10
Mai
2012

Was möglich ist

das hotelzimmer geht ganz schnuckelig zum hinterhof hinaus: so einem typischen, beinahe überzeichneten ideal-standard-hinterhof mit fahrrädern, grünem kletterzeug und verwaistem holzkohlegrill auf einem nahen balkon.

als wir noch auf dem bett liegen, die balkontür weit geöffnet, fernsehen und chips essen, finden wir den geräuschpegel aus den umliegenden wohnungen noch ganz charmant. da liegt man dann einander verschlungen in der fremde und fühlt sich wie ein spion, unbemerkt in der geräuschkulisse fremder leben.

gegen halb eins knipse ich das licht aus, rauche noch eine spionzigarette aus dem fenster und frage mich, wie lange die wirklich recht laute musik aus einer wohnung gegenüber wohl noch anhalten wird. und bete, dass sich bald eines der ansonsten ausnahmslos dunklen hotelzimmer erleuchten und jemand anderes sich erbarmen möge, den geräuschspießer zu geben...

nach der vierten zigarette erbarmt sich das tatsächlich jemand: aus gleich mehreren (immernoch verdunkelten - ihr feiglinge!) fenstern wird lautstark nach ruhe gegen die musik angebrüllt - es bleibt unverändert laut. nach circa zehn minuten voll unerhörter rufe (offenbar wechselte der musikhörer gerade die cd) passiert das unfassbare: der lauteste hotelgast mit ruhebedürfnis nutzt die entstandene stille für einen letzten, verzweifelten schrei nach dimmen der musik. im nachbarhaus öffnet sich ein fenster, eine sehr freundliche stimme fragt ins dunkel des hofes: "oh, war die musik etwa zu laut?"

jetzt hätte die stimmung kippen können, aber die bekannte hotelgaststimme ruft irritiert zurück, dass es, naja, schon ein bisschen zu laut wäre und ob der andere vielleicht so nett wäre ein bisschen leiser...?

die freundliche person am fenster der wohnung entschuldigt sich - der hotelgast flötet ein fröhliches "schon gut", zwei fenster schließen sich und es senkt sich ruhe über den innenhof.

manchmal passiert eben doch alles, was möglich ist, juli.

2
Mai
2012

Die Braut trägt Titten und Swarowski

ich habe die ganze zeit in mich hinein gehört und mich gefragt, was mich an der pony-piraten-beisitzerin eigentlich so stört. also: menschlich, nicht politisch-inhaltlich. erst dachte ich, es läge daran dass sie eine frau ist (und jung und hübsch dazu. sorry, aber soviel selbstreflektierter stutenbiss muss eben sein), aber nach ein paar talkshow-auftritten und einer zunehmenden anzahl wenig schmeichelhafter bilder habe ich das gestrichen.

dann dachte ich es sei das, was ich komparativen biographie-neid nenne. zur erklärung: ich bin von der panischen angst zerfressen, biographisch irgendwie auf der strecke zu bleiben und noch mit 45 in studentenklamotten, studentenmusik-hörend in einer studentenbude zu hocken. selbstverständlich unverheiratet und kinderlos. sondern mit einem katzenbesitzenden typ mit ziegenbart liiert. deswegen checke ich in panischen momenten immer einmal rundum. ob ich mich auf einem akzeptablen biographischen level befinden, d.h. ich überblicke mal kurz die wohnungsqualitäten, beziehungsstatusse (statui? staten? statuten?), erwerbs- und akademischen biographien meines umfeldes und ausgewählter exemplare meiner alterskohorte und kann dann meist wieder gut schlafen. bei der, deren name nicht genannt werden soll dachte ich erst kurz ich fände sie so gruselig, weil sie so jung schon so viel erreicht hätte - aber: bwahahaha. habe ich aber auch nur ganz kurz gedacht, ehrlich.

dann kam die sache mit der verlobung und ich dachte: krass, ein ring aus einem modeschmuckladen. und ein potthässlicher dazu. wo stand nochmal dieser lustige artikel in dem sich über die handvoll erbärmlicher swarowski (!!!!)-splitter belustigt wurde? und auf den madame dann irgendwas von blood diamonds und bewusstem nichtmitmachen dieser überholten rituale erwiderte? genau: man überholt ein ritual, indem man bei seiner ausübung alle vermeintlich besonders überholten dinge billig modernisiert., aber trotzdem kräftig mitritualt...ich sag mal: entweder man tauscht verlobungsringe - oder man lässt es eben. wenn man aber der meinung ist, verlobungsringe müssten sein (ist halt nett, so ein someone put a ring on me-moment), dann doch bitteschön auch richtige verlobungsringe. und richtig heisst: teuer. egal wie schlicht und understatement (innenliegende steine, gold, dass mit irgendwas billigem überzogen ist) - verlobungsringe sollten ein zeichen der wertschätzung sein. und schnäppchen-schlagen ist keine wert- sondern preisschätzung. wenn ich den kram mitmache, dann muss ich auch die regeln mitkaufen, sorry. wer diesen verlobungskruscht mitmacht, der hat automatisch auch die ringpreiserwartung, die babynachfragen und die prosecco-giggeligen junggesellinnen am arsch. ohne geht nicht. und ironisch geht schon gar nicht. so a la: ja, wir haben da mit einem bausparvertrag ein kleines reihenhaus am rande der stadt gekauft - aber dafür haben wir es ganz crazy gestrichen und to-tal unspießig eingerichtet und irre unspießig ein ironisches proll-richtfest gefeiert! wir heiraten - aber nicht so wie alle, sondern ganz anders und supi neu und eher so mit einem zwinkernden auge in ach-wir-nehmen-das-alles-nicht-so-ernst-jogginghosen. wer es nötig hat, durch solche brüche die eigenen entscheidungen vor sich selbst zu rechtfertigen, hat einen an der waffel.

was sich in solchen sachen ausdrückt ist kognitive dissonanz vom feinsten: nestbauen, heimisch werden, den einen finden, sesshaft werden, sich selbst und muttis wünsche verschmelzen und reproduzieren - und bei all dem immernoch die coole sau bleiben. ich fürchte nur: die coole sau baut kein nest, wird nicht beringt und brütet auch nicht. und wenn sie es doch tut, dann hat sie keine rechtfertigungs-stilbrüche nötig. süß auch, wie die swarowskiverlobte erklärungen und begründungen panisch von dem verdacht abzulenken versucht, sie sei ihrem verlobten eben nicht mehr wert als diese swarowski-hülle im staubigen blauen samt peinlich-präzise erahnen lässt. im gegenteil - denn wenn man sich so richtig doll lieb hat, dann braucht man doch keinen fetten ring, um irgendjemandem etwas zu beweisen! ich persönlich hätte ja lieber einen beweiskräftigen halbkaräter als ein beweiskräftiges twitterbild. denn genau damit ich mich nicht ständig fragen muss, wie bestimmte sachen funktionieren, was angemessen und gesellschaftlich konsens ist - genau darum gibt es regeln wie die mit dem verlobungsring für drei monatsgehälter. solche konventionen schaffen verdammt nochmal handlungssicherheit und entlasten beim entscheiden und erklären. nicht lang nachdenken, wieviel trinkgeld oder finderlohn oder verlobungsringzoll normalerweise angemessen ist, sondern sich einfach verhalten.
(und obwohl mich keiner heiraten bzw. keine scheidung für mich eingehen will habe ich beim tippen dieser zeilen einen wunderschönen, klassischen trinity am finger. und ja: die tchibo-variante hätte ich als beleidigung empfunden, denn es geht definitiv um den stempel. aber vielleicht geht die liebe zur kopie ja tatsächlich weiter, als ich dachte)

fast noch schlimmer: die klotürige-ausdrucksweise. muschi hier, titten dort - was soll das? ich finde, es gibt flüche und schimpfworte und rüde ausdrücke - und es gibt sowas. für mich verläuft die grenze dort, wo ich mich noch getrauen würde, diese ausdrücke vor meinen eltern am mittagstisch zu verwenden. und bevor mir vor meinem vater das wort "titte" über die lippen käme, würde ich...naja...irgendwas sehr, sehr unwahrscheinliches. das klingt jetzt natürlich sehr uncool aber: es gibt echt wörter, die man nicht benutzt. und als dame schon gar nicht (was weniger unfeministisch gemeint ist, als es klingt. frauen dürfen natürlich alles sagen was sie wollen. wenn frau aber eine dame sein möchte, dann verkneift sie sich manches eben. finde ich). vielleicht bin ich da auch überempfindlich, aber dieses zur-schau-gestellte überwinden von alten rollenbildern dadurch, dass man dauerhaft verbal entgleist, finde ich schlimm. ich mag frauen die eine bohrmaschine benutzen können. frauen die danach mit den jungs zusammen hocken und ein feierabendbier trinken auch. frauen die sich dabei besaufen und danach laut und mehrfach tonartwechselnd rülpsen finde ich widerlich. und mit dem muschi-titte-kram ist es genauso: schön, wenn jemand laut und energisch und beharrlich seine meinung vertritt. wenn er aber meint, dies mit einem übertrieben-testosteronigen macho-abziehbild-vokabular tun zu müssen, dann zeugt das von einem sehr merkwürdigen selbstbild. das wiederum ganz gut zu swarowski-steinchen als statement gegen blutdiamanten passt.

20
Mrz
2012

Arthur, Effie und Ich

Auf dem Weg zur Arbeit habe ich mir zuerst mit Safranskis Schopenhauer-Biographie die Zeit vertrieben. Danach mal wieder freudvoll Effi Briest gelesen. Jetzt liegt Oppenheimer in der Tasche, natürlich bin ich gerade bei der tragischen Schneewittchen-Zeit in England....

Lustigerweise ist mir erst gestern aufgefallen aufgefallen, wie eklig ich mich gerade qua Lektüre selbst bemitleide: der arme Arthur in der verhassten Lehre, böser Tauschhandel für eine lange Reise und godfather of Mitleid. Die arme, zur Hochzeit beschwatzte Effi hockt mit Krokodil und Chinesenbild in der Pampa am Meer. Und ich quäle mich jeden Tag hierher zum neuen Job und oszilliere völlig irrsinnig zwischen Jaulen und Jubel. Meist Jaulen. Und natürlich Selbstmitleid und trübe Stimmung - hier und da kurze manische Phasen des Freuens, die aber eher Trotz sind.

Gestern abend habe ich mir dann zum ersten Mal erlaubt darüber nachzudenken, wie es sich anfühlen würde morgen früh zu erwachen und wieder in die Kulturhölle zu gehen. Ich habe fast geheult vor Freude. Unglaublich, wie schnell mein Gehirn bereit war, diese mehr als dämliche Vorstellung im Zeitfenster kurz vorm Einschlafen als Realität gelten zu lassen. In dem Moment, in dem ich die Vorstellung denken durfte, fiel der Vorhang und statt eines groben Herantastens an einen Gedanken erwartete mich auf der Bühne bereits eine detaillierte Szene.

Sofort setzte Erleichterung ein . Wahnsinnige, riesengroße, sich beinahe körperlich manifestierende Erleichterung. Ich hörte mich förmlich Freunden und Kollegen sagen, dass ich es im neuen Job einfach nicht ausgehalten hätte. Dass mich das alles dumpf und stumpf im Kopf gemacht habe. Und dann mit Tränen in den Augen an meinem alten Schreibtisch sitzen und sich auf den ersten Kaffee des Jahres auf dem Dachgarten freuen...

Ich bin sehr selig eingeschlafen und heute morgen mit einer Art emotionalem Kater erwacht. Dann war ich wahnsinnig wütend auf mich, habe mich geschämt und noch ein bisschen bemitleidet. Später im Morgengrauen zur Straßenbahn gelaufen und lange dumpf aus dem Fenster gestarrt.

15
Feb
2012

Was seitdem passiert ist

- ein sehr intensives, langes und anstrengendes vorstellungsgespräch mit postkorb, selbst- und arbeitspräsentation, diskussion und jeder menge fragezeichen im kopf, die ich für mich lakonisch mit: "okay, war halt das klassische stress-ac" abgetan habe.

- zwei wochen später dann telefonisch die sehr, sehr freundlich-freudige und für mich ehrlch überraschende zusage (vom bösen bullen des ac), nochmal eine woche später der arbeitsvertrag, den ich ohne lange zu überlegen unterschrieben habe. zack, fakten schaffen - ohne ewiges gedankenkreiseln einfach auf den inneren bausparer hören.

- auflösungsvertrag beim alten arbeitgeber, abschlussberichte und finanznachweise für auftraggeber, viele gespräche mit kollegen und freunden (WAS? dafür gehst du hier weg?), viel jämmerliches köcheln im eigenen saft und immer wieder die frage: cooler job gegen weniger coolen job, ex und hopp gegen sicherheit, bekanntes gegen unbekanntes und natürlich viel, viel selbstmitleid und wehmut. beim langsamen büro-ausräumen. beim immer und immer wieder denken: ich hatte den tollsten arbeitsplatz der welt. und trotzdem immer im hinterkopf die stimme: weg hier. nichts wie weg hier.

ich bin immernoch der meinung, dass die entscheidung richtig ist und war. dass ich keine alternde, zappelige und irgendwann nur noch bemitleidenswerte kulturmuschi werden will, die in ein paar jahren gegen etwas jüngeres ausgetauscht wird. dass ich hier nichts neues mehr lernen kann und und weg muss. dass ich verdammtnochmal etwas anderes verdiene als katzen-hipster-gold und einen projektleiter-fantasietitel. neben lauwarmer anerkennung (wenn sie denn überhaupt kommt) nämlich zum beispiel genug geld. für bücher, gutes essen, große roben und hohe schuhe - und bei bedarf trotzdem auch ein neues auto oder einen spontanen urlaub. ja, über geld reden/nachdenken ist ja sooo daneben und gestrig und verspießt und euch geht´s auch mit weniger gut. mir nicht. und schon gar nicht im rentenalter. (noch so ein tabuthema, das man besser gar nicht anspricht, wenn man kein gewitter hochgezogener augenbrauen ernten will).

vor einigen tagen dann ein erstes, wirkliches einstellungsgespräch, an dessen ende ich meinen neuen chef am liebsten in die arme genommen hätte: ich habe noch kein einziges mal, also seit mehr als 10 jahren kulturhölle, so viel wertschätzung und freundlichkeit und lob bekommen. und das hat verdammt gut getan. okay, die neuen direkten kollegen haben mich in ihrer, beinahe beamten-parordierenden art und optik erstmal erschreckt. sehr sogar. ich weiss jetzt schon, dass ich sehr oft aus dem bürofenster auf waschbeton und glasbausteine schauen und denken werde: verdammte scheiße. ich weiss, dass ich mich über hundert kleinigkeiten und sturheiten und das-haben-wir-immer-schon-so-gemachts aufregen und weißglühend heimfahren werde.

aber das gefühl, nicht mehr bei den coolen kindern auf dem funky spielplatz herum hängen zu dürfen, nicht mehr mitzuspielen und bei den tollen parties nur noch zaungast zu sein wird weniger. weil ich das gefühl habe, dass der preis dafür zu hoch ist. zumindest für mich. es ist verdammt leicht, mit mitte-ende zwanzig von luft und moderne in einer etwas größeren und immernoch irgendwie improvisierten studentenwohnung zu leben und sich mittendrin und ach-wie-kühl zu fühlen. und es ist verdammt leicht, auf diesem status hängen zu bleiben, sein leben zu ver-kultur-zu-projekt-en und auch mit mitte vierzig wenig mehr zu haben, als immer das neueste macbook air, viele tolle kontakte und ein paar designerklamotten. wer das nicht will, muss halt irgendwann den sehr schmerzhaften absprung schaffen. ich für meinen teil freue mich jetzt einfach erstmal auf den arbeitsbeginn in wenigen wochen und auf den tag, an dem ich nicht mehr sagen muss: "ich bin projektleiterin für kulturprojekte". sondern: "ich kann was richtiges. ich bin expertin für dieses und jenes handfeste".

25
Okt
2011

Weiterentwicklung

ich bin 32 jahre alt. mein abiturschnitt war gut genug, um sofort mein wunschstudium aufzunehmen, das ich flott, ohne umwege und relativ freudlos durchgezogen und abgeschlossen habe. denn bereits kurz nach dem vordiplom winkte mein jetziger arbeitgeber mit einem praktikum, das in ein weiteres praktikum überging, dann in einen hiwi-vertrag verwandelt wurde und schließlich in meinem ersten arbeitsvertrag endete.

das ist jetzt mehr als sieben jahre her. ich liebe meine arbeit. ich bin glücklich mit den dingen, mit denen ich pro woche rund 70 stunden verbringe. ich mag meine projekte, meine abwechslung, meine kollegen. ich mag meine verdrehten künstler und versnobten kulturleute. ich liebe die aufregung vor einer eröffnung, das chaos, den stress und die sieben tage mit zu wenig schlaf, die immer enden wenn der erste grußwörtler hinterm pult steht. ich mag die kleinen schrulligkeiten, die exzessiven tankstelleneinkäufe zur nächtlichen teammotivation, den überdrehten humor angesichts der täglichen zehn katastrophen. ich bin glücklich mit meiner existenz in diesen extrem beschleunigten rhythmen aus ideengeburt, planung, umsetzung und abschluss. ich mag das ausprobieren, verwerfen, um unterstützung kämpfen und sich immer wieder beweisen müssen.

aber ich weiss, dass ich diesen job (ja genau: job. nicht beruf. denn die bezeichnung beruf würde verlangen, dass diese wüste melange aus erlerntem, einer handvoll softskills, dutzenden halbwissens-häppchen und ideechen etwas handfesteres wäre als es ist) nicht bis in alle ewigkeiten machen kann. einen großteil der arbeit hier erledigt ein schier endloses heer von praktikanten, volontären, gastkünstlern, werkverträglern und anderen glücksrittern des kulturbetriebes, die sich gern für begrenzte zeit ausnutzen lassen - immer in der hoffnung, einen festen vertrag zu bekommen. immer auf der suche nach dem spalt in der tür, um dauerhaft mitzumischen, einen einstieg zu finden, dabei zu sein. ich bin seit jahren dabei und ja: von innen ist diese arbeit genauso schön, wie sie von aussen aussieht.

neben den schönen, schlauen, begabten, coolen und natürlich immer und an erster stelle jungen gibt es auch eine handvoll hausinterner zombies. menschen, die seit vielen jahren auf den gleichen, mies bezahlten projektstellen herumhängen und darauf warten, dass der aufstieg, die beförderung, die volle stelle, die abteilungsleitung, die anerkennung oder irgendeine andere art der verbesserung passieren. und natürlich passiert: nichts. aber das fällt nicht allzusehr auf, weil es immer ein neues projekt, eine neue herausforderung, eine neue spannende idee oder etwas anderes, in das man sich hineinstürzen kann gibt. und warum sollte man den tollsten arbeitsplatz der welt schon wegen etwas so verspießten wie persönlicher weiterentwicklung verlassen, wenn nächste woche dieser großartige neue londoner star-irgendwas mit seiner entourage ankommt, und ein halbes jahr lang das nächste große ding realisiert?

ich habe seit einigen monaten das gefühl, das ich hier ganz dringend wegmuss. weil das glitzernde, spannende, interessante und bunte auf dauer einlullt und besoffen macht. und irgendwann - peng! - ist man kurz vor mitte 30 und stellt fest, dass sich eigentlich seit jahren nichts entwickelt oder verbessert. dass der job, den man gerade hat, so aufreibend und anstrengend ist, dass man im urlaub jeden morgen und jede nacht doch wieder vorm laptop klebt und mails beantwortet, skypt und immer wieder das mantra "im notfall bitte auf dem handy anrufen" tippt. und natürlich wird man ständig angerufen, weil auf der anderen seite des telefons auch lauter leute sitzen, die gelernt und verinnerlicht haben, dass urlaub eigentlich nur ein anderes wort für ein weit entferntes mobiles home office ist.

dann steigt die panik auf. die zombies werden zu einer gruseligen nachher-version der eigenen karriere. die scheiss-zeitverträge beginnen anzukotzen. genauso wie die tingelrunden zu stiftungen, ministerien und förderern. was mache ich eigentlich mit 50? will ich wirklich den rest meines lebens so verbringen? mit schuhen, büchern und kaschmir als trost und meinen eltern als rückfallposition für ein neues auto? einem langsam verrottenden promotionsrumpf auf dem immer neuesten notebook in der eigentlich zu kleinen mietwohnung? und warum habe ich doch gleich studiert, wenn ich heute alles meide, was damit zu tun hat?

also schreibt man eine bewerbung, die einzig und allein auf sicherheit zielt. auf eine schöne, komfortable, 39,5-wochenstunden-stelle und ein paar hundert euro mehr pro monat. und dann kommt die einladung zu einem bewerbungsgespräch mit ac. ausgerechnet mit ac! borniert schaut man sich website, berichte und die gesichter des teams an. lächelt abschätzig über das, was dort als heisser scheiss angekündigt wird, fühlt sich viel zu gut und schlau und clever für das alles. wie die büroräume schon aussehen, pfff! und man weiss nicht was schlimmer wäre: die stelle zu bekommen oder sie nicht zu bekommen.

23
Okt
2011

Das Problem

das scheißproblem ist nämlich, dass ich mir kinder wünsche. sehr sogar. und dass ich einen mann liebe, mit dem ich keine bekommen kann. dass da ein umfeld ist, dass mich von mehreren seiten penetrant in die zange nimmt und druck ausübt, subtil zur trennung drängt, völlig unverhohlen darauf lauert, dass endlich, endlich schluss gemacht wird. als ob man das könnte: sich trennen, weil man in zehn oder fünfzehn jahren etwas vermissen könnte, für dessen doch-noch-wahrwerdung man sich heute das herz mit einem stumpfen löffel aus der brust scharren müsste. sie können schlichtweg nicht die klappe halten, mit ihrer verdammten sorgerei um mein zukünftiges, kinderloses, einsames, kaputtes ich - zu dessen schutz sie auf mein heutiges ich beschissenste geschosse aus dem gewehr von mutti briest abfeuern. aber du willst doch auch. aber du wünschst dir doch auch. aber du fändest es doch auch schön wenn.

ja, will ich, wünsche ich, finde ich. aber je mehr ihr in eurer waagschale auf und nieder hüpft um euer gewicht zu erhöhen, desto bockiger werde ich. je mehr ihr mich dazu bringen wollt etwas zu wollen, desto sturer und dämlicher werde ich daran festhalten, es so lange zu verhindern, bis es nicht mehr geht. die zeit in 15 jahren, die habe ich mir versaut. aber die zeit bis dahin, die versaut ihr mir gerade.

6
Jul
2011

Wie man Yamamoto verstümpert

ein toller tag in london besteht für mich bestensfalls jeweils hälftig aus shopping und museumsbesuchen. das klappt im besten falle so wie am vorgestrigen montag: genji und ich schauten uns zuerst "sexual nature" im natural history museum an (eigentlich bin ich kein freund von plakatmotiven mit süüüüßen tieren, aber die foxy-lady-und-sexy-beast-plakate waren wirklich reizend), quietschten danach gemeinsam freudig im schmetterlingshaus und besetzten die stempelstationen, um alles was aus papier war mit fühlern, augen und flügeln zu schmücken.

am dienstag überredete ich genji dann zur yamamoto-ausstellung, was dank asien-bonus und der lockung, im victoria & albert museum gäbe es auch eine kleine sektion katanas zu beäugen, ganz gut funktionierte. generell finde ich es eine großartige sache, dass in london die präsenzausstellungen eintrittsfrei sind und man nur für temporäre ausstellungen eintritt bezahlen muss. das führt auf der anderen seite aber häufig dazu, dass überschaubare und schlecht kuratierte winzausstellungen nur zu prohibitiven preisen zugänglich sind - 8 pfund pro person finde ich persönlich für das, was in der yamamoto-ausstellung zu sehen war, ganz schön stolz. man könnte natürlich argumentieren, dass man dafür ja das recht, das ganze museum zu bestaunen erworben hatte, aber irgendwie hakt diese rechnung bei mir. für "the house of victor & rolf" hätte ich damals gern das doppelte bezahlt, das war großartig und spannend und eine reine freude - für yamamoto war es eine frechheit. großformatig tönte das blog der kuratorin zur ausstellung (feine einrichtung übrigens):

So what would make the exhibition at the V&A different?

In many ways, this exhibition will continue in the spirit of the Triptych. It is conceived as a site-specific installation rather than a chronological or even thematic retrospective look at Yamamoto’s work. In contrast to the previous exhibitions, this show will have a central core in one of the exhibition spaces and spread out in carefully chosen permanent collections galleries of the V&A. Each space will take its own meaning within the subtle narrative of the exhibition which explores the many corners of Yohji Yamamoto’s design world.


"different" war mein erleben der ausstellung tatsächlich. danke für den kleinen lacher.

was sich kuratorin ligaya salazar und szenograph masao nihei speziell bei der architektur gedacht haben, entzieht sich meinem verständnis komplett. (ich spreche hier nur über den teil der ausstellung, der im main exhibition space zu sehen war - die beiden anderen teile der ausstellung wollte ich mir danach nämlich nicht mehr anschauen - keine ahnung also, wie es z.b. war im wapping per bötchen ein brautkleid zu umkurven)

da hätten wir zunächst das, was salazar mal "factory settings" und ein andermal in der nzz das "futuristische szenario eines balls" nennt. ich nenne es: die ästhetik unverputzten, unverplankten wolfsburger systems. sah ein bisschen aus wie die inneneinrichtung eines beliebigen american apparel-stores. nichts gegen minmalistische architektur - aber das fand ich einfach nur hässlich. der raum wurde nicht aufgeteilt, da wurde nichts neues an nischen oder bereichen geschaffen: das waren schlichtweg nur gerüste. und zwar hässliche.

betrat man den raum, ging es nach rechts zur timeline, oder wie salazar in ihrem blog schreibt: a multi-media timeline which will highlight aspects of Yohji Yamamoto’s wider creative output. multi-media, soso. schonmal was von entspiegelten displays gehört, ihr nasen?!? die qualität des videomaterials war übrigens schlichtweg unterirdisch, ein bisschen als schaute man sich ein mieses youtube-video im fullscreen-modus an - vielleicht waren die displays deshalb nicht entspiegelt und man sah zumindest sich selbst einigermaßen scharf und ohne artefakte. primär gab es mitschnitte einzelner schauen zu bewundern, dazwischen dann auch kitanos "dolls" (juhu, okaye qualität!) und wim wenders "aufzeichnungen zu kleidern und städten". wirklichen aufschluss, was yamamoto zu diesem oder jenem bewog oder warum madness mal über den laufsteig clownen durften, gaben die lieblos an die wand geklebten texte leider auch nicht. zwischendrin hängt lustigerweise auch ein für meinen geschmack recht beliebiges postkartengroßes foto in einem ikea-esken bilderrahmen gleicher größe - nice job, guys.

und die kleider? die waren toll, keine frage. irgendwo (zu faul, das heraus zu suchen) las ich, man habe diese bewusst nicht datiert oder mit sonstigen informationen versehen. was bezeichnungen wie "m4" auf dem boden an mehrwert für eines der objekte bedeuten, durfte man einem kleinen faltblatt entnehmen. sicher könnte man jetzt argumentieren, das wichtigste seien eben jene kleider, also das produkt, und nicht hintergründe, motivationen oder entstehungsanekdoten. ich glaube aber, man versteht mode als kunstform nur, wenn man sie auch "lesen" kann. wenn man versteht, warum eine naht eine revolution ist. der rein ästhetische zugang zu einem kleidungsstück macht natürlich auch spaß, war mir persönlich aber ein bisschen zu dünn. also: gucken ja, verständnisförderung null. man hätte übrigens vielleicht auch puppen benutzen können, die nicht so dreckig und schäbbig aussahen und die fußspuren, die wie trampelpfade im schnee auf dem boden zu sehen waren, fand ich ästhetisch auch eher suboptimal. wenn ich an yamamoto denke, denke ich an klarheit, reinheit, an schnitte und formen wie schwertklingen. ich denke an präzision, die blendet - also schickt verdammtnochmal wenigstens ein mal pro woche eine putzfrau durch die ausstellung!

lieblos in eine vitrine geklatscht: beinahe beliebig wirkende stückchen alltagsgebrauchs-yamamoto. zwei taschen für hermès, turnschuhe für adidas. ja, die taschen sind ganz hübsch und y-3 ist sowieso toll. was das ganze soll, was das speziell an der zusammenarbeit mit adidas ist: die ausstellung schweigt.

der tag war gerettet, als wir im museumsshop "how to wrap 5 eggs" entdeckten - leider finde ich kein bild des garnelen-zöpfchens. das buch ist großartig und beinahe ein bisschen wie ein verpackungs-porno für liebhaber von bondage. trost angesichts der yamamoto-enttäuschung: "masters of style" im somerset house. und danach ist es nur noch ein katzensprung mit dem bus zu st. john bread and wine, wo erbsensuppe und kohlrabischeibchen mit rauke den tag endgültig mit zucker betupfen.

30
Jun
2011

Welche Bilder haben Sie im Kopf?

gestern abend: wieder einmal in "hart aber fair" reingezappt und erneut das ganz große kotzen bekommen und zornig mit der erkenntnis ins bett gegangen, dass frank plasberg sich demnächst einen job bei einem sensationslüsternen boulevardmedium suchen sollte, denn was und mit welcher penetranz da gefragt wurde, war wirklich zum kotzen.

"vom kinderwunsch zum kind nach wunsch" lautete das thema, die sendung kann man sich hier zu gemüte führen. neben dem unsäglichen gedankenspiel von der brennenden universitätsklinik, das selbst geister mit unauslotbarer intelligenz wie kristina schröder zu bekehren vermag und dem in seiner dämlichkeit kaum noch zu überbietenden begriff des "designerbabys" wurde es richtig, richtig, richtig widerwärtig, als plasberg versuchte, aus dem anwesenden gynäkologen bloechle mal ein paar krasse insiderinfos über missgebildete ungeborene kinder heraus zu kitzeln.

ab minute 35:20:

in einem theatralischen einspieler wurde gezeigt, dass es in deutschland bis kurz vor der natürlichen geburt möglich sei, besonders schwer missgebildete kinder abzutreiben. da bloechle selbst bereits solche eingriffe vornehmen musste, hielt plasberg es wohl für angebracht, bei ihm nochmal genauer nachzufragen "was für bilder er im kopf hat", wenn er an diese eingriffe zurückdenkt.

bloechle wich aus und antwortete allgemein, warum diese eingriffe so schwierig und traumatisch für die mütter seien. das reichte plasberg aber natürlich noch nicht: denn es sei zwar "ehrenwert, dass er (bloechle" jetzt auf die mütter zu sprechen kommen würde" - aber nochmal zurück zu den "bildern in seinem kopf". erneut will bloechle völlig zurecht nichts über die sicherlich furchtbaren bilder in seinem kopf erzählen und versucht, den fokus fort von einem voyeuristischen blick in sein horrorkopfkino zu lenken - das bild, das er im kopf habe, sei das leid der frauen. man sieht förmlich, wie plasberg innerlich aufstöhnt und sich fragt, warum bloechle sich so ziert und nicht endlich ein paar gruselige details über abgetriebene monster-säuglinge zum besten gibt. also direkt ein drittes mail nachgefragt: "als arzt angetreten um leben zu retten und zu heilen" hätte er (bloechle) die kinder doch gesehen - welche bilder habe er da denn im kopf? endlich gibt bloechle nach: "schwer fehlgebildet" seien diese kinder gewesen.

ich finde es ekelhaft, wie plasberg hier versucht hat sensationsgierig und sabbernd horror-geschichten aus einem gast herauszuholen. dieses insistierende, auf gruselige details und saftig-erschreckende berichte hoffende war einfach unmöglich. offenkundig hatte bloechle keine lust über diese erlebnisse zu sprechen - aber scheinbar war plasberg der meinung, dass sei sein gast den zuschauern schon schuldig, so einen kleinen blick ins horrorkabinett der spätabtreibungen. es war so durchschaubar, dass es plasberg weder darum ging, die erfahrungen der mütter begreifbar zu machen oder das furchtbare dieses tuns für die behandelnden ärzte zu berühren - es ging nur um voyeurismus, zurschaustellung und boulevardeske gier nach dem horror. respekt an bloechle, dass er dem nicht nachgegeben hat - verachtung für plasberg für diese art des fragens.

es ist nicht "ehrenwert" hier über das leid der mütter zu sprechen - es ist zentral für die gesamte debatte. es ist eine pflicht, über die mütter zu sprechen. und es ist eine bodenlose unterstellung, das wort designerbaby in den mund zu nehmen, wenn auf der anderen seite mütter stehen, die sich ein gesundes baby wünschen. ja genau: ein gesundes baby, ohne geistige oder körperliche behinderung, ohne erhöhte risiken an schweren erkrankungen zu leiden und mit der chance, ein ganz normales leben zu leben. es ist beschämend, dass man müttern, die diesen wunsch hegen quasi einen teil des natürlichen mutterinstinkts abspricht, weil sie wagen auszusprechen zu befürchten, den anforderungen, die ein behindertes kind für ihr leben bedeutet nicht gewachsen zu sein. und nicht gewachsen sein zu wollen. ich verstehe nicht, wie man diesen druck für die mütter rechtfertigen kann, wie man mütter durch das verbot dieser diagnoseform quasi darauf verpflichtet, diese bürde tragen zu müssen. das hat nichts mit designerbabys zu tun, sondern mit normalen, verständlichen und verdammtnochmal zu akzeptierenden gründen und wünschen. ich habe größten respekt und hochachtung vor müttern und familien, die glücklich und völlig normal mit einem behinderten kind leben - aber das ist keine pflichtleistung, die jede mutter und jede familie abrufen können muss. und mindestens genausoviel respekt habe ich vor müttern und familien, die sich schweren herzens dafür entscheiden, ein behindertes kind nicht bekommen zu wollen oder zu können. und diesen respekt liess das gespräch von seiten plasbergs und eines großteils seiner gäste schlichtweg vermissen.
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