16
Jun
2008

Rapa Nui

ich gehöre nicht wirklich zu denjenigen reisenden, die den zustand des reisens als teil des dreisatzes lesen-reisen-kunstgucken(oder hören), also im sinne der horizonterweiterung und des wohlsituierten an sich selbst arbeitens auffassen. reisen heisst für mich primär: nichtdaheimsein. man könnte also sagen: mein reisen ist eher ein urlaub und damit vom klassischen erforschen, entdecken und erweitern maximal entfernt.

(manchmal denke ich, älterwerden heisst für mich: die eigenen ansprüche ausdünnen. vom bildungsbürgertum ist bei mir im laufe der jahre als einziges element das lesen übrig geblieben - das allerdings wuchert und breitet sich beängstigend aus.)

urlaubmachen an sich ist natürlich eine recht verpönte sache - der begriff schliesst ja quasi alles bildende des gepflegten reisens aus und riecht streng nach mallorca. im freundeskreis hagelt es beispielsweise immer hochgezogene augenbrauen und bedenkliche bemerkungen wenn man beiläufig äussert, dass man auch in diesem jahr einen aufenthalt in dubai plant - die abfälligen reaktionen münden hierbei meist in der wenig subtil zur schau getragenen kulturellen überlegenheit eigener reiseziele und damit in einer unschönen persönlichen wertung des in den emiraten urlaubenden. und überhaupt: was macht man dort bitteschön den ganzen tag?

ich habe es ausgegeben zu erklären, warum ich meine reiseziele unverhohlen und ungenant nach dem shopabilityfaktor auswähle - es reicht, dass prinz genji geduldig mit mir fünf tage zwischen selfridges und topshop zubringt oder abends auf der muraquabatstreet sitzt, fladenbrot und öligen kichererbsenbrei taucht und sich freut, wie herzförmige falafel im widerschein einer marks&spence-reklame aufleuchten.

ich sitze gern mit einem zuckersüßen knallroten smoothie auf dem klimatisierten walk of fame einer mall und gucke autos. ich schleppe gern jeden abend wie eine vogelmutti für ihre hungrigen nestlinge kiloweise unterwäsche mit kirschdruck, babydolls und vintageschmuck in ein hotelzimmer. ich liege gern auf dem bauch auf einem pferdedeckenartigen bettüberwurf, schaue stundenlang einheimisches fernsehen und warte bis es nacht wird, um danach in üblen vierteln spazieren zu gehen und kandiertes/frittiertes zeug aus dreckigen büdchen in mich zu stopfen.

gestern abend verlockte mich dann ein artikel in der neuen vogue und spontan begurrte ich die begleitung, doch im nächsten jahr mit mir nach rapa nui zu reisen - hochgezogene augenbrauen und die bösartige frage, ob mir bewusst wäre dass es dort keinen marc jacobs-flagshipstore gäbe waren die folge. und genau das sind die "der deckel vom mohnbrötchen"-momente, auf die man unbewusst fünfeinhalb jahre gewartet hat. während prinz genji auf dem grund des nudelsoßentopfes nach vergessenen fleischstückchen wühlte, brach meine harmonische harrods- und primarkwelt zusammen. der mann, der seit beginn unserer beziehung heuchlerisch meine trophäen hinter mir herschleppte und geduldig die allabendliche modenschau mit freudigen die-schuhe-sind-jedes-pfund-wert-rufen untermalte, offenbarte mir durch diese bemerkungen, dass er mich für ebenso oberflächlich hält, wie meine engsten freunde nur hinter vorgehaltener hand murmeln.

warum der besuch eines museums mit regionaltypischen häkelarbeiten denn auf einmal besser sei, als der tägliche sehnsüchtige gang über die new bond street im londonurlaub wollte ich wissen. ob ihm der zwischen all dem ramsch aufblitzende henkel eines winzigen chloetäschchens denn nicht viel mehr bedeuten würde, als die entdeckung eines gässchens, das nie ein touristenfuß zuvor betrat? ob ich das kirschrote umhängetäschlein mit den wichtigsten urlaubsutensilien (kreditkarte, zigaretten, zugangsberechtigung zum entsprechenden nahverkehr) demnächst gegen einen reiseführer ohne bilder austauschen müsse? soll ich den traditionellen picknickkorb von fortnum&mason, den ich seit fünf jahren anlässlich meines geburtstages immer bekomme gegen lauwarme, euterfrische ziegenmilch tauschen?

ich brauche beton unter den füßen. ich urlaube gern dort, wo es in einem umkreis von anderthalb kilometern mindestens einen laden, der kalte getränke und die amerikanische vogue verkauft gibt. ich dusche auch unterwegs gern zweimal am tag ohne zuhilfenahme entwürdigender duschmarken. und kulturbeflissen über einen brillenrand lächeln kann ich auch daheim.
Ambroggio (anonym) - 19. Jun, 04:28

.

Werteste, Sie strahlen eine seltsam dekadente Attraktivität aus. Abgesehen davon, dass ich mich allerdings ganz vorzüglich bei dem Gedanken fühle, dass es weder mein Geld (von dem ich eh nicht genug hätte) ist, dass Sie da ausgeben, noch, dass ich dem Unheil eines vielleicht doch mal vorkommenden Unwillenszeitfensters bzgl. einer rezipierenden Modenschaupartizipation unterliege, könnte ich fast in Versuchung geraten eine ähnliche Meinung wie Sie zu vertreten. Besonders Ihre Ausführungen über den extensiven Konsum lokalgenössischer Medienkultur und das Goutieren einheimischer Leibspezialitäten liessen mich unwillkürlich kopfnickend zustimmen, da aber nur farbenfrohe Details eines lange vermissten Lebenszeichens, vielleicht doch nicht so relevant, wie sich Hoffnung in mein Herz zu schleichen wagte.

Miss Manierlich - 19. Jun, 16:04

lieber ambroggio,

(schreib´ halt in meiner muttersprache in dein blog - mein englisch reicht exakt, um den inhalt zu verstehen, die feinen zwischentöne versumpfen irgendwo in der sektion, die ich im grundkurs klasse elf lieber mit kritzeleien und briefeschreiben befüllt habe. und der kalender ist so unglaublich schön: am meisten mag ich die kürbisköpfige giraffe und den januar - hat da jemand etwas zu oft eine meiner lieblingsszenen aus disneys "die schöne und das biest geguckt"?) ansonsten schmücke ich mich eben nach wie vor gern - an der kombination von hochwertigem edelschuhwerk mit dem immergleichen schwarz, schwarz, schwarz und unechtem schmuck, für den ein noch unentdecktes inselvolk mehrere hektar palmen und strand tauschen würde, kann ich beim besten willen nicht dekadent nennen..

und was die hoffnung angeht: manchmal sollte man wahrlich nicht zu wörtlich werden, ansonsten müssten wir zwei nun über relevanz sprechen - ein wahrlich unschöner ausdruck im kontext des bloggens.... giraffen mit verkohlten würstchen im mund und leuchtreklamenkichererbsen sind zumindest mir relevant genug, um mich an beidem zu erfreuen.

allerbestes, allerherzlichstes,
miss
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