Wars das, Ars?

nachdem ich gerade mit großem erstaunen diesen artikel gelesen habe, frage ich mich ja doch ein bisschen, ob herr graff und ich eigentlich auf der selben ars electronica gewesen sind? klingt alles so nett durch seine zeilen und beinahe möchte man ihm in die kommentare schreiben: auf eine ars 2009 wie sie sie beschreiben, wäre ich wirklich gern gegangen. doof nur, dass ich auf einer anderen war.
30 jahre gibt es die ars schon - da sollte man doch tatsächlich meinen, dass man eine gewisse routine im umgang mit seinen besuchern hätte entwickeln können und dass man so langsam aber sicher auch gelernt hätte, wie die hornbebrillten, apple-igen besucher so ticken. hat man aber offenkundig nicht und so standen der lieblingskollege und ich mal lässig eine geschlagene halbe stunde an der kasse im brucknerhaus. das wäre vielleicht zu verkräften gewesen, wenn der po der schlange am lentos gewesen wäre - vor uns reihten sich aber nicht mehr als ein halbes dutzend andere einlassbegehrende personen. bei solchen dingen kann ich nur mühsam die erbanteile meines immer unruhigen, nervösen und allzu leicht entnervten vaters verdrängen aber himmelherrgott: warum telefoniert kassenpersonal 1 seit einer geschlagenen viertelstunde und warum kann kassenpersonal 2 nicht auf die einfache frage antworten, ob sich ein tagespass wirklich lohnt, wenn man an diesem tag nur das kittlerpanel und die preisträger im ok sehen möchte oder ob es nicht sinnvoller wäre, vortrag und ok als einzelticket zu lösen? zumindest die frage nach kittler hat sich ja praktischerweise während des wartens gelöst, von dem bekommen wir nämlich nur noch die letzten 5 minuten mit. danke, ihr kassenfrettchen!

leider sind wir noch nicht zu spät für ishiguro - der begleiter will jetzt unbedingt das tagesticket ablauschen und wir quälen uns durch einen erschreckend schlimmen vortrag, der mit überraschenden informationen von der gütequalität eines hauptstudiumsseminars aufwartet. ausserdem ist ishiguro selbst mir optisch so ausgesprochen unangenehm und widerwärtig, dass mir die autopornographischen scherzchen der zuhörer vor mir gerade recht kommen. doof nur, dass ich, während ich gedankenverloren bissige kommentare in eine sms an genji hacke, direkt mein techniktäschchen, also telefon und macflunder neben mir auf dem boden vergesse - aber das fällt mir zum glück erst auf dem dach des ok ein, die stimmung bleibt also kirchenbank-kicherig.
wir treffen herrn ishiguro dann noch einmal am zweiten tag - dann allerdings unterirdisch im funkelnagelneuen ars electronica-center im nicht ganz so funkeligen kellerbereich, wo offenkundig die lab-krankheit ausgebrochen ist, denn es labt uns von allen seiten an: genlab, brainlab und (mein liebstes lab!) fablab, also fabrication lab - das allein ist schonmal fantastisch praktisch-umgesetztes quatschenglisch, da passt herr ishiguro mit seinem geminoid ganz gut hin. (kurzer sprung in der zeit nach vorn, es passt halt gerade so gut - offiziell sind wir aber immernoch in freitagszeit) der zwilling liegt in entspannter zahnarztpose, also kopf im nacken, mund leicht germanys next topmodel-mäßig geöffnet, in einem stuhl und macht erstmal nichts. ishiguro gibt nochmal seinen vortrag von gestern zum besten, derweil schlendern wir durch ein biologiebuch der zehnten klasse und gucken retinabilder und eine große zelle aus kabelbindern (keiner hält die hand beim gähnen vor den mund) - jetzt wollen wir den komischen plastikzwilling dann auch mal in aktion sehen. aktion sieht so aus (leider verpasse ich das anknipsen des zwillings, laut dem begleiters aber unspektakulär): der zwillingsishiguro sitzt stocksteif auf seinem stuhl und bewegt exakt nichts ausser seinem linken fuß der nervös wippt. die mundbewegung sieht ein bisschen wie eine bauchrednerpuppe aus, mimik und gestik gleich null. wenn herr graff beobachtet hat, wie eine besucherin das ding zum lachen animieren wollte: mir wäre ja gerade schon irgendeine regung genug, leider tut uns der puppetmaster (ghost in the shell wurde mehrmals erwähnt, was gäbe ich jetzt für einen flotten kleinen ausschnitt) den gefallen nicht und lässt weiter den kiefer auf und zu klappen, während er englisch hanebücht....

ja, die skelette im foyer sind wirklich sehr schön und die leitende tinte ist irgendwie auch ganz witzig - ich bin meine eigene fernbedienung! jetzt bitte noch einen geldkartenchip an die ferse und ich kann meine neuen schuhe direkt beim hineinschlüpfen bezahlen, ruckediku, spaß ist im schuh! den ökostromdildo finden die begleitung und ich gleichermaßen peinlich-provo, zudem er in communityanbiederndem i-weiß gestaltet ist und nicht so aussieht, als wöllte sich irgendjemand dieses ding lustvoll einführen. direkt im 1a-messebauregal daneben dann die uhr, die aus dem schlamm zweier blumentöpfe die energie bezieht, um die uhrzeit anzeigen zu können - ja, sind wir denn hier bei jugend forscht? dass ich aus meinem urin auch hochwertigen trockendünger machen kann, hat jean pütz in der hobbythek doch auch schonmal erzählt, oder? fassungslos stehen wir danach vor den genpets von brandejs und können kaum glauben, dass man sich ernsthaft traut, diesen uralten kram noch einmal zu präsentieren - schnell wieder richtung eingang des konferenzraumes, wo sich endlich etwas in den plastiktüten tut.
natürlich sieht es irgendwie wohlig-gruselig aus, wie sich drei menschen in einer selbsteintupperungs-forever-young-tüte räkeln. auch die schnüffelgeräusche aus den luftabsaugrohren sind dazu eigentlich ganz passend - neben der reinen ästhetik fühlen wir uns jedoch beide unangenehm plakativ angebrüllt. jaja, message angekommen - schnell raus hier, wir brauchen auf den schock erst einmal ein wiener schnitzel.
das und als vorspeise jeweils einen teller goldgelbe nudeln mit sommertrüffel beschneit gibt es in der wagnerei, unweit vom hauptplatz, dazu jeweils einen halben liter frischen apfel- aber-schmeckt-birnig-saft und rauchen darf man auch - na also. flott graben wir uns mit unseren hoteleigenen schirmen richtung ok, recken schon von weitem die hälse nach riesenrad, achterbahnholztreppchen und pipilotti rist - ars, jetzt bekommst du deine zweite chance.
ja, einige der preisträger sind wirklich toll - wir freuen uns beide an der aufgesponnenen sonnenstrahlung, die man am fertigen objekt bzw. dessen jahresringartigen färbungen ablesen kann, hocken gackernd und winkend in nemos schneekugel, gruseln uns ein bisschen in der nelkenbabystation (immerhin: endlich mal ein halbwegs moderner ansatz - piratige open source-blümchen!) und vor der künstlerpetunia, aber die frage bleibt: wo wirds denn jetzt bitteschön mal ein bisschen electronica auf der ars?

egal, das dach ruft und wir wollen sofort hinauf in den höhenrausch. also erklimmen wir die feuchten stufen der himmelsleiter, erleben beide unseren titanic-moment am kopf der leiter und freuen uns an der bezaubernden idee. wie ein riesiger wurm kriecht die holzkonstruktion über das dach und darüber hinaus, verlassen verschläft das riesenrad die ars und dann kommt das einzige, aber drastische ärgernis: wir werden von der fabelhaften welt der linz-amelie angesprungen. über das dach verteilt hängen kleine schildchen, die den besucher mit verkaufskanaliger erzählerstimme auffordern, doch einmal die augen zu schliessen und zu lauschen. bimmelt dahinten vielleicht eine straßenbahn? ha! das könnte die nummer 17 sein, an deren steuer gerade elfriede p. (name ausgedacht, alles kann ich mir auch nicht merken) sitzt und ihre fahrgäste durch linz kutschiert. riechst du, werter besucher da unten den duft der bäckerei? dann steht bäckermeister hans a. in seiner backstube und werkelt an der weltberühmten linzer torte. schnell weiter - da es immernoch strömend regnet. stecken wir unsere regenschirme dicht zusammen und rauchen heimlich (obwohl streng verboten! brandgefahr!) ein zigarettchen auf einem der schwindelerregenden ausläufer der achterbahntreppe.
in meinen kaffeebraunen steve madden-halbschuhen quietscht das wasser, die begleitung wird quengelig, also schieben wir uns mit den massen über den hauptplatz und die donau und stürmen erst einmal die sauna im ein wenig kapriziösen und zu gelackten designhotel direkt gegenüber dem ars-center. irgendwie tröpfelt der abend dann ein wenig zu plauderig in ein restaurant, wir argwöhnen uns durch mit allerlei merkwürdigem fleisch veredelte knödel, gewinnen boden beim entrecote, kuscheln uns in die mit dunklem holz getäfelten separées und wissen beim dessert schon wieder, dass daheim zwei menschen auf uns warten. auch gut - der nasse wind draussen peitscht uns sowieso wieder richtung ars-center, wo wir uns die vollmundig und mal eben so als spektakulär beschriebene blink-fassade angucken - viel lieber hätten wir uns auf die kleine schwimmende insel gesetzt und uns von der donau durchwirbeln lassen. nachdem wir andächtig einmal den kompletten regenbogen an der fassade abgestaunt haben, geht es emotional verkatert ins hotel.
am nächsten morgen dann endlich rein ins vergnügen im ars-center und bevor es losgeht wird erstmal wieder ausgiebig schlange gestanden. statt einer eintrittskarte gibts einen kreisrunden aufkleber mit weissem maya-signet, den ich irgendwo zwischen einlass und aufzug verliere. drinnen dann auf zwei etagen wunderhübsche und bezaubernde sachen aus der kinetischen und krachmach-ecke. ja, es ist sehr hübsch, wie das gelbe stühlchen seine ersten schritte auf dem mond unternimmt und sein barock mit rotem samt bezogener verwandter über eine kleine katze hopst. süß, wie die golfbälle auf das monsterxylophon aufschlagen - und auch das japanische erste stockwerk mit mehrjungfrauen im bullauge und scheuen zwischenweltbewohnern war dazu angetan, sich direkt ins herz zu künsteln. ich frag trotzdem nochmal zaghaft: wieviel electronica steckt da nochmal drin...? fühlt sich nach ars kinetica oder ars mechanica an, womit nichts gegen die ausstellungsstücke gesagt sein soll - aber das ganze fühlt sich doch nach kuratorischem thema-verfehlt an. (über die lab-krankheit im unterkellerten bereich müssen wir gar nicht erst reden).
also wieder raus in das sich langsam aufrappelnde wetter und unter himmelblauem himmel noch einmal in die stadt, mit-studierende und den arche-zoo angucken - ab diesem zeitpunkt bin ich aber bereits so rappelvoll mit puppenhausästhetik, eingetuppertem künstlertum, autoerotischen zwillingsfantasien und knöcherigen fabelwesen, das ich nicht einmal ein winziges reflexionströpfchen aus mir heraus pressen konnte, sondern zu dumpfem glotzen und starren übergegangen bin.
als die wolken gerade wieder beginnen zu brodeln, steigen wir mit zwei liebevollen schlechtes-gewissen-linzertörtchen in prunkvoller k und k-verpackung ins auto und fahren heim. selig schmettern aus dem radio, das wir uns wiedersehen werden und das ist doch immer tröstlich.
Miss Manierlich - 8. Sep, 18:12
