Schluss mit den Legenden: Weniger ist Weniger

ich habe eine schwäche für lange texte. ich mag, wenn jemand sich die mühe macht, einen gedanken nicht wie ein ferkel die schlachtrampe hinunter zu treiben, sondern das muskelfleisch vor dem exodus liebevoll massiert, streichelnd aufbereitet und erst dann seinen besuchern als filet präsentiert.

dass nabokov der großartigste und von mir meistverehrte autor ist, liegt auch an seinem unfassbar liebevollen, beinahe erotisch aufgeladenen verhältnis zu texten. er entblättert, schiebt bedächtig strumpfbändchen beiseite, obduziert und ertastet. lesen und schreiben sind faktisch zwillinge: sie fordern die gleichen intellektuellen regionen und verlangen präzision, sorgfalt und verständnis für erzähltes und erzählbares. in der "kunst des lesens" heisst es eingangs: "wer liest, sollte dies liebevoll und unter zärtlicher berücksichtigung der einzelheiten tun. gegen den mondschein der verallgemeinerung ist nichts einzuwendn, er zeigt sich ohnehin, nachdem" die sonnigen kleinigkeiten liebevoll zusammengetragen wurden". nagelt euch das in ungelenken lettern über´s bett oder euren bildschirm. es ist grob unhöflich, einem text wie einem vorstadtflittchen lediglich auf den arsch zu schauen. (und ebenso unangemessen, einen text zu schreiben, der (achtung, metapher!) nur aus arsch besteht)

ich habe tiefen respekt vor denjenigen, die mit wenigen silben eine situation und eine stimmung schaffen können, die einen tag oder eine begebenheit auf ein, zwei sätze reduzieren können wie eine sämige farce von waldpilzen. winzige bissen, kolibrifeine tröpfchen, auf einen blick fassbar. auf der anderen seite joseph und seine brüder. meine präferenzskala kennt nur diese zwei pole und ist beileibe kein kontinuum.

ich mag keine kurzgeschichten. nicht einmal dann, wenn sie von autoren sind, von denen ich selbst den launigsten aphorismus oder das schwächste interview verzückt und glücksglucksend goutiere. ich lese aus prinzip keine kurzgeschichten. punkt.

kurzgeschichte. wie das schon klingt. so, als ob es kurze geschichten und flüchtiges gäbe. ich lese keine belletristischen texte, die kürzer als 150 seiten sind. ich lasse mich gern bäuchlings auf einem gemächlich dahinschaukelnden erzähldiwan sinken, schleiche mich gern sacht an protagonisten an und liebe quälend-bösartig, langsam entwickelte konflikte und szenerien.

kurzgeschichten sind wie diese widerlichen kleinen fingerfood-dingse in pausenzeiten. leere verbalkalorien auf prätentiös daherstolzierender pappspitzendeckchen, die flecke von der farbe erbrochenens auf der bluse und einen schlechten geschmack im mund hinterlassen. fingerfood macht nicht satt. zwei dutzend frittierte hühnerbeinchen und ein halbes kilo kirschtomaten hinterlassen spröde leere - wo doch ein einziger teller suppenhuhnbrühe ausfüllend sein konnte. das problem beim fingerfood ist das gleiche wie mit kurzen texten: ihre kürze ist lediglich das oberflächliche problem.

vielleicht liegt es am alten missverhältnis zwischen erzählzeit und erzählter zeit, dass sich erst dann wieder ästhetisch verflüchtigt, wenn die narrativen gliedmaßen bizarr verlängert oder verkürzt werden. die gesamte bibel in sechs sätzen oder ein augenaufschlag von der papiernen dicke eines tolstoi-romans: das geht. alles andere nicht. die ausdehnung (ich sage bewusst nicht: die länge) eines textes ist vermutlich ebenso ausschlaggebend für empfundene qualität wie seine sprache.

solange ich diese balance nicht beherrsche, erwähne ich lieber ein detail, eine augenfarbe, einen hallenden schritt und eine brosche mit ausgestochener perle mehr, als eines zu wenig. meist ist es der sache radikal abträglich, inhaltliche dichte durch kürze und staccato-schilderungen vom charme eines polizeiprotokolls erreichen zu wollen. sowas funktioniert nur äusserst selten.

ich hasse unpräzise beschreibungen - wenn ein detail schon erwähnt wird, dann bitte richtig. ich nehme mir gern die zeit, mit dem verfasser eines textes auf expeditionen, den kunstvollen auslassungen eines spitzendeckchens folgend, zu gehen. ich freue mich an aufmerksamen fremdschilderungen, erzählt mir doch bitte in epischer breite, schwelgt in einzelheiten, nebenbetrachtungen und überraschenden entdeckungen. mich interessiert ein aufmerksamer blick mehr als eine simple pointe. pointen funktionieren sowieso so gut wie nie. das kennt man ja schon aus der guten, alten abizeitschrift, bei deren lektüre man auch immer grüppchenweise schulterzuckend verlauten hörte: mussmannwohldabeigewesensein. wenn ich aber schon nicht dabei war, als das zwergkaninchen diese wahnsinnig witzige sache mit seiner nase angestellt hat oder in der marmelade schimmel schwamm oder einem schrank beim transport ein bein abbrach, dann bitte: kleidet den schwachen inhalt doch wenigstens verbal opulent! wer kein guter scherzeverbreiter ist, kann ja vielleicht trotzdem ein passabler dokumentar seines umfeldes sein.

ich liebe effi briest. wirklich. wenn rollo sich auf den letzten seiten des buches kummervoll unter der verwaisten sonnenuhr zusammenrollt, schlucke ich jedes mal schwer. und das liegt sicherlich nicht am tiefsinn der geschichte - mir wird ganz schlecht, wenn ich mir vorstelle, wie die meisten blogs effis geschichte erzählen würden: lässig auf 25 zeilen eingedampft. passiert ja auch nicht wirklich viel auf hunderten von seiten. und genau das ist das problem: in einem text muss nichts passieren, müssen sich die ereignisse und schlüpfrigen scherzchen nicht überschlagen. wer gähnend beginnt hastiger zu blättern, wenn fontane kirchmäuerchen, schaukel und rondell beschreibt, hat schlichtweg nicht verstanden, wie texte und leser funktionieren. pointen und tooo-tal lustige begebenheiten sind wie special effects: in zehn jahren lacht man drüber, weil ja heute sowas von viel mehr geht. geschichten und texte, die wie shyamalan-filme funktionieren sind seelenloser dreck. blogeinträge, in denen lausige you-tube-links oder schauderhaft unkomische zeitungsausschnitte oder animationen verbraten werden, lassen mich schaudern. gebt euch doch wenigstens die mühe zu erklären, warum es gerade heute so wichtig war, das pudelballett oder den typ, der sich eine pestbeule ausdrückt zu posten. wenn dieser grund eine seele hat und etwas anderes widerspiegelt als zeltbplatzartiges gröhlendes lachen, kann man den videolink sogar weglassen. wirklich! mich interessiert jede gesichtsinspektion, bei der der badezimmerspiegel ein winziges pickelchen offenbart mehr, als eine explodierende eiterbeule, unterlegt mit flotten klängen von blink182.

soviel zur per kommentar hinterlassenen blödsinnsmeinung wider dem langen, ausschweifenden text. nabokov am ende kommt immer gut, darum: "stil und aufbau machen das wesen eines buches aus: große ideen sind dummes zeug." in diesem sinne rolle ich mich jetzt auf dem sofa zusammen und fahre mit remarque im offenen wagen nach brescia.

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