte meine mutter jeden herbst pilzmesser, deren verlust verwindbar war, aus.

meine schwester und ich durften nach einer sorgfältigen einweisung in gefahrenquellen des waldes (aggressive wildschweine mit frischlingen, tollwütige füchse, niedere pilzsammler mit dederonbeuteln, zecken, zuschnappende bärenfallen) nur röhrenpilze in unsere körbe sammeln. für lamellierte ware musste mein vater alarmiert werden, der dann über verbleib oder mitnahme entschied. meine mutter entschied beim säubern der pilze ihrerseits ebenfalls exakt entlang der kindlichen sammelerlaubnis-kategorie: röhren wurden gebraten, lamellen entsorgt - was meinen vater regelmässig empört schnaufen liess, wenn jeder von uns einen fingerhut voll pilze bekam, während auf dem kompost in der abendsonne mehrere kilogramm violetter rotelritterlinge ihre hüte ins küchenfenster hinein reckten.

reviertechnisch befand sich mein vater immer in einem konflikt: ertragreiche gebiete, namentlich nadelwälder, durch deren unterholz man bäuchlings kriechen musste konkurrierten mit lichtdurchfluteten mischwäldern, in denen erfahrungsgemäß nicht mal etwas wuchs, was meine mutter hätte ausrangieren können. meine schwester und meine mutter (blieb zwar daheim, jammerte aber über zerrissene anoraks) votierten für den lauschigen spaziergang im mischwald - mein vater und ich (zerrissene anoraks!) fürs unterholz.

ich weiss heute noch genau, wie es sich anfühlte, mit meinem vater zusammen das küchenmesser durch den erstaunlich festen stamm einer pubertären marone zu treiben. wie sich eine handvoll, im geschwenkten korb herumbollernde pilze anhören. wie großartig es war, sich gegenseitig mit kletten zu bewerfen und dabei ephemere allianzen in einem heer aus drei personen zu bilden, sich charakterlos zu verraten und in hinterhälte zu flüchten. ich weiss noch, dass ich immer eine krause glucke finden wollte, von der mein vater, mit mannigfaltigen gesten untermalt behauptete, er habe als kind einmal eine gefunden. manchmal, wenn es irgendwo knackte, blitzten in drei köpfen zwei verschiedene bilder auf - meine schwester und ich hofften auf das hexenhäuschen auf hühnerbeinen, mein vater erblasste, weil er das lang angekündigte killer-wildschwein erwartete. gut die hälfte der gesammelten beute wurde fein geschnitten und auf fliegengitterbespannten doppelfensterhälften auf dem dachboden zum trocknen ausgelegt. alle zwei bis drei tage durfte ich mit einem kochlöffel bewaffnet nach oben, um die, sich in der letzten septembersonne räkelnden pilze zu wenden.

im herbst begann für mich auch die zeit, in der essenstechnisch harte zeiten anbrachen. im örtlichen konsum-geschäft würde es für die nächsten monate nur noch kartoffeln, möhren, fettigschalige äpfel und kohl geben - abgelöst nur durch die obligatorischen, grünhäutigen kubaapfelsinen kurz vor weihnachten. manchmal aß ich so viele pflaumen, dass ich brechen musste oder streunte mit meiner freundin stundenlang die bahndämme entlang, auf der suche nach himbeeren, die schwarz vor dreck waren. sobald der september zur neige ging, meinte ich bei betreten des hauses sofort den mir verhassten geruch von weisskrauteintopf zu riechen, den meine schwester und mein vater wegen des mürben suppenfleisches so mochten.

mit eicheln und kastanien haben wir nie gebastelt, dafür manchmal stundenlang bucheckern gesammelt, die im gegensatz zu ersteren nicht in der schule gehortet (per 2 kg ein bienchen auf der wandtafel - für die gleiche menge altpapier gab es die hälfte) und an ominöse rehe verfüttert wurden, die irgendwo im fichtelgebirge hungerten. im herbst begann mein vater wieder davon zu träumen, an weihnachten mit meiner schwester vierhändig klavier zu spielen und zerrte sie regelmässig neben sich ans pianola. im keller, wo meine mutter und ich die ausgegrabenen dahlien verstauten, hörte man aber weniger hausmusik, als vielmehr den anschwellenden streit im esszimmer.

manchmal haben wir im herbst bei unseren spaziergängen schon unseren weihnachtsbaum ausgesucht, da es vor der kaufhalle im dezember nur indiskutable kiefern gab, mein vater auf tanne oder fichte bestand und das baumsägen in seinem unrechtsbewusstsein knapp hinter mundraub rangierte. zum baumstehlen im dezember wurde immer ich mitgenommen, da meine schwester eine wechselmütige schmiere-steherin war und meine eltern (einer sägte, eine hielt die sprichwörtliche lampe) nicht zuverlässig genug per wartburghupe vor nahenden lpg-fahrzeugen warnte. auch wenn ich es an weihnachten sicherlich noch einmal erzählen werde: vor dem schmücken wurde der baum bei uns regelmässig durch geschicktes anbohren zu falscher fülle aufmontiert wie eine sämige soße. da der baum immer in der ecke neben dem klavier stand, wurden eckwärts liegende äste gekappt und durch diffiziles anbohren des stammes an kahlen stellen in den obergeschossen der tanne verteilt. lametta hing übrigens nie an unserem weihnachtsbaum. und auch keine hektisch blinkenden, farbigen lichterketten - aber das wusste man im oktober nie so genau.

dass der herbst in meiner erinnerung so unmittelbar mit weihnachten verbunden ist, liegt sicherlich ein stückweit an den damaligen verhältnissen: mein vater spähte nach bäumen und suchte verzweifelt auf dienstreisen hirschhornsalz, meine schwester und ich mästeten in einem akt kindlicher herzlosigkeit die kaninchen bis zur schlachtreifheit (eins für den zweiten weihnachtsfeiertag, eins für ostern) und meine mutter beschwatzte kolleginnen bäuerlicher herkunft wegen einer fluggans.

wenn heute im supermarkt ab september die ersten lebkuchen liegen, dann ringt mir dieses umstöhnte phänomen nur ein müdes lächeln ab - weihnachten begann in meiner kindheit aus gründen der beschaffungsknappheit manchmal noch viel früher.
walhalladada - 26. Sep, 12:48

Irgendwie

ist es ja ein wenig gschamig bei Tisch als erster zuzugreifen...
Aber wenn's so gut schmeckt wie Ihr Pilzgericht, dann lass ich alle Hemmungen fallen!

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