Miu Meu

13
Nov
2006

Kindliche Lektüren

hat eigentlich einmal jemand die these überprüft, gemäß der die bücher, die man in seiner kindheit zu sich nahm, die spätere persönlichkeit maßgeblich beeinflussen sollen? wenn das stimmt, dann dürfen sich einige leute noch auf etwas gefasst machen, wenn mein kindlicher lesestoff so langsam nach oben mendelt.

in bezug auf meine lektüren darf ich mich guten gewissens als sonderfall bezeichnen - die klassische lesebiographie bürgerlicher haushalte ist in meinem falle eher verwinkelt und abstrus, ich bin mir nicht sicher ob es viele junge damen gibt, die henry miller vor den kindern aus bullerbü gelesen haben. (dramatisch erscheint mir persönlich ja weniger der frühe miller, als vielmehr die späte lindgren.)

ich würde jetzt sehr gern von jenem musischen und feinsinnigen haushalt berichten, in dem ich emporkeimte, von wandhohen bücherregalen und kinderoper am sonntagmorgen. war nur leider nicht ganz so. das heisst: eine reichhaltige hausbibliothek gab es schon, nur sah diese ein wenig so aus, als hätte sie ein wahnsinniger bestückt und zusammen gestellt. (bizarr mutet es in diesem sinne an, wenn genji die großartig billigen zonen-reclam-ausgaben aus tiefster überzeugung lobt.) auch wenn ich als kind jurek becker, tucholsky oder max frisch kaum vermisst habe: für eine eigene ausgabe von "krabat" hätten meine schwester und ich gemordet. ganz zu schweigen von mary poppins, karlsson vom dach oder dem zweiten band der rückblickend wahrlich schauderhaften hanni-und-nanni-reihe. die wenigen, acht- und lieblos zerlesenen kinderbuchexemplare, die mein großvater während halbheimlicher treffen im ungarn-urlaub von seinen versippten neu-enkeln mitbrachte, führten in unserem kinderzimmer ein wahrhaft königliches leben, wurden sorgsam in klebefolie gebunden und schatzig gehütet. ich erinnere mich an einen synchronen schwesterlichen heulanfall auf der rückbank eines postgelben wartburgs, weil an der grenze die unendliche geschichte am grund eines koffers entdeckt wurde.

ich bin mir nicht sicher, ob die bindung und das verhältnis das ich heute zu büchern habe, aus diesem tiefen begehren heraus entstand. bizarr erscheint mir rückwirkend, dass auch bücher, die eigentlich zutiefst systemkonformer natur waren, schlichtweg nicht zu bekommen waren, wie beispielsweise anne franks tagebücher, die mein vater einmal triumphierend in einem budapester antiquariat aus dem regal zog. in selbigem geschäft wurden unter der ladentheke und zu horrenden preisen auch bücher verkauft, die westdeutsche touristen in hotels vergessen hatten. nach zähen und von beiden seiten erbittert geführten kämpfen bekamen meine schwester und ich dort einmal jede einen zerlesenen schund-horror-comic, die ich so oft gelesen habe, dass ich noch heute das schaurige bild einer blutrünstigen orchidee vor augen habe, die einen raffgierigen (sicher kapitalistischen) amazonas-forscher auf ihre dornen spiesst.

der buchbasierte teil meiner kindheit war extrem von jungenliteratur geprägt: noch heute überrasche ich vorwiegend männliche bekanntschaften mit versierter kenntnis jack londons und jules vernes, die ohne zweifel den von meinen vater mit in den haushalt eingebrachten büchern zuschulden kommen. aus diesem umstand rührt auch die tatsache, dass ich parallel zum zeigestockparcour in der schule altdeutsche schrift lesen lernte, da ein großteil der in unserem haus verfügbaren kindrliteratur in derselbigen abgefasst war.

neben der externen existierte bei uns daheim auch noch eine zweite, eher nach innen agierende zensurinstanz in person meines vaters, der wie erwähnt aus einer schon beinahe suprakarrikiert bürgerlich-patriarchalen familie stammte, der ihrerseits ein familienoberhaupt vorstand, dass sich in kühnsten träumen einen neuen deutschen kaiser wünschte. (der ,nebenbei erwähnt, nicht unbedingt hätte ostdeutsch sein müssen.) wenn mein vater schon keinen einfluss darauf nehmen konnte, was es in buchläden und bibliotheken alles nicht gab, konnte er doch zumindest beeinflussen, was an besonders obskuren blüten sozialistischer kinderliteratur nicht auf schreib- oder nachttischen liegen sollte.. als der bruder meiner mutter mir einmal ein kinderbuch mit dem titel "die pioniere von vallescura" schenkte, folgte ein bösartiger streit in der küche und die getreuen aus vallescura wurden auf einem pionierbasar vor der turnhalle an dankbarere kinder weitergegeben. er tolerierte, dass schnatterinchen und moppi bei "zu besuch im märchenland" ein dümmlich daherschwatzender agitproper bär namens mischka zur seite gestellt wurde. er liess beim vorlesen von alfons zitterbacke auch die schlimmsten schilderungen von pioniergeburtstagen und deutsch-sowjetischer freundschaft nicht aus. aber wenn in der schule schon bücher wie käuzchenkuhle oder timur und sein trupp zur pflichtlektüre gehörten, dann erzwang er daheim mit leidenschaft einen anderen lesestoff.


der zauberer der smaragdenstadt
wurde in allen bis zum damaligen zeitpunkt erschienenen bänden am fuß unseres doppelstockbettes vorgelesen. den letzten wolkow-band der reihe, der gelbe nebel, auf den meine schwester und ich sehnsüchtig warteten und für den in der stadtbücherei eine warteliste existierte, konnte mein vater auch nach langer suche nirgendwo käuflich erwerben. und da wir alle anderen bände besaßen, hat mein vater ihn heldenmütig geklaut, bzw. in der bücherei als verloren gemeldet, die neubeschaffung bezahlt und ihn damit schon wieder fast legal erworben. für solche erinnerungen verschmerze ich beinahe den umstand, dass er dem, in seiner familie offenkundig auf die zarten blätter der dna geschriebenen wahnsinn des wunsches nach einem deutschen kaiser mit zunehmendem alter ebenfalls nachgibt.

solche bücher waren jedoch selten und es fällt mir wirklich schwer mich an kinderbücher zu erinnern, die ich noch im ostdeutschen teil meiner kindheit gelesen hätte. die zeitspanne, in der ich hauffsche märchen oder ein kinderbuch griechischer mythologie gelesen habe, ist verhältnismässig lang. es fehlte der bündige anschluss an ostdeutsche jugendliteratur abseits des grusels der abenteuer des werner holt.

also haben meine schwester und ich uns früh auf die verworrene bibliothek meiner eltern verlegt, auf puschkin, gogol und zola, bunt durcheinander gewürfelte regalreihen ererbter, zufällig unter ungarischen ladentheken gefundener oder unter der hand weitergegebener schätzchen. manchmal fällt mir in gesprächen auf, dass ich zwar recht präzise weiss, worum es in einem buch formal geht, mir aber jegliche analyse, reflexion oder intellektuelle verarbeitung eines inhaltes fehlt. daran erkenne ich dann meist, dass ich dieses buch als kind gelesen habe, wie man als kind eben frischs "stiller" "liest".

viel zu spät, zu zeiten in denen die westfälische oder hessische peer group begann sport-bhs zu tragen oder petting im schuppen eines fussballvereins zu verüben, habe ich kästner und lindgren gelesen. nicht, weil ich so ein vergeistigtes kind gewesen wäre, sondern schlichtweg aus dem bewusstsein heraus, dass diese bücher mir zur vollständigen kinderbiographie noch fehlten.

im ehemaligen zimmer meiner schwester haben meine eltern denjenigen teil ihrer bibliothek ausgelagert, der im wohn- und esszimmer keinen platz fand oder eher albern wirken würde. an weihnachts-, oster- oder anderen besuchsabenden nehme ich mir immer wahllos einen kinder- oder jugendband aus den regalen, suche nach der zum aschenbecher umfunktionierten muschel und widme mich dem stopfen der löcher, die henry miller und tolstoi hinterlassen haben. manchmal ist auch eines der bücher aus dem kinderbuchverlag berlin oder der reihe des kleinen trompeters mit dabei.

25
Okt
2006

Erinnerung, sprich.

ist nicht nur ein gar zauberhaftes autobiographisches buch des einzigartigen, wunderbaren und vielgeliebten nabokov, sondern auch sinnbildlich für mehrere begegnungen der letzten tage und wochen, die allesamt seltsam unpersönlich und unbemerkt vonstatten gingen.

man merkt dass man alt wird, wenn sich plötzlich sprichwörter bewahrheiten. ich nenne das einfach mal frühreife altersweisheit und beginne ernsthaft daran zu glauben, dass man sich tatsächlich immer zwei mal im leben trifft oder zumindest miteinander in unmittelbare berührung kommt.

in meinem winzigen flur, einem selbst im sommer leicht hinterhöfig belichterten quadrat, dessen kantenlänge kaum mehr als eine türbreite beträgt, steht über der wohnunstür eine achtlos mit schwarzem scherenschnittpapier beklebte blechbüchse. kleine wohnungen zwingen ja bekanntlich zur ordnung oder zumindest zu verstau- und versteckgefäßen, die einen sichtschutz vor der latenten gerümpeligkeit bieten sollen, ihre verschlossenheit aber meist nur halbherzig einlösen. diese meine schachtel sieht schon von aussen so schäbig und abgenutzt aus, dass sie beinahe aus glas sein könnte, so stark drängt die unordnung von innen nach draussen. drinnen liegen, wahllos zusammengeschüttet ein paar dutzend briefe und postkarten, alle aus der zeit, die meinen neunzehnten geburtstag umkränzt, garniert mit einem stapel bilder eines urlaubes an der amerikanischen westküste, auf denen ich samt und sonders veritabel blödsinnig in die kamera blinsele,schimpfe oder mich gleich abwende. eigentlich sind die bilder eine gute exposition für den inhalt der kiste, der wie ein unsichtbarer haussegen über arglos in meine wohnung stolpernden besuchern hängt: zu emotional vollgesogen zum wegwerfen und zu voll mit beschämenden erinnerungen, um den weg in den offiziellen wohnbereich anzutreten. in der schäbigen (und ich meine tatsächlich schäbig. nicht: in würde gealtert und mit reizvoller patina behaftet) kiste in meinem flur findet sich sozusagen der brieflich dokumentierte flur der letzten acht jahre, ein schriftlicher eintritt ins wasauchimmer, geschrieben von wenauchimmers.

gestern abend bin ich vor schreck in jenen zustand verfallen, der mich manchmal anspringt, wenn ich etwas bemerke, das schon lange da ist und sich bisher nur geschickt oder zufällig meiner aufmerksamkeit entzog. so wie ein lange erwartetes mail, dass sich in einer spamflut verbirgt, eine rechnung, die vorm papiercontainer aus den wochenblättern rutscht oder eine textnachricht, die mehrere stunden im dunkel des displays eines nicht aufgeladenen handys wartet. gestern war es die bloße erwähnung einer person, gefolgt von drei, vier clicks meinerseits die schliesslich in einem älteren artikel bei spiegel online endeten.

ich weiss nicht warum man glaubt, die existenz einer anderen person sei unabdinglich vom eigenen bewusstsein, von der eigenen erinnerung an eine nabelschnur gelegt, die den anderen direkt nach entzug der aufmerksamkeit im gedächtnisbauch verhungern lässt und einen staubigglänzenden bühnenscheinwerfer der wiederauferstehung auf den anderen richtet, wenn man sich erinnert. die schreckmomentperson des gestrigen abends, nennen wir sie der einfachheit halber und ohne einen film mit jim carrey zu tangieren, den mondmann, hat sehr lange und in form eines längeren briefes in der haussegenkiste gelegen. genauer gesagt lag am grund der kiste, neben einer van-gogh-postkarte aus amsterdam voller, sich überwerfender grammatikalisch fehlerstrotzender impressionen einer ebenfalls gedächtnistoten schulfreundin, auch noch ein weiteres stückchen mondmann in form eines grausigen stückchens modeschmuck mit einem bröckchen fake-onyx im zentrum. obwohl ich normalerweise jeden wiederentdeckten schmuck sofort wie aschenputtel anprobieren muss, habe ich den ring sofort wieder hektisch in die papierflut getopft, wo er nach kurzem widerstand unter mehreren briefen eines damals verheirateten düsseldorfer bankangestellten, der heute sein dasein bei einem zementvertreibenden unternehmen fristet, verschwand.

der mondmann ist also wieder da. und mit ihm die erinnerung an ein neunzehnjähriges manierliches ich, auf dessen suche ich mehrere besonders unangenehme jahresringe von mir streifen musste, die zwar keinen kunstonyx, aber andere unangenehme, verdrängt geglaubte, stumpfgelebte glitzerdinge zierten.

es dauert wie bei einem scharfen schnitt mit einem küchenmesser einige sekunden, bis das gehirn glaubt, dass da gerade etwas wehtut, dass da wirklich blut kommt, ein knochen zersplittert in den seilen hängt, ein augenlid für immer vornüber gekippt ist und ein haarbüschel unter dem wasser den fußbodens auseinander läuft.

dann kommt die erinnerung aus der provisorisch genähten memowunde, stossweise wie aus einer verletzten erinnerungsarterie, die sich pumpend aus der schäbigen schachtel ergiesst. und alle erinnerungen würden, einem großen erinnerungsblutbild unterzogen einen dramatischen mangel an positiven damals-ich-bildern ergeben. ich sehe mich in einem schäbigen studentenwohnheim, mich in einem ebenso heruntergekommenen zimmer in leipzig, mich beim spazierengehen im park und mich auf einem zeltplatz. im vordergrund dieser teils betörend scharfen, teils erschreckend undeutlichen kopfpolaroids immer den mondmann. den mondmann beim erzählen an einem nächtlichen gewässer, dem mondmann auf einem baumstumpf, den mondmann an der seite seiner damaligen freundin, die eine laugenbrezel zum frühstück ordert und der mondmann in erschreckter pose, als wie uns ein dreivierteljahr später zufällig auf einer studentenparty wiedersehen.

und etwas wirkt störend an diesen erinnerungen, etwas drängt sich ungut wie der kopf eines hydrabandwurmes aus der wunde. ich störe mich selbst beim erinnern. in jeder situation zucke ich peinlich berührt zusammen, wenn ich mich selbst sehe. ich störe mich beim an-mich-erinnern.

als der mondmann-brief, den ich hastig und auf einem kippelnden stuhl balancierend aus der kiste kramte, damals bei meinen eltern ankam, sass ich in einer runde von abiturienten in meinem damaligen zimmer und besprach irgendetwas belangloses bezüglich der abizeitung - seltsam, wie gut man sich an so etwas erinnert. ich habe den brief damals hastig überflogen und dann in eine schreibtischlafe gestopft, weil er und der mondmann gerade weniger wichtig waren, als ein rückblick auf eine abschlussfahrt an die italienische riviera. mir fiel ein, dass ich den brief bis heute nicht richtig gelesen habe: der mondmann sass in seinem studentenwohnheim, f. hockte wie eine zerberusköpfige kröte auf meiner herzkiste und mein freund macht in frankfurt irgendwas mit flash. der mondmann war nie ganz ernstgenommen und hatte in seinem zimmer ein billiges poster von nirvana.

und jetzt ist der mondmann auf einmal wieder da, ich habe dem drang, ein kurzes mail zu schreiben nach kurzem überlegen widerstanden - was hätte es bitteschön auch zu erzählen geben können. ich stelle mir das alles sehr unangenehm vor: da sitzt man nun als mondmann, ständig belästigt von einem potpourri des bodensatzes aller menschen, die man flüchtig kennenlernte und vermutlich sind es nicht einmal die tollsten menschen, die da jetzt angerobbt kommen. die wohlerzogeneren menschen sind hoffentlich zahlreich taktvoll genug, in der versenkung zu verharren und unbelästigend untätig zu bleiben. wann immer man als mondmann irgendwo ist, strömen solche wir-haben-mal-ein-apfelschorle-zusammengetrunken-leute nebst ich-hab-dir-mal-in-der-bibliothek-das-herrenklo-gezeigt-gestalten auf einen ein und fordern promptes und vivides erinnern. und bevor ein gewisses flüsschen jetzt weiter fliesst und mäandert knipse ich romy-schneider-anbetend preisschildchen vom zaratüteninhalt auf den wohnzimmerfußboden.

24
Sep
2006

Auf der Jagd nach der krausen Glucke

sowieso und überhaupt war der nahende herbst früher irgendwie leichter. meine einzige sorge war, ob ich wohl endlich aus dem grausigen dunkelroten anorak heraus gewachsen sein würde und ob mein vater beim spazierengehen vergessen würde, harmonische fotos von mir und meiner schwester zu machen.

damals reichtes es nämlich mitnichten aus, sich einfach gelangweilt unter einen vogelbeerbaum zu stellen und stolz einen korb mit plizen in die kamera zu halten. nein, das ganze sollte nach glücklicher schwestern-zweisamkeit aussehen.

noch heute hängt im esszimmer ein idyllisches bild, dass uns beide hand in hand von hinten, in einem gebüsch verschwindend zeigt. auf der anderen, der kamera abgewandten seite brodelte es heftig, wenige sekunden nach betätigen des auslösers rissen wir, als hätten wir uns aneinander verbrannt, die hände auseinander und wissen heute nicht mehr, wer wen garstigst gekniffen hat. es ging damals glaube ich darum, welches unserer beiden sommer-mastkaninchen zuerst geschlachtet werden sollte.

bevor der wald betreten wurde, nahm mein vaters uns vorsorglich die komplett stumpfen küchenmesser, im sächsischen familienmund liebevoll hümmelchen genannt, ab. obwohl es damals noch keine hollywoodesken antizipationen gab, sah er meine leicht trampelige schwester beim rehgleichen sprung über eine wurzel vermutlich derart ungeschickt stolpern, dass das hümmelchen sich gleichzeig durch herz, beide augäpfel und lunge bohren würde. ich galt zwar als vertrauenswürdiger, durfte aber aus gründen einer fairness, die mir bis heute nicht einleuchtet, ebenfallls kein messer mit mir führen.

auf dem ersten pilzspaziergang, an den ich mich erinnere, hatte mein vater aus der küchenschublade das erstbeste messer mitgenommen und prompt beim freudigen hallimasch-ernten auf einem baumstumpf liegen gelassen. meine mutter beeilte sich nach unserer rückkehr sofort zu erwähnen, dieses messer sei seit generationen in familienbesitz: schon ihr großvater hätte damit auf der schwäbischen alb hallimasch geerntet. mein vater machte unterdessen beim pilzesäubern auf zeitungspapier (freie presse, wenn das interessiert) unmutige geräusche, die anzeigen sollten, dass die mütterlichseitige familie, namentliche der schwäbische teil so geizig sei, dass besagtes messer wohl immernoch in einer schublade in sigmaringen und nicht im nachmittäglich bewanderten forst läge. seitdem rangierte meine mutter jeden herbst pilzmesser, deren verlust verwindbar war, aus.

meine schwester und ich durften nach einer sorgfältigen einweisung in gefahrenquellen des waldes (aggressive wildschweine mit frischlingen, tollwütige füchse, niedere pilzsammler mit dederonbeuteln, zecken, zuschnappende bärenfallen) nur röhrenpilze in unsere körbe sammeln. für lamellierte ware musste mein vater alarmiert werden, der dann über verbleib oder mitnahme entschied. meine mutter entschied beim säubern der pilze ihrerseits ebenfalls exakt entlang der kindlichen sammelerlaubnis-kategorie: röhren wurden gebraten, lamellen entsorgt - was meinen vater regelmässig empört schnaufen liess, wenn jeder von uns einen fingerhut voll pilze bekam, während auf dem kompost in der abendsonne mehrere kilogramm violetter rotelritterlinge ihre hüte ins küchenfenster hinein reckten.

reviertechnisch befand sich mein vater immer in einem konflikt: ertragreiche gebiete, namentlich nadelwälder, durch deren unterholz man bäuchlings kriechen musste konkurrierten mit lichtdurchfluteten mischwäldern, in denen erfahrungsgemäß nicht mal etwas wuchs, was meine mutter hätte ausrangieren können. meine schwester und meine mutter (blieb zwar daheim, jammerte aber über zerrissene anoraks) votierten für den lauschigen spaziergang im mischwald - mein vater und ich (zerrissene anoraks!) fürs unterholz.

ich weiss heute noch genau, wie es sich anfühlte, mit meinem vater zusammen das küchenmesser durch den erstaunlich festen stamm einer pubertären marone zu treiben. wie sich eine handvoll, im geschwenkten korb herumbollernde pilze anhören. wie großartig es war, sich gegenseitig mit kletten zu bewerfen und dabei ephemere allianzen in einem heer aus drei personen zu bilden, sich charakterlos zu verraten und in hinterhälte zu flüchten. ich weiss noch, dass ich immer eine krause glucke finden wollte, von der mein vater, mit mannigfaltigen gesten untermalt behauptete, er habe als kind einmal eine gefunden. manchmal, wenn es irgendwo knackte, blitzten in drei köpfen zwei verschiedene bilder auf - meine schwester und ich hofften auf das hexenhäuschen auf hühnerbeinen, mein vater erblasste, weil er das lang angekündigte killer-wildschwein erwartete. gut die hälfte der gesammelten beute wurde fein geschnitten und auf fliegengitterbespannten doppelfensterhälften auf dem dachboden zum trocknen ausgelegt. alle zwei bis drei tage durfte ich mit einem kochlöffel bewaffnet nach oben, um die, sich in der letzten septembersonne räkelnden pilze zu wenden.

im herbst begann für mich auch die zeit, in der essenstechnisch harte zeiten anbrachen. im örtlichen konsum-geschäft würde es für die nächsten monate nur noch kartoffeln, möhren, fettigschalige äpfel und kohl geben - abgelöst nur durch die obligatorischen, grünhäutigen kubaapfelsinen kurz vor weihnachten. manchmal aß ich so viele pflaumen, dass ich brechen musste oder streunte mit meiner freundin stundenlang die bahndämme entlang, auf der suche nach himbeeren, die schwarz vor dreck waren. sobald der september zur neige ging, meinte ich bei betreten des hauses sofort den mir verhassten geruch von weisskrauteintopf zu riechen, den meine schwester und mein vater wegen des mürben suppenfleisches so mochten.

mit eicheln und kastanien haben wir nie gebastelt, dafür manchmal stundenlang bucheckern gesammelt, die im gegensatz zu ersteren nicht in der schule gehortet (per 2 kg ein bienchen auf der wandtafel - für die gleiche menge altpapier gab es die hälfte) und an ominöse rehe verfüttert wurden, die irgendwo im fichtelgebirge hungerten. im herbst begann mein vater wieder davon zu träumen, an weihnachten mit meiner schwester vierhändig klavier zu spielen und zerrte sie regelmässig neben sich ans pianola. im keller, wo meine mutter und ich die ausgegrabenen dahlien verstauten, hörte man aber weniger hausmusik, als vielmehr den anschwellenden streit im esszimmer.

manchmal haben wir im herbst bei unseren spaziergängen schon unseren weihnachtsbaum ausgesucht, da es vor der kaufhalle im dezember nur indiskutable kiefern gab, mein vater auf tanne oder fichte bestand und das baumsägen in seinem unrechtsbewusstsein knapp hinter mundraub rangierte. zum baumstehlen im dezember wurde immer ich mitgenommen, da meine schwester eine wechselmütige schmiere-steherin war und meine eltern (einer sägte, eine hielt die sprichwörtliche lampe) nicht zuverlässig genug per wartburghupe vor nahenden lpg-fahrzeugen warnte. auch wenn ich es an weihnachten sicherlich noch einmal erzählen werde: vor dem schmücken wurde der baum bei uns regelmässig durch geschicktes anbohren zu falscher fülle aufmontiert wie eine sämige soße. da der baum immer in der ecke neben dem klavier stand, wurden eckwärts liegende äste gekappt und durch diffiziles anbohren des stammes an kahlen stellen in den obergeschossen der tanne verteilt. lametta hing übrigens nie an unserem weihnachtsbaum. und auch keine hektisch blinkenden, farbigen lichterketten - aber das wusste man im oktober nie so genau.

dass der herbst in meiner erinnerung so unmittelbar mit weihnachten verbunden ist, liegt sicherlich ein stückweit an den damaligen verhältnissen: mein vater spähte nach bäumen und suchte verzweifelt auf dienstreisen hirschhornsalz, meine schwester und ich mästeten in einem akt kindlicher herzlosigkeit die kaninchen bis zur schlachtreifheit (eins für den zweiten weihnachtsfeiertag, eins für ostern) und meine mutter beschwatzte kolleginnen bäuerlicher herkunft wegen einer fluggans.

wenn heute im supermarkt ab september die ersten lebkuchen liegen, dann ringt mir dieses umstöhnte phänomen nur ein müdes lächeln ab - weihnachten begann in meiner kindheit aus gründen der beschaffungsknappheit manchmal noch viel früher.

27
Aug
2006

Wochenend und Sonnenschein

ach, ihr sonntage im bett! untermalt mit dem wohligen rumpeln der waschmaschine, dem sprühregen des erkälteten august und einem wichtelprinz, der im schlafzimmer mit geniesserisch halbgeschlossenen augen der formel1 lauscht und sich aufs späte mittagessen freut. sonntage sind immer dann besonders verheissungsvoll, wenn man morgens nach 4 stunden schlaf den wunsch verspürt, ein wenig himbeerfarbe auf die lippen zu streichen und ein eigentlich viel zu schickes büropullöverchen zur gestreiften pyjama-hose zu tragen. der heutige sonntag begann schälchenklappernd mit genjis liebsten diabetiker-geeigneten tapas - also ohne kartoffelige tortilla, dafür mit einem zusätzlichen drittel serranoschinken für den vogelmündig gierigen wichtelmund. als ich vorhin das bett nach einem vermissten feuerzeug durchsuchte, fielen mir auch prompt drei marinierte pilze und ein olivenkern entgegen. vielleicht ist es ja wirklich so, als tränke man sein eigenes sperma, aber die pilze schnell und unauffällig in den mund zu stecken, hat sich großartig verrucht angefühlt.

aber es fühlt sich in letzter zeit einfach nur beruhigend an, dass so etwas geht. dass mit mir so etwas geht. meine derzeitige idylle schmeckt nach tapas, flüstert mit der stimme javier marias´ und duftet nur sehr entfernt nach gucci rush. und auch wenn gewisse stimmen etwas anderes munkeln: wenn es eine sache gibt, die frauen mit körpergröße jenseits der 170 cm tragen können, dann ausgewaschene jeansminiröckchen und schwarze leggins an samstagabenden, wenn die sonne hinterm rheinhafen verschwunden ist.

gestern im supermarkt, ich erfreute mich an meiner leidenschaft, dem einkaufswagen-sphinxen, sah ich mich selbst in einer dramatischer halbtotalen, wie ich ein glas diabetiker-erdbeerkompott für genji in der hand wog und nach broteinheitenangaben schielte. in diesem moment schienen mir nicht einmal painting-strähnchen abwegig - aus glucksender freude über meinen mut zur kritischen selbstbeobachtung habe ich mich nur halb so sehr geschämt, "player" und "braut" aus dem zeitschriftenregal in meinen wagen zu stopfen. ob sich die stoischen zählviecher an der kasse wohl manchmal bösartige gedanken über den inhalt meines einkaufswagens machen? gewisse blicke lassen es manchmal beinahe befürchten. ach, guckan: die junge dame mit dem klavierlehrerinnen-gesicht kocht sich sonntags pasta bolognese und versüsst sich die einsamen samstagabende mit kinderriegel, "galore" und ofengebackenen chips.

irgendwie lässt der widerliche druck, sich selbst ein aufregendes leben aufzudrängen, angenehm nach. hätte ich heute kuschelrock- oder gar bryan adams-cds, ich würde sie mit stolzgeblähter brust ganz vorn in mein regal stellen.

nichtsdestotrotz trippelte ich heute morgen um halb sieben mit dem besten freund und seinem neuesten objekt der begierde richtung parkhaus und hatte das gefühl, durch meine müden arme würde reines red bull mit kleinen segeln aus nikotin treiben. und zwar nachdem mich (verdammter csd - da kriecht zeugs aus seinen löchern, was besser nie das tageslicht sehen sollte) ein kleiner junge im fummel nebst mies gemachtem chanel-cambon-täschchen zwanzig minuten mit seinen plastiknägeln an rücken und oberarm meinte beschmusen zu müssen. gegenüber manchem, das verhalten meiner persönlichen schmerzgrenze eindeutig überschreitendem verhalten, bin ich extrem gehemmt. ich schnauze gern im zug krawallierende kinderbanden an oder gehe fauchend auf leute los, die im supermarkt miese bemerkungen über genjis gewicht oder unseren altersunterschied äussern. trotzdem habe ich mehrere minuten stumm ein verhalten erduldet, das mich extrem anwiderte und für das eigentlich minimum eine ohrfeige fällig gewesen wäre. vielleicht fehlte mir der bezug zu einem geschmacklichen oder moralischen thema, irgendein inhaltliches eis, auf dem ich mich sicher genug gefühlt hätte, um entgegnen und reagieren zu können. so habe ich mich noch während der gesamten heimfahrt furchtbar geärgert, weil ich zu gehemmt war, diese peinlichkeit schleunigst aufzulösen oder zu beenden.

noch ein winziges wort ein eigener sache: das googeln nach weiteren blogromanen liefert nur die üblichen verdächtigen oder seit wochen verwaiste projekte - wer einen potenziellen kandidaten erspäht, würde mich zuhöchst vergnüglich stimmen, wenn er mir den link zukommen liesse. und weil es einen gewissen verklemmten juristen so geärgert hat: gern auch als anonymer hinweis.

17
Aug
2006

Fetisch Endzeitstimmung

an manchen tagen kotzt man sich selbst wahnsinnig an. gäbe es die möglichkeit, nach kurzem suchen des reißverschlusses mit einer eleganten bewegung aus sich selbst heraus zu schlüpfen, dann wäre heute abend ein ziemlich guter zeitpunkt. und zwar nicht nur, weil meine achtlos über einen stuhl geworfene hülle sich dann allein mit ihren kopfschmerzen herumärgern dürfte.

ich neige dazu, jede situation nicht nur bis zu ihrem eventuellen finale zu durchdenken, sondern ich bemerke an mir selbst die äusserst unangenehme eigeneschaft, das gesamte potenzial eines momentes auch mit vollem inventar zu durchleben und meinen sozialen tanzpartner gnadenlos durchs dickicht dieses parcours mitzuschleifen.

gestern nachmittag bemerke ich während eines harmlosen telefonats mit genji leichte verstimmungen, potenzierte diese (hochgradig bewusst, also leider nicht entschuldbar) sofort mit all den kleinen irritationen der letzten wochen und fand mich kurz darauf in schönster histrionischer dramastimmung wieder. plötzlich fühlte sich alles lauschig-vertraut nach feinster krise an und mein gehirn versorgte meinen mund zuverlässig mit dem notwendigen anklagend-beleidigenden inventar, um mein gegenüber vollends von der eskalation der situation zu überzeugen.

auch nach einem solchen telefonat hält meine psyche versiert das kurzfristig in die höhe geschossene erregungsniveau und stellt fleissig und ohne weiteres externes zutun möglichkeiten neben fakten. zwei zigaretten später fühlt sich alles so an, als hätten genji und ich uns gerade getrennt, die banalität des anlasses rückt zugunsten erster beziehungsendarbeit in den hintergrund. nach solchen aktivitäten räume ich abends daheim genjis hemden aus meinem kleiderschrank und stopfe die geburtstagsperlenkette in die flohmarktkiste.

und dann sitzt man einen tag später im zug, fährt an mannheims lieblichen waldungen und frankfurts dreck vorbei, ignoriert das herrische summen des handys, blättert gelangweilt in einem hochglanzblättchen und schaut sehnseufzig nach links, wo die wunderschöne lieblingskollegin liebesgrüße in die tastatur hackt und dabei ein selbstgekochtes wunschessen ausdealt. auf dem weg zum termin in der amsterdamer straße inhalliert man hastig so viel pappsüße flüssigkeit aus silberblauen dosen wie man kann, um während der besprechung so oft wie möglich wohlentschuldigt scheinpinkeln gehen zu können und aufs summende telefon zu starren. auf dem rückweg klappert man möglichst leise an die innerhöfische fensterfront, wirft einen blick auf einen obszön-japanischen dachgarten und betäubt den aufsteigenden kummer mit zwei blätterteigfischlein mehr, als der taille eigentlich zuzumuten ist. verdammt, es fühlt sich alles so echt an.

der beliebig kopierbare kuß unter der standard-beistands-sms klebt impertinent am absatz und lässt sich weder am bahnsteig noch mit einem stückchen wurfpost fortwischen.

30
Jul
2006

In eigener Sache

huch, habe ich mich vielleicht erschreckt! ina aus´m kommentarstrang nimmt an, ich sei eine der annie-get-your-gun-mädels, die mit lediglich einer rudiment-zuckerspitze weibchen-keit ausgestattet sind. au contraire!

ich bin im tiefsten inneren furchtbar häuslich, meine wohnung ist ein typisches nest einer endzwanzigerin, die in ermagelung eines kindes auch eine katze nehmen würde. wobei ich die bezeichnung nest nicht als verhuschte, in schwämmchentechnik gekotzte, mit künstlichen schafffellen, salzkristall-illumination und duftkerzen ausgestattete behausung missverstanden wissen möchte. mein nest spiegelt eher elster- denn täubchencharakter wider.

ja, ich habe schmuseröllchen auf dem sofa - sogar mit bömmelchen. ich leugne weder mein ochsenblutrotes schlafzimmer mit antikem messingbett, noch meinen magentafarbenen flur und meine überquellende tand-schüssel, in der vier dutzend broschen, kettchen und anderes geschmeide lagern. ich werde ganz huschig, wenn ich mein ringel-geschirr auf dem frühstückstisch sehe und fauchig, wenn jemand die teekanne unsicher aus dem regal grabbelt. ich mag alle animationsfilme von tim burton, das solo-album von beth gibbons und das extraflauschige kloppapier. zum fleisch-schneiden brauche ich eine gabel, um das zu zerschneidende auf dem teller zu fixieren - anfassen könnte ich das nämlich nie. (ja - essen geht...)

in der weihnachtszeit backe ich dosenweise gebäck mit ordentlich butter und zwar ausnahmslos nur rezepte aus dem kochbuch meiner oma. labberige vanillekipferl sind kein weihnachtsgebäck sondern nördlich der alpen einfach nur moderner blödsinn. mein besuch darf nach dem essen weder die teller in die küche tragen, noch selbige in die spülmaschine räumen - in meiner küche bin nämlich ich die königin. ich bin verliebt in das gefühl, das sich auf samtpfoten anschleicht, wenn genji sonntags im bett liegt, während ich eier benedict und pancakes liebevoll auf einem bett-tablett drapiere und den saft frisch presse. ausserdem bügele ich auch schonmal mütterlich ein hemd oder streue gedankenverloren salz auf einen fleck.

meine gesamte weiblichkeit konzentriert sich auf mein nest - sobald die wohnungstür hinter mir zufällt, klappern meine absätze energisches staccato und ich winke mir in einem geblümten sommerkleid selbst vom fenster aus zu.

27
Jul
2006

Pradaschweinchen reloaded!

piggy1

jaja - ich erwähnte es im oktober an anderer stelle schon einmal. trotzdem muss ich hier noch einmal in aller deutlichkeit auf die großartigkeit der lektüre von "this little piggy went to prada" von amy allen hinweisen. für alle mütter, die das rasieren der beine nicht einstellen und trotz brustwarzen wie parkmünzen noch neckholder-minikleidchen tragen. und selbstverständlich für alle potenziellen mütter, die bei "baby dior" in paris schon einmal (by the way; gleiches gilt für eine der protagonistinnen in den romanen lolita pilles) einen winzigkleinen gierigen schreikrampf bekommen haben.

enthalten sind (neben wirklich bezaubernden illustrationen) kurze, konsumorientierte reime, in abwandlung bekannter angelsächsischer kinderlieder. auf "row row" singt man seinem baby-diorten kinde beispielsweise:

front row for the show
with the harpers team
head to toe in moschino
mummy looks a dream

großartiges büchlein - ich kann es nur wärmstens empfehlen. und speziell für eine gewisse miez (melodei: there was an old woman):

there was a young woman who lived in her choos
though she once had a house in a smart chelsea mews
so much on jimmy
the house had to go
and with it, the husband and amex in tow

18
Jul
2006

Warum ich nicht blogge

nach der am gestrigen tage - wenn auch weniger ausgeprägt als erwartet - geführten diskussion über chiaras wenig schmeichelhafte erwähnung im spiegel, habe ich mir die frage gestellt, ob man das, was ich und schätzungsweise 95% der bloginhaber bei myblog, blogger, twoday und blog.de hier betreiben, ernsthaft bloggen nennen kann. ich bin da ja eher skeptisch. auch wenn das folgende wahrhaft binsensweise ist: nicht jeder der in seiner freizeit mal in die posaune tutet, ist musiker. nicht jede kölner hausfrau, die an einem freche-frauen-roman über eine voll-crzay-coole kölner hausfrau und ihre pseudi-humorig aufbereiteten alltagserlebnisse schreibt, ist schriftstellerin. und nicht jeder, der hier regelmässig seine ergüsse unter ein nur in den seltensten fällen vorhandes publikum wirft, ist ein blogger.

ich habe noch nie einen trackback gesetzt. den ausdruck blogroll musste ich googeln. keine ahnung, was ein ping oder dieser dämliche feed-reader sein sollen. ich habe noch nie einen blick auf technorati geworfen und es dauerte ein halbes jahr, bis ich in der lage war, ein bild hochzuladen und weitere 2 monate, bis ich es mit einer url hinterlegen konnte.

meine aktivitäten auf blog.de waren amüsanter zeitvertreib mit folgerichtigem ausgang und was ich hier schreibe, erfüllt primär immernoch den zweck des aufbewahrens, sammelns und archivierens. wie jeder tagebuchschreiber mag ich den gedanken, in zwei oder drei jahren zu wissen, was ich heute gedacht habe. mehr nicht. ich will weder aufklären, noch thematisieren - ich möchte schreiben. und zwar auf die für mich denkbar praktischste weise.

die schiere masse der blog-melangerie aus tagebuch, bekennerblog, tittenschau und freak-panoptikum holt, so paradox das auch klingen mag, die anonymität zurück. zu zeiten, als es wenige tausend deutschsprachige blogs gab, war die chance unerwünscht ertappt zu werden, bei weitem größer als in zeiten, in denen mein chef seinen neuesten eherbruch und meine beste freundin ihre salsa-rezepte "bloggt". wenn ich jetzt ein foto hochlade, auf dem ich mein meerschweinchen rektal mit einem cornichon befriedige, wird das höchstwahrschenlich keiner lesen. wäre ich im besitz des protokolls der heutigen hauptausschuss-sitzung und würde dieses hier hochladen - es würde keine sau kümmern. die schiere masse und flut der indiskretionen, intimitäten und geständnisse verschliesst die einzelinformation umgekehrt proportional zu ihrer formalen öffentlichkeit.

ich blogge nicht: ich erzähle. ich stelle texte vor und für mich selbst zur disposition. und ich ärgere mich furchtbar über das stetig wachsende heer der aufmerksamkeitsgeilen, sitemeterbewehrten, technorati-dürchwühlenden proto-neublogger, denen die gier, bei der nächsten opelaktion bitte-bitte auch mitmachen zu dürfen, honigglänzend in profilbild und tagliste steht.

schade: eigentlich macht mich die steigende zahl der blogs irgendwie zufrieden, da sie im kern dokumentiert, dass menschen, deren schriftliche tätigkeiten regulär auf das verfassen von postits und sms beschränkt sind, jetzt das bedürfnis haben, zu schreiben. scheissegal warum sie das tun - nur bitte nicht, um almost famous zu werden. jedes himbeerkreischende, smiley-gefüllte rappel-blog, jedes staublangweilige sachblog und jedes stadtblog ist mir lieber, als die blogs derjenigen, die mit unübersehbaren star-ambitionen ins rennen gehen. die schreiben, um ihre postinganzahl und damit ihre attraktorwirkung zu erhöhen. die jeden noch so blödsinnigen beitrag kommentieren, um gesehen zu werden und jeden gang zum kühlschrank publicityträchtig inszenieren, diese medienflittchen. erzählt mir was - dann höre ich gern zu.

17
Jul
2006

Endstation Luisenstraße

wenn man siebenundzwanzig ist, dann hat das leben nicht mehr viel zu bieten. man rollert nach der arbeit auf rad und heimweg zur apotheke, ersteht für ein halbes monatsgehalt vichy-produkte, ärgert sich, weil der fahrtwind den pony zerwühlt und man beim abrupten bremsen ein bisschen schienbeinhaut durch pedalberührung verliert.

oder man erlebt endlich etwas so bahnbrechendes und spektakuläres, dass man sich in der bemühung, möglichst gleichgültig und betont gelassen mit einem schicken das-passiert-mir-dauernd-gesichtsausdruck rollend aus der szene entfernt.

das muss man sich mal überlegen: ich bin 27 jahre alt geworden, ohne jemals auf wirklich vollkommen plötzliche und überraschende weise von einem mann angesprochen zu werden.

natürlich gibt es flüchtige feierlichkeiten-bekanntschaften. oder mal ein kennenlernen am kalten buffet oder einem lesesaal. aber es ist mir zum allerersten mal passiert (ich wiederhole: ein vierteljahrhundert plus 2!), dass mich auf der strasse jemand anhält und fragt, ob ich nicht lust auf ein beliebiges kaltgetränk im biergarten habe.

genauergesagt fragte der junge herr auf dem kleinjungenphantasie-entsprungenen motorrad erstmal nach der luisenstrasse. ich musste passen - strassennamen sind meine schwache seite. macht nichts, eigentlich würde er einfach nur gern etwas mit mir trinken gehen. ha! dabei war ich vom achtstündigen büroalltag nicht wirklich in bester optischer konstitution und bei genauerem körperkontakt vielleicht sogar verschwitzt. nach endlosem wühlen in zwei taschen schrieb er mir seine nummer auf ein tempotaschentuch (bezaubernd! ein mann, der eine packung taschentücher im rucksack hat. ich wette, in seinem bad gibts tampons in zwei verschiedenen größen...) und fuhr mit einer losen verabredung für den morgigen abend davon.

wenn ichs mir genauer überlege, hätte ich das mit der verabredung lieber sein lassen sollen. irgendwie macht das alles kaputt, weil das tagversüssende der begegnung sich schon morgen in das plagende moment des absagens verwandelt haben wird. und trotzdem fühlt es sich phantastisch an, weil es irgendwie sympathisch war. kein blödsinniges adoleszentes johlen aus einem auto mit schrotgurten. kein bierhauchiges kneipengespräch. sondern einfach nur das gefühl, dass jemand freundlich und kein bisschen verbalzt höflich um meine gesellschaft bittet.

und jetzt gönne ich mir zur feier des tages ein ausgiebiges cremen mit vichy-produkten und einen übervollen teller kirschmarmeladen-gefüllte miniatur-dampfnudeln mit vanillesoße.

16
Jul
2006

Different Sex and Different City

von den legenden, die einem gewissen seriellen four-letter-word entstammen, sollen ja angeblich immernoch einige kursieren. beispielsweise, dass frauen untereinander total offen und ungeniert über ihr sexleben sprechen. ob der umstand, dass ich dieses gerücht rundweg verneinen muss, darin begründet liegt, dass in meinem gesamten engeren freundinnenkreis nur eine einzige frau dem infantilen treiben am bildschirm folgt (und - nemesis kam und sparte nicht mit härte - folgerichtig anstelle eines kindes nur eine schielende katze hat), ist wohlfeile spekulation.

fest steht: ich kann nur grob erahnen, was um mich herum so sexuell passiert. beispielsweise, wie oft meine beiden besten freundinnen eigentlich so ungefähr geschlechtlichen vollzug haben. i. beispielsweise spricht recht zwar recht offen (gern auch auf grösseren beisammensitzungen und in anwesenheit ihres bemitleidenswerten freundes) darüber, dass seit beinahe 3 jahren rein gar nichts mehr passiert - die spannenden anschlussthemen werden aber dezent unter den tisch geschoben. hätte mich ja aber trotzdem mal interessiert, ob ihr freund abends im bett onaniert, wartet bis sie duschen geht oder im laufe der zeit jegliche sexualfunktion eingestellt hat.

freundin j. berichtet stets nur lakonisch, ihr partnerschaftlich verbundener mitbewohner wolle halt öfter als sie. mehr erfährt man auch dort nicht. betty boo erzählt zwar freizügig von ihren fremdgehereien, aber auch dort keine einzelheiten. ich fasse also noch einmal zusammen: ausser formalien bleiben mir fremde schlafzimmer verschlossen.

was war das leben doch früher einfach: alle fragen, die eventuell auftauchen konnten, klärten zuverlässige ratgeber in print und netz verlässlich-prompt und schon konnte der spaß losgehen. heute, nach mehreren jahren geschlechtlicher aktivität, ist irgendwie niemand mehr da, der drängende fragen diskret und zuverlässig klären könnte. in der sozialpsychologie spricht man von sozialer vergleichstheorie und meint damit: eine 3 in der sportprüfung ist eine feine sache, wenn alle anderen eine 5 und große scheisse, wenn sie eine 1 haben.

ich mags ja gar nicht sonderlich detailliert wissen - die groben linien würden mir ja reichen. blöderweise kann ich nur auf meine eigene, kleine stichprobe zurück greifen und erbärmliche längsschnitt-ergebnisse zerdeuteln. eher hinderlich, wenn die bisher längste liebevolle verbindung ein dreivierteljahr anhielt und man sich in der aktuellen liason gerade schwungvoll dem vierten jahr nähert. sind dann gewisse ausreisserwerte nicht eigentlich schon wieder ok...?

ich fordere ein doktor spätsommer-team für mich und alle gleichgesinnten. ich würde gern irgendwo nachfragen, ob ich nach dreieinhalb jahren endlich aufhören darf, die tampons im bad zu verstecken. ob man beim pinkeln die tür angelehnt lassen darf, um sich weiter zu unterhalten.ob man nach so langer zeit endlich mal im eng geschnürten korsett ins bett hüpfen darf, weil das lästige baucheinziehen dann praktischerweise entfällt? sieht der dildo, den man in der nachttischschublade hat, jetzt irgendwie nach sexueller reanimation aus, oder braucht sowas nicht ein gewisses vertrauen? ach, die ganze experimente: hätte man die nicht schon früher verastalten sollen, damit sie jetzt nicht wie aufgelesenes mehr-spass-im-bett-brigitte-wissen aussehen? wie oft sollte man minimum noch miteinander schlafen, damit koitusfreie tage nicht nach abfallender gesamtlust, sondern lediglich nach temporären phänomenen wie müdigkeit oder faulheit schmecken? nach wie vielen jahren verfällt (moralisch gesehen) ein kleiner fremdgeh-ausrutscher?
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