8
Apr
2008

*

der abnabelungsprozess von den eltern hat in meinem falle eine elementare stufe übersprungen: diejenige, in der man seine eltern einmal als um jedes erzeugersein bereinigte, quasi nackte menschen sieht. ich habe mich beispielsweise nie gefragt, ob ich meine mutter respektieren oder gar mögen würde, würde ich sie nicht als mutter, sondern etwa als kollegin kennenlernen. sicher ist mir schon lange bewusst, dass mein vater, dieser kleine drahtige alte fritz, die furchteinflössende autorität die er noch immer für mich darstellt aus seinem schieren vatersein und keinesfalls aus seinem ehrfurchtgebietenden wesen bezieht. ich habe beide oft genug mit den verschiedensten emotionalen optischen gerätschaften des kindes betrachtet, sie nächtelang in mikroskopische einzelheiten und fernglasferne gesamtheiten zerlegt und erhöht und seziert - ein nichtauflösbarer rest blieb immer.

bis vor kurzem konnte ich auch nur darüber mutmaßen wie es sich anfühlt, etwas über seine eltern zu erfahren, dass es fürderhin unmöglicht macht, sich jemals wieder mit ihnen als eltern im eigentlichen , als instanz etwas guten und richtigen auseinanderzusetzen.

die familien meiner beiden patentanten wurden in den späten siebziger jahren bei einem fluchtversuch an der innerdeutschen grenze gefasst und mit ihren familien zu mehreren jahren haft verurteilt. aufgrund der engen verbindung und freundschaft, die zwischen meinen eltern und beiden familien bestand, folgten unmittelbare konsequenzen für meine familie: die patenfamilien betrachteten meine eltern bis weit nach der wende als verräter, als undichte stellen, die den fluchtversuch scheitern liessen. das regime hingegen nahm meine eltern als enge vertraute von republikflüchtlingen gleichermaßen ins visier und stufte sie als potenzielle aufrührer ein.

besonders meinen vater traf das misstrauen der patenfamilien unglaublich hart, der verdacht lastete bis zur akteneinsicht schwer auf ihm und ich weiss noch wie heute, wie er an jenem tag mit einem stapel trophäenartig vor sich hergetragener kopien, die ein feuerroter bstu-stempel zierte, den gartenweg hinaufkam. die präsentation dieses stapels papier (der erwartungsgemäß nichts als belanglosigkeiten enthielt) während einem der nächsten besuche der patenfamilien verlief hingegen keinesfalls so, wie er es erwartet hatte. als minderschwerer fall hatte mein vater natürlich erst viel später als die bei der flucht gefassten familien akteneinsicht bekommen, längst war geklärt, wer beide familien damals verraten hatte. bei diesem, in form und inhalt hochnotpeinlichen treffen kam es keineswegs zu einer wirklich tiefen versöhnung oder entschuldigung, vielmehr beschlich mich das gefühl, mein vater sei zutiefst enttäuscht, dass sich der durch die gescheiterte fluch und die inhaftierung entstandene graben nicht schliessen lasse. die patenfamilien waren nicht bereit, meinen vater als opfer des regimes zu akzeptieren oder sich gar für den verdacht zu entschuldigen. bespitzelungen über den gartenzaun, lachhafte wohnungsskizzen oder jahrelange überwachungen von telefongesprächen und briefen wogen keinen tag haft und trennung von mann und kindern auf. es gab keine entschuldigung, kein näherrücken - vielmehr verstärkte sich die kluft, das erfahrungsgefälle und das unausgesprochene gefühl eines zwecklosen ringens um die schaffung einer gemeinsamen verständnisbasis.

das heutige verhältnis ist ein oberflächlich entspanntes: gemeinsame kurzurlaube, gegenseitige besuche, der von beiden seiten ernsthaft betriebene versuch an etwas anzuknüpfen, dass am tag der missglückten flucht unwiderruflich zuende war. das thema inhaftierung ist auf eine merkwürdige weise präsent, insbesondere die trennung von den kindern, die während der zeit der elterlichen haft in heimen und bei pflegefamilien untergebracht waren.

kurzer exkurs:
eine meiner patentanten waren einen großteil ihrer haft in hoheneck untergebracht. wer sich die mühe macht, und auch nur den kurzen starttext liest, der wird mit einem gefühl heftigen kotzdranges belohnt - hoheneck war vor einigen jahren gegenstand schlimmster pr, da geschmacksresistente investoren aus dem für seine grausamen haftbedingungen berüchtigten gefängnis für politisch inhaftierte frauen eine art erlebnishotel machen wollten, zitat: " Und gerade diese Verbindung macht Hoheneck so interessant, das gibt es kein zweites Mal, dies eröffnet Möglichkeiten, die kein anderer hat!".

meine patentante spricht seit langem davon, dass sie sich mit dem gedanken trägt, hoheneck noch einmal mit ihren kindern, meiner mutter und mir zu besuchen. dass die führungen von der oben erwähnten firma organisiert wurden und die auf der website präsentierten presseberichte durch einen aufgegeilten geisterbahnton geprägt waren, sprach meine mutter im vorfeld behutsam an - wir fuhren trotzdem. was während dieser führung passierte, in welchem sensationsprallen, saftigen ton dieser ort im wortsinn zur schau gestellt wurde, entzieht sich jeglicher schilderbarkeit und war zutiefst verabscheuungswürdig und widerlich.

ich habe mich gewundert wie stoisch, beinahe paralysiert meine patentante neben uns stand, als man beispielsweise während der führung eine abteilung in der sie zwei jahre lang arbeitete präsentierte. dort wurde alte arbeitskleidung zerschnitten und zu was-auch-immer verarbeitet: "lumpenabteilung" wurde das genannt, süffisierte die führende kraft und liess bewusst offen, ob sich dies auf die hier arbeitenden oder das material bezog. wäre meine patin nicht dabei gewesen, hätte ich den mitarbeiter gern auf die geschmacklosigkeit seiner äusserungen hingewiesen und mich auf dem absatz umgedreht. so stand ich als tochter meines vaters, der aufgrund eines lächerlichen haufens akten seine unschuld beweisen und rehabilitation herbeiführen wollte daneben und habe mich zutiefst geschämt.

diese scham schlug in bodenlose wut auf meinen vater, der sich noch heute gern als, wenn auch kleines, unbedeutendes opfer der ddr stilisiert um, als meine patin auf dem heimweg sehr sachlich und sehr ruhig erzählte, mein vater hätte sie, ihren mann und ihre kinder während der beinahe fünfjährigen haft kein einziges mal besucht. an diesem nachmittag habe ich alles gelernt, was man über das gefühl angesichts unterbliebener zivilcourage wissen kann.

irgendwann erfährt man etwas über seine eltern, das diese um einen aspekt erweitert, der für einen kurzen augenblick jeglichen respekt und jegliche achtung vor ihnen abfallen lässt. dann sieht man seine eltern sehr klar und deutlich vor sich: den bstu-aktenstapel, das charakterschwache tuscheln über die furchtbaren geschehnisse in einem staat, das erschreckend unpolitische einer sich selbst als ehemals zutiefst staatsfeindlich empfindenden existenz (die im kern nur eine von tausenden unzufriedenen kleinen maulern war) einen verblendeten älterwerdenden mann, der zu feige war, seine engsten freunde während der haft zu besuchen. meine enttäuschung hätte nicht größer sein können, hätte ich erfahren dass mein vater ein kleiner zuträger war, der nachts mit spitzem bleistift kantinengespräche zu papier brachte. er hatte keine überzeugung - zumindest keine, für die er das äusserst geringe wagnis einzugehen bereit gewesen wäre, seine freunde zu besuchen. und er verdient sein bstu-feigenblättchen nicht, diese rechtfertigung, diese nachträgliche legitimation seines zutiefst unwürdigen verhaltens.

29
Dez
2007

Der liebe Gott

wenn ich bei meinen eltern bin muss ich, um die nach meinem wegzug etablierte zimmerverteilung nicht zu stören, immer im letzten noch nahezu vollständig instandgehaltenen kinderzimmer nächtigen - was reichlich gelegenheit zur inspektion meiner früheren kinderbücher gibt. ich bin immer wieder erstaunt, wie genau ich insbesondere deren illustrationen noch kenne und während es aus den unteren schlafzimmern krakeelt, ich möge doch das rauchen im dachgeschoss einstellen (oh heiliger sankt florian....) freue ich mich abwechselnd über ein drastisches bild aus einer illustrierten ausgabe des kalten herzens oder eine weichgezeichnete bebilderung meines damaligen lieblingsmärchens (falada, da du hangest.....). am letzten sonntag fiel mir beim stöbern meine kinderbibel in die hände, eine reichlich zerfledderte ddr-ausgabe die pathetischerweise "schild des glaubens" heisst und die ich auch wegen ihrer illustrationen unglaublich geliebt habe. das lag sicherlich nicht daran, dass ich so ein frommes kind war, vielmehr mochte ich die geschichten, die von seiten meines vaters durch eine reichliche portion dramaturgischer beigaben während des vorlesens angereichert wurden und die für mich völlig gleichberechtigt neben "jorinde und joringel" und dem tapferen zinnsoldaten angesiedelt waren.

während der weihnachtstage an denen ich daheim bin, kumuliert die gesamte religiöse erziehung meines vaters in einer merkwürdigen melange aus christenlehre und frühkindlicher bibelerziehung und nie ist mir so bewusst geworden dass mein vater einen glauben von der tiefe eines achtjährigen kindes in sich bewegt, wie in diesem jahr. der ehemalige orgelspieler quält die gesamte familie seit jahr und tag speziell mit dem bachschen weihnachtsoratorium - "bereite dich zion" dröhnt mir bei betreten des hauses regelmässig am abend des 23ten in ohrenbetäubender lautstärke entgegen, was bedeutet, dass der religiöse wahn, der bis pfingsten anhalten wird, langsam seinem vorläufigen höhepunkt entgegenstrebt. die lust und inbrunst, mit der unsere familie mit beginn der adventszeit endlich auch einmal das komplette inventar der inszenierung des religiösen pflegen darf, belegt wieder einmal die alte these von den protestanten, die neidisch auf den prunk und die staffage der katholiken schielen.

ich gönne meinen eltern und speziell meinem vater diese unschuldige kleine freude von ganzem herzen - tragisch ist nur das zutagetreten der basis seiner religiosität. im kern glaubt mein vater an den sprichwörtlichen lieben gott seiner kindheit, angereichert mit deutlichen zeus-anleihen. gott heisst für meinen vater: blitzeschleudern, cherubin und brennender dornenbusch. es gibt keine reflektierte ebene, sondern lediglich einen ängstlich-märchenhaften kinderglauben, der aus dampfendem opferlammblut, beschaulichen tierpärchen die die arche noah besteigen und erkenntnisäpfeln zusammen gesetzt ist.

gespannte verhältnisse zwischen töchtern und vätern sind sicherlich mehr als gewöhnlich. dass aber der zumeist einzige moment des jahres, in dem ich so etwas wie emotionale verbundenheit zwischen uns beiden bemerke ausgerechnet während des gottesdienstes am 24.12. vonstatten geht, sichert uns beiden einen gewissen exotenstatus. wenn wir um kurz nach halb sechs dort sitzen, wo die manierlichs seit nunmehr drei generationen sitzen (seit der besucherschwemme die 1989 einsetzte, sind gute kirchenplätze eine frage des timings und meistens muss ich bereits die vorangehende kindermesse besuchen, um den einen und einzigen platz für die gesamte familie in bester zonen-manier zu "besetzen"), steht meinem vater bereits die vorfreude im gesicht geschrieben, weil chor und orgel bald unser beider lieblingslied anstimmen. insbesondere die von der gemeinde mitgesungenen zeilen "gottes sohn ist mensch geborn´n, hat versöhnt des vaters zorn" sind umfassend nach dem religiösen geschmack meines vaters und bereits mit beginn des ersten teils (der in der sächsischen provinz von dialektfreien mitgliedern der kurrende mit deutschem text gesungen wird) nimmt mein vater meine hand um während der phase des gemeindlichen mitsingens die schmissigen paukenschläge, die wir beide so gern mögen, quasi per sanftem druck an mich weiterzugeben.

das ganze ist angesichts unseres regulären emotionalen verhältnisses so komplett unglaublich und ein so unfassbarer moment der intimität, dass ich jedes jahr denke, ich hätte mir die erinnerungen der letzten jahre lediglich eingebildet. bereits wenige tage nach dem letzten quempas kommt mir die szenerie meines, ob der vielen nichtkirchengeldzahler in seiner kircher strafende blicke versenkenden vaters, der meine hand nimmt, durch und durch abwegig vor. die gleiche person, die mir gegenüber während des restlichen jahres eine mischung aus emotionaler unbeholfenheit und passivem misstrauen hegt, fasst mich freiwillig und für runde dreieinhalb minuten in momenten des höheren musikalischen genusses an - unfassbar. wir sprechen nie darüber, warum während des quempas das unglaubliche vonstatten geht.

28
Okt
2007

schlafzimmeriges

es ist ja herbst, da spricht man wieder gern darüber. nämlich darüber, wie man sich´s hübsch macht daheim und gemütlich und möglichst nestig. das zentrum dieses nestes wandert während des jahres einmal quer durch die ganze wohnung und im herbst, da lebt man quasi nur im schlafzimmer und spricht folgerichtig auch darüber, wie es denn beschaffen sein sollte (niemals und unter keinen umständen aber darüber, was darin geschieht).

als ich noch eine einzimmerwohnung hatte, träumte ich immer davon einmal einen raum zu haben, in dem nichts als ein bett stehen würde. ein bett, ein bänkchen am ende des fusses und ein dicker strauß gladiolen oder lilien. es kommt natürlich anders, denn man bemöbelt im laufe der zeit und angesichts der knappheit der wohnfläche ja doch wieder alles. und so wurde aus dem zimmer für ein bett ein zimmer für alles, was ins arbeits-und fernsehzimmer nicht mehr reinpasste, in der küche blöd aussehen würde und im bad nichts zu suchen hat. quellen die bücherregale im zweiten zimmer über: mach nix, flugs drei weitere regale im schlafzimmer deponiert und neben den zweiten kleiderschrank geschoben. gästedecke, kissen, reisetasche und ein dutzend lieblingsschuhe dazu, später gesellt sich der fernseher ins eck und die prächtige aber vollkommen überdimensionierte bodenvase findet auch noch einen platz. raum für das malerische bänkchen am fuße des bettes bleibt dann natürlich keiner mehr.

unbegreiflich ist mir, wie man sein bett weiss beziehen kann. unbegreiflich und: zuhöchst empörend. es gibt ja leute, die können sogar einen weisse wintermantel tragen, der nicht nach zwei wochen wie ein eisbärfell aussieht. entrückte wesen, die ihr in euren betten keinen sex habt und nie mit einem rest makeup ins bett huscht, die ihr nie im bett frühstückt oder raucht: weisse bettwäsche finde ich nur in fremden schlafzimmern, in denen ich nicht schlafen muss großartig. bei mir sähe das aber nach wenigen tagen eklig aus, also wird farbig bezogen (und zwar am allerliebsten mit bezaubernden stücken von hier. leider sprengt bettwäsche regelmässig die zulässige maximalgewichtsklasse des gepäcks auf dem rückflug). zusammen mit dem sammelsurium, das aus dem vollmöbeln resultiert, ergibt sich mit den himbeerfarbigen wänden so immer die gepflegte anmutung des interieurs eines auf der landstraße dahinschaukelnden wagens einer wahrsagerin.

was im madame-mim-schlafzimmer ansonsten gut geht: verteilte häufchen, bestehend aus schmuck, haarbändern, schals und sonstigem gehänge. ein leerer aschenbecher und eine notschachtel zigaretten. eine große obstschale. schnittblumen und der schnickschnackige tand, der zu intim ist, um ihn im zweiten zimmer auszustellen. eingetopfte orchideen und eine schmusige nachttischlampe.

was in keinem schlafzimmer geht: lichterketten. fotos des personenkreises, den man gern "meine lieben" nennt. kerzen jeder art. softpornomusik und duftwaren wie verstaubte, bunt gefärbte blätter, die penetrant nach vanille riechen. kuscheltiere auf dem bett.

5
Okt
2007

Mit dem Kopf von heute

ach verdammt, ich würde jetzt gern an den ort verlinken, an dem ich diese oder eine zumindest sehr ähnliche formulierung vor bereits einiger zeit gelesen habe. leider kann ich mich partout nicht erinnern und trotzdem sprang es mich gerade an, wie das wäre, die dinge von damals mit dem kopf von heute noch einmal zu erleben.

nicht, um sie zu verändern. sondern vielmehr um klarheit darüber zu erlangen, welchen anteil an den erinnerungen, die vivide noch immer in aller klarheit existieren, der kopf von damals hat und wieviel bedeutung das eigentliche geschehen wohl einnimmt. mit musik funktioniert das übrigens ganz ausgezeichnet: der kopf von heute hört die hymnen von früher, greift zielgenau in die affektive bibliothek abteilung spätadoleszenz und hält pathetische ergriffenheit in den ratlosen händen. ach guckan, nine inch nails fand ich wirklich mal richtig gut und dabei verstauben die entsprechenden tonträger seit jahren ganz unten in einer kiste voll ähnlich erlesen-schauriger musik. ganz klarer punktsieg für den kopf: nin funktionierte wirklich nur in einer äusserst schmalen biographischen nische.

ob mir und dem kopf von heute wohl auffallen würde, wie unglaublich dämlich der deflorateur in seinen (ich wage es kaum zu sagen) karottig geschnittenen jeans aussah, als wir an der scheisskalten nordsee herum hockten und unausgesprochen darauf warteten, dass es endlich abend genug sein würde um ausreichend romantische stimmung für einen koitus produzieren zu können? bereits beim flüchtigen erinnern wird mir angesichts dieser eigentlich längst vergangenen situation beinahe übel vor lauter peinlichkeit - war das wirklich peinlich? oder ist der kopf von heute nur nicht in der lage, die erinnerungen des elf jahre jüngeren kopfes exakt zu integrieren, d.h. um das früher zu bereinigen und als tatsächliche situation wiederzugeben?

genau das würde ich nämlich wirklich gern tun: das gesammelte inventar energisch aus dem kopf schütteln und die erinnerungen verheutigen: die ganzen losen knöpfe annähen, klemmende (schlimmer noch: verklemmende) reißverschlüsse geschmeidig machen, das ausgerissene futter wieder zusammenführen und den saum schliessen. denn genau so fühlen sich die erinnerungen von damals häufig an: als wären sie irgendwie kaputt und nicht ganz in dem zustand, in dem sie wären hätte sie der kopf von heute gemacht. zwischen dem kopf von heute und den dingen von damals liegt bedauerlicherweise kein kontinuum, weil das ich sich so hartnäckig saltatorisch fortbewegt. es überschreibt sich fortwährend selbst, beinahe so wie die zaubertafel, die ich einmal hatte und unangenehmerweise finde ich in der erinnerung keine spur vom früheren kopf, die ich nicht kompliziert ableiten müsste.

hätte der kopf von heute eine ebenfalls hochgradig schamvolle erinnerung an einen abend in göttingen im herbst mit den gleichen markern versehen, wie das zwanzigjährige pendant? wohl kaum, aber: warum speichert der heutige kopf die erinnerung von damals auch nach mehrmaligem wiederaufrufen trotzdem ungerührt noch mit den gleichen parametern ab? wo ist die altersmilde angesichts des eigenen verhaltens, die sich wohltuend auf die eigenen erinnerungen legt, wenn man sie mal braucht?

1
Okt
2007

Sollbruchstelle

als folge des morgendlichen streits (inklusive bockig-schweigsamem landschulheimzähneputzen und bösartigem sich gegenseitig zahnpastaschaum ins waschbecken spucken) heute abend erstes wundenlecken bei ausgiebigem aufräumen und bilderumhängen im schlafzimmer. dabei den dschinn im goldenen kleidchen zu erbost aufs bett geworfen, so dass glas zu bruch ging und ich mich endlich über mich selbst ärgern konnte.

dschinn

(dass gold, die diva, sich aber auch so verdammt ungern fotografieren lassen will)

19
Sep
2007

Was passiert

es ist hier gerade etwas still, weil draussen so viel passiert. und seit gestern nachmittag rast in mir alles noch viel mehr, ich rauche eine zigarette nach der anderen und spüle die dann noch verbleibende aufregung mit kaffee herunter. wenn mich der stern der glücksschweingöttin ordentlich bestrahlt, dann tut sich nämlich gerade ein schleichweg aus der kulturhölle auf. aus diesem verdammten projektchen- und aktiönchenzyklus. dann kann ich aufhören, an letztminütig verlängerte jahresverträge und in projektförderzeiträumen zu denken. und das fühlt sich auch aus der zeitlichen und räumlichen entfernung heraus schon so gut an, dass es zum heulen ist.

da weitet sich gerade etwas und irgendwo ganz tief drinnen kippen mauern zusammen, faltet sich der himmel und glitzert wieder etwas am grund der frühverwitterten, frustrationsmarmormierten erwerbsbiographie.

man redet sich bestimmte zustände gern schön, wenn die tapas im barlicht glänzen und die anderen von zu früh zu unausweichlich vorgezeichneten berufswegen sprechen, von der kollegin mit der man die nächsten 30, 40 jahre in einer dürftigen notgemeinschaft arbeiten muss. dann spiesst man ein stück marinierte feige auf und schwadroniert über die freuden der stetig wechselnden projekte, nickt mitleidig über ein leben, das bereits vor dem dreissigsten lebensjahr durch die überstürzte studienplatzwahl einer aufgedrehten abiturientin nun in betonsockel gegossen vor einem steht. warum wollte ich noch einmal werden, was ich jetzt nicht sein will....?

wenn ich die augen jetzt ganz fest schliesse, die dicken samtvothänge vor das draussen hänge und vorsichtig den ersten fußabdrücken im gras folge, die seit gestern abend ins dickicht führen, dann fühlt sich die eventuell anstehende, vielleicht letzte berufliche entscheidung gut, richtig und vor allem dringend notwendig an. mehr als alles andere will ich einmal eine münze über mein leben werfen, die ich danach nicht wieder in die hand nehmen muss. das ist eine pathetische und beinahe romantische sicht, aber verdammt: bitte keine unentschlossenheit mehr, die sich als sexy flexible freiheit tarnt.

ich will ein poliertes namensschild und ein postfach. ich will honigfarbene parkettseen in der wohnung und wenn ich abends in mein scheppernd aufseufzendes messingbett falle, dann wäre ich gern müde von arbeit und nicht von einem weiteren projektchen.

die letzten jahre haben ich mich manchmal gefühlt, wie eine animateurin in einem hotel auf fuerteventura, der man immer wieder suggeriert, wie toll es doch sein müsse zu arbeiten, wo andere urlaub machen. man sitzt den ganzen tag zwischen sonnenverbrannten bäuchen, wässrigen cocktails und lastminute-schnäppchen mit meerblick und versucht, sich als sprungfeder in dieser im-urlaub-muss-man-sich-auch-mal-was-gönnen-stimmung irgendwie am leben zu halten. mit der zeit verschwimmt die grenze zwischen eigener arbeit und fremden urlaubsfreuden und irgendwann treibt man vollkommen ziellos in dieser disneylandtätigkeit und weiss gar nicht mehr, ob man hier gerade am urlaub anderer leute arbeitet oder während der arbeit lauter kleine fremde kurzurlaube einlegt. man reibt sich auf und lässt sich von dieser spaßbudenathosphäre einsaugen. man stösst wie eine qualle oder ein pilz sporenschwaden aus projektvorschlägen und ideenwölkchen ab und für den kurzen kaffee und das fettige croissant zwischendurch ist auch immer zeit.

jetzt drücke ich mir vollkommen aufgekratzt selbst die daumen und schreibe abends still und heimlich an meinem vielleicht letzten projektvorschlag. das fühlt sich geheimnisvoll und beinahe konspirativ an: abends sammele ich rotgebrannte backsteine für feste mauern und verlege ein komplettes leitungssystem um ein leben, das im moment noch in einem hochflexiblen kleinen wohnei aus gebürstetem aluminium besteht, dessen abwasser jeden tag in eine andere wiese sickert. und vielleicht rollt mein wohnwägelchen demnächst in den carport eines schmucken einfamilienhauses, von dessen mansarde aus ich dann gelassen den karawanen der flexiblen endzwanziger nachwinke, die gerade auf dem weg zum nächsten großen ding sind.

17
Jul
2007

Lindsay Lohans Schlüpfer

das tragisch-komische an einer idee erkennt man immer erst, wenn zweit-und drittverwerter einer idee den eingekochten geistigen sugo, die maximale intellektuelle reduktion auf nudeln vom vortag kippen. wenn die hippe ausleuchtung, die grobkörnige schwarzweiss-ästhetik, der nächtelang von diversen gefiederten ärschen ausgebrütete name, der glanz der beteiligten abfallen und die eigentlich idee gerupft und kümmerlich mit einem stengel krauser petersilie im maul vor einem hockt.

während andernorts noch über den großen blogausverkauf debattiert wird, ist man auf meiner liebsten, von-dir-und-euch-kreierten blogplattform schon einen schritt weiter und überholt im besten sinne ohne einzuholen. denn wo ad*cal ein blognetzwerk sein mag, stampft der aus funk und fernsehen bekannte jafeth direkt ein TOPblognetzwerk aus dem boden und nennt es kicherigerweise blogsnetwork, weil das fast so schön englisch klingt wie der schwachsinn der manchmal auf badehosen oder shirts von newyorker steht. dazu reicht man eine gehörige schöpfkelle transparenz, die dinge offenlegt, die man ebenso wenig sehen oder wissen möchte wie den nichtvorhandenen schlüpfer von lohans lindsay, die ihren schritt bestimmt auch nur transparenter gestalten wollte. damit nimmt der ausverkaufsekel eine neue qualität an: man sieht lediglich, was man nicht sieht - egal ob das die stoppelige scham einer jungen dame als negativ eines entbehrten slips oder das neueste machwerk eines aufstrebenden geschäftsmannes aus weissnichwo ist.

eigentlich müsste man sich bei sätzen wie diesem heulend, röchelnd und giggelnd am boden wälzen:wäre das alles eine sarkastisches spässchen, eine persiflage auf die vermarktungs-auxiliatoren, es wäre großartig. der beitrag zum start des blogsnetworks bedient sich rhetorisch gewagt ein wenig bei der feuerzangenbowle und fragt naiv: was ist eigentlich paidblogging? die 1:1 übernommene antwort lautet: "Paid Blogging ist wenn Blogger Geld bekommen, wenn sie eine (eben bezahlte) Rezension über eine Firma oder Produkt schreiben."

danach folgt ein bisschen wanziges eierschlecken bei trigami, viele lustige versprecherlis sowie syntaktische schluckaufereien, ein wirrer vergleich mit paypal und dann mündet alles in einem ebenfalls direkt übernommenen satz, angesichts dessen man konkurrenz-hahnenkammrot werden möchte: "Remo Uherek ist der Co-Founder von Trigami und ich kann nur gut über ihm schreiben und empfehlen, hier sein Blog (...) Trotzdem wäre lächerlich mich als Konkurrent von TRIGAMI zu sehen, im Gegenteil, ich hoffe irgendwann auf eine eventuelle tiefere Zusammenarbeit." schlägt man die patina der arbeit eines texters von den analogen, laut trommelnden zeilen der mutter aller verticknetzwerke, dann steht der trabant dem original in puncto hochfliegender träume und großformatiger ankündigungen kaum in etwas nach.

damit das blogsnetwork ordentlich an fahrt gewinnt und direkt professioneller wirkt, gibts einen header, in dem eine kunden- und referenzliste, antworten auf die wichtigsten fragen potenzieller kunden gibt (frage: was ist ein blog? antwort: blogs sind vergleichbar mit digitalen fachzeitschriften) und sogar ein pressebereich mit weiteren sympathischen offenherzigen informationen lockt. für eine "rezension" auf den premium-pferden im stall (ein "gerechtigkeitsblog" das sich den themen benefiz und armut widmet und das legendäre satireblog "angels magazine") ist man mit fünfzig euro dabei, das stiefkind "computerberaterblog" dümpelt bei einem startpreis von 25 euro, was aber kein grund zur traurigkeit ist, da alle drei blogs praktischerweise dem initiator des network gehören.

ein wenig seltsamer mutet da schon der telekom-magentafarbige button an, der dem geneigten betrachter entgegenkreischt: "ich will eine rezension über meine firma auf diesem blog". hä? eine rezension? was darf ich mir denn darunter vorstellen, wenn amtliche abschlussballköniginnen aus der toptenliste von blog.de etwas "rezensieren"? und warum wird eigentlich ein "ich" in einen blökend-auffordernden anbiedersatz gestopft? reicht die grammatik beim blogsnetwork nicht mehr für die formulierung einer zärtlich umwerbenden frage oder war man sich nicht sicher, ob man die werten kunden in spe siezen oder duzen soll?

genug des spekulierens, die erste rezension über irgendeine familienklitsche ist schon da und übertrifft praktisch alle erwartungen. jafeths markenzeichen, die unverhohlene freude am eigenen bild, erlaubt es günstigerweise, diese rezension ganz im stil des meisters zu verfassen: ein echter jafeth, voller grammatik- und sonstiger fehler eben. um es mal mit modifizierten rilkeverslein zu sagen: wer jetzt nicht kotzt, kotzt nimmermehr....

in den kommentaren wirds nochmal richtig witzig: jemand erwähnt, dass es da ja noch ganz viele andere tolle stammbaumproduzierende communities gäbe und nennt auch gleich eine. und jafeth wäre nicht jafeth, hätte er nicht direkt eine antwort parat:

jafeth

was bleibt ist (abseits des umstandes, dass drei viertel aller zum blogsnetwork gehörenden blogs ulkigerweise von einer einzigen person vollgeschrieben werden) ein fahles gefühl und eine plötzlich sehr konkrete vorahnung von dem, was gerade passiert. was bei ad*cal durch zumindest teilweise nicht zwingend unsympathische protagonisten und zumindest in teilen großartige blogs eingeläutet wird, zeigt beim blogsnetwork ganz unverhohlen und ungeschminkt seine peinliche und ungeschminkte fratze.

27
Jun
2007

Ein Fall für Walter B.

ist eigentlich schon einmal jemandem aufgefallen, dass die einzigen weiblichen wesen an denen eine louis vuitton-tasche (besonders die grausamen mit murakami-muster, und damit ist kein literart gemeint) wirklich echt aussehen frauen mit topshop-tüten und spritebüchsen in den händen sind? blutjunge russische alleinerbinnen aus schrott- oder waffenhändlerdynastien mit moskauer stadtwohnung mögen die notwendige monetäre ausstattung haben, um das original zu tragen: der hauch des echten umweht ihre ramona bags ja doch nie.

ich bilde mir ja ein, ein recht geübtes auge (sehr hübsch beschrieben am beispiel von zolas nana oder prousts albertine: beide kennen und erkennen aus gründen der sehnsucht und des nicht-besitzens) im umgang mit nicht ganz lupenreiner designerware zu haben. ich weiss nicht, ob in allen fabriken von chloé, balenciaga und prada jeden morgen vor der auslieferung der preziosen eine horde wichtel durch die fabrik getrieben wird und ihren magischen staub auf die ware pusten: aber irgendwas ist einfach anders mit dem echt aussehenden original und dem originalen original (hier würde man gern rufen: herr bejamin, bitte übernehmen sie!) und das ist eine frage der aura.

und wenn jemand diese spezielle aura hat, die vonnöten ist um eine hinterhof-musebag zu saint-laurentinischem leben zu erwecken und ihr den maximalen anschein des originalen zu geben, dann sind das junge mädchen mit heruntergelatschten flipflops, grauen babydolls und einem haarschnitt wie vom cover eines final fantasy-produkts so jung dass man mit ihnen ebenso wie herr noteboom es beschreibt über die ewigkeit sprechen kann und somit auch ohne sich lächerlich zu machen swarovski-anhängerchen an einem handy haben dürfen. so jung dass die söckchen über ballerinas mit schlechtem popart-druck noch in grellem türkis oder gelb sein dürfen, ohne in business vogue, teen vogue oder vogue vogue erwähnt zu sein.

denn genau das braucht ein nachgemachtes designerteilchen, ein schlecht ausgerichtets dior-zeichen, dessen rapport von einer gichtigen hand in einer türkischen wohnküche aufgeprägt wurde: den keinesfalls dezenten charme der strassen-haute couture. es braucht neonfarbene nylonsöckchen, einen türkis gefärbten pony und löwenspringreifengroße creolen. gern auch alles gleichzeitig.

viele frauen meinen (sehr zu meinem unmute), ein kaschmirpullover und eine gerade geschnittene anzughose von sanders jil würden die passende rahmung ergeben, genug glaubwürdigkeit aufbauen, um eine lässig über dem handgelenk baumelnde paddington bag aus taiwan echt wirken zu lassen. was ist das überhaupt für ein blödsinn, seine handtasche am rechwinklig vorschnellenden unterarm zu balancieren? ich will ja nicht behaupten, dass es nicht ein, zwei kelly bags oder le dix-taschen gibt, die an solchen ärmchen baumeln und echt sind. aber sie sehen falsch aus. sie sind vielleicht für diese käuferuppe gemacht - erdacht wurden sie für andere.

erinnert sich noch jemand an die marc jacobs-ankleboots aus blaugrünem karostoff, mit der gigantischen clownshalsschleife, die ein wenig so aussah, als würde sie gleich den ganzen fuß verschlingen? ich habe genau ein einziges mal eine (überraschung) koreanerin in oberbekleidung, für deren gegenwert ich mir nicht einmal einen halben nagellack kaufen könnte gesehen, die diese kleinen monstrositäten am bein hatte und einfach hinreissend vollständig aussah.

die durchsichtigen chaneltaschen dieser saison, die silbernen schachbrettdinger von miu miu und sogar die gerafften quietschfarbentaschen von prada schreien nach abgestossenem modeschmuck, herausgewachsenen weissblonden strähnchen, ja sogar nach dem schluderigen klappergeräusch von flipflops und zähflüssigem lipgloss mit kirschgeschmack von der tankstelle.

wäre ich designerin, würde ich meine hochpreisige ware auf die strasse anstatt auf den roten teppich der premierenfeiern schicken. ich würde die prinzessinen des neonlichts einer u-bahnstation im ornat aus silberfarbenen leggins und verwaschenen wornby-shirts mit meinen prohibitiv teuren entwürfen ausstatten. meine babys aus kalbsleder sollten über schultern hängen, die sich fröstelnd auf dem rücksitz eins taxis zusammenziehen, während der dazugehörige körper fettiges fastfood verdaut und mit einem mann ohne namen knutscht. ich würde einen zitronengelben lackmantel schaffen, der bei tragischen abgängen und nach dem verlassenwerden den körperumriss in der dämmerung verschluckt und ein nasenblutrotes futter hat, das durch große und kleine risse schimmert. ich würde die blassen, die platinfarben gesträhnten und die unerreichbaren königinnen der adoleszenz, die vor dem kiffen und nach dem geschlechtsverkehr auf verrottenden kinderspielplätzen ihren körper in reifenschaukeln wiegen, in hauchzarte kaschmirnichtse von strenesse kleiden und die vergilbten frettchen aus düsseldorf an ihren androgynen hosenanzügen verrecken lassen.
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steppenhund - 13. Apr, 23:40
lieber weltenweiser, wie...
lieber weltenweiser, wie ich arboretum schon antwortete:...
Miss Manierlich - 10. Apr, 13:33
Ein wirklich gelungener...
Ein wirklich gelungener Text. Schön, dass Du die...
Weltenweiser - 10. Apr, 08:58

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