6
Jan
2007

Chuck Palahniuk: Die Kolonie

dieser ort war als refugium gedacht. hier hatte man ugestört leben sollen. eine abgelegene schriftstellerkolonie, wo wir arbeiten konnten, geleitet von einem alten, sehr alten, sterbenden mann namens whittier, bis schluss damit war. und wir sollten geschichten schreiben. schöne gedichte. wir, seine begabten schüler, für drei monate aus der gewöhnlichen welt ausgesperrt

so ist es eben mit der große liebe, den großen lieben: enttäuschung und verzückung in steter folge sind ihr wesen. ich mag herrn palahniuk. sehr sogar. ich habe den simulanten geliebt und fight club in kauf genommen. ich habe flug 2039 mehrmals wie eine essgestörte in mich hinein geschlungen - und jetzt stellt mich die kolonie auf eine harte probe.

auf den ersten seiten war ich noch frohen mutes, bediente sich herr palahniuk doch meines liebsten erzählers: des "wir". ich mag bücher, die von einem "wir" erzählt werden, sie sind zutraulich und intim, gleichzeitig aus maximaler distanz und anonymität heraus geschrieben. das "wir" suggeriert zugehörigkeit, mitwisserschaft und gleichzeitiges ausgestossensein.

ich mochte den kleinen, gedichtförmigen prolog, in dem erklärt wurde, warum die protagonisten, die anderen teile des wir sankt prolaps oder agent plaudertasche hiessen, denn die namen "resultieren aus unseren fehlern und verbrechen. das gegenteil von superheldennamen. ich mochte es, noch ungeduscht und ohne eine erste zigarette aus der tür mitten in den bus geworfen zu werden, der eine stadt durchfährt und alle mitreisenden des experiments schriftstellerkolonie einsammelt, wie beteiligte einer skurrilen kaffeefahrt. ich mochte die beschreibung der gepäckstücke, von denen jeder nur ein einziges mitführen durfte und die so wahnsinnig gepackt waren, wie die koffer überraschter flüchtlinge. ich habe mich direkt in den handlungsort der einen hälfte des buches verliebt, ein altes theater mit disneyesken nachbauten englischer tesalons, renaissance-raucherzimmer oder sündigen maya-separeés. auch den formalen aufbau des buches fand ich zunächst recht unterhaltsam: jeder der kolonisten wird parallel zur theaterhandlung mit einem kurzen, im aufbau analogen gedicht und seiner lebensgeschichte vorgestellt.

diese lebensgeschichten sind der erste schwachpunkt des buches, die erste nicht eingehaltene versprechung. wenn ich ein buch lese, in dem laienautoren in einer kolonie das beste buch, gedicht oder die geschichte ihres lebens schreiben sollen, dann fühle ich mich schlichtweg verarscht, wenn diese geschichten in einer simplen autobiographischen rüsche bestehen. die erkenntnis, das leben beziehungsweise der für ein leben prägendste zeitabschnitt sei die beste geschichte die man erzählen könne, ist ein bisschen stuhlkreismässig.

zunächst lassen sich aber sowohl die kleinen expositionen in gedichtform als auch die anschliessenden geschichten zumindest recht unterhaltsam an: der verlust großer teile des dickdarms durch onanie (sankt prolaps), die fussmassagenprostitution (mutter natur), die obdachloseneskapaden der high society (lady tramp) und der mord an einem ehemaligen kinderstar, der jetzt veterinär ist (graf schandmaul) - alle diese geschichten sind hübsch, derb und atemlos geschrieben. sie sind mit der richtigen prise unglaublichkeit, abgeklärtem humor und bösem hohn verfasst. aber und dies ist das problem des buches: sie haben nichts miteinander zu tun.

meine ablehnung gegenüber kurzgeschichten habe ich ja bereits kundgetan und ich kann mich das umstandes nicht erwehren, dass herr palahniuk in seiner schublade eine reihe eben dieser kurzen, bissigen episoden lagerte und flugs eine rahmenhandlung um diese häkelte, um einen roman daraus zu machen. man merkt zu deutlich, dass diese kleinen skizzen und narrativen vorspeisen zum teil mit gewaltigem zeitlichen abstand geschrieben wurden. man spürt sehr schnell und sehr deutlich, wie wenig die rahmende handlung im theater in der lage ist, aus diesem potpourri ein ganzes zu machen. was beinahe noch schlimmer ist: die rahmenhandlung selbst ist eine kurzgeschichte und leider die miserabelste des ganzen buches. unabhängig vom inhalte wäre das eigentlich eine raffinierte vorstellung: ein bündel kurzgeschichten, verpackt in einer weiteren kurzgeschichte. aber es liest sich so verflucht zäh und artifiziell! es quält und ist eine verdammte schande, dass herrn palahniuk, der die tender branson deponie für pornorgraphisches material erdachte, nichts bescheuerteres einfallen kann, als dass die im theater eingeschlossenen sich nach und nach töten oder auffressen oder töten und danach auffressen.

recht schnell, recht eklig (recht unüberraschend) und etwa nach einem drittel des buches stirbt mister whittier (der übrigens an progerie leidet und fast vierzehn jahre alt ist), der die ruhmeswilligen laien nicht etwa auf ein einsames eiland sondern ein schäbiges tingelbüdchen verfrachtete, an einer portion schockgefrostetem hühnchen und ich verrate wohl keine zu großen geheimnisse wenn ich sage: natürlich lebt er auf der letzten seite noch oder wieder. dieses nochleben wäre zu verschmerzen gewesen, würde er nicht vorher noch mehrere äusserst platte dinge wie beispielsweise diese absondern:

"hört euch doch an", sagt er. er schüttelt den kopf, dass seine wenigen haare wackeln und sagt "dauernd erzählt ihr euch eure geschichten. dauernd macht ihr die vergangenheit zu einer geschichte, um euch selbst reinzuwaschen. (...) die leute verlieben sich so sehr in ihren schmerz, dass sie nicht von ihm lassen können. (...) "mit den geschichten, die wir uns erzählen, verdauen wir, was uns zustösst", sagt mister whittier. "mit unseren geschichten verdauen wir unser leben. unsere erfahrungen".

ebenfalls äusserst unangenehm ist der umstand, dass herr palahniuk diese figur zu mögen scheint und ihr abseits des erzählenden "wir" nur zu gern seine stimme leiht, vermittels der dann oben genannte und viele andere plattheiten gesagt oder getan werden.

nachdem mister whittier gestorben ist und sich die inhaftierten der schaffung der versprochenen besten geschichten nicht wirklich nähern, muss ein anderes nahziel nach ablauf der drei monate her: alle hoffnungen richten sich auf den moment der entdeckung durch helfer von aussen und die daraus resultierende berühmtheit. alle kolonisten sind nun bestrebt, die zustände während ihrer gefangenschaft so schrecklich wie möglich aussehen zu lassen: sie vernichten ihre vorräte, zerstören das interieur, verteilen protagonisten und handlungsstränge für die kommende verfilmung ihrer passion und (s.o.), nunja: töten und verzehren sich eben.

irgendwann werden dann auch die geschichten der beteiligten immer kraftloser und geziert prätentiöser. nehmen wir die geschichte von miss clark, deren tochter in eine mysteriöse alptraumbox in einer galerie schaute und von diesem zeitpunkt an dem verfall preisgegeben wurde. man kann sich des eindruckes nicht erwehren, dass herr palahniuk dem leser nicht erzählt, was in dieser dämlichen box ist, weil er es schlichtweg nicht weiss. und ich hasse es, wenn jemand mysteriösen bohei um eine sache auftürmt, den leser seite um seite mit geheimnissen geisselt und diese nicht einmal in einem lakonischen sätzchen auflöst, weil ihm selbst nicht einfällt, was denn nun in der killerkiste gewesen sein könnte.

nach 472 seiten sind die drei monate im theater abgelaufen, alle geschichten erzählt und alle extremitäten abgehackt, alle babys fehlgeboren und plazenten verdaut. mister whittier schliesst das theater auf, lakont ein paar scheingründe für die existenz der kolonie und will die inhaftierten filmstars und medienlieblinge in spe wieder in die wirklichkeit entlassen. diese wollen natürlich einen gamouröseren abgang, haben sich wochenlang auf retter und pressevertreter vorbereitet und schliessen den alten peiniger endgültig aus, der wie teil des freudschen unterbewusstseins beharrlich an der tür rüttelt.

wir hören mister whittier draussen vor der stahltür schreien, seine fäuste hämmern. er will zu uns rein. er will nicht allein sterben. fürs erste warten wir noch, wiederholen unsere geschichten. in unserem museum. in dieser ständigen generalprobe. wie mister whittier uns hier eingesperrt hat. wie er uns gefoltert hat. uns hat hungern lassen. wie er uns umgebracht hat. wir beten es uns vor: unseren mythos. und eines tages, bald schon, wird die welt diese tür öffnen und uns retten. die welt wird uns hören. und von diesem glorreichen tag an wird die welt uns lieben.
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