Ein Jahr in der Niemandsbucht
Es gibt in "Amanda Herzlos" eine Stelle, die so geht: Amanda schreibt da also einen Roman. Selbigen zeigt sie eines Tages Mann 2, dem Schriftsteller, der den Roman nicht mag und ihr dies nach einigem hin und her auch beichten muss. Danach sagt Becker, bzw. lässt Mann 2 etwas sagen, dass unglaublich hart ist und von dem ich mich schon damals, als ich den Roman vor rund 6,7 jahren las, erschreckend präzise beschrieben gefühlt habe. Sinngemäß: Amanda musste sich nun in ein Leben zu fügen lernen, in dem sie nicht mehr hoffen und erwarten könne etwas Besonderes zu sein - sondern lernen, dass sie zwar witzig, intelligent und klug sei. Aber eben keine Ausnahme, kein Genie und nichts besonderes.
Nicht dazu bestimmt sein, Größtes zu vollbringen. Keine superspecial snowflake. Gewöhnlich, Durchschnitt, Mittelmaß. Was ich damals extrem hart fand (als Erkenntnismoment betrachtet), hat heute etwas ungemein tröstliches, beruhigendes, erleichterndes. Ich muss nicht jede Entscheidung daraufhin abklopfen, ob sie meinem Selbstbild angemessen ist. Ob das was ich denke, lese, reflektiere, erlebe, erreiche auch überdurchschnittlich genug ist. Ob ich mich ausreichend abgrenze, heraussteche und abhebe. Wie Amanda habe ich gelernt (tat gar nicht weh), mich in eine Durchschnittsexistenz zu fügen und nicht immer das Gefühl zu haben (und darunter zu leiden), etwas unter meinem Niveau zu tun. Man wird entspannter, wenn man sich selbst und seine Möglichkeiten realistischer einschätzt.
Es ist noch dunkel, wenn um 6:00 nacheinander ein schrilliger Metallwecker scheppert und danach im 5-Minutentakt das Telefon nachweckt. Es ist dunkel, wenn ich ins Bad tappe und dusche, alles putze was geputzt werden muss und in ein flauschiges Zelthandtuch gehüllt in den Spiegel gucke, wie die Haare heute zu liegen geruhen. Es ist dunkel, wenn ich in die am Vorabend gebügelten, schwarzen immergleichen bürotauglichen Uniformen schlüpfe, die Kaffeemaschine Bohnen raspelt und die Morgennachrichten an mir vorbeirauschen. Ich habe noch keine Thermoskanne, aber dafür eine am Abend gepackte Handtasche mit Schirm, Ersatzstrumpfhose, einer halben Apotheke und einem halben Dutzend Zug- und Straßenbahnplänen. Ich habe schnell und schmerzhaft gelernt, dass immer und irgendwo etwas zu spät kommt, ausfällt oder verzögert eintrifft.
Um 7:00 stehen an der Straßenbahnhaltestelle Schulkinder und drei handvoll Früharbeiter, die in Kürze das Licht in Läden anschalten, Kassen mit Wechselgeld bestücken, Morgenvisiten betreuen, Kurierbriefe austragen oder Kantinenessen kochen. Ich sitze nicht gern nahe neben Menschen, also drängele ich ein bisschen (früher) oder stelle mich exakt dorthin, wo gleich eine Tür zischend aufgeht. Rechts an Türen stehen ist besser, weil aus irgendeinem Grund eher nach links abgebogen wird. Ich kenne jede Haltestelle, alle Nadelöhre und die Ecken, wo gern Fußgänger oder Autofahrer zu Betriebsstörungen führen. Ich kenne die Schnaufer der Pendler, wenn die Bahn auch nur etwas zu kurz an einer Haltestelle verweilt, aber ich schnaufe jetzt eher nach innen, weil ich auf wenige Sekunden genau weiss, wie spät wir an dieser oder jener Haltestelle sein dürfen, damit ich es noch irgendwie in den Zug schaffe.
Am Bahnhof stehen die Üblichen und die beinahe Bekannten: Die beiden hochgradig unsympathischen, überlagerten und überschminkten dicklichen Russinnen, die jeden Morgen, wenn es sein muss lautstark ihre Plätze im immer gleichen Zug erkämpfen. Die sehr hübsche, aber auch sehr bockig blickende junge Frau, die für Kolleginnen Plätze freihält. Den Typ, der schon morgens verschwitzt riecht und in dessen Nähe ich nicht sitzen will. Den, der sich selbst im fast leeren Zug immer direkt neben die Toilette setzt (aber diese nie benutzt). Die Lehramtsstudentinnen. Die zwei Admins eines Top-Gewerbesteuerzahlers am Zielort. den lustigen kleinen Inder in der Arbeitsuniform, den widerlichen Typ mit dem Hartschalenrucksack. Wenn der Zug einfährt, wird es langsam heller.
Pendler haben jede Menge Zeit zum Lesen. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich einmal jeden Tag mindestens drei zusätzliche Stunden Zeit zum Lesen hatte. Das ist toll. Ich versuche mir einzureden, mein Tag hätte jetzt drei Stunden mehr. In Wahrheit verschiebt sich aber wohl nur ein kompaktes privates Zeitbündel zu vielen, kleinen Päckchen im Niemandsland zwischen Büro und daheim - an Haltestellen, im Zug, in der Straßenbahn.
Gegen eins Mittagspause mit Kolleginnen oder allein, um mir am Wasser den Wind ins Gesicht pusten zu lassen. Rauchen, Kleinstadtpanorama, manchmal beim örtlichen Feinkostlädchen eine handvoll Pralinen oder Kuchen, zurück ins Büro. Je nach Arbeitsmenge um sechs oder halb acht zurück zum Bahnhof, Rückfahrt, an dörflichen Siedlungen im halbdunkel zurück nach Hause, was synonym zum Ort des Duschens, Wäschewaschens und hastigen Essens geworden ist. Je nach Abfahrtszeit um sieben oder um neun daheim sein, raus aus den Bürosachen, duschen, mit Handtuch auf dem Kopf auf dem Sofa sitzen und essen. Rudimentär soziale Kontakte pflegen, gegen elf ins Bett, ein paar Seiten lesen, einschlafen.
Ich lese diese gewissen, lächerlich bekenntnishaften und von einem Selbst, das eben alles außer gewöhnlich ist, getriebenen Texte und Tweets jetzt viel öfter (vermutlich fallen sie mir jetzt nur stärker auf) und immer noch etwas irritierter. Ich bin anders als ihr. Ich bin nicht gemacht, für einen lahmen 9 to 5 (haha - selten so gelacht. Wie wäre es mit einem realistischeren 8 to 6 oder 8 to 7?) Bürojob. Es sind immer die gleichen Menschen, mit den gleichen Leben und gleichen Vorstellungen von sich selbst, die sich ihre aktuell prekären und dafür in Zukunft umso glanzvolleren Umstände schönschwatzen. Selbstverwirklichung dröhnt mich an. Und weil Selbstdefinition auch immer Abgrenzung und damit Definition dessen, von dem man sich abgrenzt bedeutet, beginne ich diesen Verwirklichungsdrang zum Kotzen zu finden: "Ich bin ein Selbst, das zu seiner Verwirklichung eben mehr braucht als das, was den anderen schon reicht. Ich bin ein Selbst, das selbst genug ist um verwirklicht zu werden. Ich bin ein Selbst, das an einer Supermarktkasse, hinter einem Schreibtisch oder in einem Krankenhaus verkümmern würde - aber Euch Gewöhnlichen mag das reichen, das gestehe ich gönnerhaft ein."
Bezahlt werden, um man selbst zu sein. Pardon: Geld bekommen, um man selbst zu sein - man ist ja keine Lohnnutte. Und bis das jemand tun will, schlängelt man sich halt so durch und verwirklicht irgendetwas - im Zweifel sich selbst. Pflegt das, was klassisches Unterschichtkonsumverhalten ist: Wenn schon keine iegene Wohnung, dann zumindest jeden morgen auswärts frühstücken, hier und da ein Pfund Klamotten bei Primark und alle zwei Jahre ein neues Macbook. Schöner wäre rein materiell gesehen natürlich das Leben der Nichtselbstverwirklicher (die eben nicht genug verwirklichungswertes Selbst haben, die armen Schweine), aber diese Möglichkeit scheitert an frühem Aufstehen, Kompromissfähigkeit und dem Umstand, dass man Timelines und Feeds mal 10 Stunden ausschalten und etwas anderes tun muss. Überhaupt: Das verdammte Tun-Müssen....
Gestern war der Jahrestag des Beginns eines für mich völlig neuen Lebensabschnittes. Dieses Jahr war oft verdammt beschissen, ich habe so hart und viel gearbeitet, wie ich schon vorher immer dachte gearbeitet zu haben. Es war ein einziges hingehecheltes Berg-und-Talbahnfahren. Es war anstrengend, ein einziges Durchbeissen, Weitermachen, Nicht-Aufgeben. Es war war maximal glamourfern - und ich habe seit dem Studium nicht mehr so viel Neues gelernt. Tolles, Spannendes, Großartiges - jeden Freitag habe ich im Zug gesessen und gedacht, das ich immer dachte, ich sei schon viel fertiger, eine viel finalere Version meiner selbst. Nicht ich habe mich verwirklicht, sondern etwas anderes hat das getan.
Nicht dazu bestimmt sein, Größtes zu vollbringen. Keine superspecial snowflake. Gewöhnlich, Durchschnitt, Mittelmaß. Was ich damals extrem hart fand (als Erkenntnismoment betrachtet), hat heute etwas ungemein tröstliches, beruhigendes, erleichterndes. Ich muss nicht jede Entscheidung daraufhin abklopfen, ob sie meinem Selbstbild angemessen ist. Ob das was ich denke, lese, reflektiere, erlebe, erreiche auch überdurchschnittlich genug ist. Ob ich mich ausreichend abgrenze, heraussteche und abhebe. Wie Amanda habe ich gelernt (tat gar nicht weh), mich in eine Durchschnittsexistenz zu fügen und nicht immer das Gefühl zu haben (und darunter zu leiden), etwas unter meinem Niveau zu tun. Man wird entspannter, wenn man sich selbst und seine Möglichkeiten realistischer einschätzt.
Es ist noch dunkel, wenn um 6:00 nacheinander ein schrilliger Metallwecker scheppert und danach im 5-Minutentakt das Telefon nachweckt. Es ist dunkel, wenn ich ins Bad tappe und dusche, alles putze was geputzt werden muss und in ein flauschiges Zelthandtuch gehüllt in den Spiegel gucke, wie die Haare heute zu liegen geruhen. Es ist dunkel, wenn ich in die am Vorabend gebügelten, schwarzen immergleichen bürotauglichen Uniformen schlüpfe, die Kaffeemaschine Bohnen raspelt und die Morgennachrichten an mir vorbeirauschen. Ich habe noch keine Thermoskanne, aber dafür eine am Abend gepackte Handtasche mit Schirm, Ersatzstrumpfhose, einer halben Apotheke und einem halben Dutzend Zug- und Straßenbahnplänen. Ich habe schnell und schmerzhaft gelernt, dass immer und irgendwo etwas zu spät kommt, ausfällt oder verzögert eintrifft.
Um 7:00 stehen an der Straßenbahnhaltestelle Schulkinder und drei handvoll Früharbeiter, die in Kürze das Licht in Läden anschalten, Kassen mit Wechselgeld bestücken, Morgenvisiten betreuen, Kurierbriefe austragen oder Kantinenessen kochen. Ich sitze nicht gern nahe neben Menschen, also drängele ich ein bisschen (früher) oder stelle mich exakt dorthin, wo gleich eine Tür zischend aufgeht. Rechts an Türen stehen ist besser, weil aus irgendeinem Grund eher nach links abgebogen wird. Ich kenne jede Haltestelle, alle Nadelöhre und die Ecken, wo gern Fußgänger oder Autofahrer zu Betriebsstörungen führen. Ich kenne die Schnaufer der Pendler, wenn die Bahn auch nur etwas zu kurz an einer Haltestelle verweilt, aber ich schnaufe jetzt eher nach innen, weil ich auf wenige Sekunden genau weiss, wie spät wir an dieser oder jener Haltestelle sein dürfen, damit ich es noch irgendwie in den Zug schaffe.
Am Bahnhof stehen die Üblichen und die beinahe Bekannten: Die beiden hochgradig unsympathischen, überlagerten und überschminkten dicklichen Russinnen, die jeden Morgen, wenn es sein muss lautstark ihre Plätze im immer gleichen Zug erkämpfen. Die sehr hübsche, aber auch sehr bockig blickende junge Frau, die für Kolleginnen Plätze freihält. Den Typ, der schon morgens verschwitzt riecht und in dessen Nähe ich nicht sitzen will. Den, der sich selbst im fast leeren Zug immer direkt neben die Toilette setzt (aber diese nie benutzt). Die Lehramtsstudentinnen. Die zwei Admins eines Top-Gewerbesteuerzahlers am Zielort. den lustigen kleinen Inder in der Arbeitsuniform, den widerlichen Typ mit dem Hartschalenrucksack. Wenn der Zug einfährt, wird es langsam heller.
Pendler haben jede Menge Zeit zum Lesen. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich einmal jeden Tag mindestens drei zusätzliche Stunden Zeit zum Lesen hatte. Das ist toll. Ich versuche mir einzureden, mein Tag hätte jetzt drei Stunden mehr. In Wahrheit verschiebt sich aber wohl nur ein kompaktes privates Zeitbündel zu vielen, kleinen Päckchen im Niemandsland zwischen Büro und daheim - an Haltestellen, im Zug, in der Straßenbahn.
Gegen eins Mittagspause mit Kolleginnen oder allein, um mir am Wasser den Wind ins Gesicht pusten zu lassen. Rauchen, Kleinstadtpanorama, manchmal beim örtlichen Feinkostlädchen eine handvoll Pralinen oder Kuchen, zurück ins Büro. Je nach Arbeitsmenge um sechs oder halb acht zurück zum Bahnhof, Rückfahrt, an dörflichen Siedlungen im halbdunkel zurück nach Hause, was synonym zum Ort des Duschens, Wäschewaschens und hastigen Essens geworden ist. Je nach Abfahrtszeit um sieben oder um neun daheim sein, raus aus den Bürosachen, duschen, mit Handtuch auf dem Kopf auf dem Sofa sitzen und essen. Rudimentär soziale Kontakte pflegen, gegen elf ins Bett, ein paar Seiten lesen, einschlafen.
Ich lese diese gewissen, lächerlich bekenntnishaften und von einem Selbst, das eben alles außer gewöhnlich ist, getriebenen Texte und Tweets jetzt viel öfter (vermutlich fallen sie mir jetzt nur stärker auf) und immer noch etwas irritierter. Ich bin anders als ihr. Ich bin nicht gemacht, für einen lahmen 9 to 5 (haha - selten so gelacht. Wie wäre es mit einem realistischeren 8 to 6 oder 8 to 7?) Bürojob. Es sind immer die gleichen Menschen, mit den gleichen Leben und gleichen Vorstellungen von sich selbst, die sich ihre aktuell prekären und dafür in Zukunft umso glanzvolleren Umstände schönschwatzen. Selbstverwirklichung dröhnt mich an. Und weil Selbstdefinition auch immer Abgrenzung und damit Definition dessen, von dem man sich abgrenzt bedeutet, beginne ich diesen Verwirklichungsdrang zum Kotzen zu finden: "Ich bin ein Selbst, das zu seiner Verwirklichung eben mehr braucht als das, was den anderen schon reicht. Ich bin ein Selbst, das selbst genug ist um verwirklicht zu werden. Ich bin ein Selbst, das an einer Supermarktkasse, hinter einem Schreibtisch oder in einem Krankenhaus verkümmern würde - aber Euch Gewöhnlichen mag das reichen, das gestehe ich gönnerhaft ein."
Bezahlt werden, um man selbst zu sein. Pardon: Geld bekommen, um man selbst zu sein - man ist ja keine Lohnnutte. Und bis das jemand tun will, schlängelt man sich halt so durch und verwirklicht irgendetwas - im Zweifel sich selbst. Pflegt das, was klassisches Unterschichtkonsumverhalten ist: Wenn schon keine iegene Wohnung, dann zumindest jeden morgen auswärts frühstücken, hier und da ein Pfund Klamotten bei Primark und alle zwei Jahre ein neues Macbook. Schöner wäre rein materiell gesehen natürlich das Leben der Nichtselbstverwirklicher (die eben nicht genug verwirklichungswertes Selbst haben, die armen Schweine), aber diese Möglichkeit scheitert an frühem Aufstehen, Kompromissfähigkeit und dem Umstand, dass man Timelines und Feeds mal 10 Stunden ausschalten und etwas anderes tun muss. Überhaupt: Das verdammte Tun-Müssen....
Gestern war der Jahrestag des Beginns eines für mich völlig neuen Lebensabschnittes. Dieses Jahr war oft verdammt beschissen, ich habe so hart und viel gearbeitet, wie ich schon vorher immer dachte gearbeitet zu haben. Es war ein einziges hingehecheltes Berg-und-Talbahnfahren. Es war anstrengend, ein einziges Durchbeissen, Weitermachen, Nicht-Aufgeben. Es war war maximal glamourfern - und ich habe seit dem Studium nicht mehr so viel Neues gelernt. Tolles, Spannendes, Großartiges - jeden Freitag habe ich im Zug gesessen und gedacht, das ich immer dachte, ich sei schon viel fertiger, eine viel finalere Version meiner selbst. Nicht ich habe mich verwirklicht, sondern etwas anderes hat das getan.
Miss Manierlich - 2. Mrz, 22:52
