Aufgelesen

13
Aug
2009

Juli, Du Tolle!

ich hab dich ja immer verteidigt - egal ob man in klagenfurt deinen "spieltrieb" als hanni&nanni-abklatsch abtat oder sich beste lesefreundinnen hämisch darüber lustig machten, dass "adler und engel" einen unglaulich scheusslichen brigitte-leserinnen-geschmack träfe. immer habe ich an deinen lippen gehangen und mich furchtbar gefreut, wenn du in talkshows zum thema ehrenmorde deinen bezaubernden trotzblick aufgesetzt und die verbalen hörner ausgefahren hast: ehrenmorde, also familiär motivierte affekttaten seien ja (wütendes schnauben, hinreissend war das) nun nicht wirklich eine islamische spezialität, sondern lediglich eine, uns gegenüber den anderen so herrlich überlegen scheinen lassende, spielart der reisserisch ausgesaugten bildzeitungs-familiendramen. ach, wie großartig du bist, wenn du wütend bist!

sogar "die stille ist ein geräusch" habe ich gelesen, obwohl ich diese art von reiseimpressionen nun wahrlich nicht mag - unvergessen, dein "himmel hilf!" beim blick in traurige welpenaugen auf dem ramschmarkt und deine suche nach den melonenfeldern. wunderbar, deine sanski most-begegnung mit dem personeninventar deiner romane und die pragmatik beim betreten minengefährdeter grünfläche. sogar deine eindeutig zu vegtarische ernährungsweise konnte ich dir verzeihen - feurige rote rübchen und selleriestangen, energisch geschwungen beim gestikulierenden essen, passen hervorragend zu dir.

und dann eisäugeltest du mich gestern abend in der kulturzeit in einem interview ob deines neuen buches (ausgerechnet ein sachbuch...) an - und ich bin furchtbar erschrocken. und auch der artikel auf spiegel-online hat mich doch ein wenig erschreckt. aber, liebe, liebe juli, du versöhnst mich spätestens mit der aussage: "wir wollten uns nicht zu fein sein". das fand ich großartig. da war sie wieder, die feigen räubernde, die springerstiefelnde, die fauchende juli - die polemisch und billig und einseitig und billig-provozierend sein kann, wenns der sache dient. sich endlich wieder zu einer haltung zu bequemen - für diese woche mein herzerwärmender moment der zustimmung.

21
Jan
2007

Matias Faldbakken: Macht und Rebel

ich drücke mich seit rund einer woche um die letzten, geschätzten vierzig seiten von lunar park herum und kann es einfach nicht fertig lesen. das sich häutende haus! der pferde meuchelnde terby! die verschwundenen jungs! voraussichtlich werde ich das blöde buch mit in den urlaub schleppen und es dort in sicherheit, also bei 35 grad im schatten lesen. bis es so weit ist, muss herr faldbakken, der gestern ausgelesen neben das bett geworfen wurde, herhalten.

Macht ist CCCCPU (Contemporary Counter Culture Commercial Pick Upper, Vertreter des "jungen" Flügels von NODDYS Corporate Identity Management Services (...) Machts Geschäftssinn und zupackender Charakter haben ihn direkt in den Underground geführt, um dort Beispiele für "Authentizität" etc. zu entdecken, die sich wirtschaftlich ausbeuten ließen, und dennoch ist es ihm bislang erspart geblieben, einer von ihnen zu sein. "Ihnen" meint hier die Kulturärsche, Aktivistenärsche, die neoradikaöen Bastarde, kritischen Theorie-Penner, die Slumkönige der progressiven Musik, die Bewohner des Sinnstiftungs-Ghettos, des großen Zigeunerlagers von Textproduzenten und Gegenkultur-Ratten

ich mag eigentlich keine zwanghaft provozierende literatur, aber die cocka hola company ist im grob als provo-porno-millieu umschriebenen sujetbereich wirklich ein ereignis. als erster teil der skandinavischen misathropie verfasst, mochte ich an coka hola die gewollt blassen protagonisten, das tobsüchtige aufflackern sinnloser und über-sinnhafter handlungen, egal ob es um analverkehr zweier heterosexueller pornosternchen oder eine verstümmelte kunstkritikerin ging. ich mochte den plaudernden ton, das ziellose dahintuckern der erzähleisenbahn, den umstand dass das buch auf keinen höhepunkt hinstrebte, sondern scheinbar wahllos klimax und banalität reihte. kurz: ein großartiges buch.

in puncto zorn, gleichgültigkeit im wortsinne und angepisstheit nimmt es "macht und rebel" allemal mit der company auf, irgendwie will sich jedoch bei mir kein wirkliches ästhetisches urteil, ein finaler eindruck oder eine bewertung einstellen, was umso ärgerlicher ist, als das buch zu rund einem drittel aus wirklich großartigen, allemal pikant smalltalkfähigen sätzen, hinreissenden grotesken und erschreckend schönen klarheiten besteht. der rest ist, auch das muss bedauerlicherweise deutlich gesagt werden, eine krude mischung aus zwanghafter provokation, unschönen und äussert vivide ausgebauten kindersexschilderungen und zitaten aus hitlerreden.

rebel und macht, die gezielt als antihelden aufgebauten und teilweise bis zur unkenntlichkeit mit akonformität und primär durch abneigungen gekennzeichneten protagonisten des buches bewegen sich auf den zwei verschiedenen seiten des konstrukts, das faldbakken den "underground" nennt. der unterground besteht hauptsächlich aus counterfeit brands (lästigerweise finden sich im buch recht häufig bidlbeispiele), illegal veranstalteten feierlichkeiten, den unvermeidlichen drogen, einem hauch no-logo und antiglobalisierungs- und antikonzernparolen sowie den angeschlossenen kulturklübchen zwischen lesbischen pamphleten und stehparties. wenn rebel nicht gerade gurken kauft, um sie sich zu zwecken der masturbation in den arsch und danach in den mülleimer zu stecken, erledigt er sporadisch und mit unverblümten hassgefühlen getränkt kleinere aufträge für eine firma namens push, vertreten in persona durch frank leiderstam, kurz fatty:


Alles in dem Gebäude befindet sich auf halbem Wege zwischen fancy und heruntergekommen, genau wie Fatty es will (...) An Fattys Tür steht in Großbuchstaben senkrecht von unten nach oben PUSH. Natürlich muss man die Tür ziehen.


bis zu diesem zeitpunkt möchte man jubilieren, weil alles bis dahin geäusserte so sympathisch ist. die baudrillard-brille fattys ("schwer zu sagen, ob die ironisch oder ernst sein soll"), schilderungen von tees mit der aufschrift: give it all up for fidel casthro. check guevara und karl markt! liefern gleich die nicht explizit gelieferte beschreibung ihrer träger mit, die beschreibung der in einem loft (klar!) residierenden firma, die aus screendesignern, minderjährigen script kiddies und grafikmädels bestehen - das alles ist wirklich gut und mit der nötigen prise überheblichkeit geschrieben. unangenehm wird es, als rebel auf einem schulausflug, auf den er seine sonderpädagoginnenfreundin begleitet, eine minderjährige im tanga, thong genannt, kennenlernt: an diesem punkt kippt die süffisante schilderung skandinavischer problemkinder mit oder ohne migrationshintergrund zum ersten mal leicht ins pädophile ab und rebel beobachtet die kinderunterwäsche etwas zu ausgiebig.

parallel wird macht eingeführt, der in einer obskuren firma als eine art hochbezahlter trendscout fungiert und konzepte, musik, personen oder bücher aus dem underground an multinationale konzerne mit oder ohne moralischen dreck am stecken verkaufen soll. es ist ganz putzig, impressionen eines meetings zu lesen, in dem macht kunden davon überzeugt, tangas unter dem markennamen gangbang einzuführen und mit bildern von massenvergewaltigungen zu bedrucken:

Im Laufe der letzten zehn Minuten kam zwischen den Parteien ein gewisser Dissens bezüglich der Frage auf, wie sich ganze Gruppenvergewaltigungen auf winzigen Tangaslips wiedergeben lassen, aber Macht erläuterte schlagend deutlich, wie sehr das durchschnittliche Teenagerauge darauf trainiert ist, winzig kleine Bilder zu entschlüsseln: (...) "If I didn´t know better, I´d name the next generation The Thumbnail Generation."

es kommt wie es kommen muss, macht und rebel lernen sich auf einer push-party, die rebel im späteren verlauf von buch und abend mithilfe seiner unter drogen stehenden minderjährigen problemkindfreunde (problemkind ist ein beliebtes wort des buches, warum selbiges so exzessiv verwendet wird leuchtet mir leider nicht ein) auf sehr unschöne weise und aus gründen des hasses auf fatty enden lässt, kennen. zu diesem zeitpunkt hat er bereits angefangen, weltanschaulichen trost in der lektüre von hitlerreden zu finden und zur erbauung die selbigen etwas dem zeitgeist anzupassen sowie zu modifizieren. macht, der gerade mit dem krisenszenario für eine ins moralische trudeln geratene firma betraut ist, findet eine der reden auf dem klo einer temporären fickbeziehung, bittet rebel um unterstützung und willigt seinerseits ein, für die freundliche hilfe fatty aus dem weg zu räumen.

die äusserst bitteren wermutstropfen des buches, folgen. zunächst schleichend, dann immer unangenehmer werden die enervierenden hitlerzitate (teils gekennzeichnet, ganz tempo-alike in den fliesstext eingewunden) mit dem thema pädophilie angereichert. wobei: um pädaophilie geht es eigentlich nicht. macht und rebel schlafen mit einer vierzehn- bzw. zwölfjährigen weil es so schön unkompliziert (rebel) oder so herrlich provokant und neu (macht) ist. das ganze liest sich dann in etwa so:

Macht zweites Heureka kommt, als er bemerkt, wie viel Aufmerksamkeit Rebel erntet, indem er im TESCO mit Thung rumknutscht, Ihm geht auf, wie uncool es ist eine Tussi zu haben, die vor den Neunzigern geboren ist. (...)
"Super Idee, Rebel, echt unglaublich, das mit so einer verboten jungen Freundin", sagt er.
"Ich weiss", sagt Rebel.
"Dass ich da nicht früher draufgekommen bin"
"Hat die kleiner Schwestern von deiner..."
"Thong"
"Ja, Thong...hat ihre Schwester einen Freund oder so..?"


zum kotzen ist nicht nur, das macht beim anschliessenden sex mit einer zwölfjährigen "kraft durch freude" verspürt. zum kotzen ist, wie rebel und seine problemkindarmee sich ss-runen, reichsadler und hakenkreuze tätowieren lassen. zum kotzen ist auch, dass macht und rebel mit den beiden schwestern pornos als werbefilme drehen. am widerlichsten ist aber, dass all´ diese dinge auf eine art und weise eingeführt werden, die auf seltsame art das gefühl vermittelt, macht und rebel würden als ironische helden agieren. so, wie fatty mcdonalds-produkte auf seinen parties verkauft, wenn die zutaten aus mcdonaldsfilialen geklaut sind, bedienen sich macht und rebel der letzten beiden noch verbliebenen hemmschwellen und verleiht herr faldbakken seinen beiden protagonisten den orden für das einreissen letzter tabus. bleibt nur der schale nachgeschmack, dass hier jemand den unterschied zwischen tabu und grenze nicht kennt.

bei palahniuk gibt es den immer wiederkehrenden begriff der kamera hinter der kamera hinter der kamera. ganz am ende der faldbakkenschen kamerakette steht ganz sicher kein pädaophiler hip-nazi, was die sache aber keineswegs besser macht. faldbakken rührt aus naomi klein, hitler, new economy und attacverschnitten einen cocktail, den er ironisch vor des lesers füsse kotzt: soll der konsument mal schauen, welche bröckchen nun ernst, kritisch, humorvoll oder belustigend gemeint sind. mitzuverfolgen, wie die einzelnen zutaten zusammen gemischt, in den scherzshaker geknallt und dreimal kräftig geschüttelt werden, ist manchmal äusserst unterhaltsam, oft ärgerlich, sehr oft ekelhaft und immer extrem verstelzt- bemüht.

diese dinge allein würden genügen, das buch erbost in eine ecke zu werfen und es als mies abzutun. wären da nicht die businesspläne der globalisierungsgegner, die guerilla-marketingesken strategien, ausdrücke wie "technical strategic infiltration-vessel against gonzopolitics" und das fulminante finale (dem leider noch einige, wiederum extrem ärgerliche ausführungen folgen):

Der Molotowregen des Fatty-Clans hält unvermindert an, es brennt und qualmt bis weit aus der Straße hinaus. Der Aktivistenclan hat noch hektoliterweise Benzin in petto, um bis morgen früh weiter zu machen: Remmy und Nasdaq haben an den Vorabenden aus mindestens dreissig Mercedes das Benzin geklaut.


vielleicht hätte ich dem buch vieles verziehen, wenn es nicht ausgerechnet mit einer kleinen party, ausgerichtet von den marketingchefs zweier firmen, geendet hätte und die letzten seiten des buches nicht mit pädophilen-, juden- und, äh, anderen blödsinnigen witzen gefüllt wären. man kann sich gut vorstellen, warum faldbakken dieses salonkunststückchen wählt, warum er es ungemein mutig und bedeutungsvoll findet, den pr-chef eines konzerns, der mit seiner engen, freundschaftlichen verbindung zu einem juden wirbt, judenwitze erzählen und dabei den oberschenkel einer minderjährigen zu tätscheln zu lassen. und dabei ist es einfach nur unsagbar dumm, vorhersehbar und irgendwie widerlich. bleibt zu hoffen, dass die skaninavische misanthropie als trilogie angelegt ist, herr faldbakken im nächsten interview etwas nachdenkt bevor er losplaudert und das nächste buch ein ganz und gar unerwartetes, skandalös unskandalöses werk wird. ein kinderbuch ganz ohne schwänze, logos und hitler wäre doch mal nett.

6
Jan
2007

Chuck Palahniuk: Die Kolonie

dieser ort war als refugium gedacht. hier hatte man ugestört leben sollen. eine abgelegene schriftstellerkolonie, wo wir arbeiten konnten, geleitet von einem alten, sehr alten, sterbenden mann namens whittier, bis schluss damit war. und wir sollten geschichten schreiben. schöne gedichte. wir, seine begabten schüler, für drei monate aus der gewöhnlichen welt ausgesperrt

so ist es eben mit der große liebe, den großen lieben: enttäuschung und verzückung in steter folge sind ihr wesen. ich mag herrn palahniuk. sehr sogar. ich habe den simulanten geliebt und fight club in kauf genommen. ich habe flug 2039 mehrmals wie eine essgestörte in mich hinein geschlungen - und jetzt stellt mich die kolonie auf eine harte probe.

auf den ersten seiten war ich noch frohen mutes, bediente sich herr palahniuk doch meines liebsten erzählers: des "wir". ich mag bücher, die von einem "wir" erzählt werden, sie sind zutraulich und intim, gleichzeitig aus maximaler distanz und anonymität heraus geschrieben. das "wir" suggeriert zugehörigkeit, mitwisserschaft und gleichzeitiges ausgestossensein.

ich mochte den kleinen, gedichtförmigen prolog, in dem erklärt wurde, warum die protagonisten, die anderen teile des wir sankt prolaps oder agent plaudertasche hiessen, denn die namen "resultieren aus unseren fehlern und verbrechen. das gegenteil von superheldennamen. ich mochte es, noch ungeduscht und ohne eine erste zigarette aus der tür mitten in den bus geworfen zu werden, der eine stadt durchfährt und alle mitreisenden des experiments schriftstellerkolonie einsammelt, wie beteiligte einer skurrilen kaffeefahrt. ich mochte die beschreibung der gepäckstücke, von denen jeder nur ein einziges mitführen durfte und die so wahnsinnig gepackt waren, wie die koffer überraschter flüchtlinge. ich habe mich direkt in den handlungsort der einen hälfte des buches verliebt, ein altes theater mit disneyesken nachbauten englischer tesalons, renaissance-raucherzimmer oder sündigen maya-separeés. auch den formalen aufbau des buches fand ich zunächst recht unterhaltsam: jeder der kolonisten wird parallel zur theaterhandlung mit einem kurzen, im aufbau analogen gedicht und seiner lebensgeschichte vorgestellt.

diese lebensgeschichten sind der erste schwachpunkt des buches, die erste nicht eingehaltene versprechung. wenn ich ein buch lese, in dem laienautoren in einer kolonie das beste buch, gedicht oder die geschichte ihres lebens schreiben sollen, dann fühle ich mich schlichtweg verarscht, wenn diese geschichten in einer simplen autobiographischen rüsche bestehen. die erkenntnis, das leben beziehungsweise der für ein leben prägendste zeitabschnitt sei die beste geschichte die man erzählen könne, ist ein bisschen stuhlkreismässig.

zunächst lassen sich aber sowohl die kleinen expositionen in gedichtform als auch die anschliessenden geschichten zumindest recht unterhaltsam an: der verlust großer teile des dickdarms durch onanie (sankt prolaps), die fussmassagenprostitution (mutter natur), die obdachloseneskapaden der high society (lady tramp) und der mord an einem ehemaligen kinderstar, der jetzt veterinär ist (graf schandmaul) - alle diese geschichten sind hübsch, derb und atemlos geschrieben. sie sind mit der richtigen prise unglaublichkeit, abgeklärtem humor und bösem hohn verfasst. aber und dies ist das problem des buches: sie haben nichts miteinander zu tun.

meine ablehnung gegenüber kurzgeschichten habe ich ja bereits kundgetan und ich kann mich das umstandes nicht erwehren, dass herr palahniuk in seiner schublade eine reihe eben dieser kurzen, bissigen episoden lagerte und flugs eine rahmenhandlung um diese häkelte, um einen roman daraus zu machen. man merkt zu deutlich, dass diese kleinen skizzen und narrativen vorspeisen zum teil mit gewaltigem zeitlichen abstand geschrieben wurden. man spürt sehr schnell und sehr deutlich, wie wenig die rahmende handlung im theater in der lage ist, aus diesem potpourri ein ganzes zu machen. was beinahe noch schlimmer ist: die rahmenhandlung selbst ist eine kurzgeschichte und leider die miserabelste des ganzen buches. unabhängig vom inhalte wäre das eigentlich eine raffinierte vorstellung: ein bündel kurzgeschichten, verpackt in einer weiteren kurzgeschichte. aber es liest sich so verflucht zäh und artifiziell! es quält und ist eine verdammte schande, dass herrn palahniuk, der die tender branson deponie für pornorgraphisches material erdachte, nichts bescheuerteres einfallen kann, als dass die im theater eingeschlossenen sich nach und nach töten oder auffressen oder töten und danach auffressen.

recht schnell, recht eklig (recht unüberraschend) und etwa nach einem drittel des buches stirbt mister whittier (der übrigens an progerie leidet und fast vierzehn jahre alt ist), der die ruhmeswilligen laien nicht etwa auf ein einsames eiland sondern ein schäbiges tingelbüdchen verfrachtete, an einer portion schockgefrostetem hühnchen und ich verrate wohl keine zu großen geheimnisse wenn ich sage: natürlich lebt er auf der letzten seite noch oder wieder. dieses nochleben wäre zu verschmerzen gewesen, würde er nicht vorher noch mehrere äusserst platte dinge wie beispielsweise diese absondern:

"hört euch doch an", sagt er. er schüttelt den kopf, dass seine wenigen haare wackeln und sagt "dauernd erzählt ihr euch eure geschichten. dauernd macht ihr die vergangenheit zu einer geschichte, um euch selbst reinzuwaschen. (...) die leute verlieben sich so sehr in ihren schmerz, dass sie nicht von ihm lassen können. (...) "mit den geschichten, die wir uns erzählen, verdauen wir, was uns zustösst", sagt mister whittier. "mit unseren geschichten verdauen wir unser leben. unsere erfahrungen".

ebenfalls äusserst unangenehm ist der umstand, dass herr palahniuk diese figur zu mögen scheint und ihr abseits des erzählenden "wir" nur zu gern seine stimme leiht, vermittels der dann oben genannte und viele andere plattheiten gesagt oder getan werden.

nachdem mister whittier gestorben ist und sich die inhaftierten der schaffung der versprochenen besten geschichten nicht wirklich nähern, muss ein anderes nahziel nach ablauf der drei monate her: alle hoffnungen richten sich auf den moment der entdeckung durch helfer von aussen und die daraus resultierende berühmtheit. alle kolonisten sind nun bestrebt, die zustände während ihrer gefangenschaft so schrecklich wie möglich aussehen zu lassen: sie vernichten ihre vorräte, zerstören das interieur, verteilen protagonisten und handlungsstränge für die kommende verfilmung ihrer passion und (s.o.), nunja: töten und verzehren sich eben.

irgendwann werden dann auch die geschichten der beteiligten immer kraftloser und geziert prätentiöser. nehmen wir die geschichte von miss clark, deren tochter in eine mysteriöse alptraumbox in einer galerie schaute und von diesem zeitpunkt an dem verfall preisgegeben wurde. man kann sich des eindruckes nicht erwehren, dass herr palahniuk dem leser nicht erzählt, was in dieser dämlichen box ist, weil er es schlichtweg nicht weiss. und ich hasse es, wenn jemand mysteriösen bohei um eine sache auftürmt, den leser seite um seite mit geheimnissen geisselt und diese nicht einmal in einem lakonischen sätzchen auflöst, weil ihm selbst nicht einfällt, was denn nun in der killerkiste gewesen sein könnte.

nach 472 seiten sind die drei monate im theater abgelaufen, alle geschichten erzählt und alle extremitäten abgehackt, alle babys fehlgeboren und plazenten verdaut. mister whittier schliesst das theater auf, lakont ein paar scheingründe für die existenz der kolonie und will die inhaftierten filmstars und medienlieblinge in spe wieder in die wirklichkeit entlassen. diese wollen natürlich einen gamouröseren abgang, haben sich wochenlang auf retter und pressevertreter vorbereitet und schliessen den alten peiniger endgültig aus, der wie teil des freudschen unterbewusstseins beharrlich an der tür rüttelt.

wir hören mister whittier draussen vor der stahltür schreien, seine fäuste hämmern. er will zu uns rein. er will nicht allein sterben. fürs erste warten wir noch, wiederholen unsere geschichten. in unserem museum. in dieser ständigen generalprobe. wie mister whittier uns hier eingesperrt hat. wie er uns gefoltert hat. uns hat hungern lassen. wie er uns umgebracht hat. wir beten es uns vor: unseren mythos. und eines tages, bald schon, wird die welt diese tür öffnen und uns retten. die welt wird uns hören. und von diesem glorreichen tag an wird die welt uns lieben.

20
Jun
2006

*

ich hatte gestern abend nach dem kino wieder ein für mich beinahe klassisches erlebnis mit siri hustvedts "die verzauberung der lily dahl". obwohl ich nicht ganz sicher bin, ob es dafür nicht vielleicht einen fachausdruck gibt, beobachte ich seit kindertagen an mir selbst, dass ich mir oft wünsche, ich hätte etwas bestimmtes besser nicht gelesen, weil es mich noch tagelang verfolgt und aus dem mir nicht unmittelbar zugänglichen erfahrungsrepertoire seltsam penetrant sendet.

krabat war das erste buch, das so etwas bei mir auslöste: ich konnte wirklich tagelang nicht schlafen. der seltsame traum, den emil während der zugfahrt nach berlin in kästners "emil und die detektive" hat, war für mich ebenso gruselig - wie unter zwang habe ich die stelle immer und immer wieder gelesen, wohl wissend, dass mich schon eine einzige seite davon nächtelang begleiten würde. hauffs "kaltes herz" hat mich beinahe verfolgt: ich bettelte zu weihnachten drei jahre lang hintereinander an allen feiertagen ins schauspiel gehen zu dürfen, hörte mir in der zwischenzeit die kassette an oder wartete darauf, dass der film im fernsehen gezeigt wurde. es machte mir furchtbare angst und ich habe manchmal vorm schlafengehen beinahe akustisch kalluziniert (" in holland gibts gold.....")

das grundlegende muster ist heute noch gleich, die beiden schlimmsten erlebnisse hatte ich mit nabokovs "gelächter im dunkel" und murakamis "mister aufziehvogel", vielleicht weil in beiden ein sehr starkes dunkelheits- und eingeschlossensein-motiv vorherrscht. ebenfalls zutiefst beeindruckt hat mich der eher banale handlungsstrang in dorian gray, in dem angedeutet wird, dass lord henry dorian mit einem buch vergiftet bzw. verwandelt. ebenso wie dorian habe ich mich extrem in huysmans "a rebours" gestürzt - besonders das kapitel über die orchideen war grauenvoll. oder der abschnitt über das hauspersonal, das mit einer bestimmten niederländischen tracht pittoresk vorm abeitszimmerfenster auf und ab gehen musste....

gestern abend nun die verdammte lily dahl: auf den letzten zeilen bemerkt sie, dass der dorf-cretin eine lebensgroße puppe von ihr gebastelt hat, die ihren körper im kinderalter darstellen soll. mit dieser puppe läuft selbiger nächtens im kostüm des spinnweb aus shakespeares sommernachtstraum durchs dorf. vom ersten moment an, als lily ihn in seiner gruseligen spielhöhle damit ertappt, war mir vollkommen klar, dass ich diesen teil des buches besser nicht gelesen hätte, dass mich das bild des geistig retardierten, der mit seinen lädierten elfenflügeln über die wiesen läuft, eine puppe auf den armen, die nächsten nächte nicht mehr loslassen würde.

ich erinnere mich nur sehr, sehr selten an meine träume und bin ganz sicher, dass ich vollkommen belanglose, unspektakuläre allerweltsträume in mir umwälze. gestern nacht habe ich aber geträumt, ich wäre so hoch in einen walnußbaum geklettert, dass mich meine eltern nicht mehr herunter holen konnten, weil es schon abend war, als sie mich entdeckten. in diesem walnußbaum hatte ich plötzlich ein kleines ferkel auf dem arm, dass über die verworrenen äste auf mich zugekrochen kam. am nächsten morgen stand ich mit dem ferkel im arm unter dem baum und ging in ein haus, das ich instinktiv als das unsrige erkannte, obwohl es keinerlei ähnlichkeit mit meinem elternhaus hatte. ich wollte das schweinchen meinen schwestern zeigen, aber es hatte sich inzwischen in eine winzige grüne maus verwandelt. die zimmer meiner schwestern waren riesig, sie gingen von einem extrem schmalen flur ab. auch wenn mir das im traum nicht auffiel, hatte ich mich irgendwie in verschiedene, extrem potenzierte anteile aufgeteilt: jede meiner schwestern war irgendwie eine einzige meiner eigenschaften - oder zumindest sahen ihre zimmer so aus, dass ich mich sehr deutlich in ihnen ablesen konnte. während ich meine schwestern weckte und sie für die ferkelmaus begeistern wollte, hörte ich auf einmal, wie mir eine riesige grellgrüne ratte nachlief, die wohl ihr junges zurückholen wollte, mich dabei ansprang und fürchterlich biss. am ende des traumes hatte ich sowohl die kleine maus als auch die ratte ruhig auf dem arm - obwohl mich die ratte unverändert in den arm biss.

Vom Buchladen

ich habe mich am letzten freitag wieder einmal zu einem spontanen ramschbuch-kauf hinreissen lassen. normalerweise bestelle ich bücher bei amazon - in den meisten buchläden ärgert mich die immergleiche aufstellung aus freche-frauen-romanen und den ewigen klassikern viel zu sehr. natürlich sollte jeder doktor faustus, schuld und sühne und das schloß gelesen haben - trotzdem ärgert mich diese dümmliche mischung aus schund und schwerer kost. zumal mir immer öfter auffällt, dass das fachpersonal in buchläden meistens schockierend unbedarft bzw. ganz herablassend ausgedrückt: unsagbar unbelesen ist. ich habe keine lust, mir auf die frage nach dem inhalt eines buches anzuhören, dass selbiges bei elke heidenreich ganz, ganz toll besprochen wurde. ich will auch keine zusammengefassten klappentexte und wiedergaben aus verlagswerbebroschüren hören.

natürlich erwartet niemand, dass ein buchhändler sein gesamtes angebot gelesen hat - aber ich erwarte, dass er interessiert ist, literarische abwege kennt, mir etwas wirklich neues (und damit ist keine neuerscheinung gemeint) ans herz legt, mir aufgrund meines geschmacks, d.h. bücher die ich ihm als meine lieblinge nenne), etwas empfehlen kann. ich kenne wirklich nur einen einzigen leidenschaftlichen buchhändler, dessen antiquariat irgendwo beim rheinhafen vor sich hinschlummert und der sich exklusive öffnungszeiten wie di -fr, 14.00-18.00 leistet.

leider ist das von mir beschriebene phänomen nicht nur auf gruselige buchketten wie thalia beschränkt - in universitätsbuchhandlungen und kleinen lädchen sieht es häufig nicht viel besser aus. nicht mehr hören kann ich auch die antwort: haben wir nicht, kann ich ihnen aber bestellen. buchhändler ruhen sich gern auf ihren früh angelesenen lorbeeren aus: ich bestreite nicht, dass viele buchhändler mir in der klassikerkenntnis haushoch überlegen sind. leider reicht das aber nicht: kaum einer kann mir auf nachfragen eine spannendes buch eines jungen zeitgenössischen autors aus z.b. bulgarien empfehlen. vielleicht sollte ich nochmal nachfragen,wenn derjenige in ca. 15 jahren den nobelpreis bekommt. ich wage zu behaupten: in buchläden ist die unkenntnis des dort heumlungernden fachpersonals am augenfälligsten - jeder idiot kann an einer kasse bücher über den scanner ziehen, kein grund also, sich als elite des einzelhandels zu fühlen.

ein buchladen muss für mich (gerade wenn er gegen amazon anstinken will) im service, in der kenntnis und der liebe zum buch glänzen. und er sollte sich bitte auch nicht jeden schrott ins schaufenster stellen, nur weil eventuelle laufkundschaft gern das neue scheissbuch von ildiko von kürthy kaufen wollen könnte. ich kenne keinen einzigen buchladen, der auf etwas spezialisiert wäre - überall steht alles herum und das kotzt mich langsam wirklich an. ich bin sicher, dass leute die wirklich, viel und exzessiv lesen es sehr zu schätzen wüssten, in einen laden zu gehen und zu wissen: dort steht jemand zwischen den regalen, der sich exzellent in französischer moderne auskennt. dem man sagen kann: "ich liebe boris vian - was könnte mir denn an gegenwartsliteratur gefallen?" und der dann lächelnd ein halbes dutzend bücher aus dem regal zieht und mir etwas über diese erzählt. (oder der mir alternativ zumindest welche nennen kann die nicht seit wochen durch die feuilletons gehechelt werden - sie müssen ja nicht unbedingt vorrätig sein)

darum ärgert es mich maßlos, wie alle buchhändler über amazon schimpfen. ehrlich gesagt: amazon bringt mir die bestellten sachen nach hause - bei buchhandelsbestellung muss ich sie abholen. einen maßgeblichen serviceunterschied sehe ich nicht - im gegenteil, die empfehlungen, die amazon mir aufgrund früherer bestellungen macht, sind um einiges besser (d.h. meinem geschmack entsprechender) als das, was mir viele buchhändler gern mal andrehen wollen.

zurück zum ramschbuch des freitags: neben lily dahl habe ich "den schatten des windes" mit heimgenommen und bin einfach nur entsetzt. drei buchhändler haben mir zugeflötet, das buch wäre bezaubernd, fantastisch, großartig geschrieben und wirklich etwas ganz, ganz neues. ich wage zu behaupten: keiner von denen hat es gelesen. anders ist die gewaltige diskrepanz zwischen meiner subjektiven einschätzung und dem manifesten buchinhalt nicht zu erklären.

ich bin durchaus in der lage ein buch nicht zu mögen, aber trotzdem zur kenntnis zu nehmen, dass es sich um ein handwerklich überragendes buch handelt. auch wenn ich zola nicht mag, wird niemand den wert von "nana" bestreiten: es handelt sich trotzdem um ein wertvolles buch, auch wenn es mich nicht berührt hat.

"der schatten des windes" ist vielleicht eine eindrucksvolle beschreibung barcelonas - aber auch eine abgeschmackte, grausam pathetische (der "friedhof der vergessenen bücher"...) widergekäute suche nach einem geheimnisvollen dichter. sprachlich höchstens von durchschnittlicher qualität langweilt mich die obszönität der person des fermin ebenso wie die pubertäre unlogik der handlungen des protagonisten daniel.

und weil wir schon bei schlechten metaphern und adaptionen der mythologie sind: ein bisschen feinsinniger dürften die parallelen schon sein: daniel - in der löwengrube. penelope - die treue, wartende geliebte. miquel - michael der drachtentöter. fumero - der feuerspeiende bösling. mir schwant für die letzen 100 seiten schon schlimmes und ich bin sicher, ich werde nicht enttäuscht.

heute abend gibts zur nachtlektüre lieber noch ein paar seiten aus "swanns welt" - eine widerholung von etwas geliebtem ist allemal sinnvoller verbrachte lesezeit, als eine schlechte neu-aufwärmung.

17
Jun
2006

Gift im Buch Pt2

vor kurzem gab es einen beitrag zu den "giftigen" büchern - gestern abend habe ich wieder ein solches gelesen, bei dem mir ein weiterer, verwandter gedanke kam.

es handelt sich dabei um eines meiner lieblingsbücher von nabokov (die eigentlich alle fantastisch und unbedingt lesenswert sind!), "gelächter im dunkel". kurze inhaltsangabe: wohlsituierter, ältere herr (albinus), der mit seiner blässlichen frau und dicklichen tochter ein leben zwischen bohemian und bohnensuppe fristet, lernt im dunkel eines kinosaals eine junge platzanweiserin (margot) kennen, verliebt sich in diese und verlässt seine frau. natürlich liebt margot aber nicht ihn, sondern einen von albinus´ künstlerfreunden (rex), den sie lange vor albinus bereits zu ihren liebhabern zählte. nach einer furchtbar beschriebenen dreieicksbeziehung kommt albinus hinter margots verrat und erleidet im gefecht der gefühle einen autounfall in folge dessen er erblindet. margot verfrachtet albinus in eine kleine villa in einem schweizer kurort, wo sie ihn pflegen und umsorgen will. mit dabei ist rex, der sich im schutze von albinus´ blindheit unbemerkt in der villa einquartiert - alsbald beginnt das pärchen den blinden grausamst zu quälen.

und hier beginnt das eigentlich furchtbare: die dann folgenden spielchen mit dem blinden und heillos margot verfallenen albinus sind so gruselig und pervers, dass ich es jedes mal kaum fassen kann, gerade weil sie rein psychischer natur sind. so schildert margot albinus die ausstattung und und größe der räume, ihre möblierung und die farbe der wände vollkommen falsch und gemäß rex´anweisungen - weil es diesem gefällt, dass er albinus "sicht" auf die welt steuern kann. es bereitet rex perverses vergnügen, dass er albinus´ vorstellungen diktiert und ihn dazu bringen kann, einen raum gedanklich als blaues mansardenzimmer zu "sehen", der eigentlich eine gelbe küche ist. diese und andere quälende schilderungen sind in ihrer mächtigkeit von so vollkommener furchtbarer subtilität, dass es mich jedesmal zutiefst erschreckt.

ich glaube, es gibt einen unterschied zwischen dem schildern körperlicher und psychischer grausamkeit. sicherlich ist jeder in der lage, sich eine schilderung körperlicher qual auszudenken - man besitzt einen körper, weiss recht differenziert was wann und wie wehtut und kann dieses in verstärkter form ausformulieren. ich stelle es mir nicht sonderlich schwer vor, drei seiten über körperliche qualen zu formulieren, da das bewusste repertoire, aus dem man diese schilderungen schöpft, definitiv breiter oder zugänglicher ist. für psychische grausamkeiten hingegen fehlt mir dieses instrumentarium komplett. der umstand, dass das vorstellungsrepertoire für physische mißhandlungen so viel leichter zugänglich ist, als dasjenige für nabokov´sche quälereien, macht mich extrem nachdenklich und stellt eigentlich einen kontraintuitiven zustand dar. es sollte doch viel einfach sein, ausgehend von eigenen gefühlen und psychischen schmerzen solche situationen zu abstrahieren. die möglichkeiten derjenigen dinge, die man an einem körper zerstören und schmerzvoll malträtieren kann sind in bezug auf den geist recht begrenzt und variieren eher hinsichtlich des eingesetzten instruments. psychisch bietet sich eine weitaus größere variationsbreite, ein schier endloses repertoire an feinsinnig konstruierten grausamkeiten.

das gruselige an den schilderungen des buches ist für mich der umstand, dass die geschilderten unsagbarkeiten so wahnsinnig spezifisch sind. viele filme oder bücher arbeiten ausgesprochen virtuos mit menschlichen grundängsten: der angst im wald, der angst vor dunkelheit, der angst vor dem unbekannten in der wohnung nebenan. viel furchtbarer sind schilderungen jedoch für mich, wenn sie in hochgradig spezifischen kontexten platziert sind und trotzdem auf so subtile weise allgemeines erschrecken auslösen. ich weiss bis heute nicht, ob mich diese schilderungen so berühren, weil sie das aufkochen meiner ängste provozieren oder doch nacktes grauen vor demjenigen forcieren, der diese spielarten ausübt. graut es mir angesichts einer projektion auf albinus oder vielmehr vor der geistigen konstitution rex´ oder nabokovs?

ich bemerke, dass ich es leichter verzeihen könnte, wenn jemand der mir nahe steht, sich physische ekelhaftigkeiten a la "saw" ausdenken würde, als schriebe er ein buch wie "gelächter im dunkel". anders und etwas unbeholfener ausgedrückt: die denkmöglichkeiten in bezug auf physische grausamkeiten färbten für mich weniger auf das wesen eines menschen ab, als das gleiche prinzip übertragen auf psychische qualen. wenn sich jemand eklige körperliche foltermethoden ausdenken und diese in einen film oder ein buch gießen würde, fände ich das aus geistiger ebene weniger bezeichnend, als jemand, der das gleiche mit geistigen quälereien beherrschen würde. irgendwie habe ich das gefühl, als benötige man zur schilderung psychischer grausamkeiten andere geistige voraussetzungen und müsse tiefer in sich hinabtauchen und sich auf das dort vor sich hinbrütende einlassen, als zur darstellung eines kunstvollen armbruches durch einen stiletto.

ein ganz ähnlicher fall ist walter moers´ "rumo und die wunder im dunkeln". dort gibt es ein folterinstrument das "kupferne jungfrau" genannt und in dem der zu folternde durch hunderte haarfeiner injektionsnadeln durchbohrt wird. diese nadeln sollen aber nicht töten, sondern sind lediglich die klaviatur, auf der ein sammelsurium von flüssigkeiten in den körper des zu quälenden geleitet werden sollen. flüssigkeiten, die furchtbare träume bewirken, das gehirn mit glückswellen überfluten, die kummer auslösen oder verliebtheit. auch dieses instrument ist (abgesehen von den nadeln) definitiv ein instrument psychischer folter - die vorstellung, dass ein ältlicher herr irgendwo in der pampa nachts am schreibtisch ein solches instrument erdenkt und danach mit seiner familie fischstäbchen isst, ist wirklich erschreckend.

16
Jun
2006

Bedrückendes

ich mag die bösartigen traumbilder von herrn füssli. ich ärgere mich furchtbar, dass ich erst zwei monate später geburtstag habe, ergo 8 wochen zu spät in die tate britain komme - wenn passenderweise die gothic nightmares schon wieder in kisten verpackt an den ort ihres stamm-verbleibs zurück geschafft werden. füssli ertappte mich zum ersten mal vor rund 16, 17 jahren - damals bekam ich zum geburtstag ein bändchen mit perlen der sog. deutschen schauerromantik, auf dessen buchdeckel jenes werk abgebildet war. irgendwie verfolgte mich das bild für die nächsten jahre - es war auf einem lehrbuch c.g. jungs abgebildet, hing allen ernstes über dem schreibtisch einer offenkundig mit extrem robusten nerven ausgestatteten kurzzeitbekanntschaft oder hämte mich von einem notizbüchlein einer freundin an. die kleine chimäre, die als nachtmahr auf der für diese zeit üppig dahinfliessenden schönen hockt, hat mich nicht so sehr erschreckt, wie der gespenstische pferdekopf, der dem hintergrund entwächst. als kind war ich fest davon überzeugt, der kopf sei gekocht - da ich den geronnen weissen ausdruck der augen nur vom feitäglichen fisch kannte.

das passende märchen zu diesem gruseligen bild ist für mich bulemanns haus von theodor storm, dass meine wahnsinnigen eltern mir als ungefähr siebenjährigem kind vorlasen. ich war ein ungemein schreckhaftes kind, das angst hatte, in bebilderten märchenbüchern bestimmte seiten umzuschlagen, weil dahinter furchtbare illustrationen lauerten - von meiner panischen angst vor dem "kalten herz" gepaart mit dem umstand, die schallplatte trotzdem jeden tag zu hören, berichtete ich ja schon.

bulemanns haus war ein ähnlicher fall. das märchen gehört zu den aus meiner sicht eher wenig bekannten novellen storms und ist definitiv, anders als die regentrude und sogar der schimmelreiter, wirklich ungeeignet für kinder. den gesamten text gibts dankenswerterweise im projekt gutenberg. ich hege seit dieser zeit eine skepsis gegenüber katzen - wäre es nicht unmöglich bzw. ein besonders romantischer fall von psychosomer erkrankung, würde ich sagen, meine katzenhaarallergie rührt aus angst vor graps und schnores.

natürlich sind die sätze über den organist, der weisse röslein von einem büschlein pflückt, über das totkranke kind, das zur genesung eines silbernen taufbechers bedarf und ein paar andere tragende elemente des textes wirklich recht, nunja, schwach.

trotzdem hat mich die novelle als kind zutiefst beeindruckt - allein die schilderungen der kleinen gestalt, die sich wie ein verschrumpeltes äpfelchen in sich zurück zieht, ist fantastisch. von den durchs haus streifenden, rieigen katzen, ihren schatten am fenster und der mäusemetzelei ganz zu schweigen.

ich mag storm, für sätze wie diesen, aus dem anfang der novelle:

"Einer, der im Übermut den Türklopfer anschlug, um den Widerhall durch die öden Räume schallen zu hören, behauptet sogar, er habe drinnen auf den Treppen ganz deutlich das Springen großer Tiere gehört."

storm spricht nicht von hysterischem fauchen, blitzend gelben augen oder verzweifelten hilferufen des herrn bulemann - dieses "springen großer tiere" ist in sich bereits so andeutend, verheissend und von bösartiger präzision, dass sich jede weitere dramatisierung verbietet. es steckt auch in dieser groben umschreibung genug angst und klopfen eines kinderherzes.

schön auch, wie herr bulemann immer durch das bild des alten männleins mit einer zipfelmütze (besser noch: einer gestreiften zipfelmütze!) beschrieben wird, der wie ein kind zusammengekauert auf dem kanapee hockt und ängstlich nach den beiden katzen lauscht.

wenn ich storm lese, möchte ich den krachts, illies und browns dieser welt zurufen, dass das, wofür sie von tausenden von menschen bewundert und geliebt werden, im kern zutiefst vergänglich ist. wer wird sich an pointierte schilderungen der zeitgeschichte, verschwörungstheoreme und abrechnungen mit der eigenen generation erinnern, wenn der notwendige bezugsrahmen fehlt?

wer effi briest liest, wirklich liest, für den wird sich das buch öffnen und mit einem leisen flüstern seinen sinn in den lesenden entleeren - auch wenn ein ehebruch an der winterlichen ostsee heute kein drama mehr ist. die nächtlichen gedanken von penelope-molly bei joyce bedrücken - auch wenn man niemals mit wärmenden, mehrfach gestopften wollsocken, neben einem schnarchenden iren im bett lag.

ich habe einmal in einem interview auf die frage, warum ein regisseur, dessen name mir entfällt, keine sog. special effects in seinen filmen einsetze, folgende, sinngemäße antwort gelesen: wenn wir uns heute 10 jahre alte filme, die wegen ihrer special effects damals hochgelobt und hochfrequentiert waren, ansehen, wirken diese filme lächerlich - weil unser auge heute bessere, realistischere, schnellere effekte und simulationen kennt. das einzige was bleibt, sind geschichten - über die niemand lachen wird.

ähnlich verhält es sich für mich mit vielen büchern, die geschickt den zeitgeist widerspiegeln. verbrennt den prada-tragenden teufel (vielleicht ohne die schuhe...). entsorgt moppel-ich und die verdammt mies-geschriebenen freche-frauen romane. sie bedeuten nichts. sie erzählen nichts. und sie sind die kleinen schwestern filmischer verbrechen wie "i, robot".

manchmal habe ich das gefühl, der fundus dessen, was es wirklich noch wert ist, geschrieben und gelesen zu werden, verringert sich mit jedem jahr. in der flut der bücher, die jedes jahr lärmend und geschwätzig in die thalia- und gondrom-filialen plätschert, finden sich mit glück ein, zwei fantastische, großartige und bewegende bücher.
logo

Miss Manierlichs Manierismen

Aktuelle Beiträge

sportdetik
sportdetik
onbendedknees - 4. Okt, 08:57
link alternatif kakakdewa
link alternatif kakakdewa
onbendedknees - 4. Okt, 08:57
link alternatif emasbet
link alternatif emasbet
onbendedknees - 4. Okt, 08:57
link alternatif toko...
link alternatif toko judi
onbendedknees - 4. Okt, 08:56
link alternatif tokojudi
link alternatif tokojudi
onbendedknees - 4. Okt, 08:56

Archiv

Oktober 2017
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
 
 
 
 
 
 
 1 
 2 
 3 
 4 
 5 
 6 
 7 
 8 
 9 
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
 
 
 
 
 
 
 
 

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Schimpf und Schande - behave!

manierlich (at) web.de

Suche

 

Status

Online seit 4172 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 4. Okt, 08:57

Credits

vi knallgrau GmbH

powered by Antville powered by Helma


xml version of this page
xml version of this topic

twoday.net AGB


Anhedonie
Aufgelesen
Bloschenromane
Diorama
Dolce & Dubios
Miu Meu
Scarpediem
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren