3
Nov
2010

Salonfähig

ich frage mich gerade, wann der neue zyklus der salonfähig gewordenen kinder-dooffinderei begonnen hat. egal wann, aber ich ärgere mich jedes mal darüber - weil es so eine verdammt billige art ist, sich im konsens zu suhlen. weil es so arm ist, sich über den umweg der kinder ein flottes urteil über die hinter den blagen stehenden eislaufmuttis und suv-papis zu bilden. und weil es so einfach ist, kinder nicht zu mögen und dabei immer und immer wieder zu wiederholen, man selbst wolle sich natürlich und unter keinen umständen vermehren und eine weitere johanna, die zum kinderyoga und geigenunterreicht geschleift wird und danach ein konservierungsmittelfreies ingwereis bekommt, in die welt setzen. ehrlich: da kommt mir alles hoch.

ich habe auch nie so richtig verstanden, welche art von statement hinter diesen leidenschaftlich vorgetragenen horror-anekdoten über quengelige wohlstandskinder mit altdeutschen namen und übereifrigen müttern steckt. aber es ekelt mich doch irgendwie an, wie leicht es offenbar ist, den eigenen lifestyle als bildliches negativ zu anderen lebensentwürfen zu konzipieren. etwas nicht zu wollen, etwas abzulehnen was anderen menschen erstrebenswert erschien, etwas leidenschaftlich zu hassen und borniert zu kommentieren ist auf befremdliche art und weise reaktiv - ausserdem kann man sich so praktisch davor drücken, mal die hose herunter zu lassen, welche biographischen sehnsuchtsschwächen man selbst so im keller hat.

es ist natürlich unglaublich leicht, sich über die überengagierten mütter und ihre mitgeführten mini-diktatoren zu amüsieren. über babyschwimmen und frühkindliche musikerziehung und makrobiotisch zubereiteten brei und assoziatives zeichnen in öl. ich ärgere mich ständig über kinder, die in museen gefährlich nahe an den exponaten vorbeijagen oder versuchen, skulpturen zu besteigen. ich habe während der eröffnung des summer sale in london bei harvey nichols erbost mit einer mutter, die ihren überdimensionierten buggy wie einen rammbock durch die menschenmassen schob, in bester bioladen-keifton-manier gestritten, weil sie die umstehende menge mit penetranten äußerungen, man möge doch im gerangel rücksicht auf ihr kind nehmen, belästigte (und leider gut genug deutsch sprach, um meine gezischte äußerung, so käme man natürlich komfortabel an die reduzierten jimmy choos und daraufhin mit mit die alte leier von der kinderfeindlichkeit aufführte). ich ärgere mich über kleinkinder, die in restaurants am nebentisch die brust bekommen oder lauthals über ihrem getrüffelten kinderteller quengeln. ich schnaube hämisch über mütter, die den neuesten schrei der genieförderung im kindesalter bei milchschaum besprechen. ja, im großen und ganzen sind kinder und ihre eltern (hübsches detail: meist wird von den unausstehlich-tüdeligen müttern gesprochen, den vätern schiebt man eine passiv-finanzierende position in diesen spielchen zu) definitiv eine zumeist hochgradig nervende und sensorisch nur unzureichend ausblendbare belästigung.

übertroffen wird diese belästigung jedoch definitiv noch von denen, die sich über modische erziehungsweisen, namensgebung, kreative kinderbespaßung, die unfähigkeit der eltern ihre kinder zum stillhalten zu nötigen oder den trend zur retrokindheit aus dem frühen 20. jahrhundert mit klavierstunden und holzspielzeug monieren. süffisant wird ausgebreitet, wie diese und jene völlig überforderte mutter (mit betonung auf mutter. was sonst) ihr kind nicht zum gesitteten essen, beine oder mund stillhalten, mittagsschlafen oder heimgehen bringen konnte. das ganze ist dann schnell typisch und kein wunder und zum glück bezahlt ja ein fleissig arbeitender karrierepapa die spinnereien seiner frau.

das problem ist eher: kinder sind auch nicht anstrengender oder empörender als beispielsweise durchschnittliche freiberufliche grafikdesigner, kommunalpolitiker im wahlkampf oder multicolorsträhnchen und ungeputzte kunstlederstiefel spazierenführende problempubertierende. übereifrige eltern die alles richtig und ihrem kind alle bequemlichkeiten und annehmlichkeiten ihres lebens eröffnen wollen haben gegenüber so ziemlich allen menschlichen belästigungen des urbanen lebens einen unleugbaren pluspunkt. und dieser besteht darin, dass unter all der selbstbezogenheit die man darin entdecken kann, so ein kleines politisch überkorrektes mini-me auszubrüten, auch dinge stecken, die ich nicht einmal der buggyhexe aus london streitig machen kann. fürsorge zum beispiel. oder auch die (durch den ungeheuren zustand der erkenntnis ausgelöst, dass dieses grandiose. witzige, begabte und einzigartige kind tatsächlich ein eigenprodukt ist) andächtige hingabe, mit der man sein kleines wunderwerk so unbedingt fördern und noch besser machen will, dass alle umstehenden sich nur genervt abwenden können.

wenn ich auf solche übereifrigen mütter gucke (mich belustige, ärgere, vor unverständnis schäume), dann ertappe ich mich doch erscheckend oft dabei, dass ich meine biographisch zumindest nocht nicht ganz unwahrscheinlichen kinder, zumindest in grundzügen vermutlich ähnlich erziehen würde. mein kind soll nicht monique oder nico heissen, mit giftigem plastikscheiß spielen oder vorm fernseher dauergeparkt werden. mein kind soll nicht mit einem frustrierten elternteil der das kürzere hölzchen gezogen oder das geringere einkommen/den unsichereren job hatte, in der wohnung hocken und ein quietschendes babydenkmal der elternzeitlangeweile werden. aufgrund eigener erfahrungen mit säuglingskrippe und kindergarten in der ddr habe ich auch durchaus vor, mein kind während eventueller elternzeit in den ersten jahren auch durch eltern betreuen zu lassen - warum ich das ausschliesslich in den eigenen vier wänden und wenn schon an öffenlichen orten dann an solchen, wo ich keine kinderlosen menschen belästige tun sollte, leuchtet mir auch nicht ganz ein. muss ich meine überforderung mit frühmorgendlichem zurschulebringen oder quengelei an der supermarktkasse dann schamvoll verstecken und nur noch orte aufsuchen, wo es kinderteller käptn blaubär und verständige miteltern gibt? muss ich lust drauf haben, in einem schicken muttighetto mit krabbelecke zu leben, weil ich an allen anderen orten potenziell mit entwicklungstypischen kinderbockereien der peinlichen art (und den reaktionen meines naserümpfenden umfelds) rechnen muss, die dritten nicht zumutbar sind? ist es wirklich nötig, sich über eltern die ihre kinder mit ins café nehmen, dort selbstständig von der karte ein stück kuchen wählen lassen (in vollem bewusstsein, dass der kuchen atomisiert und weniger gegessen wird) und es gar wagen mit einem suv vorzufahren, zum gegenstand eines bornierten intellektuellen-sperrfeuers zu machen, das nicht müde wird zu erwähnen, dass man dieses lästige kinderding natürlich selbst längst überwunden hat?

wenn ich nicht schuldbewusst zu dem schluss komme, dass johanne mit dem glas mandelmilch und der kindergeige unterm arm meinen potenziellen kindern recht ähnlich ist, dann empfinde ich eigentlich nur mitleid für die protagonisten dieses gern breitgetretenen hipstermum-phänomen. denn eigentlich versuchen diese frauen (wie gesagt, irgendwie eklig dass aus dieser ganzen debatte erschreckend oft ausgeblendet wird, warum man so wenig suv-papis auf dem weg zum kinderyoga sieht) doch nur, sich nach dem kinderkriegen nicht völlig aus dem leben zu verabschieden, nicht komplett daheim zu versauern und noch irgendwie das gefühl zu haben, am draussen weiter teilzunehmen. wenn ich so ein überfordertes ding in einem zu großen auto kurz vor schulbeginn hektisch einparken sehe, im kopf die einkaufsliste für hokaido-möhrensuppe, im bauch frustration und biographisches völlegefühl, auf der rückbank eine yogatasche und ein kind, das tagsüber so gar nicht "unser" sondern nur "mein" kind ist - dann gönne ich diesen frauen ihren milchkaffee von herzen. nicht weil deutschland kinderfeindlich (mir stellen sich immer die nackenhaare auf, wenn ich diesen lamentierten satz aus elternmündern höre) wäre - sondern weil die zu gut verdienenden väter und ihre zickigen klugscheißschwiegermütter und ihre chefs, die den wiedereinstieg in einen job so schwer machen und all die virtuellen und realen lästermäuler diesen müttern den ganzen tag im kopf, im nacken und auf dem rücken hocken und sticheln, abwiegeln, abwehren und lästern. und verdammtnochmal: schon allein um all diese leute extra zu ärgern würde ich meiner tochter das jäckchen von baby-chloe anziehen, wenn wir auf dem weg zum englischkurs sind. und die suv-tür extra laut zuknallen. hört mich ja sonst keiner.
walhalladada - 15. Nov, 22:18

die kinder & der suv, die reiben den menschen uff.

Thomas (Gast) - 16. Nov, 11:49

Lesbarkeit und andere Elternkreise

Hallo,
inhaltlich ganz guter Text, aber ein Tipp:

Dieser Text mit den Ausmaßen eines Essays wäre wesentlich leichter verdaulich, wenn die Autorin sich der Großschreibung als wichtiges Strukturelement der (geschriebenen) Sprache bedienen würde ... bin immerhin dankbar für die zaghafte Verwendung von Absätzen.

Ansonsten möchte ich darauf hinweisen, dass es auch von Sinnkrisen und Selbstverwirklichungsdefiziten geplagte Eltern ohne SUV und ohne finanzielle Mittel für Babyyoga und den anderen o.g. Scheiß gibt.

Miss Manierlich - 16. Nov, 15:39

ich weiss, ich weiss - die korrekte groß- und kleinschreibung ist wirklich ein problem hier. wann auch immer das angefangen hat, aber ich habe mir irgendwie nie richtig angewöhnt, bei tastaturvermittelter kommunikation darauf zu achten - dass dabei der lesegenuss erheblich leidet ist mir wohl bewusst, aber irgendwie kann ich mich nicht dazu aufraffen, die notwendige abhilfe zu schaffen. fehlende absätze sind eine ebenfalls schlechte angewohnheit - unter all meinen aufsätzen während der schulzeit prangte der immer dringlicher werdende entnervte lehrerausruf "es findet sich auf 6 seiten kein einziger absatz!". das dürfte aber daran liegen, dass ich absätze immer als etwas willkürliches empfunden habe und es schwer fand, einen gedankengang, ein argument oder ein luftholen in einen absatz zu verpacken.

der hinweis bzgl. der sinn- und selbstverwirlichungskrisen ist selbstverständlich richtig. mich ärgert am grassierenden tüdel-elternspott nicht zuletzt, was im zuge der unterbreitung möglichst überdrehter elternankedoten gern unter den tisch fällt, und dazu zählt definitiv auch, dass suv und babyyoga (und damit klare luxusphänomene) zumeist als symptome herangezogen werden - für die am dringlichsten zu diskutierenden probleme halte auch ich dies nicht. es fehlt eben einfach das gesamte spektrum zwischen rtl2-dokusoap-pöbel (da lacht und witzelt man über das prollige, verwahrloste, was ich maximal unlustig und bezeichnend für die lachenden finde) und suv-hipster (auch da wird auf kosten von dingen gewitzelt, die ich nicht nur aus feministischer perspektive bestenfalls traurig finde). warum kinderkriegen und elternsein so gern auf mario barth-niveau gezogen wird, verstehe ich schlichtweg nicht.

man denke beispielsweise an den sturm der empörung, als ayelet waldman es wagte in der times zu schreiben, sie liebe ihren mann mehr, als ihre kinder. das fanden dann auf einmal nicht nur die übermuttis widernatürlich und gruselig, sondern es zeigte sich in den folgenden diskussionen, wie perfide und festgemauert die ansprüche an eine mutter sind - und diese ansprüche werden sowohl von eltern, als auch von kinderlosen an mütter herangetragen. wie man sich in dieser oszillierenden stimmung, in der prinzipiell alle alles besser wissen, noch normal positionieren soll, ist mir schleierhaft.
Textaroma (Gast) - 18. Nov, 13:46

Wo beginnt "salonfähig"?

Obwohl es im 21. Jahrhundert immer noch immense Menschenrechtsverletzungen, Umweltzerstörung, Korruption und grausame Kriege gibt, scheinen einige Menschen ihre Energie durch Ärger und Überheblichkeit absolut harmlosen Menschen gegenüber zu verschwenden. Warum regen sie sich über ernsthaft ambitionierte Eltern auf? Was ist so verwerflich an Müttern, die über Intelligenzförderung beim Latte Macchiato diskutieren? Sind quengelnde oder auf Exponate kletternde Kinder schon der Weltuntergang des Abendlandes? Und was stört sie schon an "Kleinkindern, die in Restaurants am Nebentisch die Brust bekommen"? Sind Restaurants nicht gerade solche Orte, an denen Menschen - egal welchen Alters - trinken und speisen? Wie dekadent ist eine Gesellschaft, die hysterisch aufschreit beim bloßen Anblick einer Milch gebenden entblößten Brust, gleichzeitig aber pornografische und zumindest sexualisierte Werbeplakate gleichmütig hinnimmt? Ein bisschen mehr Gelassenheit täte gut.

Miss Manierlich - 21. Nov, 00:33

der begriff "salonfähig" bezog sich tatsächlich darauf, wie einfach es momentan in einigen kreisen zu sein scheint, ohne nennenswert soziale ächtungsmechanismen zu fürchten, über kinder und mütter in freier wildbahn zu ätzen.

ein wenig seltsam finde ich die argumentativ etwas irreführende einleitung mit der erwähnung von menschenrechtsverletzung & co - was genau soll es mir sagen, dass es dringlichere und akutere probleme als eines, das mich aktuell beschäftigt gibt? darf ich mich über den mir frech die vorfahrt nehmenden alfa-assi nicht mehr ärgern, weil anderswo regenwald abgeholzt wird? womit darf ich meinen tag noch aktiv oder gedanklich füllen, ohne dass ein heer von gereckten zeigefingern auf mich zuschnellt und mir mitteilt, dass ich in selben zeitraum lieber etwas gegen den welthunger tun sollte..? sorry, das argument bzw. der einstieg ins thema ist bestenfalls lau.

ich dachte darüberhinaus , mein text mache deutlich, dass ich mich keineswegs uneingeschränkt am mutti-bashing beteiligen möchte und mich auch durch kinder per se weder belästigt noch gestört fühle.

was mich an kleinkindern, die auf exponten herumturnen stört? das ist doch hoffentlich eine scherzfrage, oder? ich finde es toll, wenn eltern mit kindern ins museum gehen und gemeinsam kunst entdecken - gern auch mit gelächter, lautstarkem doof-finden und auf-sitzbänken-herumalbern. wenn sich verklebte kinderpfötchen einem rothko nähern ist allerdings schluss und die eltern sollten eingreifen - sonst tu´s notfalls ich. hands on kann ja gern in den gruseligen science-center-millioengräbern praktiziert werden, aber auch wenn ein museum kein mausoleum ist, fände ich es pädagogisch wertvoller, kindern die berührungsängste vor kunst auf anderem wege als durch konkretes berühren zu nehmen. (ich hatte tatsächlich mal eine begegnung mit einem elternpaar, die mein einschreiten mit den worten kommentierten, ob ich noch nie von ikonoklasmus gehört hätte - schlagfertig waren sie, das muss man diesem pack lassen).

für mütterbrüste während ich in meinen penne herumrühre gilt etwas ähnliches. ich habe nichts gegen kinder im restaurant und über die offenbar ernstgemeinte frage, ob restaurants nicht orte der nahrungsaufnahme seien, musste ich direkt ein bisschen lachen. mit dem argument könnte man es ja auch rechtfertigen, demnächst einen hammel am drehspieß, die eigene mayonaise oder einen batteriegtriebenen mixer für die verfeinerung des essens nach weisheitszahnextraktion mitzubringen, um dem ort an dem alle menschen nach ihrem gusto trinken und speisen für sich selbst angenehmer zu machen. es entspricht schlichtweg nicht meinen vorstellungen von gesittung, in der öffentlichkeit milch abzupumpen und dies als teil der natürlichen funktion eines restaurants zu deuten - vielleicht weil ich mir vorstellen kann, dass dies andere leute nicht schön und genussfördernd finden. gleiches gilt für kratzen am hintern, haarpflege bei tisch und ausgiebige benutzung von zahnstochern. mag sein, dass andere leute hier differierende vorstellungen von benehmen haben.

ich schreie auch nicht auf, wenn ich eine entblösste brust sehe - wenn mütter meinen sie hätten ein recht auf stillvorgänge in der öffentlichkeit, dann sei ihnen dies unbenommen. in letzter konsequenz kann ich nämlich einfach aufstehen und mich der situation entziehen. meine abneigung gegen stillen in der öffentlichkeit ist nämlich kein ausdruck einer allgemeinen bigotterie sondern schlicht ästhetische abneigung gegen pizzatellergroße brustwarzen aus denen es tröpfelt und die man mir in der öffentlichkeit ins gesicht hält.
schneck08 - 21. Nov, 01:05

...ich dachte darüberhinaus , mein text mache deutlich, dass ich mich keineswegs uneingeschränkt am mutti-bashing beteiligen möchte und mich auch durch kinder per se weder belästigt noch gestört fühle...

Ich glaube schon, ich habe Sie von Anfang an richtig verstanden. Sie haben da einen wunderschönen und außergewöhnlich fein differenzierten Text, eine Mischung aus höchsten Gedanken und gleichsam Gefühltem, verfasst. Zum Kinderkriegen kann ich Ihnen nur zuraten. Ich bin überzeugt, Sie würden das schon 'richtig' machen. Man muss das ja auch alles erst mal überhaupt irgendwie hinkriegen!

Thomas Huber hat angeblich mal gesagt: "Kinder und Kunst? Kein Problem! Tags spielt man mit den Kindern und am Abend, wenn sie dann im Bett sind, dann geht man ins Atelier!" So hat mir das jedenfalls mal jemand zitiert.

Nur eines (fast unwesentlich...) in Ihrer Beschreibung stimmt nicht so ganz, aus meiner höchstpersönlichen Erfahrungsichtweise, und zwar: Diese bescheuerten SUVs, die fahren hauptsächlich die Mamas! Jedenfalls in Zehlendorf, in Vaihingen bei Stuttgart und aber auch in Freiburg im Brsg. Die Papas stehen daneben und schauen sich das im besten Fall lächelnd an.
Frau-Irgendwas-ist-immer - 19. Nov, 10:18

Eltern sind Eltern und keine Kumpels!
Wenn sich die werte Elternschaft an diesen simplen Grundsatz halten würde, gäbe es vor Supermarktkassen, auf Spielplätzen und sonst wo nur noch 10% quengliger, nerviger Terrorzwerge und alle (Eltern, Kinder und Umwelt) wären wesentlich entspannter.
Und ja, auch ich als Nicht-Mutter, erlaube mir dies häufig und laut und deutlich zu sagen. Und halte mich vom Prenzlauer Berg und seinen schwäbischen Kampfmüttern schon seit Jahren fern und empfehle niemanden diese Gegend!
LG von Frau-Irgendws-ist-immer

Miss Manierlich - 21. Nov, 00:56

was für ein glück, dass zumindest die freundinnen von eltern diese grenze hin und wieder hemmungslos übertreten dürfen - aber vielleicht gefalle ich mir auch selbst nur ein bisschen zu gut in dieser rolle... beispielsweise würde ich meinem eigenen kind vermutlich niemals und unter keinen umständen eine rassel von tiffany & co kaufen - als mitfiebernde angesichts des dicker werdenden babybauches der lieblingsfreundin bin ich aber stolz auf mich, die verführerische schachtel in weiser voraussicht schon vor einem jahr erstanden zu haben. womit wird eigentlich im prenzlauer berg gerasselt?
Juliane (Gast) - 19. Nov, 17:27

Nur erfunden?

Hallo Miss Manierlich.
Ich (mittlerweile seit 12 Jahren Mutter) habe noch nie eine von diesen elitären SUV-Yoga-Hochbegabt-Dinkelbrei-Frauen, über die man so gerne lästert, live erlebt. Und dass, obwohl ich jede sich bietende Gelegenheit zur Kontaktaufnahme zu vielen anderen Müttern genutzt habe.
Habe den Verdacht, dass solche Frauen einfach nur erfunden wurden, um sich eher unzulänglich fühlenden Muddis Grund zur Erheiterung zu geben?
Oder liegt es daran, dass ich eher neuköllneresk statt potsdamig wohne?
PS: Groß-Kleinschreibung finde ich zweitrangig. Aber schön wäre eine Schriftgröße ab 5!
;-)

Miss Manierlich - 21. Nov, 00:40

der gedanke vom erfundenen typus ist natürlich extrem reizvoll - schon allein in der hinsicht weil es ein köstlicher gedanke wäre, dass die suv-muttis sozusagen die nuller-jahre-variante des 80er-krokodils in der kanalisation sein könnten.
text-burger (Gast) - 19. Nov, 20:50

Text-Burger

Spontan: Ja, die sind echt ätzend. Aber noch einmal hin geschaut, es sind weniger geworden, finde ich. Meist handelt es sich um die ersten Kinder. Beim zweiten relativiert sich vieles, wie Frühbildungswahn u.s.w. Und, wenn man erst eigene Kinder hat, sieht man wirklich vieles anders. Wirklich. Das konnte ich auch nie glauben. Und sowieso: wenn man Kinder hat, kann man es niemals allen Recht machen. Irgendwas ist immer. Was ich mich aber frage? Die Kinder wachsen heute so anders auf als früher (soooo kreativ und selbstbestimmt :-). Was hat das für einen Einfluss auf die Welt in ca. 30 Jahren?

Miss Manierlich - 21. Nov, 00:50

ob kinder heute wirklich so anders aufwachsen weiss ich nicht - manchmal scheint es, das spektrum sei einfach nur breiter geworden. was allerdings spannend ist, ist der umstand dass es fast so scheint, als erlebte man aktuell eine art revival der prä-rousseau-ära, in der kinder wie kleine erwachsene behandelt werden - als einkaufsberater an der supermarktkasse, beste-freundin-ersatz beim kaffeetrinken und mini-me in lifestylefragen. was man davon in 30 jahren an nachbeben spüren wird? vermutlich nicht viel, eben weil es sich um sehr lokale und in freier wildbahn seltene gewächse handelt - siehe die heute nichtvorhandenen auswirkungen der kinderladenbrut. im schlimmsten fall heiratet die geigenspielende sophie später kevin mit dem proletenschwänzchen-haarschnitt und zeugt erziehungschimären.
threeday (Gast) - 21. Nov, 02:33

Kinderlos, humorvoll, gutaussehend, mit Wunsch auf feste Bindung, so lala situiert, sucht:

Meine Paragraphen-Zusammenfassung nach mehrmaligem Lesen (weil ich mir nicht sicher war, alles erfasst zu haben):

1. gegen verlogenheit bezueglich kinderwunsch
2. gegen dagegen-sein
3. mein persoenlicher aerger ueber kinder
4. gegen laestern ueber eltern
5. kinder und eltern sind auch nur menschen
6. eigene und gesellschaftliche erwartung an kindererziehung
7. mehr mitgefuehl sonst knallts

als ueberschrift koennte ich mir vorstellen:
"Salonfaehige Verdraengung des unterdrueckten Kinderwunsches durch Aergern ueber Kinder & Eltern"

ich finde die langen saetze teilweise zu lang.
bei "sich über eltern" ist das "sich über" ueberfluessig.

sonst faellt mir noch gerade dazu ein:

vor kurzen war in der nachbarschaft ein (klein)kindergeburtstag mit viel (klein)kinderbesuch. ich las ein buch, und hoerte irgendwann das geburtstagskind im takt zum trampolinspringen singen: "Wir laden alle ein, wir la-den al-le ei-h-in..." :)

Modeste - 21. Nov, 18:48

Ach, da mischt sich halt Einiges. Natürlich nerven die Mütter, die alles richtig machen möchten, wie eben jeder, der nicht so arg entspannt sein Leben lebt. Auf der anderen Seite ist es in der Tat etwas sonderbar, wie sich die Kritiker der Kollwitzplatzmama eine grundlegend andere Kindererziehung vorstellen. Das Modell Sonnenallee wird es ja kaum sein. Auch leicht bizarr: Immer so zu tun, als seien Kinder noch nie so frühgefördert und betuttelt worden wie heute. Das ganze Drumherum mit frühkindlicher Musikerziehung, Dinkelkeksen, Ballett, Reiten und Ankerbaukasten gab es 1:1 im Jahre 1980 natürlich auch. Soweit ich das beurteilen kann, hat es meinen Freunden und mir nicht geschadet (wie auch?), sondern eher genützt.

kittykoma - 21. Nov, 22:11

http://www.zeit.de/kultur/literatur/2010-11/ayelet-waldman-interview?page=all

diese autorin stellt zum ersten mal die frage, was frauen, die mütter sind, eigentlich sonst noch von leben wollen.
(unter anderem)
was mich stört, ist der unhinterfragte biologismus der mütterlichkeit. mutterschaft ist biologisch, es dauert lange, bis der instinkt nicht mehr die obenhand hat, das habe ich selbst erlebt. aber reduziert zu werden auf diese rolle, wie blöd.
was mir bauchschmerzen macht, da die mutter hierarchisch noch unter den kindern steht, sich zu ihrer dienerin degradiert. das ist langweilig und nachhaltig verdummend.

Miss Manierlich - 22. Nov, 14:13

bei ayelet waldman habe ich persönlich immer ein kleines bisschen bauchschmerzen. als ich das erste mal von ihr las (ich könnte schwören, es war ein galore-interview, aber natürlich findet sich online nichts), hatte ich ein merkwürdiges double-bind-gefühl. ich fand es beachtlich und mutig, sich ungeachtet der zu erwartenden reaktionen mit diesen extrem intimen geständnissen in die öffentlichkeit zu begeben. und gleichzeitig fand ich es für mich und meine eigenen positionen zum thema mutter-sein auf beschämende art bezeichnend, wie diese äußerungen für mich direkt in die geständnis-kategorie wanderten, als seien ihre erfahrungen etwas, für das man sich schämen müsse - was die wichtigkeit solcher öffentlich getätigten berichte natürlich noch einmal untermauert. was ich bis heute nachvollziehbar finde, ist die tatsache und die gleichzeitig beschämte bitterkeit der erkenntnis, den vater der kinder mehr zu lieben als die eigenen kinder. was ich nach wie vor strange finde, ist das auch im zeit-interview wieder anklingende motiv der eifersucht - für mich persönlich hat das nur noch bedingt mit "ich will mehr als mutter sein" zu tun, sondern mit irgendetwas anderem, dass bei mir sehr zwiespältige assoziationen hervor ruft.

treffend finde ich die formulierung, die mutter stehe hierarchisch unter den kindern. dies erscheint von außen (als nichtmutter bleiben mir einblicke ab einer bestimmten ebene schlicht verwehrt) zumindest für bedürfnislagen bis heute absolute gültigkeit zu haben - auch der folgerung, dies sei verdummend und langweilig stimme ich aus ganzem herzen zu. bei waldman wird es für mich eben insofern kritisch, als sie eifersüchtig betrachtet wie ihr mann sich liebevoll um die tochter kümmert (sich also seinerseits in die mütterliche degradierung begibt), um infolgedessen die auf die kinder verwendete zärtlichkeit und liebe für sich zu reklamieren. sie schreibt so viel richtiges über die überdrehten ansprüche an mütter, darüber wie viel weniger es bedarf als guter vater zu gelten und darüber, wie man diese verhältnisse auch als wehrmechanismus des patriarchats sehen könnte - um dann, wenn ihr mann seinen teil zur erziehung und kinderbeschäftigung beitragen will, eifersüchtig zu sein. es gruselt mich zu lesen, wie selbstbezogen sie das wort "wir" verwendet ("ich glaubte, wir könnten reisen machen und immer zusammen sein"), weil dieses "wir" sich offenkundig lediglich auf sie und ihren mann bezieht - und gleichzeitg ärgere ich mich massiv über mich selbst, weil diese kleinigkeit in meiner bewertung mindestens ebensoviel wiegt wie alles richtige, was sie darüber hinaus sagt.

was mir übrigens seit dem ersten kontakt mit waldman auffiel: in meiner familie ist es mein vater der (je älter ich und die wunderschwester wurden, desto stärker die reaktion), sehr nachhaltig auf seinem ersten platz in der prioritätenliste meiner mutter pocht. ich erinnere mich zwar an einen extrem lieben und tüdeligen vater, der meiner mutter in nichts nachstand - aber für sich selbst hat er spätestens seit unserem auszug definitiv an einer rückeroberung seiner frau aus der mutterburg gearbeitet. er reagiert (bezeichnend zu beobachten während der weihnachtsfeiertag oder gemeinsamer wochenenden) extrem revierverteidigend, wenn wir kinder seine frau zu stark okkupieren - und irgendwie fühlt sich das aus der kinderwarte sehr schön und beruhigend an. einfach weil man weiss, dass die fokussierung aufs elternsein und das nonstop für kinderwünsche-zur-verfügung stehen eine phase war, nach der beide sich wieder auf das für sie wesentliche, nämlich das paar-sein konzentrieren.
kittykoma - 30. Nov, 20:02

ja, es läßt einen immer ein bißchen zusammenzucken, wenn sie "wir" sagt und ihre kinder ausschließt.
das klischee der selbst vollkommen anspruchs- und bedürfnislosen mutter, die immer da ist, wenn sie gebraucht wird, sich zurückhält, wenn sie nicht gebraucht wird und die alle umgibt wie die luft zum atmen sitzt tief. - und produziert söhne die eben das von ihren freundinnen erwarten. aber das nur am rande.
meine tochter hat mich im alter von vier jahren mal gefragt, wen ich lieber hätte. sie oder meinen freund. ich habe einen langen moment gezögert, bevor ich die antwort gab. und daß es darauf keine einfache antwort gibt (die man einer vierjährigen dringend vorenthalten muß!), das ist mir in form von schelchten gewissen jahrelang hinterhergeschlichen.
selanger (Gast) - 7. Dez, 12:56

Entschuldigung ...

... aber ich muss auch noch mal. Sehr interessanter Text, verdiene eher so mittel und fahre 'nen Agila (ja, gugelt ruhig), aber wir versuchen eben bei den Kindern, was möglich ist. Nicht in puncto Geigenunterricht, sondern miteinander leben.

Musste in den Kommentaren dann aber aussteigen, weil ich viel am Bildschirm lese und lesen muss und mir die Augen wehtaten. Wirklich. Nur mal so als schüchterne Rückmeldung eines neuen Lesers.

Cabman (Gast) - 8. Mrz, 08:19

Großartiger Text! Sie schreiben mir, uns, aus der Seele!

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