10
Jan
2016

Sie und ich

Sie halten Burger in den krallenartig gespreizten Händen mit den bunten Nägeln. Immer ist da alter Dielenboden im Hintergrund und ein Matrazenlager auf dem Boden. Es sieht unaufgeräumt aus, aber auf die zauberhafte Mädchenart: Kleidung und anderer Kram liegen neben leeren Weinflaschen, Blumen in Weckgläsern und Aschenbechern, es sieht so aus wie man sich vorstellen möchte, dass hinreissende junge Frauen sich für eine aufregende Nacht fertigmachen. In Unterwäsche tanzen, die Haare vorm Spiegel durchzausen, Blusen aus einem Erbstückschrank wühlen, alles ist so aufregend.

Sie trinken kaltgepresste Säfte und Flat White, ständig sitzen sie irgendwo beim Frühstück, tragen Ringelshirts und Nike, kurz: wehen möglichst pittoresk durch die urbane Sonne. Sie haben Katzen, Plattenspieler, Sofortbild- oder überteuerte Spiegelreflexkameras, supercoole Musikgeschmäcker und garantiert irgendein Dekodings mit Kupfer.

Ich sehe diese ganze Armee an wundervollen, schönen, bedauerlichweise abartig selbstreferenziellen aber nichtsdestotrotz reizenden jungen Frauen irgendwo in ihren Zwanzigern oder Dreissigern und habe nichts mit ihnen zu tun, ausser einem bisschen Neid (meinerseits natürlich). Ich sehe diese Leben an mir vorbeiflimmern, dieses Oszillieren zwischen Empörung und Kichern und Begeisterung und Aufregung und reizenden Marotten. Ich merke, wie fremd mir das alles ist, wie wenig ich diese Lebensentwürfe verstehe, wie anders diese Frauen und ihre Vorstellungen sind. Grob, ungelenk, schwerfällig und irgendwie plump fühle ich mich neben ihnen.

Was machen die eigentlich den ganzen Tag? Was passiert da zwischen Avocadotoast und mitternächtlicher Eisorgie? Ganz plump: womit zum Henker verdienen die ihr Geld? Stehen die morgens um 7:00 auf und gehen einer klassischen Erwerbsarbeit nach, so nine to five mit 30 Minuten Mittagspause beim billigen Thai? Oder doch eher so 1200-Euro-Herumgejobbe in irgendeinem komischen, sich mir nie ganz erschliessenden Tätigkeitsfeld irgendwo zwischen Texte fummeln, Lobby light, Marketing, billigem Beraten und Hostess?

Schlimm (in meinem Falle: schwer beruhigend) ist sich vorzustellen, wie diese Leben und diese Frauen in 15 oder 20 Jahren aussehen. Komischerweise sieht man das recht deutlich vor sich und es ist wenig bezaubernd. Das geht dann ein bisschen ins Groteske, ins Traurige und ins Befremdliche. Das Kein-Geld-Haben nervt, die vorgetragenen Überzeugungen kippen ein bisschen ins Keifige und vielleicht klammern sie sich ein bisschen zu sehr und zu verzwifielt an den ihnen vermeintlich zustehenden Platz auf Partys. Dort dürfte allerdings schon die nächste Generation Zauberwesen auf Fohlenbeinen stehen und zimtfarbenes Haar im Wind wehen lassen.

Das habe ich so ähnlich vor zwei Wochen in Amsterdam gespürt, als wir uns Isa Genzken anschauten. Ich habe unpassend laut gelacht, als meine superkluge, supersexy Spitzenschwester vor den eklig ich-bin-meine-beste-Inspirtaion-igen CT/MRT/whatever-Bildern stand und mit der kühlen Trockenheit, die nur Ärzte haben meinte: Bei der kleinen Atrophie hier wundert mich nichts mehr.

Abstossend war diese rotzige, unwillige, lustlose Auf- und Anhäufung von Meinungen, Standpunkten und überhaupt allem, was durch ein gigantisches Künstlerloch in einem nicht endenwollenden Strom aus dieser Frau rausläuft. Alles ist bedeutungsvoll, wenn Isa ihm Bedeutung beimisst. Alles ist zeigens- und prasentierenswert, alles muss gehört und gesehen werden, Nichtmal witzig war irgendetwas. Sondern nur ein sehr trauriges Dokument einer altgewordenen Frau, die irgendwann in de 80ern mal jung und wild und frei und deswegen auch leicht zu überschätzen war. Sie wirkt nicht gereift, erfahren, klüger und aus dem Erlebten heraus glänzend. Sondern immernoch empört und schrill-kreischend und krawallig. Man sieht und hört dieses Elend und wendet sich peinlich berührt ab.

Ist es sehr kleinlich, mich über ihre selbstverfassten Bücher (Oh My...), ihre Depressionen, ihre Aufmerksamkeits- und Resilienzprobleme, ihre Diskriminirungserfahrungen, ihre eindringlich geschilderten Übergriffserlebnisse, ihre wahrgenommene Benachteiligung immer und überall und ihre Empörung über die-da-oben lustig zu machen?

Im alten Jahr stand ich auf einer Weihnachtsfeier, geschlossene Veranstaltung für mittelkleines Management. Es gab Minischnitzel, Kartoffelsalat, Apfelschorle und Filterkaffee. Es gab Adventsgestecke, dunkle Holzverkleidung und leicht kongresshallige Akustik. Es war maximal unschick, unhip und null instagramfähig. Es war der vollendete Gegenentwurf zum Leben der Schönen. Es war und ist leicht, sich darüber lustig zu machen. Ebenso leicht wie zu erkennen, dass das Leben der Grazien durch variable Kosten getragen wird und ihre Meinungen, Stimmungen und Dramen die ersten Streichposten sein werden.

19
Nov
2015

*

Wir haben ein dringendes Bedürfnis nacheinander. Wir haben angefangen, uns wie selbstverständlich am Abend nach der Arbeit zu treffen, stundenlang sitzen wir dann irgendwo und trinken Kaffee, viele riesige Tassen Kaffee, weil man sich beim Pusten auf heisse Getränke für einen Moment nicht in die Augen schauen muss. Wir siezen uns immernoch und machen einander unverschämt direkte Komplimente. Wir bemühen uns nicht, unentdeckt zu bleiben, bei mir blitzt der Wunsch auf, das Gerücht möge schneller und schlauer sein als unsere Münder, uns abnehmen etwas zu sagen. Wir freuen uns, wenn uns jemand für ein Paar hält, wir haben Angst davor uns selbst für ein Paar zu halten. Ich wollte lange nicht, dass jemand in mich verliebt sein solle, jetzt kränkt mich die Vorstellung, es könne nicht so sein. Merken soll er. Kapieren soll er. Auf Distanz bleiben und näher wollen soll er. Es macht mich irre, wie wenig körperlich anziehend ich ihn finde, wie wenig sich hier also ganz schnell durch Sex klären liesse.

11
Okt
2015

Vom Nichthaben und Nichtmögen

Schon vor ein paar Tagen bin ich hier über diesen Text gestolpert, habe mich unglaublich geärgert und bis heute gegrübelt, was mich so aufgebracht hat.

Heute morgen ist es mir dann eingefallen. Es ist dieses Zitat:

"I think of myself as “not a kid person” much in the same way that someone else might feel they’re “not a cat person” or “not a dog person”; (...) But I will still hate your baby, and for that, I will not apologize

Ich bin jetzt 36 Jahre alt, hatte nie einen Kinderwunsch, folglich auch keine Kinder und ich glaube, da kommt auch nichts mehr. Und seit Jahren kostet es mich jede Menge Kraft und Nerven, Menschen mit Kindern zu erklären, ich hätte nichts gegen Kinder, ich wolle nur selbst keine. Dinge, die ich ebenfalls nie wollte: schrankwandige Wohnzimmermöbel, Urlaube in bumsigen europäischen Touristenmetropolen, Einrichtungsgegenstände rund um das Thema französischer Im- und deutscher Expressionismus, Hostenanzüge, Strähnchen, einen angetrauten Lebenspartner - die Liste ist quasi beliebig verlängerbar. Ich hasse diese Dinge nicht, ich habe sogar Freunde und Bekannte für die mehrere Dinge von dieser Liste integraler Lebensbestandteil sind. Ein Ding, das ich in meinem Leben nicht will, darf als Etikett gut und gern ausschliesslich "will ich halt nicht" tragen. Ich finde, das muss man gar nicht mit irgendetwas begründen. Ausserdem ist diese "das wird man ja wohl noch sagen dürfen!"-Rhetorik, die in Kinderhassposting immer mitschwingt ziemlich indiskutabel.

Ich halte das für ein ziemlich ekliges Problem: keine Kinder zu wollen, diffus zu spüren, dass Nichtwollen hier irgendwie nicht ausreicht (ooopsili - vielleicht sogar einem selbst nicht reicht?) und das Thema deswegen mit Affekten aufzuladen. Man will nicht nur selbst keine Kinder - man hasst sie gleich. Ehrlich: geht´s noch? Kinder hassen? Hassen? Ich kann verstehen, wenn Kinder in einer bestimmten Dosis anstrengen. Wenn man nicht bereit ist, sein Leben für eine sehr lange Zeit Bedürfnissen, die nicht die eigenen sind (musste mir aber sagen lassen, dass Eltern die Bedürfnisse ihrer Kinder als so natürlichen Bestandteil ihrer eigenen Bedürfnisse empfinden, dass das in Praxis wohl nicht permanent so nervig ist, wie es sich aus der Fremdperspektive anfühlt) unterzuordnen. Ich kenne schlimme Kinder. Viele sogar. Ich finde Kindersprache, Kinderneugier, Kinderfragen nur bedingt süß. Aber ehrlich gesagt könnte man Kinder hier durch so ziemlich jede demographische oder soziale Gruppe ersetzen. Kollegen, frische Absolventen, karrieretechnisch überlagerte Männer, Hessen, Katholiken. Trotzdem würde mir nicht einfallen, hier von Hass zu reden. Woher kommt dieser Drang, sich selbst als sozialen, verantwortungsbewussten, reflektierten, gebildeten Menschen zu bezeichnen und sich gleichzeitig das Recht auszubedingen, eine ganze, ziemlich große Menschengruppe hassen zu dürfen? Und zwar: gesellschaftlich durchaus akzeptiert hassen zu dürfen? In den Blogs, in denen sowas geäussert wird, würde ich mich manchmal gern in die Kommentare hocken und fragen, was genau der Unterschied zwischen dem lässig dahergeplauderten Kinderhass und dem (ähnlich unreflektierten und dämlichen) Hass gegen hier-bitte-eine-nichtdeutsche-und-bevorzugt-nichteuropäische-Nationalität-einfügen oder dem Hass auf Dicke ist? Waren wir uns nichtmal einig, dass Hassen irgendwie sehr, sehr unsouverän ist? Gab es da nichtmal diesen unausgesprochenen Konsens, dass wir uns alle mit Bewertungen ein bisschen zurückhalten? Aber ich weiss ja: die moderne Kinderhasserin ist ja (wooohoo) so tolerant, dass sie hier und da und wenn sichs nicht vermeiden lässt, auch mal die Gesellschaft von Kindern auszuhalten bereit ist.


Was genau ist hier überhaupt der Gegenstand des Hassens? Wo genau liegt denn hier das distinktive Alter? Klar: Kleinkinder, Kindergartenkinder, Grundschüler sind ziemlich sicher als hassenswerte Kinder identifiziert. Adoleszente und pubertierende Kinder (dünnes Eis, die sehen sich ja selbst eher nicht so als Kinder) sind schon schwieriger. Wie stehts mit 17-,18- oder 19-jährigen - hassen oder lassen? Wann überschreitet ein Mensch die magische Grenze, ab der er nicht mehr gehasst wird, sondern als Nichtkind anderen, nur erwachsenen vorbehaltenen Bewertungsmaßstäben unterliegt?


Bösartige Menschen könnten ja vermuten, der Hass (bzw. die Kinder, die dieses Gefühl durch ihre Bekanntschaft formten) beziehe sich gar nicht auf alle Kinder, sondern nur auf die Kinder in der eigenen Verwandtschaft oder im Freundes- und Bekanntenkreis, denn die kennt man ja vermutlich am besten. Weil es aber sozial nunmal eher unerwünscht ist, der besten Freundin zu sagen, man hasse ihr Kind (also ganz speziell: nur ihres), ist es vermutlich leichter, gleich zu verkünden, man hasse alle Kinder. Dann gibts zwar keinen Bonus für die Freundin, aber eben auch keinen Malus. Hey, ich hasse einfach alle Kinder. Ist nix persönliches. Warum jetzt genau? Weil es halt ein Kind ist!


Warum ich den eingangs erwähnten Vergleich des Kindermenschen-Seins mit den Hunde- und Katzenpersonen so unglaublich beschissen finde? Soweit ich das Hunde- und Katzenmenschending richtig verstanden habe, spielt da sowas wie eine ziemlich kotzige Mischung aus Projektion (Ich - die unabhängige, krallenbewehrte, samtpfötige Wildkatze) und Gleichschwung mit dem vermuteten oder gewünschten eigenen Wesen zusammen. Katzenmenschen mögen halt (verkürzt gesagt) das Wesen von Katzen, Hundemenschen finden dasjenige von Hunden passe besser zu ihnen. Wohlgemerkt sprechen wir hier über Tiere. Über die Viecher, denen wir Plastikwannen zum Reinkacken und Näpfchen voll Wasser hinstellen. Die wir entwurmen, an der Leine führen und mit denen wir vielieicht, vielleicht, vielleicht auch ein klein wenig kompensieren. Keine Lust auf ein Haustier zu haben (oder keine Lust auf ein spezielles Haustier im obigen Sinne zu haben), wird hier mit dem Wunsch nach Nachwuchs und Kindern vergleichen. Mehr muss ich und mehr will ich über die Geisteshaltung von selbsternannten und diesen Hass selbstbewusst vor sich hertragenden Kinderhassern nicht wissen.


Wenn mir meine beste Freundin bei jedem Besuch ungefragt eines ihrer beiden Kinder entgegenhält, mich zum Malen, Balspielen oder sonstigem Bespaßen verdonnert, dann erfüllt mich das mit einem Gefühl von Ratlosigkeit und Genervtheit. Ich mus mich jedes Mal am Telefon ein bisschen anschubsen, zu fragen wie es den Kindern geht. Ich kringele mich nicht vor lachen, weil die Kinder witzige Geräusche machen, haha-lustige Fragen stellen oder sonstwas tun, was normalerweise Entzücken auslöst. Mir fehlen die ruhigen Abendessen, ich kriege Nasenbluten wenn ich beim Einkaufen immer auch zu Petit Bateau muss und am schlimmsten ist für mich zu sehen, wie sehr meine Schwester dieses Kinderding immernoch als das großte Thema ihres Lebens aufbläst. Warum ich das alles trotzdem brav mitmache? Und sogar ganz ohne Gesichterziehen, Aufstöhnen, Augenrollen oder gar Monologe über die Freuden der Kinderlosigkeit? Weil ich die Menschen, die in meinem Umfeld Kinder haben liebe - und fremde Eltern und ihre Kinder mir zu egal sind, um ihnen meine Weltanschauung hinterher zu tragen. Und weil ich es respektlos, unverschämt und von einem erschreckenden Maß an Empathie- und Taktlosigkeit geprägt fände, diesen Menschen zu sagen, dass ich etwas hasse, was ihnen das wichtigste im Leben ist. Weil ich es egoistisch fände, mich nicht mal soweit zusammenreissen zu können. Ich brülle meiner Freundin, die mir strahlend ihr neues Lieblingskleid zeigt doch auch nicht entgegen, wie sehr ich Pünktchenkleider hasse? Oder einem Freund, wie sehr ich Menschen wie seine neue Freundin hasse?

Reisst euch doch einfach mal zusammen. Freut euch ob eurer kinderlosen Existenz. Freut euch, dass ihr die fremden schlimmen Kinder nie wiedersehen müsst und dass die schlimmen Kinder eurer Freunde und Familie zumindest ihre Eltern offenkundig sehr, sehr glücklich machen - früher wünschte man sich das mal für Menschen, die man liebt. Früher hielt man manchmal einfach mal die Fresse wenn man spürte, man würde einen anderen Menschen mit dem, was man gleich sagen würde sehr verletzen.

1
Okt
2015

Weck mich, wenn der September vorbei ist

Ich habe in den letzten Wochen ein paar Mal angesetzt, lang und länglich geschrieben und immer gedacht, dieser erste Text nach mehr als zwei Jahren müsste besonders und irgendwie zusammenfassend und final sein. Gelesen, korigiert, für zu wenig befunden, auf den Draft-Friedhof geschickt. Erneut pausiert. Neu angesetzt. Verworfen. Heute dann überlegt, was ich mir selbst erzählen würde, wenn ich nicht wüsste, wie es sich jetzt gerade anfühlt, was vom Ändern geblieben ist. Was ich gern aufheben würde.

Anfang des Jahres habe ich den Job gewechselt, weil mich die kleine, dreckige Stadt und der alte Chef angekotzt haben. Das war schade, weil ich das Gefühl hatte, der alte Job war schon extrem sexy in seiner verschrobenen Exzentrik. Schade. Ausserdem hatten alle immer ein bisschen Angst vor mir oder besser dem, was sie da an irrsinniger Komplexität und Kompliziertheit in dem, was ich getan habe, hineinvermutet haben. Das mochte ich sehr. Kombiniere eine Frau mit Zahlen und alle rasten aus. Dafür habe ich mich direkt in meinen neuen Chef verliebt (im Sinne von: den will ich als Chef, für den muss ich arbeiten, der muss mich wollen), gleich beim Vorstellungsgespräch: Massiger, übergroßer Typ, unglaubliche Ausstrahlung, erschreckend gebildet, dröhnendes Lachen, tabakfarbener Maßanzug, spricht fließend 6 Sprachen, kriegt mich sofort mit seiner warmen Herzlichkeit. Leider auch: schlimmer Choleriker, grausame Freude an Demütigungen, beinahe bösartiges Gefühl für wunde Punkte und Schwächen, führt kleine und große Kriege gegen nahezu alles und jeden, wird kollektiv gefürchtet und geht mit dem Oberchef in der Mittagspause zum Edelitaliener, um über die besten Jazzkneipen in Moskau oder Metzgereien in Neuseeland zu reden. Begeisterung, Panik, Heiterkeit, Glücklichsein, schwere Irritation - ich oszilliere zwischen zwei Extrempolen und lerne auf die ganze harte Tour. Entscheiden Sie sich, ob Sie sich weiterhin durch fachliches managen im Mittelfeld durchwurschteln wollen - oder hier wirklich lernen wollen, zu führen. (Garniert mit: wenn Sie mich verarschen wollen und ich Sie dabei erwische, dass Sie nicht hart alles Operative delegieren und Ihren Job - führen, führen, führen - machen, trete ich Ihnen in den Arsch). Glücklicherweise sind 25 Mitarbeiter leider wirklich zu viel, um jedes einzelne Arbeitsfeld im Zweifelsfall und bei Nichtgefallen doch lieber selbst zu machen. Ich leide bis zum Sommer sehr, fingere hier und da doch ins Fachliche und kriege massiven Ärger.

Im Juli: ich ziehe nach mehr als zehn Jahren aus meiner Wohnung aus. Völlig überstürzt und komplett ungeplant. Ich ertrage das kleine, dunkle, spottbillige Loch nicht mehr, verliebe mich direkt bei der ersten ernsthaften Besichtigung hoffnungslos in eine abartig überteuerte Terrasse mit Rheinblick. Weil ich ahne, dass ich im Dezember dringend Key West und Nassau und Bal Harbour brauche, nehme ich keinen Urlaub, sondern ziehe bei tropischen Temperaturen in Wochenendhäppchen um. Ich lasse alle Möbel zurück und lebe mehrere Wochen quasi nur mit Büchern, Bekleidung, Acapulco Chair und dem Blick auf Schiffe, die vorbeiziehen. Seit vier Jahren muss ich für den Hin- und Rückweg zur Arbeit das erste Mal nicht mehr 3-4 Stunden, sondern eine handvoll Stationen mit der Straßenbahn einplanen. Ich trinke jede Menge Cranberryschorle, lese den Pale King und baue bei 40 Grad die Schränke im begehbaren Kleiderschrank auf.

Als Antrittsgeschenk muss ich direkt eine Mitarbeiterin kündige. Sie ist Ende Fünfzig und ich verdränge, was das heisst und wie ekelhaft die Situation ist. Das erste Gespräch (von vielen, in denen ich die komplette Klaviatur von Zorn, Versprechungen, Angst, Leugnen an mir vorbeiziehen sehe) versaue ich total, ich rechtfertige mich und die Situation. Ich bin nicht genug Glas, denke immernoch, man könne sich im Guten trennen. Ich verstehe erst am Abend den schlimmen Initiationscharakter dieser abgefuckten Nummer. Ich träume nachts davon, ich sei ein kleiner Bär, ein Babykrokodil oder ein Raptor, der das Erlegen und Jagen beigebracht bekommt - und die Beute unnötig quält, während Mamambär, Mamakrokodil, Mamaraptor aus der Entfernung zuschaut und Tips gibt. Sie gefallen mir heute schon viel besser, als an Ihrem ersten Tag, sagt Mamaraptor im ersten Feedbackgespräch. Ich gefalle mir selbst besser und ärgere mich nur kurz darüber.

Ich fühle mich ein bisschen alleine oder genauer gesagt: immer ein bisschen alleiner je fertiger die Wohnung wird.

2
Mrz
2013

Ein Jahr in der Niemandsbucht

Es gibt in "Amanda Herzlos" eine Stelle, die so geht: Amanda schreibt da also einen Roman. Selbigen zeigt sie eines Tages Mann 2, dem Schriftsteller, der den Roman nicht mag und ihr dies nach einigem hin und her auch beichten muss. Danach sagt Becker, bzw. lässt Mann 2 etwas sagen, dass unglaublich hart ist und von dem ich mich schon damals, als ich den Roman vor rund 6,7 jahren las, erschreckend präzise beschrieben gefühlt habe. Sinngemäß: Amanda musste sich nun in ein Leben zu fügen lernen, in dem sie nicht mehr hoffen und erwarten könne etwas Besonderes zu sein - sondern lernen, dass sie zwar witzig, intelligent und klug sei. Aber eben keine Ausnahme, kein Genie und nichts besonderes.

Nicht dazu bestimmt sein, Größtes zu vollbringen. Keine superspecial snowflake. Gewöhnlich, Durchschnitt, Mittelmaß. Was ich damals extrem hart fand (als Erkenntnismoment betrachtet), hat heute etwas ungemein tröstliches, beruhigendes, erleichterndes. Ich muss nicht jede Entscheidung daraufhin abklopfen, ob sie meinem Selbstbild angemessen ist. Ob das was ich denke, lese, reflektiere, erlebe, erreiche auch überdurchschnittlich genug ist. Ob ich mich ausreichend abgrenze, heraussteche und abhebe. Wie Amanda habe ich gelernt (tat gar nicht weh), mich in eine Durchschnittsexistenz zu fügen und nicht immer das Gefühl zu haben (und darunter zu leiden), etwas unter meinem Niveau zu tun. Man wird entspannter, wenn man sich selbst und seine Möglichkeiten realistischer einschätzt.

Es ist noch dunkel, wenn um 6:00 nacheinander ein schrilliger Metallwecker scheppert und danach im 5-Minutentakt das Telefon nachweckt. Es ist dunkel, wenn ich ins Bad tappe und dusche, alles putze was geputzt werden muss und in ein flauschiges Zelthandtuch gehüllt in den Spiegel gucke, wie die Haare heute zu liegen geruhen. Es ist dunkel, wenn ich in die am Vorabend gebügelten, schwarzen immergleichen bürotauglichen Uniformen schlüpfe, die Kaffeemaschine Bohnen raspelt und die Morgennachrichten an mir vorbeirauschen. Ich habe noch keine Thermoskanne, aber dafür eine am Abend gepackte Handtasche mit Schirm, Ersatzstrumpfhose, einer halben Apotheke und einem halben Dutzend Zug- und Straßenbahnplänen. Ich habe schnell und schmerzhaft gelernt, dass immer und irgendwo etwas zu spät kommt, ausfällt oder verzögert eintrifft.

Um 7:00 stehen an der Straßenbahnhaltestelle Schulkinder und drei handvoll Früharbeiter, die in Kürze das Licht in Läden anschalten, Kassen mit Wechselgeld bestücken, Morgenvisiten betreuen, Kurierbriefe austragen oder Kantinenessen kochen. Ich sitze nicht gern nahe neben Menschen, also drängele ich ein bisschen (früher) oder stelle mich exakt dorthin, wo gleich eine Tür zischend aufgeht. Rechts an Türen stehen ist besser, weil aus irgendeinem Grund eher nach links abgebogen wird. Ich kenne jede Haltestelle, alle Nadelöhre und die Ecken, wo gern Fußgänger oder Autofahrer zu Betriebsstörungen führen. Ich kenne die Schnaufer der Pendler, wenn die Bahn auch nur etwas zu kurz an einer Haltestelle verweilt, aber ich schnaufe jetzt eher nach innen, weil ich auf wenige Sekunden genau weiss, wie spät wir an dieser oder jener Haltestelle sein dürfen, damit ich es noch irgendwie in den Zug schaffe.

Am Bahnhof stehen die Üblichen und die beinahe Bekannten: Die beiden hochgradig unsympathischen, überlagerten und überschminkten dicklichen Russinnen, die jeden Morgen, wenn es sein muss lautstark ihre Plätze im immer gleichen Zug erkämpfen. Die sehr hübsche, aber auch sehr bockig blickende junge Frau, die für Kolleginnen Plätze freihält. Den Typ, der schon morgens verschwitzt riecht und in dessen Nähe ich nicht sitzen will. Den, der sich selbst im fast leeren Zug immer direkt neben die Toilette setzt (aber diese nie benutzt). Die Lehramtsstudentinnen. Die zwei Admins eines Top-Gewerbesteuerzahlers am Zielort. den lustigen kleinen Inder in der Arbeitsuniform, den widerlichen Typ mit dem Hartschalenrucksack. Wenn der Zug einfährt, wird es langsam heller.

Pendler haben jede Menge Zeit zum Lesen. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich einmal jeden Tag mindestens drei zusätzliche Stunden Zeit zum Lesen hatte. Das ist toll. Ich versuche mir einzureden, mein Tag hätte jetzt drei Stunden mehr. In Wahrheit verschiebt sich aber wohl nur ein kompaktes privates Zeitbündel zu vielen, kleinen Päckchen im Niemandsland zwischen Büro und daheim - an Haltestellen, im Zug, in der Straßenbahn.

Gegen eins Mittagspause mit Kolleginnen oder allein, um mir am Wasser den Wind ins Gesicht pusten zu lassen. Rauchen, Kleinstadtpanorama, manchmal beim örtlichen Feinkostlädchen eine handvoll Pralinen oder Kuchen, zurück ins Büro. Je nach Arbeitsmenge um sechs oder halb acht zurück zum Bahnhof, Rückfahrt, an dörflichen Siedlungen im halbdunkel zurück nach Hause, was synonym zum Ort des Duschens, Wäschewaschens und hastigen Essens geworden ist. Je nach Abfahrtszeit um sieben oder um neun daheim sein, raus aus den Bürosachen, duschen, mit Handtuch auf dem Kopf auf dem Sofa sitzen und essen. Rudimentär soziale Kontakte pflegen, gegen elf ins Bett, ein paar Seiten lesen, einschlafen.

Ich lese diese gewissen, lächerlich bekenntnishaften und von einem Selbst, das eben alles außer gewöhnlich ist, getriebenen Texte und Tweets jetzt viel öfter (vermutlich fallen sie mir jetzt nur stärker auf) und immer noch etwas irritierter. Ich bin anders als ihr. Ich bin nicht gemacht, für einen lahmen 9 to 5 (haha - selten so gelacht. Wie wäre es mit einem realistischeren 8 to 6 oder 8 to 7?) Bürojob. Es sind immer die gleichen Menschen, mit den gleichen Leben und gleichen Vorstellungen von sich selbst, die sich ihre aktuell prekären und dafür in Zukunft umso glanzvolleren Umstände schönschwatzen. Selbstverwirklichung dröhnt mich an. Und weil Selbstdefinition auch immer Abgrenzung und damit Definition dessen, von dem man sich abgrenzt bedeutet, beginne ich diesen Verwirklichungsdrang zum Kotzen zu finden: "Ich bin ein Selbst, das zu seiner Verwirklichung eben mehr braucht als das, was den anderen schon reicht. Ich bin ein Selbst, das selbst genug ist um verwirklicht zu werden. Ich bin ein Selbst, das an einer Supermarktkasse, hinter einem Schreibtisch oder in einem Krankenhaus verkümmern würde - aber Euch Gewöhnlichen mag das reichen, das gestehe ich gönnerhaft ein."

Bezahlt werden, um man selbst zu sein. Pardon: Geld bekommen, um man selbst zu sein - man ist ja keine Lohnnutte. Und bis das jemand tun will, schlängelt man sich halt so durch und verwirklicht irgendetwas - im Zweifel sich selbst. Pflegt das, was klassisches Unterschichtkonsumverhalten ist: Wenn schon keine iegene Wohnung, dann zumindest jeden morgen auswärts frühstücken, hier und da ein Pfund Klamotten bei Primark und alle zwei Jahre ein neues Macbook. Schöner wäre rein materiell gesehen natürlich das Leben der Nichtselbstverwirklicher (die eben nicht genug verwirklichungswertes Selbst haben, die armen Schweine), aber diese Möglichkeit scheitert an frühem Aufstehen, Kompromissfähigkeit und dem Umstand, dass man Timelines und Feeds mal 10 Stunden ausschalten und etwas anderes tun muss. Überhaupt: Das verdammte Tun-Müssen....

Gestern war der Jahrestag des Beginns eines für mich völlig neuen Lebensabschnittes. Dieses Jahr war oft verdammt beschissen, ich habe so hart und viel gearbeitet, wie ich schon vorher immer dachte gearbeitet zu haben. Es war ein einziges hingehecheltes Berg-und-Talbahnfahren. Es war anstrengend, ein einziges Durchbeissen, Weitermachen, Nicht-Aufgeben. Es war war maximal glamourfern - und ich habe seit dem Studium nicht mehr so viel Neues gelernt. Tolles, Spannendes, Großartiges - jeden Freitag habe ich im Zug gesessen und gedacht, das ich immer dachte, ich sei schon viel fertiger, eine viel finalere Version meiner selbst. Nicht ich habe mich verwirklicht, sondern etwas anderes hat das getan.

14
Sep
2012

Ein guter Mensch

Ich kriege nie den heissen Scheiss im Internet nie mit und erfahre folglich auch immer erst von einer Sache, wenn sie bei Spon oder Spreeblick (same same) hochploppt. So auch von der Sache mit dem Schwein und dem Hautkrebs und dem Bokelberg. Und schon nach der Spreeblick-Lektüre hatte ich einen gewaltigen Kotzklumpen im Hals: "Wer wirklich glaubt, dass Nilz ein schlechter Mensch ist, der irrt gewaltig".

Was genau heisst hier: "schlechter Mensch"? Ich vermute, die Übersetzung lautet: Der kleine Nilz hat es doch nur gut gemeint und möchte jetzt bitte aus dem Bällebad abgeholt werden. Ich kanns nur nochmal sagen: Die Motive falschen Handelns sind scheissegal und interessieren exakt niemanden. Sie taugen auch nur für eine Sache: Krokodilstränenreiche Entschuldigungen, wenn eine Sache eben nicht so läuft, wie sie laufen sollte. Motive und ihre Richtigkeit sind nämlich leider eine verdammt subjektive Sache - Moral und Vorstellungen richtigen Handelns sind ziemlich fix und lassen nur Spielraum, wenn es um Existenzielles geht. Ich glaube z.B., dass die Bürgerwehren, die mit Pechfackeln und Transparenten vor den Wohnhäusern entlassener Straftäter stehen der Meinung sind, das wäre ok - Schutz von Kindern schlägt Menschenrechte von pädosexuellen Schweinen. Die Spinner, die ein Kopfgeld auf Waffenfabrikanten (bzw. den Beweis, dass es sich wirklich um solche handelt) aussetzen, glauben ebenfalls dass sie hier ein übergeordnetes "richtig" legtimiert - auch Waffenhändlerschweine haben im Zweifelsfall keine Persönlichkeitsrechte. Beide Beispiele sind der Meinung: Wenn die Polizei (die Politik, die Kirche, der Bürgermeister, Batman) hier nichts tun -dann müssen wir aktiv werden. Denn wir haben gute Argumente und Gründe - und wir werden sie benutzen. Mir fallen da spontan jede Menge Leute ein, die auch der Meinung waren, total gute Gründe zu haben - und die dann später in eine Kamera schluchzten und alle Menschen sehr lieb gehabt haben wollten.

Mich ekelt diese Argumentation zutiefst an und ich störe mich immer und immer und immer wieder an diesen guten Menschen mit guten Gründen und guten Motiven - und ihrem dazu in scharfem Kontrast stehendem Verhalten. Und mich ekelt an, wie Nilz Bokelberg gerade mit der Sache umgeht und öffentlich Abbitte tut.

Bezeichnend finde ich persönlich ja die Differenz zwischen:

"Wenn man also shocking simuliert, was einem Schwein passieren würde, wenn es mit UV-Strahlung vollgeballert wird, dann löst das vielleicht eine Diskussion aus."

und

"Deswegen habe ich also an dieser ganzen Aktion mit dem Viral teilgenommen, hab Freunde in die Irre geführt, hab Leser verschaukelt, hab ahnungslos getan. Und mich irrsinnig schlecht dabei gefühlt. (...) Es tut mir wirklich leid. Ich entschuldige mich, wenn jemand von euch dachte, dass da wirklich einem Schwein schlimmes Leid zugefügt wird (und sich jetzt dementsprechend vorgeführt vorkommt). Ich entschuldige mich bei jedem, der so etwas gerade auf dem Weltfrieden niemals erwartet hätte. Ich entschuldige mich bei jedem Twitterfollower, der sich über den Link aufgeregt hat, bei jedem Facebookfreund, der glauben wollte, was er sah und bei jedem Blogleser, der sich Mühe mit der Recherche gemacht hat."


Genau. "Shocking Simulation", das Schwein mit "Uv-Strahlung zuballern" - und auf der anderen Seite Gewinsel und eine tränenreiche Entschuldigungsarie (nicht ohne den Hinweis, wir sehr man selbst gelitten und sich furchtbar gefühl hat...schnief), die sich ein bisschen wie eine Art Oscarrede von Tiger Woods liest. Die Lottiefe des eigenen charakterlichen Gewässers des Verfassers sieht man hier auf eine unfreiwillig bezeichnende Art.

Der Mann, der sich hier äussert ist 1976 geboren und nach gängigen Maßstäben ein erwachsener Mensch. Noch dazu einer, der nun wahrlich über ausreichend Erfahrung mit Öffentlichkeiten verfügt und die Klaviatur der Demut und Bekehrung perfekt beherrschen dürfte. Eine Entschuldigung in dieser verheulten, verhuschten Susen-Form erachte ich jenseits des 18 Lebensjahres für nicht mehr adäquat. Da hat man schon ein bisschen das Gefühl, der kleine Nilz aus dem Bällebad würde einem gerade eine hanebüchene Ausrede erzählen, warum der Verlust der neuen Jacke ja nun mal gar nicht seine Schuld war, im Gegenteil....- Und dabei immer mal wieder unter tränenbewehrten Wimpern hochgucken, ob Mami das auch alles glaubt und endlich ein bisschen Mitleid hat. Mir war so kalt auf dem Heimweg, ich hab so gefroren ohne Jacke - ist das nicht schon Strafe genug? Bei kleinen Jungs kann ich über sowas vielleicht noch lächeln - bei erwachsenen Männern finde ich diese instrumentalisierte Kleinjungen-Peter-Pan-Masche mehr als daneben.

Ein bisschen ehrlicher wäre es gewesen, lieber Nilz Bokelberg, wenn Du statt zeilenweise geleerten Entschuldigungskübeln mal ein bisschen aus dem Nähkästchen geplaudert hättest:

Wie genau lief die Ansprache mit JvM?
Hast Du jemals mit der Krebshilfe persönlich zu tun gehabt?
Gabs ein Briefing für Deine Rosi-Rolle?
Zu welchen Konditionen hast Du das ganze gemacht?

Das wäre ehrlich gewesen. Das hätte nämlich womöglich richtig weh getan - auf jeden Fall mehr als verhuschte Entschuldigungen, die (seien wir mal bitte ehrlich) von Anfang an Teil des Szenarios gewesen sein dürften. Es war völlig klar, dass die eine oder andere Form der Entschuldigung nötig sein würde - vermutlich Teil des Deals oder der Absprache. Nebenbei würde mich natürlich interessieren, wie diese entsprechende Entschuldigung ausgefallen wäre, wenn die Reaktion positiver (Internet) oder resonanziger (Draußen) ausgefallen wäre.


Ich weiss nicht, ob ich glaube dass Nilz Bokelberg ein schlechter Mensch ist. Aber ich weiss, dass er sich selbst für einen guten Menschen hält. Ich halte ihn für die erwachsene Version vom kleinen Nilz aus dem Bällebad, der andere Leute gern auf spielerische Art und Weise ein bisschen verarscht, das aber alles natürlich nicht so meint, der Schlingel.


( Patrick Breitenbach fasst hier übrigens sehr gut zusammen, warum das mit dem Krebs und dem Viralpferd nicht passt. Nichts hinzuzufügen von meiner Seite!)

28
Aug
2012

Ein Mann für gewisse Schwestern

Gestern abend am Telefon mit der Lieblingsschwestser hat es mich wieder förmlich zerrissen vor Kummer: Das Wunderwesen am anderen Ende der Leitung findet keinen Mann. Und sucht eigentlich auch keinen - würde ihn aber gern finden. Eklig finden wir es aber beide schon ein bisschen: Das gezielte Unternehmen, jemanden zu finden. Und sich zu diesem Zweck auf demütige Veranstaltungen zu begeben, sich in Singlebörsen anzumelden, blöden Vereinen beizutreten oder sonst irgendetwas zu machen, was potenzielle Gesellschaft von Männern verspricht. Ich fasse zusammen: Der Mann für meine Schwester sollte irgendwie getroffen und kennengelernt werden.

Nun weist meine Schwester leider eine Reihe von Eigenschaften auf, die sie keinesfalls zu einem leicht vermittelbaren Exemplar machen. So fehlt ihr beispielsweise alles, was sie selbst kätzchen- oder weibchenhaft nennen würde. Also primär die Fähigkeit, Frauchen zu sein, wie es sich (zumindest ergibt das eine kleine Inspektion und kritische Betrachtung vo Paaren im Freundeskreis) ein gewisser Teil von Männern immernoch zu wünschen scheint. So scheiterten schon erste zarte Bande an einer Begleitung, die die im Restaurant vom Kellner wie selbstverständlich gereichte Weinkarte großmännisch öffnete, sich darin vertiefte - und zielsicher einen Wein bestellte, der laut meiner Schwester und (zumindest mimisch) dem Kellner eine unpassende, billige Plörre war. Problem hierbei war nicht die Wahl eines schlechten Weines sondern die Selbstverständlich des männlichen Begleiters den Wein auszusuchen - auch wenn man offenkundig keine Ahnung davon hat und zu geizig ist, überhaupt Wein zu trinken. Meine Schwester bestellte natürlich sofort für sich selbst einen anderen Wein. Weniger um den Begleiter zu kränken, als vielmehr weil sie es nicht einsah aus Höflichkeit gegenüber einem Getränkemacho schlechten Wein zu trinken. Das wiederum fand der Begleiter wohl so grob unhöflich und eine so grobe Beleidigung seiner Männlichkeit, dass der Abend eher schlecht lief.

Gleiches Verhalten, bzw. die absolute Unmöglichkeit meiner Schwester, vermeintliche Männerdomänen des Wissens als gegeben zu akzeptieren, durfte ich selbst bereits mehrfach beobachten - inklusive der irritierten und geschockten Reaktionen der Männer. Neben schlechtem Wein (Penny hat da grade einen fantastischen halbtrockenen Rotwein im Angebot) sind hier Autos (Opel baut ja echt gute Kombis), Reiseziele (Dominikanische Republik - schöner geht Strandurlaub nicht), Luxusgüter (Boss macht einfach die besten Anzüge, Christ hat wirklich tollen Schmuck) zu nennen. Gesucht wird also ein Mann, der entsprechend locker mit so etwas umgeht - und sich vielleicht einfach freut eine Freundin zu haben, die weiss wie guter Wein, guter Urlaub und stilvolles Kleiden und Beschenken geht. (Und die leider nicht davor zurückschreckt, z.B. ein Geschenk höflich aber bestimmt zurück zu geben. Siehe auch: Der heiss geliebte Armreif, der nach einem halben Jahr als aus dem Hause Jette Joop entstammend entlarvt wurde. Wurde nie wieder getragen - egal wie beleidigt meine Eltern waren.)

Der nächste Punkt ist schon etwas schwieriger: Neben prallhodigen Machos (mit Opel und Boss-Anzug, Christ-Schmuck schenkend) scheidet nämlich auch das Äquivalent von der anderen Seite der Skala aus - das sogenannte Meisen-Männchen. Der rührige, über-liebevolle, Füße massierende, an Muttis Geburtstag denkende Fürsorger und Nestbauer. Dooferweise sind genau das die Männer, die meine Schwester am attraktivsten finden. Gesucht wird immernoch ein Mann.

Ebenfalls (man glaubt nicht, wie wenig selbstverständlich das ist!) ein Ausschlusskriterium ist Geiz oder ein irritierender Mangel an Freude am Genuss. Meine Schwester ist der großzügigste Mensch den ich kenne - sich selbst und anderen gegenüber. Als wir vor einigen Jahren in Venedig waren (und mein Vater uns eindringlich vor den prohibitiven Preisen auf dem Markusplatz warnte, ja flehte, diese Preishölle zu meiden), schien nach fünf Tagen Regens eines Nachmittags spontan die Sonne. Es war Februar, kurz vor Karneval, wir hatten tagelang gefroren und uns feucht durch die Straßen geschoben - wir wollten einfach nur nett draußen sitzen, Kaffee trinken, ein Rettchen genießen und Menschen gucken. Am Markusplatz lockten die Tische ebenso wie in den düsteren Seitengassen, Kaffeetrinken und Rauchen hätten wir überall können - aber wir schmissen uns feudal in front row- Korbsessel, bestellten Getränke und strahlten uns über 15-Euro-Kaffee an. Einfach weil es sonnig und trubelig und schön war und der drei-, vier-, fünffache Kaffeepreis die Sache echt wert war. Weil die Suche nach einer preiswerten Alternative den Moment weniger unbeschwert und nett gemacht hätte. Weil das Flug-Upgrade, die Hotelzimmer-Nüsschen, die spontane Reise, die Ledersitze, die gebundene Luxus-Ausgabe manchmal einfach sein müssen. Weil es eben nicht das gleiche ist. Mit niemandem kann man toller etwas genießen, blinzelnd einen Moment an sich vorbeiziehen lassen, sich etwas Außergewöhnliches und Nettes gönnen - und kurze Zeit später an einem schmuddeligen Imbiss essen, Sammeltaxi fahren oder sich über ein Schuh-Schnäppchen freuen.

Meine Schwester ist Chirurgin. Also ein Arbeitstier, eine ziemlich Schlaue und gleichzeitig auch kulturell interessiert. Ich war in den letzten 5 Jahren nicht so oft im Theater oder auf Konzerten wie sie im letzten Monat. Deutlich sollte auch gesagt werden: Sie will Kinder. Unbedingt. Und sie ist 36 Jahre alt - also eher kein Alter, in dem man erstmal ein paar Jährchen wartet und guckt und auslotet. Tendenziell ist sie aber sowieso keine Warterin und Ausguckerin und Ausloterin, sondern jemand der sehr schnell und sehr präzise entscheidet. Und das nicht immer sehr feinfühlig und rücksichtsvoll. Und sie kann wirklich unglaublich nette Sachen für Menschen die sie mag tun. 45 Minuten bettelnd und blinzelnd und flehend vor dem einzigen (seit 5 Minuten geschlossenen) Kiosk im Umkreis von 20 km stehen und um eine Schachtel Zigaretten für mich ringen. Sie macht tolle (weil von Herzen kommende, wohlüberlegte und großzügige) Geschenke. Sie guckt sich unerschrocken Wehwehchen an - auch die vereiterten Zehennägel ihre Busnachbarn in Nepal.

Was ansonsten gut geht: Möglichst Exotische Reiseziele und Unternehmungen, Camping und temporär hygienisch defizitäre Zustände (keine chinesische Toilette und kein indisches Hostel sind gruselig genug), Mittagsschläfchen, begrenzte sportliche Aktivitäten (bitte keinen irren Hobby-Marathon-Freak mit Eiweiss-Shakes und spacigem Helm), zeitlich-begrenzte Fernbeziehung. Ausserdem biete ich hier Kontakt zu einer warmherzigen, extrem humorvollen (und ich spreche hier von wirklich edler Wortwitzigkeit), autarken, begeisterungsfähigen und sehr, sehr liebevollen Schwester. Die im letzten Herbst mit mir eine halbe Stunde lang versucht hat, diesen einen tollen Ast mit den drei perfekt gefärbten Kastanien von einem Baum zu schießen. Wir haben Stöcke geworfen, versucht den Baum zu erklimmen (Resultat: zwei zerrrissene 40-Euro-Strumpfhosen) und am Ende mit einem perfekten Riesenast Erfolg gehabt.


Schrullen und Schrüllchen:

1. Meine Schwester kann sehr, sehr unangenehm werden, wenn man ihren Schlaf stört, sie zu früh weckt, ihren Mittagsschlaf unterbricht oder abends im Hotelzimmer noch fernsehen möchte, während sie schon auf schlafen gepolt ist. Ich schiebe das auf Nachtschichten, 8-stündige Operationen zwischen 22:00 und 6:00 und allgemein ein berufliches Unterordnen des privaten Schlafbedürfnisses. Unangenehm heisst: Als stochere man im Bau einer Moräne.

2. Der innere Ziegenbock. Meine Schwester diätet z.B. in Richtung Kohlehydrate. Wenn ich den ganzen Tag noch nichts gegessen und folglich große Lust auf Nudeln beim Lieblingsitaliener habe geht sie natürlich mit - und trinkt dann den ganzen Abend nur Wasser. Ich hasse, hasse, hasse das und bin der Meinung, sie dürfte ihre Diätregel ruhig mal brechen wenn ich es unangenehm finde, als einzige zu essen. Kommt aber nicht in die Tüte. Ebenso würde sie niemals zu Starbucks (und nahezu allen Ketten und franchisigen Systemgastronomien) gehen - weil: Hass. Sie kann mit einer unglaublichen Penetranz auf Dingen beharren, die man in einem unachtsamen Moment versprochen hat - mit der gleichen Penetranz wird Dingen nachgegangen, die ihr gerade nicht einfallen (Wie hiess noch gleich dieser Schauspieler, dieses Buch, dieser griechische Gott...?). Was mir schonmal heftige Internetgebühren in Odessa beschert hat. Sie wird dann laut, knallt mit den Türen, vertieft sich ostentativ in ein Druckprodukt - um nach 30 Minuten sehr reizend um gute Stimmung zu werben. Streit geht zuverlässig von ihr aus - Versöhnung aber auch. Niemals würde sie zicken oder erwarten, dass der Mann das Weibchen umgarnt und für gute Stimmung sorgt. Schmollen und Nachtragen findet sie lächerlich - klärende Affektgewitter einträglich für die psychische Gesundheit.

3. Meine Schwester ist sehr direkt.


Ehrlich - es muss jetzt wirklich endlich mal wieder ein Mann für sie her. Dringend. Ernstgemeinte Zuschriften an untenstehende Mailadresse, Chiffre: Schwester Manierlich.
(Ja, das meine ich ernst. Ich würde mir ein Bein abhacken, damit sie so glücklich wird wie sie es verdient.)

20
Aug
2012

Glamour und Diskurs

Gemütlich in ein feuchtes Badetuch eingewickelt (und langsam das Sofa durchfeuchtend) habe ich das Wochenende mit Viktor Pelewins "Fünften Imperium" verbracht - ein großartiges, großartiges Buch. Allein schon wegen des Todesbonbons und des Hamlets...
(Also: Lesen. Sofort! Und sich darüber freuen, dass Vampirausbildung auf den beiden Säulen Glamour und Diskurs beruht...)

Mächtig viel "Diskurs" liest man neuerdings auch in Blogs und auf Twitter. Fast möchte man glauben, es gäbe gar keine Gespräche, Austausche oder lockere Konversationen mehr - alles, was irgendjemandem nach zu wenig Schlaf und zu vielen Zigaretten im Hirn aufploppt und in die tastatur gehackt wird, ist "Diskurs". Was ich persönlich extrem nervtötend finde, da Diskurs (zumindest für mich) eben irgendwie mehr ist, als sich in wohlfeilem Soziologie-Proseminar-Duktus über Pussy Riot auszutauschen. Diskurse sind für mich Gespräche, die den Austausch zwischen personalisierten Gesprächsparteien längst verlassen haben: Große, kraftvolle Ideen und Inhalts-Ströme, zu denen bzw. innerhalb der man sich verorten und Haltung beziehen muss. Über-Gespräche, die etwas zum Beben bringen. Jeden sinnlosen Kommentar, den man mal in sein Blog gerotzt hat, gleich als eigenen Beitrag zu diesem oder jenen Diskurs auszurufen klingt für mich nach schwerer Hybris: Ich denke nicht - ich reflektiere. Ich führe keine Gespräche - ich beteilige mich an Diskursen. Schlimm sowas.

Ebenfalls schlimm (und nebenbei hübsch bezeichnend für die oben angesprochene Hybris):

Jens Best und die Todesstrafe für Agrarspekulanten

Hier mal die schlimmsten Zitate:

"Als ich gestern die Schlagzeile las, dass wieder mal eine Hungersnot aufgrund von Dürren anstehen würde, fragte ich mich, ob sich an einer anderen Ursache für hohe Nahrungsmittelpreise auf dem Weltmarkt irgendetwas verändert hatte, seit ich mich das letzte Mal darum gekümmert hatte."

Wie jetzt: "seit du dich das letzte mal darum gekümmert hast"? Ich nehme nicht an, dass hier "Kümmern" im-Sinne von sich-um-die-Blumen-des-Nachbarn-kümmern gemeint ist. Sondern eher: 2008 habe ich mich mal total eingehend im Zuge meines Komplexe-Zusammenhänge-in-einer-Nacht-begreifen-Selbstbildungsprogramms mit Terminhandel befasst. und sofort kapiert, woran das System krankt und was man ändern muss. Ich kümmere mich gerne mal um die ganz dicken Bretter - solche kleinen Gedankenspielereien halten fit und rege.

Ich kenne die Finanzbranche und insbesondere die Ecken, die das große Geld verwalten, durch persönliche Kontakte gut. Die Wirkung von spekulativen Termingeschäften auf die realen Warenmärkte hat intern noch nie jemand ernsthaft bestritten. Im Gegenteil, darin liegt ja der Reiz dieser Variation des immer gleichen perversen Spiels, um aus Geld noch mehr Geld zu machen ohne irgendeinen anderen Wert zu schaffen.

Ja klar: die Ecken, wo das richtig große Geld verwaltet wird - die kennst du natürlich wie deine Westentasche. Ebenso wie den internen Meinungskonsens bezüglich Termingeschäften. Was genau soll dieses Pseudo-Insidergetue?!? Und wenn wir gerade dabei sind: Was konkret hast du eigentlich schon geschaffen, was einen Wert hat? (ich verkneife mir jetzt mal eine spitze auf Brachliegendes....)

Also doch Todesstrafe – das geht dann ans Eingemachte, da hilft kein Bonussystem, keine Karriereaussichten, keine PR. Wenn die letzte Glocke geläutet wird, wird auch der räudigste Hund geläutert (oder zieht wenigsten den Schwanz ein).

Alter! Wenn die letzte Glocke geläutet wird? Dann hilft auch keine PR mehr? Und vielleicht auch - ich wage es kaum auszusprechen - keine wohlfeilen Pseudo-Provokationen per tweet?

Plötzlich waren alle auf Twitter voll besorgt um das arme Banker-Menschenleben, welches da aus Strafe für sein massenmörderisches Handeln (“er wusste es doch nicht”) nun theoretisch in Jens nachmittaglichen Wahnvorstellungen zum Bock geführt werden würde.

Ich sage es gern noch einmal: Wer die todesstrafe ablehnt (was für mich schlichtweg auch eine Frage humanistischer Gesittung ist), der lehnt sie für alle Menschen gleichermaßen ab. Für politische Demonstranten und Päderasten-Scheisskerle. Für Revolutionäre und Mörder. Für zu Unrecht inhaftierte Freiheitskämpfer und gewissenlose Waffenhändler. Es gibt kein bisschen Todesstrafe. Es gibt kein "für bestimmte Vergehen"-angemessen. Das einzige was es gibt ist: ein Tweet, der im Sommerloch mal wieder ein bisschen die eigene spon-ability erhöhen sollte - notfalls halt auch mit Todesstrafe.

“Nein” twittert es aus allen Ecken, nicht Todesstrafe, sondern Grundgesetz führe uns hier langfristig zum Ziel. Ausgerechnet wo die Gier die Vernunft bereits besiegt hat, soll also das Klopfen auf das Grundgesetz zu mehr Menschlichkeit führen. Ich verschwendete wegen diesem wenig reflektierten aber doch brav auswendiggelernten naiven Verfassungspatriotismus einen letzten Gedanken an die Todesstrafe.

Richtig ist richtig - falsch ist falsch. Der vermeintliche Grad der Reflektion, der zum einen oder anderen führte, spielt exakt keine Rolle. Und was soll diese überhebliche Häme gegen das "brave Auswendiglernen"? Lass mich raten: der Gegenpol dazu ist das kleine Wunderkind, das schon in der Schule im Geschichtsunterricht mit historischen Konventionen brach, sich nie einer Denkunmöglichkeit beugte und dieses nimmermüde, reflektierende, sich dem Auswendiglernen entziehende Genie in den Dienst der ganz großen Ziele des 21. Jahrhunderts stellte? Z.B. nachts total entgrenzt und ohne Auswendiglernen mal das Hungerproblem auf der Welt lösen? Oder einen kamerabewehrten Mob mit brennender Verbalheugabel....?

Nix Advocatus Diaboli, ich war einfach der anti-humanistische Arsch.

Ja genau: advocatus diaboli - so sieht sich deinesgleichen extrem gern. Ehrlich, du unermüdliche Wahrheitsfliege, die peinigend-lästig den Kopf des Despoten umbrummt und ausspricht, was sonst keiner zu sagen wagt. Diabolisch präzise treffen deine unangenehmen Wahrheiten mitten ins Herz der braven Auswendiglerner. Und: anti-humanistisch? Wie wäre es mit: Stammtisch? Klingt nicht so glamourös - aber deine Argumente sind die des erregten Bürger-Mobs, der nachts Mahnwachen vor Wohnhäusern von Pädophilen hält. der Bürger- und Menschenrechte mit Füßen tritt. Der ganz gern selbst definieren möchte, wieviel Schuld ein Mensch auf sich nehmen muss, bis ein Recht auf leben in ihrer Gemeinschaft verwirkt ist. und der sich in die Enge getrieben dann auch gern in triefenden Sarkasmus flüchtet:

Nun denn, ich werde also meiner Wut an die Kette legen. Werde brav davon sprechen, wie mit mehr Transparenz, auch gerne mal erzwungener Transparenz die Märkte humanisiert werden können. Wie mit “Mehr Daten für alle” auch mehr Wissen über die weltweiten Handelsrealitäten und damit automatisch mehr Gerechtigkeit Einzug hält, weil der Mensch ebenso ungern wie seinen ganzen Kopf auch schlicht das Gesicht verliert. Werde minimale Strafen monetärer Natur als Erfolg ansehen, wohlwissend, dass hinter verschlossenen Mahagoni-Türen gegrinst wird über die Peanuts, mit denen man die Gutmenschis befriedigte. Wohlwissend, dass mindestens der gleiche Betrag simultan an Auftrags-Aufmerksamkeits-Profis rausgeht, damit so ein ‘Maleur’ nicht nochmal passiere. Wohlwissend, dass irgendein Kommunikationsstudent direkt aus dem Studium eingestellt wird, um zwei Jahre lang ein wenig Corporate Awareness Citizenship Tralala darüberzumalen.

Wie wäre es mit: Ich werde einmal etwas tun, ohne es vorher öffentlichkeitswirksam anzukündigen? Werde mir einmal meinen ekelhaft-abgeklärten klugscheißenden Zynismus verkneifen? Werde einmal nicht den ultra-informierten Insider mit wissendem Lächeln geben?

Ganz im Ernst: Wirf mal einen Blick auf dein xing-Profil. Lies dir nur ein Mal durch, was dort steht. Findest du wirklich, dass jemand dessen persönlicher Qualifikations-Honig z.b. eMail-Marketing, SEO und Yachtchater umfasst geeignet ist, dem geneigten Leser den Ekel und die Absurdität unseres Wirtschaftssystems zu erklären? Du stehst an ziemlich ähnlichen Fleischtöpfen. Und du hast die Frechheit, mit noch vollem Mund und einem guten Nachschlag auf dem Löffel in Richtung der Nachbarkantine zu zeigen, und dich selbst als "advocatus diaboli" zu stilisieren? Ehrlich: das ist schon fast wieder witzig.
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