Der liebe Gott

wenn ich bei meinen eltern bin muss ich, um die nach meinem wegzug etablierte zimmerverteilung nicht zu stören, immer im letzten noch nahezu vollständig instandgehaltenen kinderzimmer nächtigen - was reichlich gelegenheit zur inspektion meiner früheren kinderbücher gibt. ich bin immer wieder erstaunt, wie genau ich insbesondere deren illustrationen noch kenne und während es aus den unteren schlafzimmern krakeelt, ich möge doch das rauchen im dachgeschoss einstellen (oh heiliger sankt florian....) freue ich mich abwechselnd über ein drastisches bild aus einer illustrierten ausgabe des kalten herzens oder eine weichgezeichnete bebilderung meines damaligen lieblingsmärchens (falada, da du hangest.....). am letzten sonntag fiel mir beim stöbern meine kinderbibel in die hände, eine reichlich zerfledderte ddr-ausgabe die pathetischerweise "schild des glaubens" heisst und die ich auch wegen ihrer illustrationen unglaublich geliebt habe. das lag sicherlich nicht daran, dass ich so ein frommes kind war, vielmehr mochte ich die geschichten, die von seiten meines vaters durch eine reichliche portion dramaturgischer beigaben während des vorlesens angereichert wurden und die für mich völlig gleichberechtigt neben "jorinde und joringel" und dem tapferen zinnsoldaten angesiedelt waren.

während der weihnachtstage an denen ich daheim bin, kumuliert die gesamte religiöse erziehung meines vaters in einer merkwürdigen melange aus christenlehre und frühkindlicher bibelerziehung und nie ist mir so bewusst geworden dass mein vater einen glauben von der tiefe eines achtjährigen kindes in sich bewegt, wie in diesem jahr. der ehemalige orgelspieler quält die gesamte familie seit jahr und tag speziell mit dem bachschen weihnachtsoratorium - "bereite dich zion" dröhnt mir bei betreten des hauses regelmässig am abend des 23ten in ohrenbetäubender lautstärke entgegen, was bedeutet, dass der religiöse wahn, der bis pfingsten anhalten wird, langsam seinem vorläufigen höhepunkt entgegenstrebt. die lust und inbrunst, mit der unsere familie mit beginn der adventszeit endlich auch einmal das komplette inventar der inszenierung des religiösen pflegen darf, belegt wieder einmal die alte these von den protestanten, die neidisch auf den prunk und die staffage der katholiken schielen.

ich gönne meinen eltern und speziell meinem vater diese unschuldige kleine freude von ganzem herzen - tragisch ist nur das zutagetreten der basis seiner religiosität. im kern glaubt mein vater an den sprichwörtlichen lieben gott seiner kindheit, angereichert mit deutlichen zeus-anleihen. gott heisst für meinen vater: blitzeschleudern, cherubin und brennender dornenbusch. es gibt keine reflektierte ebene, sondern lediglich einen ängstlich-märchenhaften kinderglauben, der aus dampfendem opferlammblut, beschaulichen tierpärchen die die arche noah besteigen und erkenntnisäpfeln zusammen gesetzt ist.

gespannte verhältnisse zwischen töchtern und vätern sind sicherlich mehr als gewöhnlich. dass aber der zumeist einzige moment des jahres, in dem ich so etwas wie emotionale verbundenheit zwischen uns beiden bemerke ausgerechnet während des gottesdienstes am 24.12. vonstatten geht, sichert uns beiden einen gewissen exotenstatus. wenn wir um kurz nach halb sechs dort sitzen, wo die manierlichs seit nunmehr drei generationen sitzen (seit der besucherschwemme die 1989 einsetzte, sind gute kirchenplätze eine frage des timings und meistens muss ich bereits die vorangehende kindermesse besuchen, um den einen und einzigen platz für die gesamte familie in bester zonen-manier zu "besetzen"), steht meinem vater bereits die vorfreude im gesicht geschrieben, weil chor und orgel bald unser beider lieblingslied anstimmen. insbesondere die von der gemeinde mitgesungenen zeilen "gottes sohn ist mensch geborn´n, hat versöhnt des vaters zorn" sind umfassend nach dem religiösen geschmack meines vaters und bereits mit beginn des ersten teils (der in der sächsischen provinz von dialektfreien mitgliedern der kurrende mit deutschem text gesungen wird) nimmt mein vater meine hand um während der phase des gemeindlichen mitsingens die schmissigen paukenschläge, die wir beide so gern mögen, quasi per sanftem druck an mich weiterzugeben.

das ganze ist angesichts unseres regulären emotionalen verhältnisses so komplett unglaublich und ein so unfassbarer moment der intimität, dass ich jedes jahr denke, ich hätte mir die erinnerungen der letzten jahre lediglich eingebildet. bereits wenige tage nach dem letzten quempas kommt mir die szenerie meines, ob der vielen nichtkirchengeldzahler in seiner kircher strafende blicke versenkenden vaters, der meine hand nimmt, durch und durch abwegig vor. die gleiche person, die mir gegenüber während des restlichen jahres eine mischung aus emotionaler unbeholfenheit und passivem misstrauen hegt, fasst mich freiwillig und für runde dreieinhalb minuten in momenten des höheren musikalischen genusses an - unfassbar. wir sprechen nie darüber, warum während des quempas das unglaubliche vonstatten geht.

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