WhiplashWilli (anonym) - 13. Nov, 08:54

Ausführliche Beschreibungen schön und gut, aber sie eignen sich nicht, um alle Stimmungslagen zu transportieren, und ein Autor, der nichts anderes kann, als ausführlich Broschen zu beschreiben, wird im Zweifelsfall daran scheitern, Aufregung, Furcht oder Todesgefahr so zu schildern, dass der Leser sie auch wirklich spürt.

Und auch, wenn ich selbst kein wirklicher Verfechter der Kurzgeschichte bin, so gibt es doch Meister dieser Form, die ich dafür sehr verehre, allen voran Kafka (auch wenn 'Kurzgeschichte' für seinen Parabeln eigentlich zu despektierlich klingt) und Poe. Und dann gibt es natürlich noch A Good Man Is Hard to Find von Flannery O'Connor, die wahrscheinlich großartigste Kurzgeschichte, die ich je lesen durfte und die ich auch Skeptikern wie Dir nur sehr ans Herz legen möchte.

Miss Manierlich - 13. Nov, 11:59

lieber willi,

das würde mich nun wirklich interessieren: warum eignen sich ausführliche darstellungen nicht, um aufregung, furcht oder todesgefahr zu transportieren? ich verweise hier gern noch einmal auf die ersten seiten des ersten band der temps perdu, in denen seitenlang über die ängste und befürchtungen marcels, der keinen gutenachtkuss von seiner mutter bekam, geschrieben wurde. und zwar in aller ausführlichkeit und mit dem ergebnis, dass man als leser mit jeder faser die kindlichen ängste eines sich verlassen glaubenden kleinen jungen spürt. ob das gleiche ergebnis auch mit wenigen sätzen zu erreichen wäre? ich bin skeptisch.

vielleicht habe ich mich noch in einer weiteren form fälschlich ausgedrückt: kurzgeschichten sind mir schlichtweg zu kurz, was nicht bedeuten muss, dass sie immer in maximaler kürze erzählen würden. nehmen wir doch einfach die verwandlung, die in bezug auf ihre schilderungen keineswegs kurzgeschichtenmerkmale trägt. im gegenteil: sie beobachtet und präzisiert ausgesprochen feinporig. ich erinnere mich noch gut, wie im deutschkurs beispielsweise alle über die schilderungen der anordnung der samsaschen räume stöhnten, die oberflächlich so gar nichts mit gregors käfertum zu tun zu haben schienen. dass dies nicht so ist und die aufteilung der wohnung ein detail ist, ohne dass weite teile der geschichte nicht funktionieren, ist bekannt. was ich damit sagen will: kafka erzählt kurzgeschichten mit dem gleichen stilistischen inventar, mit dem er auch seine längeren erzählungen vorantreibt. gerade kafkas kurzgeschichten oder meinetwegen parabeln sind ein gutes gegenbeispiel für das, was ich meine oder ausdrücken wollte. ich mag kurzgeschichten tatsächlich meist deswegen nicht, weil ich keine ausschnitte oder szenen , sondern die ganze geschichte lesen will. und das hat mit dem stil oder der sprache von kurzgeschichten nur selten etwas zu tun.

solche dinge fallen mir meist bei autoren auf, deren überlange texte ich sehr mag. um auf meinen beitrag zurück zu kommen: es ist beinahe quälend nabokovs kurzgeschichten zu lesen und sich bei jeder seite seufzend zu sagen, was man um diese begebenheit für einen weiteren großartigen 600-seiten-wälzer hätte schreiben können. wie auch frollein mansfiel, werde ich mir die geschichten des ollen flannery demnächst zu gemüte führen und berichten, wie es nun gefiel.

bestes,
miss manierlich
WhiplashWilli (anonym) - 13. Nov, 14:39

Natürlich kann man auch die Ängste von Figuren, also das, was in ihren Köpfen vorgeht, sehr wortreich beschreiben (nichts anderes macht beispielweise Poe in den meisten seiner Geschichten - in The Pit and the Pendulum etwa tut so gut wie nichts anderes, schon allein, weil es in dem Raum, in dem der Protagonist sich befindet, nur wenig gibt, was man ausführlich beschreiben könnte) - aber dann bitte eben nur diese innere Seite. In einer Geschichte wie zum Beispiel der von The Tell-Tale Heart, in der die rasende Paranoia des Ich-Erzählers sich immer mehr zuspitzt und schließlich in dem Schlusssatz kulminiert, wäre eine detaillierte Beschreibung des Tapetenmusters schlicht und ergreifend fehl am Platz, weil dadurch der stets vorantreibende Erzählfluss, der für diese Geschichte so wesentlich ist, störend unterbrochen würde.
Miss Manierlich - 13. Nov, 15:18

lieber willi,

ich bin mir nicht ganz sicher, ob die beschreibung eines tapetenmusters hier wirklich keinen sinn ergäbe. stellen wir uns doch einmal eine abstrakte poeske situation vor: da liegt jemand gefesselt auf einer offenkundig zum zwecke der exekution installierten gerätschaft in einem karg eingerichteten folterzimmerchen. der raum ist komplett leer und nur rudimentär mit nackten dielen und einem dreibein eingerichtet. und plötzlich schweift das auge des erzählers auf eine küchentapete mit kupferkesseln und zwiebelarrangements. und während sich das folterinstrument langsam herab senkt, sieht unser armer delinquent immer neue details auf der deplatzierten tapete. also, ich fände das großartig! um hier noch einmal den meister zu zitieren: alles wesentliche ist zuhöchst subjektiv. ein herab rinnendes schweisströpfchen, bizarr zerdehnte oder beschleunigte zeit oder eben auch eine geblüme tapete. alles, worauf ein extrem angespannter, am rand des poeschen wahnsinns balancierender geist aufmerksamkeit verschwendet oder verschwenden könnte, ist es wert, erwähnt zu werden. vielleicht denke ich auch einfach weniger an den erzählfluss, als vielmehr an eine möglichst dicht aufgebaute atmosphäre. ich fände es reizvoll, wenn dem helden in augenblicken der todesangst der schweinebraten seiner mutter einfiele: im augenblick der enthauptung vibriert der gesamte mundraum noch einmal unter der erinnerung an soßengetränkte rosinchen oder schwenkkartoffeln....

heitere grüße,
miss manierlich

Name

Url

Meine Eingaben merken?

Titel:

Text:


JCaptcha - du musst dieses Bild lesen können, um das Formular abschicken zu können
Neues Bild

 

logo

Miss Manierlichs Manierismen

Aktuelle Beiträge

Das Wort Eingangskompliment...
Das Wort Eingangskompliment gefällt mir gut. Ebenso...
HMHB (anonym) - 17. Jul, 16:15
liebe füßelnde, ja,...
liebe füßelnde, ja, ich finde auch, dass...
Miss Manierlich - 16. Jul, 14:20
liebe(r) hmhb, herzlichsten...
liebe(r) hmhb, herzlichsten dank für das eingangskompliment...
Miss Manierlich - 16. Jul, 14:16
und ganz vergessen:...
und ganz vergessen: tolles buch, toller autor - jungendliteratur...
kopffueßelnde (anonym) - 14. Jul, 20:36
meint man nicht! erbitte...
meint man nicht! erbitte gegenbeweisfotos. und ja:...
kopffueßelnde (anonym) - 13. Jul, 19:39

Archiv

November 2006
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
 
 
 2 
 3 
 4 
 5 
 7 
 8 
 9 
10
11
14
15
16
17
18
19
21
22
23
24
25
27
28
 
 
 
 

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Suche

 

Status

Online seit 823 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 17. Jul, 16:15

Credits

Knallgrau New Media Solutions - Web Agentur für neue Medien

powered by Antville powered by Helma


xml version of this page
xml version of this page (with comments)

twoday.net AGB


Anhedonie
Aufgelesen
Bloschenromane
Diorama
Dolce & Dubios
Miu Meu
Scarpediem
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren