[>>]

8
Sep
2009

Wars das, Ars?

aec

nachdem ich gerade mit großem erstaunen diesen artikel gelesen habe, frage ich mich ja doch ein bisschen, ob herr graff und ich eigentlich auf der selben ars electronica gewesen sind? klingt alles so nett durch seine zeilen und beinahe möchte man ihm in die kommentare schreiben: auf eine ars 2009 wie sie sie beschreiben, wäre ich wirklich gern gegangen. doof nur, dass ich auf einer anderen war.

30 jahre gibt es die ars schon - da sollte man doch tatsächlich meinen, dass man eine gewisse routine im umgang mit seinen besuchern hätte entwickeln können und dass man so langsam aber sicher auch gelernt hätte, wie die hornbebrillten, apple-igen besucher so ticken. hat man aber offenkundig nicht und so standen der lieblingskollege und ich mal lässig eine geschlagene halbe stunde an der kasse im brucknerhaus. das wäre vielleicht zu verkräften gewesen, wenn der po der schlange am lentos gewesen wäre - vor uns reihten sich aber nicht mehr als ein halbes dutzend andere einlassbegehrende personen. bei solchen dingen kann ich nur mühsam die erbanteile meines immer unruhigen, nervösen und allzu leicht entnervten vaters verdrängen aber himmelherrgott: warum telefoniert kassenpersonal 1 seit einer geschlagenen viertelstunde und warum kann kassenpersonal 2 nicht auf die einfache frage antworten, ob sich ein tagespass wirklich lohnt, wenn man an diesem tag nur das kittlerpanel und die preisträger im ok sehen möchte oder ob es nicht sinnvoller wäre, vortrag und ok als einzelticket zu lösen? zumindest die frage nach kittler hat sich ja praktischerweise während des wartens gelöst, von dem bekommen wir nämlich nur noch die letzten 5 minuten mit. danke, ihr kassenfrettchen!

edunia

leider sind wir noch nicht zu spät für ishiguro - der begleiter will jetzt unbedingt das tagesticket ablauschen und wir quälen uns durch einen erschreckend schlimmen vortrag, der mit überraschenden informationen von der gütequalität eines hauptstudiumsseminars aufwartet. ausserdem ist ishiguro selbst mir optisch so ausgesprochen unangenehm und widerwärtig, dass mir die autopornographischen scherzchen der zuhörer vor mir gerade recht kommen. doof nur, dass ich, während ich gedankenverloren bissige kommentare in eine sms an genji hacke, direkt mein techniktäschchen, also telefon und macflunder neben mir auf dem boden vergesse - aber das fällt mir zum glück erst auf dem dach des ok ein, die stimmung bleibt also kirchenbank-kicherig.

wir treffen herrn ishiguro dann noch einmal am zweiten tag - dann allerdings unterirdisch im funkelnagelneuen ars electronica-center im nicht ganz so funkeligen kellerbereich, wo offenkundig die lab-krankheit ausgebrochen ist, denn es labt uns von allen seiten an: genlab, brainlab und (mein liebstes lab!) fablab, also fabrication lab - das allein ist schonmal fantastisch praktisch-umgesetztes quatschenglisch, da passt herr ishiguro mit seinem geminoid ganz gut hin. (kurzer sprung in der zeit nach vorn, es passt halt gerade so gut - offiziell sind wir aber immernoch in freitagszeit) der zwilling liegt in entspannter zahnarztpose, also kopf im nacken, mund leicht germanys next topmodel-mäßig geöffnet, in einem stuhl und macht erstmal nichts. ishiguro gibt nochmal seinen vortrag von gestern zum besten, derweil schlendern wir durch ein biologiebuch der zehnten klasse und gucken retinabilder und eine große zelle aus kabelbindern (keiner hält die hand beim gähnen vor den mund) - jetzt wollen wir den komischen plastikzwilling dann auch mal in aktion sehen. aktion sieht so aus (leider verpasse ich das anknipsen des zwillings, laut dem begleiters aber unspektakulär): der zwillingsishiguro sitzt stocksteif auf seinem stuhl und bewegt exakt nichts ausser seinem linken fuß der nervös wippt. die mundbewegung sieht ein bisschen wie eine bauchrednerpuppe aus, mimik und gestik gleich null. wenn herr graff beobachtet hat, wie eine besucherin das ding zum lachen animieren wollte: mir wäre ja gerade schon irgendeine regung genug, leider tut uns der puppetmaster (ghost in the shell wurde mehrmals erwähnt, was gäbe ich jetzt für einen flotten kleinen ausschnitt) den gefallen nicht und lässt weiter den kiefer auf und zu klappen, während er englisch hanebücht....

schwerelos

ja, die skelette im foyer sind wirklich sehr schön und die leitende tinte ist irgendwie auch ganz witzig - ich bin meine eigene fernbedienung! jetzt bitte noch einen geldkartenchip an die ferse und ich kann meine neuen schuhe direkt beim hineinschlüpfen bezahlen, ruckediku, spaß ist im schuh! den ökostromdildo finden die begleitung und ich gleichermaßen peinlich-provo, zudem er in communityanbiederndem i-weiß gestaltet ist und nicht so aussieht, als wöllte sich irgendjemand dieses ding lustvoll einführen. direkt im 1a-messebauregal daneben dann die uhr, die aus dem schlamm zweier blumentöpfe die energie bezieht, um die uhrzeit anzeigen zu können - ja, sind wir denn hier bei jugend forscht? dass ich aus meinem urin auch hochwertigen trockendünger machen kann, hat jean pütz in der hobbythek doch auch schonmal erzählt, oder? fassungslos stehen wir danach vor den genpets von brandejs und können kaum glauben, dass man sich ernsthaft traut, diesen uralten kram noch einmal zu präsentieren - schnell wieder richtung eingang des konferenzraumes, wo sich endlich etwas in den plastiktüten tut.

natürlich sieht es irgendwie wohlig-gruselig aus, wie sich drei menschen in einer selbsteintupperungs-forever-young-tüte räkeln. auch die schnüffelgeräusche aus den luftabsaugrohren sind dazu eigentlich ganz passend - neben der reinen ästhetik fühlen wir uns jedoch beide unangenehm plakativ angebrüllt. jaja, message angekommen - schnell raus hier, wir brauchen auf den schock erst einmal ein wiener schnitzel.

das und als vorspeise jeweils einen teller goldgelbe nudeln mit sommertrüffel beschneit gibt es in der wagnerei, unweit vom hauptplatz, dazu jeweils einen halben liter frischen apfel- aber-schmeckt-birnig-saft und rauchen darf man auch - na also. flott graben wir uns mit unseren hoteleigenen schirmen richtung ok, recken schon von weitem die hälse nach riesenrad, achterbahnholztreppchen und pipilotti rist - ars, jetzt bekommst du deine zweite chance.

ja, einige der preisträger sind wirklich toll - wir freuen uns beide an der aufgesponnenen sonnenstrahlung, die man am fertigen objekt bzw. dessen jahresringartigen färbungen ablesen kann, hocken gackernd und winkend in nemos schneekugel, gruseln uns ein bisschen in der nelkenbabystation (immerhin: endlich mal ein halbwegs moderner ansatz - piratige open source-blümchen!) und vor der künstlerpetunia, aber die frage bleibt: wo wirds denn jetzt bitteschön mal ein bisschen electronica auf der ars?

achterbahn2

egal, das dach ruft und wir wollen sofort hinauf in den höhenrausch. also erklimmen wir die feuchten stufen der himmelsleiter, erleben beide unseren titanic-moment am kopf der leiter und freuen uns an der bezaubernden idee. wie ein riesiger wurm kriecht die holzkonstruktion über das dach und darüber hinaus, verlassen verschläft das riesenrad die ars und dann kommt das einzige, aber drastische ärgernis: wir werden von der fabelhaften welt der linz-amelie angesprungen. über das dach verteilt hängen kleine schildchen, die den besucher mit verkaufskanaliger erzählerstimme auffordern, doch einmal die augen zu schliessen und zu lauschen. bimmelt dahinten vielleicht eine straßenbahn? ha! das könnte die nummer 17 sein, an deren steuer gerade elfriede p. (name ausgedacht, alles kann ich mir auch nicht merken) sitzt und ihre fahrgäste durch linz kutschiert. riechst du, werter besucher da unten den duft der bäckerei? dann steht bäckermeister hans a. in seiner backstube und werkelt an der weltberühmten linzer torte. schnell weiter - da es immernoch strömend regnet. stecken wir unsere regenschirme dicht zusammen und rauchen heimlich (obwohl streng verboten! brandgefahr!) ein zigarettchen auf einem der schwindelerregenden ausläufer der achterbahntreppe.

in meinen kaffeebraunen steve madden-halbschuhen quietscht das wasser, die begleitung wird quengelig, also schieben wir uns mit den massen über den hauptplatz und die donau und stürmen erst einmal die sauna im ein wenig kapriziösen und zu gelackten designhotel direkt gegenüber dem ars-center. irgendwie tröpfelt der abend dann ein wenig zu plauderig in ein restaurant, wir argwöhnen uns durch mit allerlei merkwürdigem fleisch veredelte knödel, gewinnen boden beim entrecote, kuscheln uns in die mit dunklem holz getäfelten separées und wissen beim dessert schon wieder, dass daheim zwei menschen auf uns warten. auch gut - der nasse wind draussen peitscht uns sowieso wieder richtung ars-center, wo wir uns die vollmundig und mal eben so als spektakulär beschriebene blink-fassade angucken - viel lieber hätten wir uns auf die kleine schwimmende insel gesetzt und uns von der donau durchwirbeln lassen. nachdem wir andächtig einmal den kompletten regenbogen an der fassade abgestaunt haben, geht es emotional verkatert ins hotel.

am nächsten morgen dann endlich rein ins vergnügen im ars-center und bevor es losgeht wird erstmal wieder ausgiebig schlange gestanden. statt einer eintrittskarte gibts einen kreisrunden aufkleber mit weissem maya-signet, den ich irgendwo zwischen einlass und aufzug verliere. drinnen dann auf zwei etagen wunderhübsche und bezaubernde sachen aus der kinetischen und krachmach-ecke. ja, es ist sehr hübsch, wie das gelbe stühlchen seine ersten schritte auf dem mond unternimmt und sein barock mit rotem samt bezogener verwandter über eine kleine katze hopst. süß, wie die golfbälle auf das monsterxylophon aufschlagen - und auch das japanische erste stockwerk mit mehrjungfrauen im bullauge und scheuen zwischenweltbewohnern war dazu angetan, sich direkt ins herz zu künsteln. ich frag trotzdem nochmal zaghaft: wieviel electronica steckt da nochmal drin...? fühlt sich nach ars kinetica oder ars mechanica an, womit nichts gegen die ausstellungsstücke gesagt sein soll - aber das ganze fühlt sich doch nach kuratorischem thema-verfehlt an. (über die lab-krankheit im unterkellerten bereich müssen wir gar nicht erst reden).

also wieder raus in das sich langsam aufrappelnde wetter und unter himmelblauem himmel noch einmal in die stadt, mit-studierende und den arche-zoo angucken - ab diesem zeitpunkt bin ich aber bereits so rappelvoll mit puppenhausästhetik, eingetuppertem künstlertum, autoerotischen zwillingsfantasien und knöcherigen fabelwesen, das ich nicht einmal ein winziges reflexionströpfchen aus mir heraus pressen konnte, sondern zu dumpfem glotzen und starren übergegangen bin.

als die wolken gerade wieder beginnen zu brodeln, steigen wir mit zwei liebevollen schlechtes-gewissen-linzertörtchen in prunkvoller k und k-verpackung ins auto und fahren heim. selig schmettern aus dem radio, das wir uns wiedersehen werden und das ist doch immer tröstlich.

13
Aug
2009

Juli, Du Tolle!

ich hab dich ja immer verteidigt - egal ob man in klagenfurt deinen "spieltrieb" als hanni&nanni-abklatsch abtat oder sich beste lesefreundinnen hämisch darüber lustig machten, dass "adler und engel" einen unglaulich scheusslichen brigitte-leserinnen-geschmack träfe. immer habe ich an deinen lippen gehangen und mich furchtbar gefreut, wenn du in talkshows zum thema ehrenmorde deinen bezaubernden trotzblick aufgesetzt und die verbalen hörner ausgefahren hast: ehrenmorde, also familiär motivierte affekttaten seien ja (wütendes schnauben, hinreissend war das) nun nicht wirklich eine islamische spezialität, sondern lediglich eine, uns gegenüber den anderen so herrlich überlegen scheinen lassende, spielart der reisserisch ausgesaugten bildzeitungs-familiendramen. ach, wie großartig du bist, wenn du wütend bist!

sogar "die stille ist ein geräusch" habe ich gelesen, obwohl ich diese art von reiseimpressionen nun wahrlich nicht mag - unvergessen, dein "himmel hilf!" beim blick in traurige welpenaugen auf dem ramschmarkt und deine suche nach den melonenfeldern. wunderbar, deine sanski most-begegnung mit dem personeninventar deiner romane und die pragmatik beim betreten minengefährdeter grünfläche. sogar deine eindeutig zu vegtarische ernährungsweise konnte ich dir verzeihen - feurige rote rübchen und selleriestangen, energisch geschwungen beim gestikulierenden essen, passen hervorragend zu dir.

und dann eisäugeltest du mich gestern abend in der kulturzeit in einem interview ob deines neuen buches (ausgerechnet ein sachbuch...) an - und ich bin furchtbar erschrocken. und auch der artikel auf spiegel-online hat mich doch ein wenig erschreckt. aber, liebe, liebe juli, du versöhnst mich spätestens mit der aussage: "wir wollten uns nicht zu fein sein". das fand ich großartig. da war sie wieder, die feigen räubernde, die springerstiefelnde, die fauchende juli - die polemisch und billig und einseitig und billig-provozierend sein kann, wenns der sache dient. sich endlich wieder zu einer haltung zu bequemen - für diese woche mein herzerwärmender moment der zustimmung.

5
Aug
2009

Die große Nutte S.

was mich bis zuletzt erstaunt hat war, wie gut ich nach außen
und ein stückweit auch nach innen, da genji ja regelmäßig und mit
eigenem schlüssel bewaffnet durch mein refugium lungerte, die fassade
gewahrt habe. ich glaube, davor hatte ich auch immer am meisten angst:
vor dieser falladaesken verlotterung, dem sichgehenlassen und der
absoluten gleichgültigkeit gegenüber der eigenen fassade. ich habe nicht
weniger oder anders gearbeitet, habe samstags energisch und unter
zuhilfenahme lauter populärmusik staubsauger und staubwedel geschwungen
und auch nicht das rasieren unnützen körperhaars eingestellt. ich habe
weiterhin relativ regelmäßig und uneklig gegesssen und blaue müllsäcke
oder überquellende aschenbecher gab es nur, als ich am ostersamstag dann
doch das wagnis einging, und das längst morsche soziale umfeld zu mir
eingeladen habe. ich hatte immer spaß daran, meinen kleiderschrank
weiter aufzustocken und auch mein bad sah nie trainspottig aus.

alles andere aber musste sich bedingungslos der sucht unterordnen - und
als erstes opfer in diesem stillen krieg fiel das lesen. ich war viel zu
unkonzentriert, zu fahrig und mit dem gedanken immer dort, wo die sucht
unschuldig hockte und gelangweilt wie eine nutte auf ihre fingernägel
pustete, weil sie ja doch wusste, dass ich wiederkomme weil mein
suchtschwanz es nicht einen abend ohne ihre körperöffnungen aushielt.
gelesen habe ich ausschliesslich zeitschriften und bücher, die ich schon
kannte: die ideale mischung aus oberfläche, unterhaltung und dem
wohligen gefühl, keine angst vor überraschungen haben zu müssen. gut
gingen in der zeit beispielsweise nick hornby, harry potter anderes
leichtverdauliches: ich habe zum ersten mal in meinem leben gespürt,
dass es bücher gibt, in denen die handlung auf mich wartet und mich die
figuren nicht atemlos durch die seiten peitschen. ich hatte buchstäblich
das gefühl, in diesen büchern würde die handlung wie durch eine
stoptaste angehalten, wenn ich das buch aus der hand legte: ein
quidditchspiel fror ein oder ein monolog über irgendeine dümmliche
platte endete mit rundem mund zwischen zwei silben. überhaupt hatte ich
während der gesamten zeit das gefühl, die sucht hätte mir eine art
goldene fernbedienung über mein leben in die hand gegeben. nein, dabei
gings nicht nur ums abschalten (obwohl ich das wirklich bis zur
perfektion beherrschte), sondern auch um so großartige dinge wie
schnellrücklauf oder picture in picture: vor der vorlage des
hauptprogramms, der ewigen gleichen aneinanderreihung der suchtrituale
wie musicclips in heavy rotation, konnte ich über ein briefmarkengroßes
fensterchen immernoch einigermaßen dem verlauf meiner arbeit folgen. ich
konnte schnell auf pause drücken, wenn meine eltern zu besuch waren oder
jemand überraschend auf einen kaffee vorbeikam, als bester kunde meiner
suchtnutte bestand keine notwendigkeit zu befürchten, dass ich etwas
verpasste.

meine gesamte korrespondenz veränderte sich. statt emails von freunden
und bekannten wechselte ich nur noch hektisch-kurze zeilen mit anderen
freiern: wann, wo, wer ist dabei, sei pünktlich, cucu. natürlich ging
fast meine gesamte freizeit für diese vergnügungen drauf: freitag abend
habe ich nach der arbeit nur schnell das nötigste eingekauft, schnell
die dreckige wäsche in die maschine gestopft und war dann bis sonntag
nacht verschollen. verabredungen habe ich entweder gleich ausgeschlagen
oder in suchtlücken eingepasst. dienstag war so ein tag, an dem man ganz
gute chancen hatte, weil sich aus irgendeinem grund eingebürgert hatte,
dass die große hure an diesem tag ihren musealen montag hatte. das
führte dann dazu, das alles, was ich ansonsten auf sieben tage verteilt
habe, dienstags stattfand. dienstags habe ich meine eltern angerufen,
wäsche gebügelt und mal wieder einen film voll konzentriert
wahrgenommen. dienstags habe ich immer mal wieder sport gemacht oder
eine freundin getroffen. wenn tocotronic singen, das samstag selbstmord
sei, dann müsste hier eine weitere zeile für mich hinzugefügt werden:
dienstag ist fassade.

der schlimme moment der erkenntnis kam ziemlich plötzlich und eher
zufällig, als ich an einem sonntagabend die blumen gegossen habe und die
warme nachtluft auf einmal wieder aufregend und wie früher roch. ich
habe solche dinge sehr lange zeit als fremd und nicht mir zugehörig
empfunden, sucht war eben schön und erfüllend, egal was um sie herum
passierte. ich will auch gar nicht wissen, was mich dann so plötzlich
wieder in dieses draußen hineingeschubst hat - aber es war nachhaltig
und bitter. draußen roch es nach grillfesten, nach nick drake im auto
bei der heimfahrt, nach sommerkleidchen auf nackten waden und schweren
holzarmreifen, an denen man herumspielt während man an einer bar eine
handvoll getränke bestellt. vielleicht roch es sogar ein bisschen nach
tanzen, nach freiluftkino und frischem sonntagscroissant. relevant ist eigentlich nur, dass es roch. und was da durch den balkon blitzartig in mich hineinsauste, ein weilchen affektiv kugelblitzte und dann wieder in der nacht verschwand war kurz, präzise und deutlich.

der motor des zu lange in der garage dahinrostenden alten lebens
stottert noch ein bisschen. ab und zu schlage ich die tür zu heftig zu,
wenn mir lange vernachlässigte bekannte als reaktion auf mein
reanimierendes werben unterkühlt körbchen in die hand drücken. als
allererste reparaturhandlung habe ich zwei dutzend bücher nach hause geschleppt, mir einen stapel dvds, jede menge johannisbeergummibärchen und drei verschiedene nagellacke mit heimgenommen und mein erstes wochenende mit mir allein verbracht. zwei mal ist mein blick auf die uhr gefallen und ich musste hektisch den drang unterdrücken aufzuspringen, weil es ja schon längst losgegangen ist, die anderen jetzt gerade ohne mich..! beim ersten mal habe ich mir einen spaziergang zum chinesischen schnellimbiss gegönnt und beim zweiten mal das eis aus dem tiefkühlfach hervorgewühlt. wie ein einziger großer fraß kommt mir das alles vor, als stopfte ich der sucht mit allen mir zur verfügung stehenden mitteln das maul. bücher, kontakte, essen, zigaretten, nächtliches baden und muffins mit himbeerstückchen - ich fresse gegen das große kotzen an.

ich ertappe mich noch dabei, wie ich immer wieder und wie zufällig dahin
unterwegs bin, wo die anderen sind, einen neidisch-schmerzvollen blick
dorthin werfe und dann schnell die entfernung suche. im moment ist das
alles noch unsagbar reizvoll und ich komme nicht umhin, mir an weniger
guten tagen doch kurze rückfälle zu gönnen. seltsamerweise
gibt es fast keine bettelei ich solle länger und öfter und wie früher
dabeisein (aber vermutlich habe ich diesen teil des
suchtaufrechterhaltenden umfeldes auch nur aus den kindern vom bahnhof
zoo auf meine situation extrapoliert). gerade dieser umstand belohnt
mich jedes mal mit der wohligen und vermutlich nicht besonders ehrlichen
erkenntnis, dann könne ich ja auch nie richtig dazugehört haben und
meine sucht sei eben doch exklusiver, anders und irgendwie vergeistigter
als die der anderen. ich gönne mir solche kleinen verlogenheiten ebenso,
wie mein unbemerktes zaungastdasein und hemmungslos voyeuristisches
beobachten.

ich bemerke, wie ich ekelhaft selbstbezogen werde. wie ich mich beobachte. meine gefühle, meinen körper, mein sozialverhalten, meine tage immer und immer wieder überdenke. an die zentrale stelle der sucht in meinem leben bin ich selbst getreten - nur war die sucht weniger gefallsüchtig und in ihrem herrschenden einverleiben nicht so verdammt theatralisch wie ich es zuweilen bin. ich hoffe sehr, dass mir die sache nicht irgendwann einmal in einem schwachen moment herausrutscht, sondern immer mein kleines geheimnis mit mir selbst bleibt - es wäre auch deshalb so fatal, weil ich genau weiss, wie ausufernd und exzessiv ich mich selbst als kurierte und geläuterte inszenieren würde. ich muss es für mich behalten, weil ich sonst wie ein ekelhaftes geschwür aufplatze und mit mir selbst in der pflege nicht mehr so ausufernd umgehen könnte. der suchtexzess strebt nicht nach geheimhaltung, so wie dies das aktuelle, gerade geschehene nicht tut: ich bin über ein jahr lang mit einem sixpack in der hand, einem weissgestreiften spiegelchen, einer spritze im handgelenk und dem sperma von mehreren männern im slip (ich, die suchtchimäre! weil es keine rolle spielt, was es letztlich war - alle süchte sind ermüdend und langweilig in ihren immergleichen etappen und zyklen und abfolgen) krakeelend durchs leben gezogen und es war mir egal, wer mich in welchem zustand sieht. das vergraben, das verbergen und das darüberhinweglächeln beginnt jetzt. und dabei möchte ich verdammt nochmal mit mir und meinem stopfgans-ich allein gelassen werden. es geht mir gut, wenn ich mir gutgehe - so einfach ist das.

16
Jun
2008

Rapa Nui

ich gehöre nicht wirklich zu denjenigen reisenden, die den zustand des reisens als teil des dreisatzes lesen-reisen-kunstgucken(oder hören), also im sinne der horizonterweiterung und des wohlsituierten an sich selbst arbeitens auffassen. reisen heisst für mich primär: nichtdaheimsein. man könnte also sagen: mein reisen ist eher ein urlaub und damit vom klassischen erforschen, entdecken und erweitern maximal entfernt.

(manchmal denke ich, älterwerden heisst für mich: die eigenen ansprüche ausdünnen. vom bildungsbürgertum ist bei mir im laufe der jahre als einziges element das lesen übrig geblieben - das allerdings wuchert und breitet sich beängstigend aus.)

urlaubmachen an sich ist natürlich eine recht verpönte sache - der begriff schliesst ja quasi alles bildende des gepflegten reisens aus und riecht streng nach mallorca. im freundeskreis hagelt es beispielsweise immer hochgezogene augenbrauen und bedenkliche bemerkungen wenn man beiläufig äussert, dass man auch in diesem jahr einen aufenthalt in dubai plant - die abfälligen reaktionen münden hierbei meist in der wenig subtil zur schau getragenen kulturellen überlegenheit eigener reiseziele und damit in einer unschönen persönlichen wertung des in den emiraten urlaubenden. und überhaupt: was macht man dort bitteschön den ganzen tag?

ich habe es ausgegeben zu erklären, warum ich meine reiseziele unverhohlen und ungenant nach dem shopabilityfaktor auswähle - es reicht, dass prinz genji geduldig mit mir fünf tage zwischen selfridges und topshop zubringt oder abends auf der muraquabatstreet sitzt, fladenbrot und öligen kichererbsenbrei taucht und sich freut, wie herzförmige falafel im widerschein einer marks&spence-reklame aufleuchten.

ich sitze gern mit einem zuckersüßen knallroten smoothie auf dem klimatisierten walk of fame einer mall und gucke autos. ich schleppe gern jeden abend wie eine vogelmutti für ihre hungrigen nestlinge kiloweise unterwäsche mit kirschdruck, babydolls und vintageschmuck in ein hotelzimmer. ich liege gern auf dem bauch auf einem pferdedeckenartigen bettüberwurf, schaue stundenlang einheimisches fernsehen und warte bis es nacht wird, um danach in üblen vierteln spazieren zu gehen und kandiertes/frittiertes zeug aus dreckigen büdchen in mich zu stopfen.

gestern abend verlockte mich dann ein artikel in der neuen vogue und spontan begurrte ich die begleitung, doch im nächsten jahr mit mir nach rapa nui zu reisen - hochgezogene augenbrauen und die bösartige frage, ob mir bewusst wäre dass es dort keinen marc jacobs-flagshipstore gäbe waren die folge. und genau das sind die "der deckel vom mohnbrötchen"-momente, auf die man unbewusst fünfeinhalb jahre gewartet hat. während prinz genji auf dem grund des nudelsoßentopfes nach vergessenen fleischstückchen wühlte, brach meine harmonische harrods- und primarkwelt zusammen. der mann, der seit beginn unserer beziehung heuchlerisch meine trophäen hinter mir herschleppte und geduldig die allabendliche modenschau mit freudigen die-schuhe-sind-jedes-pfund-wert-rufen untermalte, offenbarte mir durch diese bemerkungen, dass er mich für ebenso oberflächlich hält, wie meine engsten freunde nur hinter vorgehaltener hand murmeln.

warum der besuch eines museums mit regionaltypischen häkelarbeiten denn auf einmal besser sei, als der tägliche sehnsüchtige gang über die new bond street im londonurlaub wollte ich wissen. ob ihm der zwischen all dem ramsch aufblitzende henkel eines winzigen chloetäschchens denn nicht viel mehr bedeuten würde, als die entdeckung eines gässchens, das nie ein touristenfuß zuvor betrat? ob ich das kirschrote umhängetäschlein mit den wichtigsten urlaubsutensilien (kreditkarte, zigaretten, zugangsberechtigung zum entsprechenden nahverkehr) demnächst gegen einen reiseführer ohne bilder austauschen müsse? soll ich den traditionellen picknickkorb von fortnum&mason, den ich seit fünf jahren anlässlich meines geburtstages immer bekomme gegen lauwarme, euterfrische ziegenmilch tauschen?

ich brauche beton unter den füßen. ich urlaube gern dort, wo es in einem umkreis von anderthalb kilometern mindestens einen laden, der kalte getränke und die amerikanische vogue verkauft gibt. ich dusche auch unterwegs gern zweimal am tag ohne zuhilfenahme entwürdigender duschmarken. und kulturbeflissen über einen brillenrand lächeln kann ich auch daheim.

8
Apr
2008

*

der abnabelungsprozess von den eltern hat in meinem falle eine elementare stufe übersprungen: diejenige, in der man seine eltern einmal als um jedes erzeugersein bereinigte, quasi nackte menschen sieht. ich habe mich beispielsweise nie gefragt, ob ich meine mutter respektieren oder gar mögen würde, würde ich sie nicht als mutter, sondern etwa als kollegin kennenlernen. sicher ist mir schon lange bewusst, dass mein vater, dieser kleine drahtige alte fritz, die furchteinflössende autorität die er noch immer für mich darstellt aus seinem schieren vatersein und keinesfalls aus seinem ehrfurchtgebietenden wesen bezieht. ich habe beide oft genug mit den verschiedensten emotionalen optischen gerätschaften des kindes betrachtet, sie nächtelang in mikroskopische einzelheiten und fernglasferne gesamtheiten zerlegt und erhöht und seziert - ein nichtauflösbarer rest blieb immer.

bis vor kurzem konnte ich auch nur darüber mutmaßen wie es sich anfühlt, etwas über seine eltern zu erfahren, dass es fürderhin unmöglicht macht, sich jemals wieder mit ihnen als eltern im eigentlichen , als instanz etwas guten und richtigen auseinanderzusetzen.

die familien meiner beiden patentanten wurden in den späten siebziger jahren bei einem fluchtversuch an der innerdeutschen grenze gefasst und mit ihren familien zu mehreren jahren haft verurteilt. aufgrund der engen verbindung und freundschaft, die zwischen meinen eltern und beiden familien bestand, folgten unmittelbare konsequenzen für meine familie: die patenfamilien betrachteten meine eltern bis weit nach der wende als verräter, als undichte stellen, die den fluchtversuch scheitern liessen. das regime hingegen nahm meine eltern als enge vertraute von republikflüchtlingen gleichermaßen ins visier und stufte sie als potenzielle aufrührer ein.

besonders meinen vater traf das misstrauen der patenfamilien unglaublich hart, der verdacht lastete bis zur akteneinsicht schwer auf ihm und ich weiss noch wie heute, wie er an jenem tag mit einem stapel trophäenartig vor sich hergetragener kopien, die ein feuerroter bstu-stempel zierte, den gartenweg hinaufkam. die präsentation dieses stapels papier (der erwartungsgemäß nichts als belanglosigkeiten enthielt) während einem der nächsten besuche der patenfamilien verlief hingegen keinesfalls so, wie er es erwartet hatte. als minderschwerer fall hatte mein vater natürlich erst viel später als die bei der flucht gefassten familien akteneinsicht bekommen, längst war geklärt, wer beide familien damals verraten hatte. bei diesem, in form und inhalt hochnotpeinlichen treffen kam es keineswegs zu einer wirklich tiefen versöhnung oder entschuldigung, vielmehr beschlich mich das gefühl, mein vater sei zutiefst enttäuscht, dass sich der durch die gescheiterte fluch und die inhaftierung entstandene graben nicht schliessen lasse. die patenfamilien waren nicht bereit, meinen vater als opfer des regimes zu akzeptieren oder sich gar für den verdacht zu entschuldigen. bespitzelungen über den gartenzaun, lachhafte wohnungsskizzen oder jahrelange überwachungen von telefongesprächen und briefen wogen keinen tag haft und trennung von mann und kindern auf. es gab keine entschuldigung, kein näherrücken - vielmehr verstärkte sich die kluft, das erfahrungsgefälle und das unausgesprochene gefühl eines zwecklosen ringens um die schaffung einer gemeinsamen verständnisbasis.

das heutige verhältnis ist ein oberflächlich entspanntes: gemeinsame kurzurlaube, gegenseitige besuche, der von beiden seiten ernsthaft betriebene versuch an etwas anzuknüpfen, dass am tag der missglückten flucht unwiderruflich zuende war. das thema inhaftierung ist auf eine merkwürdige weise präsent, insbesondere die trennung von den kindern, die während der zeit der elterlichen haft in heimen und bei pflegefamilien untergebracht waren.

kurzer exkurs:
eine meiner patentanten waren einen großteil ihrer haft in hoheneck untergebracht. wer sich die mühe macht, und auch nur den kurzen starttext liest, der wird mit einem gefühl heftigen kotzdranges belohnt - hoheneck war vor einigen jahren gegenstand schlimmster pr, da geschmacksresistente investoren aus dem für seine grausamen haftbedingungen berüchtigten gefängnis für politisch inhaftierte frauen eine art erlebnishotel machen wollten, zitat: " Und gerade diese Verbindung macht Hoheneck so interessant, das gibt es kein zweites Mal, dies eröffnet Möglichkeiten, die kein anderer hat!".

meine patentante spricht seit langem davon, dass sie sich mit dem gedanken trägt, hoheneck noch einmal mit ihren kindern, meiner mutter und mir zu besuchen. dass die führungen von der oben erwähnten firma organisiert wurden und die auf der website präsentierten presseberichte durch einen aufgegeilten geisterbahnton geprägt waren, sprach meine mutter im vorfeld behutsam an - wir fuhren trotzdem. was während dieser führung passierte, in welchem sensationsprallen, saftigen ton dieser ort im wortsinn zur schau gestellt wurde, entzieht sich jeglicher schilderbarkeit und war zutiefst verabscheuungswürdig und widerlich.

ich habe mich gewundert wie stoisch, beinahe paralysiert meine patentante neben uns stand, als man beispielsweise während der führung eine abteilung in der sie zwei jahre lang arbeitete präsentierte. dort wurde alte arbeitskleidung zerschnitten und zu was-auch-immer verarbeitet: "lumpenabteilung" wurde das genannt, süffisierte die führende kraft und liess bewusst offen, ob sich dies auf die hier arbeitenden oder das material bezog. wäre meine patin nicht dabei gewesen, hätte ich den mitarbeiter gern auf die geschmacklosigkeit seiner äusserungen hingewiesen und mich auf dem absatz umgedreht. so stand ich als tochter meines vaters, der aufgrund eines lächerlichen haufens akten seine unschuld beweisen und rehabilitation herbeiführen wollte daneben und habe mich zutiefst geschämt.

diese scham schlug in bodenlose wut auf meinen vater, der sich noch heute gern als, wenn auch kleines, unbedeutendes opfer der ddr stilisiert um, als meine patin auf dem heimweg sehr sachlich und sehr ruhig erzählte, mein vater hätte sie, ihren mann und ihre kinder während der beinahe fünfjährigen haft kein einziges mal besucht. an diesem nachmittag habe ich alles gelernt, was man über das gefühl angesichts unterbliebener zivilcourage wissen kann.

irgendwann erfährt man etwas über seine eltern, das diese um einen aspekt erweitert, der für einen kurzen augenblick jeglichen respekt und jegliche achtung vor ihnen abfallen lässt. dann sieht man seine eltern sehr klar und deutlich vor sich: den bstu-aktenstapel, das charakterschwache tuscheln über die furchtbaren geschehnisse in einem staat, das erschreckend unpolitische einer sich selbst als ehemals zutiefst staatsfeindlich empfindenden existenz (die im kern nur eine von tausenden unzufriedenen kleinen maulern war) einen verblendeten älterwerdenden mann, der zu feige war, seine engsten freunde während der haft zu besuchen. meine enttäuschung hätte nicht größer sein können, hätte ich erfahren dass mein vater ein kleiner zuträger war, der nachts mit spitzem bleistift kantinengespräche zu papier brachte. er hatte keine überzeugung - zumindest keine, für die er das äusserst geringe wagnis einzugehen bereit gewesen wäre, seine freunde zu besuchen. und er verdient sein bstu-feigenblättchen nicht, diese rechtfertigung, diese nachträgliche legitimation seines zutiefst unwürdigen verhaltens.

29
Dez
2007

Der liebe Gott

wenn ich bei meinen eltern bin muss ich, um die nach meinem wegzug etablierte zimmerverteilung nicht zu stören, immer im letzten noch nahezu vollständig instandgehaltenen kinderzimmer nächtigen - was reichlich gelegenheit zur inspektion meiner früheren kinderbücher gibt. ich bin immer wieder erstaunt, wie genau ich insbesondere deren illustrationen noch kenne und während es aus den unteren schlafzimmern krakeelt, ich möge doch das rauchen im dachgeschoss einstellen (oh heiliger sankt florian....) freue ich mich abwechselnd über ein drastisches bild aus einer illustrierten ausgabe des kalten herzens oder eine weichgezeichnete bebilderung meines damaligen lieblingsmärchens (falada, da du hangest.....). am letzten sonntag fiel mir beim stöbern meine kinderbibel in die hände, eine reichlich zerfledderte ddr-ausgabe die pathetischerweise "schild des glaubens" heisst und die ich auch wegen ihrer illustrationen unglaublich geliebt habe. das lag sicherlich nicht daran, dass ich so ein frommes kind war, vielmehr mochte ich die geschichten, die von seiten meines vaters durch eine reichliche portion dramaturgischer beigaben während des vorlesens angereichert wurden und die für mich völlig gleichberechtigt neben "jorinde und joringel" und dem tapferen zinnsoldaten angesiedelt waren.

während der weihnachtstage an denen ich daheim bin, kumuliert die gesamte religiöse erziehung meines vaters in einer merkwürdigen melange aus christenlehre und frühkindlicher bibelerziehung und nie ist mir so bewusst geworden dass mein vater einen glauben von der tiefe eines achtjährigen kindes in sich bewegt, wie in diesem jahr. der ehemalige orgelspieler quält die gesamte familie seit jahr und tag speziell mit dem bachschen weihnachtsoratorium - "bereite dich zion" dröhnt mir bei betreten des hauses regelmässig am abend des 23ten in ohrenbetäubender lautstärke entgegen, was bedeutet, dass der religiöse wahn, der bis pfingsten anhalten wird, langsam seinem vorläufigen höhepunkt entgegenstrebt. die lust und inbrunst, mit der unsere familie mit beginn der adventszeit endlich auch einmal das komplette inventar der inszenierung des religiösen pflegen darf, belegt wieder einmal die alte these von den protestanten, die neidisch auf den prunk und die staffage der katholiken schielen.

ich gönne meinen eltern und speziell meinem vater diese unschuldige kleine freude von ganzem herzen - tragisch ist nur das zutagetreten der basis seiner religiosität. im kern glaubt mein vater an den sprichwörtlichen lieben gott seiner kindheit, angereichert mit deutlichen zeus-anleihen. gott heisst für meinen vater: blitzeschleudern, cherubin und brennender dornenbusch. es gibt keine reflektierte ebene, sondern lediglich einen ängstlich-märchenhaften kinderglauben, der aus dampfendem opferlammblut, beschaulichen tierpärchen die die arche noah besteigen und erkenntnisäpfeln zusammen gesetzt ist.

gespannte verhältnisse zwischen töchtern und vätern sind sicherlich mehr als gewöhnlich. dass aber der zumeist einzige moment des jahres, in dem ich so etwas wie emotionale verbundenheit zwischen uns beiden bemerke ausgerechnet während des gottesdienstes am 24.12. vonstatten geht, sichert uns beiden einen gewissen exotenstatus. wenn wir um kurz nach halb sechs dort sitzen, wo die manierlichs seit nunmehr drei generationen sitzen (seit der besucherschwemme die 1989 einsetzte, sind gute kirchenplätze eine frage des timings und meistens muss ich bereits die vorangehende kindermesse besuchen, um den einen und einzigen platz für die gesamte familie in bester zonen-manier zu "besetzen"), steht meinem vater bereits die vorfreude im gesicht geschrieben, weil chor und orgel bald unser beider lieblingslied anstimmen. insbesondere die von der gemeinde mitgesungenen zeilen "gottes sohn ist mensch geborn´n, hat versöhnt des vaters zorn" sind umfassend nach dem religiösen geschmack meines vaters und bereits mit beginn des ersten teils (der in der sächsischen provinz von dialektfreien mitgliedern der kurrende mit deutschem text gesungen wird) nimmt mein vater meine hand um während der phase des gemeindlichen mitsingens die schmissigen paukenschläge, die wir beide so gern mögen, quasi per sanftem druck an mich weiterzugeben.

das ganze ist angesichts unseres regulären emotionalen verhältnisses so komplett unglaublich und ein so unfassbarer moment der intimität, dass ich jedes jahr denke, ich hätte mir die erinnerungen der letzten jahre lediglich eingebildet. bereits wenige tage nach dem letzten quempas kommt mir die szenerie meines, ob der vielen nichtkirchengeldzahler in seiner kircher strafende blicke versenkenden vaters, der meine hand nimmt, durch und durch abwegig vor. die gleiche person, die mir gegenüber während des restlichen jahres eine mischung aus emotionaler unbeholfenheit und passivem misstrauen hegt, fasst mich freiwillig und für runde dreieinhalb minuten in momenten des höheren musikalischen genusses an - unfassbar. wir sprechen nie darüber, warum während des quempas das unglaubliche vonstatten geht.

28
Okt
2007

schlafzimmeriges

es ist ja herbst, da spricht man wieder gern darüber. nämlich darüber, wie man sich´s hübsch macht daheim und gemütlich und möglichst nestig. das zentrum dieses nestes wandert während des jahres einmal quer durch die ganze wohnung und im herbst, da lebt man quasi nur im schlafzimmer und spricht folgerichtig auch darüber, wie es denn beschaffen sein sollte (niemals und unter keinen umständen aber darüber, was darin geschieht).

als ich noch eine einzimmerwohnung hatte, träumte ich immer davon einmal einen raum zu haben, in dem nichts als ein bett stehen würde. ein bett, ein bänkchen am ende des fusses und ein dicker strauß gladiolen oder lilien. es kommt natürlich anders, denn man bemöbelt im laufe der zeit und angesichts der knappheit der wohnfläche ja doch wieder alles. und so wurde aus dem zimmer für ein bett ein zimmer für alles, was ins arbeits-und fernsehzimmer nicht mehr reinpasste, in der küche blöd aussehen würde und im bad nichts zu suchen hat. quellen die bücherregale im zweiten zimmer über: mach nix, flugs drei weitere regale im schlafzimmer deponiert und neben den zweiten kleiderschrank geschoben. gästedecke, kissen, reisetasche und ein dutzend lieblingsschuhe dazu, später gesellt sich der fernseher ins eck und die prächtige aber vollkommen überdimensionierte bodenvase findet auch noch einen platz. raum für das malerische bänkchen am fuße des bettes bleibt dann natürlich keiner mehr.

unbegreiflich ist mir, wie man sein bett weiss beziehen kann. unbegreiflich und: zuhöchst empörend. es gibt ja leute, die können sogar einen weisse wintermantel tragen, der nicht nach zwei wochen wie ein eisbärfell aussieht. entrückte wesen, die ihr in euren betten keinen sex habt und nie mit einem rest makeup ins bett huscht, die ihr nie im bett frühstückt oder raucht: weisse bettwäsche finde ich nur in fremden schlafzimmern, in denen ich nicht schlafen muss großartig. bei mir sähe das aber nach wenigen tagen eklig aus, also wird farbig bezogen (und zwar am allerliebsten mit bezaubernden stücken von hier. leider sprengt bettwäsche regelmässig die zulässige maximalgewichtsklasse des gepäcks auf dem rückflug). zusammen mit dem sammelsurium, das aus dem vollmöbeln resultiert, ergibt sich mit den himbeerfarbigen wänden so immer die gepflegte anmutung des interieurs eines auf der landstraße dahinschaukelnden wagens einer wahrsagerin.

was im madame-mim-schlafzimmer ansonsten gut geht: verteilte häufchen, bestehend aus schmuck, haarbändern, schals und sonstigem gehänge. ein leerer aschenbecher und eine notschachtel zigaretten. eine große obstschale. schnittblumen und der schnickschnackige tand, der zu intim ist, um ihn im zweiten zimmer auszustellen. eingetopfte orchideen und eine schmusige nachttischlampe.

was in keinem schlafzimmer geht: lichterketten. fotos des personenkreises, den man gern "meine lieben" nennt. kerzen jeder art. softpornomusik und duftwaren wie verstaubte, bunt gefärbte blätter, die penetrant nach vanille riechen. kuscheltiere auf dem bett.

5
Okt
2007

Mit dem Kopf von heute

ach verdammt, ich würde jetzt gern an den ort verlinken, an dem ich diese oder eine zumindest sehr ähnliche formulierung vor bereits einiger zeit gelesen habe. leider kann ich mich partout nicht erinnern und trotzdem sprang es mich gerade an, wie das wäre, die dinge von damals mit dem kopf von heute noch einmal zu erleben.

nicht, um sie zu verändern. sondern vielmehr um klarheit darüber zu erlangen, welchen anteil an den erinnerungen, die vivide noch immer in aller klarheit existieren, der kopf von damals hat und wieviel bedeutung das eigentliche geschehen wohl einnimmt. mit musik funktioniert das übrigens ganz ausgezeichnet: der kopf von heute hört die hymnen von früher, greift zielgenau in die affektive bibliothek abteilung spätadoleszenz und hält pathetische ergriffenheit in den ratlosen händen. ach guckan, nine inch nails fand ich wirklich mal richtig gut und dabei verstauben die entsprechenden tonträger seit jahren ganz unten in einer kiste voll ähnlich erlesen-schauriger musik. ganz klarer punktsieg für den kopf: nin funktionierte wirklich nur in einer äusserst schmalen biographischen nische.

ob mir und dem kopf von heute wohl auffallen würde, wie unglaublich dämlich der deflorateur in seinen (ich wage es kaum zu sagen) karottig geschnittenen jeans aussah, als wir an der scheisskalten nordsee herum hockten und unausgesprochen darauf warteten, dass es endlich abend genug sein würde um ausreichend romantische stimmung für einen koitus produzieren zu können? bereits beim flüchtigen erinnern wird mir angesichts dieser eigentlich längst vergangenen situation beinahe übel vor lauter peinlichkeit - war das wirklich peinlich? oder ist der kopf von heute nur nicht in der lage, die erinnerungen des elf jahre jüngeren kopfes exakt zu integrieren, d.h. um das früher zu bereinigen und als tatsächliche situation wiederzugeben?

genau das würde ich nämlich wirklich gern tun: das gesammelte inventar energisch aus dem kopf schütteln und die erinnerungen verheutigen: die ganzen losen knöpfe annähen, klemmende (schlimmer noch: verklemmende) reißverschlüsse geschmeidig machen, das ausgerissene futter wieder zusammenführen und den saum schliessen. denn genau so fühlen sich die erinnerungen von damals häufig an: als wären sie irgendwie kaputt und nicht ganz in dem zustand, in dem sie wären hätte sie der kopf von heute gemacht. zwischen dem kopf von heute und den dingen von damals liegt bedauerlicherweise kein kontinuum, weil das ich sich so hartnäckig saltatorisch fortbewegt. es überschreibt sich fortwährend selbst, beinahe so wie die zaubertafel, die ich einmal hatte und unangenehmerweise finde ich in der erinnerung keine spur vom früheren kopf, die ich nicht kompliziert ableiten müsste.

hätte der kopf von heute eine ebenfalls hochgradig schamvolle erinnerung an einen abend in göttingen im herbst mit den gleichen markern versehen, wie das zwanzigjährige pendant? wohl kaum, aber: warum speichert der heutige kopf die erinnerung von damals auch nach mehrmaligem wiederaufrufen trotzdem ungerührt noch mit den gleichen parametern ab? wo ist die altersmilde angesichts des eigenen verhaltens, die sich wohltuend auf die eigenen erinnerungen legt, wenn man sie mal braucht?
logo

Miss Manierlichs Manierismen

Aktuelle Beiträge

entschuldigung für...
entschuldigung für die späte antwort, es...
Miss Manierlich - 15. Sep, 15:38
Ist das nicht einfach...
Ist das nicht einfach sehr ars-artig, so zu sein? Ich...
spalanzani (Gast) - 12. Sep, 12:22
Wars das, Ars?
nachdem ich gerade mit großem erstaunen diesen...
Miss Manierlich - 9. Sep, 17:28
Juli, Du Tolle!
ich hab dich ja immer verteidigt - egal ob man in klagenfurt...
Miss Manierlich - 13. Aug, 16:33
Die große Nutte...
was mich bis zuletzt erstaunt hat war, wie gut ich...
Miss Manierlich - 5. Aug, 14:59

Archiv

Januar 2010
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
 
 
 
 
 1 
 2 
 3 
 4 
 5 
 6 
 7 
 8 
 9 
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
 
 
 

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Suche

 

Status

Online seit 1321 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 15. Sep, 15:38

Credits

vi knallgrau GmbH

powered by Antville powered by Helma


xml version of this page

twoday.net AGB