2
Mrz
2013

Ein Jahr in der Niemandsbucht

Es gibt in "Amanda Herzlos" eine Stelle, die so geht: Amanda schreibt da also einen Roman. Selbigen zeigt sie eines Tages Mann 2, dem Schriftsteller, der den Roman nicht mag und ihr dies nach einigem hin und her auch beichten muss. Danach sagt Becker, bzw. lässt Mann 2 etwas sagen, dass unglaublich hart ist und von dem ich mich schon damals, als ich den Roman vor rund 6,7 jahren las, erschreckend präzise beschrieben gefühlt habe. Sinngemäß: Amanda musste sich nun in ein Leben zu fügen lernen, in dem sie nicht mehr hoffen und erwarten könne etwas Besonderes zu sein - sondern lernen, dass sie zwar witzig, intelligent und klug sei. Aber eben keine Ausnahme, kein Genie und nichts besonderes.

Nicht dazu bestimmt sein, Größtes zu vollbringen. Keine superspecial snowflake. Gewöhnlich, Durchschnitt, Mittelmaß. Was ich damals extrem hart fand (als Erkenntnismoment betrachtet), hat heute etwas ungemein tröstliches, beruhigendes, erleichterndes. Ich muss nicht jede Entscheidung daraufhin abklopfen, ob sie meinem Selbstbild angemessen ist. Ob das was ich denke, lese, reflektiere, erlebe, erreiche auch überdurchschnittlich genug ist. Ob ich mich ausreichend abgrenze, heraussteche und abhebe. Wie Amanda habe ich gelernt (tat gar nicht weh), mich in eine Durchschnittsexistenz zu fügen und nicht immer das Gefühl zu haben (und darunter zu leiden), etwas unter meinem Niveau zu tun. Man wird entspannter, wenn man sich selbst und seine Möglichkeiten realistischer einschätzt.

Es ist noch dunkel, wenn um 6:00 nacheinander ein schrilliger Metallwecker scheppert und danach im 5-Minutentakt das Telefon nachweckt. Es ist dunkel, wenn ich ins Bad tappe und dusche, alles putze was geputzt werden muss und in ein flauschiges Zelthandtuch gehüllt in den Spiegel gucke, wie die Haare heute zu liegen geruhen. Es ist dunkel, wenn ich in die am Vorabend gebügelten, schwarzen immergleichen bürotauglichen Uniformen schlüpfe, die Kaffeemaschine Bohnen raspelt und die Morgennachrichten an mir vorbeirauschen. Ich habe noch keine Thermoskanne, aber dafür eine am Abend gepackte Handtasche mit Schirm, Ersatzstrumpfhose, einer halben Apotheke und einem halben Dutzend Zug- und Straßenbahnplänen. Ich habe schnell und schmerzhaft gelernt, dass immer und irgendwo etwas zu spät kommt, ausfällt oder verzögert eintrifft.

Um 7:00 stehen an der Straßenbahnhaltestelle Schulkinder und drei handvoll Früharbeiter, die in Kürze das Licht in Läden anschalten, Kassen mit Wechselgeld bestücken, Morgenvisiten betreuen, Kurierbriefe austragen oder Kantinenessen kochen. Ich sitze nicht gern nahe neben Menschen, also drängele ich ein bisschen (früher) oder stelle mich exakt dorthin, wo gleich eine Tür zischend aufgeht. Rechts an Türen stehen ist besser, weil aus irgendeinem Grund eher nach links abgebogen wird. Ich kenne jede Haltestelle, alle Nadelöhre und die Ecken, wo gern Fußgänger oder Autofahrer zu Betriebsstörungen führen. Ich kenne die Schnaufer der Pendler, wenn die Bahn auch nur etwas zu kurz an einer Haltestelle verweilt, aber ich schnaufe jetzt eher nach innen, weil ich auf wenige Sekunden genau weiss, wie spät wir an dieser oder jener Haltestelle sein dürfen, damit ich es noch irgendwie in den Zug schaffe.

Am Bahnhof stehen die Üblichen und die beinahe Bekannten: Die beiden hochgradig unsympathischen, überlagerten und überschminkten dicklichen Russinnen, die jeden Morgen, wenn es sein muss lautstark ihre Plätze im immer gleichen Zug erkämpfen. Die sehr hübsche, aber auch sehr bockig blickende junge Frau, die für Kolleginnen Plätze freihält. Den Typ, der schon morgens verschwitzt riecht und in dessen Nähe ich nicht sitzen will. Den, der sich selbst im fast leeren Zug immer direkt neben die Toilette setzt (aber diese nie benutzt). Die Lehramtsstudentinnen. Die zwei Admins eines Top-Gewerbesteuerzahlers am Zielort. den lustigen kleinen Inder in der Arbeitsuniform, den widerlichen Typ mit dem Hartschalenrucksack. Wenn der Zug einfährt, wird es langsam heller.

Pendler haben jede Menge Zeit zum Lesen. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich einmal jeden Tag mindestens drei zusätzliche Stunden Zeit zum Lesen hatte. Das ist toll. Ich versuche mir einzureden, mein Tag hätte jetzt drei Stunden mehr. In Wahrheit verschiebt sich aber wohl nur ein kompaktes privates Zeitbündel zu vielen, kleinen Päckchen im Niemandsland zwischen Büro und daheim - an Haltestellen, im Zug, in der Straßenbahn.

Gegen eins Mittagspause mit Kolleginnen oder allein, um mir am Wasser den Wind ins Gesicht pusten zu lassen. Rauchen, Kleinstadtpanorama, manchmal beim örtlichen Feinkostlädchen eine handvoll Pralinen oder Kuchen, zurück ins Büro. Je nach Arbeitsmenge um sechs oder halb acht zurück zum Bahnhof, Rückfahrt, an dörflichen Siedlungen im halbdunkel zurück nach Hause, was synonym zum Ort des Duschens, Wäschewaschens und hastigen Essens geworden ist. Je nach Abfahrtszeit um sieben oder um neun daheim sein, raus aus den Bürosachen, duschen, mit Handtuch auf dem Kopf auf dem Sofa sitzen und essen. Rudimentär soziale Kontakte pflegen, gegen elf ins Bett, ein paar Seiten lesen, einschlafen.

Ich lese diese gewissen, lächerlich bekenntnishaften und von einem Selbst, das eben alles außer gewöhnlich ist, getriebenen Texte und Tweets jetzt viel öfter (vermutlich fallen sie mir jetzt nur stärker auf) und immer noch etwas irritierter. Ich bin anders als ihr. Ich bin nicht gemacht, für einen lahmen 9 to 5 (haha - selten so gelacht. Wie wäre es mit einem realistischeren 8 to 6 oder 8 to 7?) Bürojob. Es sind immer die gleichen Menschen, mit den gleichen Leben und gleichen Vorstellungen von sich selbst, die sich ihre aktuell prekären und dafür in Zukunft umso glanzvolleren Umstände schönschwatzen. Selbstverwirklichung dröhnt mich an. Und weil Selbstdefinition auch immer Abgrenzung und damit Definition dessen, von dem man sich abgrenzt bedeutet, beginne ich diesen Verwirklichungsdrang zum Kotzen zu finden: "Ich bin ein Selbst, das zu seiner Verwirklichung eben mehr braucht als das, was den anderen schon reicht. Ich bin ein Selbst, das selbst genug ist um verwirklicht zu werden. Ich bin ein Selbst, das an einer Supermarktkasse, hinter einem Schreibtisch oder in einem Krankenhaus verkümmern würde - aber Euch Gewöhnlichen mag das reichen, das gestehe ich gönnerhaft ein."

Bezahlt werden, um man selbst zu sein. Pardon: Geld bekommen, um man selbst zu sein - man ist ja keine Lohnnutte. Und bis das jemand tun will, schlängelt man sich halt so durch und verwirklicht irgendetwas - im Zweifel sich selbst. Pflegt das, was klassisches Unterschichtkonsumverhalten ist: Wenn schon keine iegene Wohnung, dann zumindest jeden morgen auswärts frühstücken, hier und da ein Pfund Klamotten bei Primark und alle zwei Jahre ein neues Macbook. Schöner wäre rein materiell gesehen natürlich das Leben der Nichtselbstverwirklicher (die eben nicht genug verwirklichungswertes Selbst haben, die armen Schweine), aber diese Möglichkeit scheitert an frühem Aufstehen, Kompromissfähigkeit und dem Umstand, dass man Timelines und Feeds mal 10 Stunden ausschalten und etwas anderes tun muss. Überhaupt: Das verdammte Tun-Müssen....

Gestern war der Jahrestag des Beginns eines für mich völlig neuen Lebensabschnittes. Dieses Jahr war oft verdammt beschissen, ich habe so hart und viel gearbeitet, wie ich schon vorher immer dachte gearbeitet zu haben. Es war ein einziges hingehecheltes Berg-und-Talbahnfahren. Es war anstrengend, ein einziges Durchbeissen, Weitermachen, Nicht-Aufgeben. Es war war maximal glamourfern - und ich habe seit dem Studium nicht mehr so viel Neues gelernt. Tolles, Spannendes, Großartiges - jeden Freitag habe ich im Zug gesessen und gedacht, das ich immer dachte, ich sei schon viel fertiger, eine viel finalere Version meiner selbst. Nicht ich habe mich verwirklicht, sondern etwas anderes hat das getan.

14
Sep
2012

Ein guter Mensch

Ich kriege nie den heissen Scheiss im Internet nie mit und erfahre folglich auch immer erst von einer Sache, wenn sie bei Spon oder Spreeblick (same same) hochploppt. So auch von der Sache mit dem Schwein und dem Hautkrebs und dem Bokelberg. Und schon nach der Spreeblick-Lektüre hatte ich einen gewaltigen Kotzklumpen im Hals: "Wer wirklich glaubt, dass Nilz ein schlechter Mensch ist, der irrt gewaltig".

Was genau heisst hier: "schlechter Mensch"? Ich vermute, die Übersetzung lautet: Der kleine Nilz hat es doch nur gut gemeint und möchte jetzt bitte aus dem Bällebad abgeholt werden. Ich kanns nur nochmal sagen: Die Motive falschen Handelns sind scheissegal und interessieren exakt niemanden. Sie taugen auch nur für eine Sache: Krokodilstränenreiche Entschuldigungen, wenn eine Sache eben nicht so läuft, wie sie laufen sollte. Motive und ihre Richtigkeit sind nämlich leider eine verdammt subjektive Sache - Moral und Vorstellungen richtigen Handelns sind ziemlich fix und lassen nur Spielraum, wenn es um Existenzielles geht. Ich glaube z.B., dass die Bürgerwehren, die mit Pechfackeln und Transparenten vor den Wohnhäusern entlassener Straftäter stehen der Meinung sind, das wäre ok - Schutz von Kindern schlägt Menschenrechte von pädosexuellen Schweinen. Die Spinner, die ein Kopfgeld auf Waffenfabrikanten (bzw. den Beweis, dass es sich wirklich um solche handelt) aussetzen, glauben ebenfalls dass sie hier ein übergeordnetes "richtig" legtimiert - auch Waffenhändlerschweine haben im Zweifelsfall keine Persönlichkeitsrechte. Beide Beispiele sind der Meinung: Wenn die Polizei (die Politik, die Kirche, der Bürgermeister, Batman) hier nichts tun -dann müssen wir aktiv werden. Denn wir haben gute Argumente und Gründe - und wir werden sie benutzen. Mir fallen da spontan jede Menge Leute ein, die auch der Meinung waren, total gute Gründe zu haben - und die dann später in eine Kamera schluchzten und alle Menschen sehr lieb gehabt haben wollten.

Mich ekelt diese Argumentation zutiefst an und ich störe mich immer und immer und immer wieder an diesen guten Menschen mit guten Gründen und guten Motiven - und ihrem dazu in scharfem Kontrast stehendem Verhalten. Und mich ekelt an, wie Nilz Bokelberg gerade mit der Sache umgeht und öffentlich Abbitte tut.

Bezeichnend finde ich persönlich ja die Differenz zwischen:

"Wenn man also shocking simuliert, was einem Schwein passieren würde, wenn es mit UV-Strahlung vollgeballert wird, dann löst das vielleicht eine Diskussion aus."

und

"Deswegen habe ich also an dieser ganzen Aktion mit dem Viral teilgenommen, hab Freunde in die Irre geführt, hab Leser verschaukelt, hab ahnungslos getan. Und mich irrsinnig schlecht dabei gefühlt. (...) Es tut mir wirklich leid. Ich entschuldige mich, wenn jemand von euch dachte, dass da wirklich einem Schwein schlimmes Leid zugefügt wird (und sich jetzt dementsprechend vorgeführt vorkommt). Ich entschuldige mich bei jedem, der so etwas gerade auf dem Weltfrieden niemals erwartet hätte. Ich entschuldige mich bei jedem Twitterfollower, der sich über den Link aufgeregt hat, bei jedem Facebookfreund, der glauben wollte, was er sah und bei jedem Blogleser, der sich Mühe mit der Recherche gemacht hat."


Genau. "Shocking Simulation", das Schwein mit "Uv-Strahlung zuballern" - und auf der anderen Seite Gewinsel und eine tränenreiche Entschuldigungsarie (nicht ohne den Hinweis, wir sehr man selbst gelitten und sich furchtbar gefühl hat...schnief), die sich ein bisschen wie eine Art Oscarrede von Tiger Woods liest. Die Lottiefe des eigenen charakterlichen Gewässers des Verfassers sieht man hier auf eine unfreiwillig bezeichnende Art.

Der Mann, der sich hier äussert ist 1976 geboren und nach gängigen Maßstäben ein erwachsener Mensch. Noch dazu einer, der nun wahrlich über ausreichend Erfahrung mit Öffentlichkeiten verfügt und die Klaviatur der Demut und Bekehrung perfekt beherrschen dürfte. Eine Entschuldigung in dieser verheulten, verhuschten Susen-Form erachte ich jenseits des 18 Lebensjahres für nicht mehr adäquat. Da hat man schon ein bisschen das Gefühl, der kleine Nilz aus dem Bällebad würde einem gerade eine hanebüchene Ausrede erzählen, warum der Verlust der neuen Jacke ja nun mal gar nicht seine Schuld war, im Gegenteil....- Und dabei immer mal wieder unter tränenbewehrten Wimpern hochgucken, ob Mami das auch alles glaubt und endlich ein bisschen Mitleid hat. Mir war so kalt auf dem Heimweg, ich hab so gefroren ohne Jacke - ist das nicht schon Strafe genug? Bei kleinen Jungs kann ich über sowas vielleicht noch lächeln - bei erwachsenen Männern finde ich diese instrumentalisierte Kleinjungen-Peter-Pan-Masche mehr als daneben.

Ein bisschen ehrlicher wäre es gewesen, lieber Nilz Bokelberg, wenn Du statt zeilenweise geleerten Entschuldigungskübeln mal ein bisschen aus dem Nähkästchen geplaudert hättest:

Wie genau lief die Ansprache mit JvM?
Hast Du jemals mit der Krebshilfe persönlich zu tun gehabt?
Gabs ein Briefing für Deine Rosi-Rolle?
Zu welchen Konditionen hast Du das ganze gemacht?

Das wäre ehrlich gewesen. Das hätte nämlich womöglich richtig weh getan - auf jeden Fall mehr als verhuschte Entschuldigungen, die (seien wir mal bitte ehrlich) von Anfang an Teil des Szenarios gewesen sein dürften. Es war völlig klar, dass die eine oder andere Form der Entschuldigung nötig sein würde - vermutlich Teil des Deals oder der Absprache. Nebenbei würde mich natürlich interessieren, wie diese entsprechende Entschuldigung ausgefallen wäre, wenn die Reaktion positiver (Internet) oder resonanziger (Draußen) ausgefallen wäre.


Ich weiss nicht, ob ich glaube dass Nilz Bokelberg ein schlechter Mensch ist. Aber ich weiss, dass er sich selbst für einen guten Menschen hält. Ich halte ihn für die erwachsene Version vom kleinen Nilz aus dem Bällebad, der andere Leute gern auf spielerische Art und Weise ein bisschen verarscht, das aber alles natürlich nicht so meint, der Schlingel.


( Patrick Breitenbach fasst hier übrigens sehr gut zusammen, warum das mit dem Krebs und dem Viralpferd nicht passt. Nichts hinzuzufügen von meiner Seite!)

28
Aug
2012

Ein Mann für gewisse Schwestern

Gestern abend am Telefon mit der Lieblingsschwestser hat es mich wieder förmlich zerrissen vor Kummer: Das Wunderwesen am anderen Ende der Leitung findet keinen Mann. Und sucht eigentlich auch keinen - würde ihn aber gern finden. Eklig finden wir es aber beide schon ein bisschen: Das gezielte Unternehmen, jemanden zu finden. Und sich zu diesem Zweck auf demütige Veranstaltungen zu begeben, sich in Singlebörsen anzumelden, blöden Vereinen beizutreten oder sonst irgendetwas zu machen, was potenzielle Gesellschaft von Männern verspricht. Ich fasse zusammen: Der Mann für meine Schwester sollte irgendwie getroffen und kennengelernt werden.

Nun weist meine Schwester leider eine Reihe von Eigenschaften auf, die sie keinesfalls zu einem leicht vermittelbaren Exemplar machen. So fehlt ihr beispielsweise alles, was sie selbst kätzchen- oder weibchenhaft nennen würde. Also primär die Fähigkeit, Frauchen zu sein, wie es sich (zumindest ergibt das eine kleine Inspektion und kritische Betrachtung vo Paaren im Freundeskreis) ein gewisser Teil von Männern immernoch zu wünschen scheint. So scheiterten schon erste zarte Bande an einer Begleitung, die die im Restaurant vom Kellner wie selbstverständlich gereichte Weinkarte großmännisch öffnete, sich darin vertiefte - und zielsicher einen Wein bestellte, der laut meiner Schwester und (zumindest mimisch) dem Kellner eine unpassende, billige Plörre war. Problem hierbei war nicht die Wahl eines schlechten Weines sondern die Selbstverständlich des männlichen Begleiters den Wein auszusuchen - auch wenn man offenkundig keine Ahnung davon hat und zu geizig ist, überhaupt Wein zu trinken. Meine Schwester bestellte natürlich sofort für sich selbst einen anderen Wein. Weniger um den Begleiter zu kränken, als vielmehr weil sie es nicht einsah aus Höflichkeit gegenüber einem Getränkemacho schlechten Wein zu trinken. Das wiederum fand der Begleiter wohl so grob unhöflich und eine so grobe Beleidigung seiner Männlichkeit, dass der Abend eher schlecht lief.

Gleiches Verhalten, bzw. die absolute Unmöglichkeit meiner Schwester, vermeintliche Männerdomänen des Wissens als gegeben zu akzeptieren, durfte ich selbst bereits mehrfach beobachten - inklusive der irritierten und geschockten Reaktionen der Männer. Neben schlechtem Wein (Penny hat da grade einen fantastischen halbtrockenen Rotwein im Angebot) sind hier Autos (Opel baut ja echt gute Kombis), Reiseziele (Dominikanische Republik - schöner geht Strandurlaub nicht), Luxusgüter (Boss macht einfach die besten Anzüge, Christ hat wirklich tollen Schmuck) zu nennen. Gesucht wird also ein Mann, der entsprechend locker mit so etwas umgeht - und sich vielleicht einfach freut eine Freundin zu haben, die weiss wie guter Wein, guter Urlaub und stilvolles Kleiden und Beschenken geht. (Und die leider nicht davor zurückschreckt, z.B. ein Geschenk höflich aber bestimmt zurück zu geben. Siehe auch: Der heiss geliebte Armreif, der nach einem halben Jahr als aus dem Hause Jette Joop entstammend entlarvt wurde. Wurde nie wieder getragen - egal wie beleidigt meine Eltern waren.)

Der nächste Punkt ist schon etwas schwieriger: Neben prallhodigen Machos (mit Opel und Boss-Anzug, Christ-Schmuck schenkend) scheidet nämlich auch das Äquivalent von der anderen Seite der Skala aus - das sogenannte Meisen-Männchen. Der rührige, über-liebevolle, Füße massierende, an Muttis Geburtstag denkende Fürsorger und Nestbauer. Dooferweise sind genau das die Männer, die meine Schwester am attraktivsten finden. Gesucht wird immernoch ein Mann.

Ebenfalls (man glaubt nicht, wie wenig selbstverständlich das ist!) ein Ausschlusskriterium ist Geiz oder ein irritierender Mangel an Freude am Genuss. Meine Schwester ist der großzügigste Mensch den ich kenne - sich selbst und anderen gegenüber. Als wir vor einigen Jahren in Venedig waren (und mein Vater uns eindringlich vor den prohibitiven Preisen auf dem Markusplatz warnte, ja flehte, diese Preishölle zu meiden), schien nach fünf Tagen Regens eines Nachmittags spontan die Sonne. Es war Februar, kurz vor Karneval, wir hatten tagelang gefroren und uns feucht durch die Straßen geschoben - wir wollten einfach nur nett draußen sitzen, Kaffee trinken, ein Rettchen genießen und Menschen gucken. Am Markusplatz lockten die Tische ebenso wie in den düsteren Seitengassen, Kaffeetrinken und Rauchen hätten wir überall können - aber wir schmissen uns feudal in front row- Korbsessel, bestellten Getränke und strahlten uns über 15-Euro-Kaffee an. Einfach weil es sonnig und trubelig und schön war und der drei-, vier-, fünffache Kaffeepreis die Sache echt wert war. Weil die Suche nach einer preiswerten Alternative den Moment weniger unbeschwert und nett gemacht hätte. Weil das Flug-Upgrade, die Hotelzimmer-Nüsschen, die spontane Reise, die Ledersitze, die gebundene Luxus-Ausgabe manchmal einfach sein müssen. Weil es eben nicht das gleiche ist. Mit niemandem kann man toller etwas genießen, blinzelnd einen Moment an sich vorbeiziehen lassen, sich etwas Außergewöhnliches und Nettes gönnen - und kurze Zeit später an einem schmuddeligen Imbiss essen, Sammeltaxi fahren oder sich über ein Schuh-Schnäppchen freuen.

Meine Schwester ist Chirurgin. Also ein Arbeitstier, eine ziemlich Schlaue und gleichzeitig auch kulturell interessiert. Ich war in den letzten 5 Jahren nicht so oft im Theater oder auf Konzerten wie sie im letzten Monat. Deutlich sollte auch gesagt werden: Sie will Kinder. Unbedingt. Und sie ist 36 Jahre alt - also eher kein Alter, in dem man erstmal ein paar Jährchen wartet und guckt und auslotet. Tendenziell ist sie aber sowieso keine Warterin und Ausguckerin und Ausloterin, sondern jemand der sehr schnell und sehr präzise entscheidet. Und das nicht immer sehr feinfühlig und rücksichtsvoll. Und sie kann wirklich unglaublich nette Sachen für Menschen die sie mag tun. 45 Minuten bettelnd und blinzelnd und flehend vor dem einzigen (seit 5 Minuten geschlossenen) Kiosk im Umkreis von 20 km stehen und um eine Schachtel Zigaretten für mich ringen. Sie macht tolle (weil von Herzen kommende, wohlüberlegte und großzügige) Geschenke. Sie guckt sich unerschrocken Wehwehchen an - auch die vereiterten Zehennägel ihre Busnachbarn in Nepal.

Was ansonsten gut geht: Möglichst Exotische Reiseziele und Unternehmungen, Camping und temporär hygienisch defizitäre Zustände (keine chinesische Toilette und kein indisches Hostel sind gruselig genug), Mittagsschläfchen, begrenzte sportliche Aktivitäten (bitte keinen irren Hobby-Marathon-Freak mit Eiweiss-Shakes und spacigem Helm), zeitlich-begrenzte Fernbeziehung. Ausserdem biete ich hier Kontakt zu einer warmherzigen, extrem humorvollen (und ich spreche hier von wirklich edler Wortwitzigkeit), autarken, begeisterungsfähigen und sehr, sehr liebevollen Schwester. Die im letzten Herbst mit mir eine halbe Stunde lang versucht hat, diesen einen tollen Ast mit den drei perfekt gefärbten Kastanien von einem Baum zu schießen. Wir haben Stöcke geworfen, versucht den Baum zu erklimmen (Resultat: zwei zerrrissene 40-Euro-Strumpfhosen) und am Ende mit einem perfekten Riesenast Erfolg gehabt.


Schrullen und Schrüllchen:

1. Meine Schwester kann sehr, sehr unangenehm werden, wenn man ihren Schlaf stört, sie zu früh weckt, ihren Mittagsschlaf unterbricht oder abends im Hotelzimmer noch fernsehen möchte, während sie schon auf schlafen gepolt ist. Ich schiebe das auf Nachtschichten, 8-stündige Operationen zwischen 22:00 und 6:00 und allgemein ein berufliches Unterordnen des privaten Schlafbedürfnisses. Unangenehm heisst: Als stochere man im Bau einer Moräne.

2. Der innere Ziegenbock. Meine Schwester diätet z.B. in Richtung Kohlehydrate. Wenn ich den ganzen Tag noch nichts gegessen und folglich große Lust auf Nudeln beim Lieblingsitaliener habe geht sie natürlich mit - und trinkt dann den ganzen Abend nur Wasser. Ich hasse, hasse, hasse das und bin der Meinung, sie dürfte ihre Diätregel ruhig mal brechen wenn ich es unangenehm finde, als einzige zu essen. Kommt aber nicht in die Tüte. Ebenso würde sie niemals zu Starbucks (und nahezu allen Ketten und franchisigen Systemgastronomien) gehen - weil: Hass. Sie kann mit einer unglaublichen Penetranz auf Dingen beharren, die man in einem unachtsamen Moment versprochen hat - mit der gleichen Penetranz wird Dingen nachgegangen, die ihr gerade nicht einfallen (Wie hiess noch gleich dieser Schauspieler, dieses Buch, dieser griechische Gott...?). Was mir schonmal heftige Internetgebühren in Odessa beschert hat. Sie wird dann laut, knallt mit den Türen, vertieft sich ostentativ in ein Druckprodukt - um nach 30 Minuten sehr reizend um gute Stimmung zu werben. Streit geht zuverlässig von ihr aus - Versöhnung aber auch. Niemals würde sie zicken oder erwarten, dass der Mann das Weibchen umgarnt und für gute Stimmung sorgt. Schmollen und Nachtragen findet sie lächerlich - klärende Affektgewitter einträglich für die psychische Gesundheit.

3. Meine Schwester ist sehr direkt.


Ehrlich - es muss jetzt wirklich endlich mal wieder ein Mann für sie her. Dringend. Ernstgemeinte Zuschriften an untenstehende Mailadresse, Chiffre: Schwester Manierlich.
(Ja, das meine ich ernst. Ich würde mir ein Bein abhacken, damit sie so glücklich wird wie sie es verdient.)

20
Aug
2012

Glamour und Diskurs

Gemütlich in ein feuchtes Badetuch eingewickelt (und langsam das Sofa durchfeuchtend) habe ich das Wochenende mit Viktor Pelewins "Fünften Imperium" verbracht - ein großartiges, großartiges Buch. Allein schon wegen des Todesbonbons und des Hamlets...
(Also: Lesen. Sofort! Und sich darüber freuen, dass Vampirausbildung auf den beiden Säulen Glamour und Diskurs beruht...)

Mächtig viel "Diskurs" liest man neuerdings auch in Blogs und auf Twitter. Fast möchte man glauben, es gäbe gar keine Gespräche, Austausche oder lockere Konversationen mehr - alles, was irgendjemandem nach zu wenig Schlaf und zu vielen Zigaretten im Hirn aufploppt und in die tastatur gehackt wird, ist "Diskurs". Was ich persönlich extrem nervtötend finde, da Diskurs (zumindest für mich) eben irgendwie mehr ist, als sich in wohlfeilem Soziologie-Proseminar-Duktus über Pussy Riot auszutauschen. Diskurse sind für mich Gespräche, die den Austausch zwischen personalisierten Gesprächsparteien längst verlassen haben: Große, kraftvolle Ideen und Inhalts-Ströme, zu denen bzw. innerhalb der man sich verorten und Haltung beziehen muss. Über-Gespräche, die etwas zum Beben bringen. Jeden sinnlosen Kommentar, den man mal in sein Blog gerotzt hat, gleich als eigenen Beitrag zu diesem oder jenen Diskurs auszurufen klingt für mich nach schwerer Hybris: Ich denke nicht - ich reflektiere. Ich führe keine Gespräche - ich beteilige mich an Diskursen. Schlimm sowas.

Ebenfalls schlimm (und nebenbei hübsch bezeichnend für die oben angesprochene Hybris):

Jens Best und die Todesstrafe für Agrarspekulanten

Hier mal die schlimmsten Zitate:

"Als ich gestern die Schlagzeile las, dass wieder mal eine Hungersnot aufgrund von Dürren anstehen würde, fragte ich mich, ob sich an einer anderen Ursache für hohe Nahrungsmittelpreise auf dem Weltmarkt irgendetwas verändert hatte, seit ich mich das letzte Mal darum gekümmert hatte."

Wie jetzt: "seit du dich das letzte mal darum gekümmert hast"? Ich nehme nicht an, dass hier "Kümmern" im-Sinne von sich-um-die-Blumen-des-Nachbarn-kümmern gemeint ist. Sondern eher: 2008 habe ich mich mal total eingehend im Zuge meines Komplexe-Zusammenhänge-in-einer-Nacht-begreifen-Selbstbildungsprogramms mit Terminhandel befasst. und sofort kapiert, woran das System krankt und was man ändern muss. Ich kümmere mich gerne mal um die ganz dicken Bretter - solche kleinen Gedankenspielereien halten fit und rege.

Ich kenne die Finanzbranche und insbesondere die Ecken, die das große Geld verwalten, durch persönliche Kontakte gut. Die Wirkung von spekulativen Termingeschäften auf die realen Warenmärkte hat intern noch nie jemand ernsthaft bestritten. Im Gegenteil, darin liegt ja der Reiz dieser Variation des immer gleichen perversen Spiels, um aus Geld noch mehr Geld zu machen ohne irgendeinen anderen Wert zu schaffen.

Ja klar: die Ecken, wo das richtig große Geld verwaltet wird - die kennst du natürlich wie deine Westentasche. Ebenso wie den internen Meinungskonsens bezüglich Termingeschäften. Was genau soll dieses Pseudo-Insidergetue?!? Und wenn wir gerade dabei sind: Was konkret hast du eigentlich schon geschaffen, was einen Wert hat? (ich verkneife mir jetzt mal eine spitze auf Brachliegendes....)

Also doch Todesstrafe – das geht dann ans Eingemachte, da hilft kein Bonussystem, keine Karriereaussichten, keine PR. Wenn die letzte Glocke geläutet wird, wird auch der räudigste Hund geläutert (oder zieht wenigsten den Schwanz ein).

Alter! Wenn die letzte Glocke geläutet wird? Dann hilft auch keine PR mehr? Und vielleicht auch - ich wage es kaum auszusprechen - keine wohlfeilen Pseudo-Provokationen per tweet?

Plötzlich waren alle auf Twitter voll besorgt um das arme Banker-Menschenleben, welches da aus Strafe für sein massenmörderisches Handeln (“er wusste es doch nicht”) nun theoretisch in Jens nachmittaglichen Wahnvorstellungen zum Bock geführt werden würde.

Ich sage es gern noch einmal: Wer die todesstrafe ablehnt (was für mich schlichtweg auch eine Frage humanistischer Gesittung ist), der lehnt sie für alle Menschen gleichermaßen ab. Für politische Demonstranten und Päderasten-Scheisskerle. Für Revolutionäre und Mörder. Für zu Unrecht inhaftierte Freiheitskämpfer und gewissenlose Waffenhändler. Es gibt kein bisschen Todesstrafe. Es gibt kein "für bestimmte Vergehen"-angemessen. Das einzige was es gibt ist: ein Tweet, der im Sommerloch mal wieder ein bisschen die eigene spon-ability erhöhen sollte - notfalls halt auch mit Todesstrafe.

“Nein” twittert es aus allen Ecken, nicht Todesstrafe, sondern Grundgesetz führe uns hier langfristig zum Ziel. Ausgerechnet wo die Gier die Vernunft bereits besiegt hat, soll also das Klopfen auf das Grundgesetz zu mehr Menschlichkeit führen. Ich verschwendete wegen diesem wenig reflektierten aber doch brav auswendiggelernten naiven Verfassungspatriotismus einen letzten Gedanken an die Todesstrafe.

Richtig ist richtig - falsch ist falsch. Der vermeintliche Grad der Reflektion, der zum einen oder anderen führte, spielt exakt keine Rolle. Und was soll diese überhebliche Häme gegen das "brave Auswendiglernen"? Lass mich raten: der Gegenpol dazu ist das kleine Wunderkind, das schon in der Schule im Geschichtsunterricht mit historischen Konventionen brach, sich nie einer Denkunmöglichkeit beugte und dieses nimmermüde, reflektierende, sich dem Auswendiglernen entziehende Genie in den Dienst der ganz großen Ziele des 21. Jahrhunderts stellte? Z.B. nachts total entgrenzt und ohne Auswendiglernen mal das Hungerproblem auf der Welt lösen? Oder einen kamerabewehrten Mob mit brennender Verbalheugabel....?

Nix Advocatus Diaboli, ich war einfach der anti-humanistische Arsch.

Ja genau: advocatus diaboli - so sieht sich deinesgleichen extrem gern. Ehrlich, du unermüdliche Wahrheitsfliege, die peinigend-lästig den Kopf des Despoten umbrummt und ausspricht, was sonst keiner zu sagen wagt. Diabolisch präzise treffen deine unangenehmen Wahrheiten mitten ins Herz der braven Auswendiglerner. Und: anti-humanistisch? Wie wäre es mit: Stammtisch? Klingt nicht so glamourös - aber deine Argumente sind die des erregten Bürger-Mobs, der nachts Mahnwachen vor Wohnhäusern von Pädophilen hält. der Bürger- und Menschenrechte mit Füßen tritt. Der ganz gern selbst definieren möchte, wieviel Schuld ein Mensch auf sich nehmen muss, bis ein Recht auf leben in ihrer Gemeinschaft verwirkt ist. und der sich in die Enge getrieben dann auch gern in triefenden Sarkasmus flüchtet:

Nun denn, ich werde also meiner Wut an die Kette legen. Werde brav davon sprechen, wie mit mehr Transparenz, auch gerne mal erzwungener Transparenz die Märkte humanisiert werden können. Wie mit “Mehr Daten für alle” auch mehr Wissen über die weltweiten Handelsrealitäten und damit automatisch mehr Gerechtigkeit Einzug hält, weil der Mensch ebenso ungern wie seinen ganzen Kopf auch schlicht das Gesicht verliert. Werde minimale Strafen monetärer Natur als Erfolg ansehen, wohlwissend, dass hinter verschlossenen Mahagoni-Türen gegrinst wird über die Peanuts, mit denen man die Gutmenschis befriedigte. Wohlwissend, dass mindestens der gleiche Betrag simultan an Auftrags-Aufmerksamkeits-Profis rausgeht, damit so ein ‘Maleur’ nicht nochmal passiere. Wohlwissend, dass irgendein Kommunikationsstudent direkt aus dem Studium eingestellt wird, um zwei Jahre lang ein wenig Corporate Awareness Citizenship Tralala darüberzumalen.

Wie wäre es mit: Ich werde einmal etwas tun, ohne es vorher öffentlichkeitswirksam anzukündigen? Werde mir einmal meinen ekelhaft-abgeklärten klugscheißenden Zynismus verkneifen? Werde einmal nicht den ultra-informierten Insider mit wissendem Lächeln geben?

Ganz im Ernst: Wirf mal einen Blick auf dein xing-Profil. Lies dir nur ein Mal durch, was dort steht. Findest du wirklich, dass jemand dessen persönlicher Qualifikations-Honig z.b. eMail-Marketing, SEO und Yachtchater umfasst geeignet ist, dem geneigten Leser den Ekel und die Absurdität unseres Wirtschaftssystems zu erklären? Du stehst an ziemlich ähnlichen Fleischtöpfen. Und du hast die Frechheit, mit noch vollem Mund und einem guten Nachschlag auf dem Löffel in Richtung der Nachbarkantine zu zeigen, und dich selbst als "advocatus diaboli" zu stilisieren? Ehrlich: das ist schon fast wieder witzig.

10
Mai
2012

Was möglich ist

das hotelzimmer geht ganz schnuckelig zum hinterhof hinaus: so einem typischen, beinahe überzeichneten ideal-standard-hinterhof mit fahrrädern, grünem kletterzeug und verwaistem holzkohlegrill auf einem nahen balkon.

als wir noch auf dem bett liegen, die balkontür weit geöffnet, fernsehen und chips essen, finden wir den geräuschpegel aus den umliegenden wohnungen noch ganz charmant. da liegt man dann einander verschlungen in der fremde und fühlt sich wie ein spion, unbemerkt in der geräuschkulisse fremder leben.

gegen halb eins knipse ich das licht aus, rauche noch eine spionzigarette aus dem fenster und frage mich, wie lange die wirklich recht laute musik aus einer wohnung gegenüber wohl noch anhalten wird. und bete, dass sich bald eines der ansonsten ausnahmslos dunklen hotelzimmer erleuchten und jemand anderes sich erbarmen möge, den geräuschspießer zu geben...

nach der vierten zigarette erbarmt sich das tatsächlich jemand: aus gleich mehreren (immernoch verdunkelten - ihr feiglinge!) fenstern wird lautstark nach ruhe gegen die musik angebrüllt - es bleibt unverändert laut. nach circa zehn minuten voll unerhörter rufe (offenbar wechselte der musikhörer gerade die cd) passiert das unfassbare: der lauteste hotelgast mit ruhebedürfnis nutzt die entstandene stille für einen letzten, verzweifelten schrei nach dimmen der musik. im nachbarhaus öffnet sich ein fenster, eine sehr freundliche stimme fragt ins dunkel des hofes: "oh, war die musik etwa zu laut?"

jetzt hätte die stimmung kippen können, aber die bekannte hotelgaststimme ruft irritiert zurück, dass es, naja, schon ein bisschen zu laut wäre und ob der andere vielleicht so nett wäre ein bisschen leiser...?

die freundliche person am fenster der wohnung entschuldigt sich - der hotelgast flötet ein fröhliches "schon gut", zwei fenster schließen sich und es senkt sich ruhe über den innenhof.

manchmal passiert eben doch alles, was möglich ist, juli.

2
Mai
2012

Die Braut trägt Titten und Swarowski

ich habe die ganze zeit in mich hinein gehört und mich gefragt, was mich an der pony-piraten-beisitzerin eigentlich so stört. also: menschlich, nicht politisch-inhaltlich. erst dachte ich, es läge daran dass sie eine frau ist (und jung und hübsch dazu. sorry, aber soviel selbstreflektierter stutenbiss muss eben sein), aber nach ein paar talkshow-auftritten und einer zunehmenden anzahl wenig schmeichelhafter bilder habe ich das gestrichen.

dann dachte ich es sei das, was ich komparativen biographie-neid nenne. zur erklärung: ich bin von der panischen angst zerfressen, biographisch irgendwie auf der strecke zu bleiben und noch mit 45 in studentenklamotten, studentenmusik-hörend in einer studentenbude zu hocken. selbstverständlich unverheiratet und kinderlos. sondern mit einem katzenbesitzenden typ mit ziegenbart liiert. deswegen checke ich in panischen momenten immer einmal rundum. ob ich mich auf einem akzeptablen biographischen level befinden, d.h. ich überblicke mal kurz die wohnungsqualitäten, beziehungsstatusse (statui? staten? statuten?), erwerbs- und akademischen biographien meines umfeldes und ausgewählter exemplare meiner alterskohorte und kann dann meist wieder gut schlafen. bei der, deren name nicht genannt werden soll dachte ich erst kurz ich fände sie so gruselig, weil sie so jung schon so viel erreicht hätte - aber: bwahahaha. habe ich aber auch nur ganz kurz gedacht, ehrlich.

dann kam die sache mit der verlobung und ich dachte: krass, ein ring aus einem modeschmuckladen. und ein potthässlicher dazu. wo stand nochmal dieser lustige artikel in dem sich über die handvoll erbärmlicher swarowski (!!!!)-splitter belustigt wurde? und auf den madame dann irgendwas von blood diamonds und bewusstem nichtmitmachen dieser überholten rituale erwiderte? genau: man überholt ein ritual, indem man bei seiner ausübung alle vermeintlich besonders überholten dinge billig modernisiert., aber trotzdem kräftig mitritualt...ich sag mal: entweder man tauscht verlobungsringe - oder man lässt es eben. wenn man aber der meinung ist, verlobungsringe müssten sein (ist halt nett, so ein someone put a ring on me-moment), dann doch bitteschön auch richtige verlobungsringe. und richtig heisst: teuer. egal wie schlicht und understatement (innenliegende steine, gold, dass mit irgendwas billigem überzogen ist) - verlobungsringe sollten ein zeichen der wertschätzung sein. und schnäppchen-schlagen ist keine wert- sondern preisschätzung. wenn ich den kram mitmache, dann muss ich auch die regeln mitkaufen, sorry. wer diesen verlobungskruscht mitmacht, der hat automatisch auch die ringpreiserwartung, die babynachfragen und die prosecco-giggeligen junggesellinnen am arsch. ohne geht nicht. und ironisch geht schon gar nicht. so a la: ja, wir haben da mit einem bausparvertrag ein kleines reihenhaus am rande der stadt gekauft - aber dafür haben wir es ganz crazy gestrichen und to-tal unspießig eingerichtet und irre unspießig ein ironisches proll-richtfest gefeiert! wir heiraten - aber nicht so wie alle, sondern ganz anders und supi neu und eher so mit einem zwinkernden auge in ach-wir-nehmen-das-alles-nicht-so-ernst-jogginghosen. wer es nötig hat, durch solche brüche die eigenen entscheidungen vor sich selbst zu rechtfertigen, hat einen an der waffel.

was sich in solchen sachen ausdrückt ist kognitive dissonanz vom feinsten: nestbauen, heimisch werden, den einen finden, sesshaft werden, sich selbst und muttis wünsche verschmelzen und reproduzieren - und bei all dem immernoch die coole sau bleiben. ich fürchte nur: die coole sau baut kein nest, wird nicht beringt und brütet auch nicht. und wenn sie es doch tut, dann hat sie keine rechtfertigungs-stilbrüche nötig. süß auch, wie die swarowskiverlobte erklärungen und begründungen panisch von dem verdacht abzulenken versucht, sie sei ihrem verlobten eben nicht mehr wert als diese swarowski-hülle im staubigen blauen samt peinlich-präzise erahnen lässt. im gegenteil - denn wenn man sich so richtig doll lieb hat, dann braucht man doch keinen fetten ring, um irgendjemandem etwas zu beweisen! ich persönlich hätte ja lieber einen beweiskräftigen halbkaräter als ein beweiskräftiges twitterbild. denn genau damit ich mich nicht ständig fragen muss, wie bestimmte sachen funktionieren, was angemessen und gesellschaftlich konsens ist - genau darum gibt es regeln wie die mit dem verlobungsring für drei monatsgehälter. solche konventionen schaffen verdammt nochmal handlungssicherheit und entlasten beim entscheiden und erklären. nicht lang nachdenken, wieviel trinkgeld oder finderlohn oder verlobungsringzoll normalerweise angemessen ist, sondern sich einfach verhalten.
(und obwohl mich keiner heiraten bzw. keine scheidung für mich eingehen will habe ich beim tippen dieser zeilen einen wunderschönen, klassischen trinity am finger. und ja: die tchibo-variante hätte ich als beleidigung empfunden, denn es geht definitiv um den stempel. aber vielleicht geht die liebe zur kopie ja tatsächlich weiter, als ich dachte)

fast noch schlimmer: die klotürige-ausdrucksweise. muschi hier, titten dort - was soll das? ich finde, es gibt flüche und schimpfworte und rüde ausdrücke - und es gibt sowas. für mich verläuft die grenze dort, wo ich mich noch getrauen würde, diese ausdrücke vor meinen eltern am mittagstisch zu verwenden. und bevor mir vor meinem vater das wort "titte" über die lippen käme, würde ich...naja...irgendwas sehr, sehr unwahrscheinliches. das klingt jetzt natürlich sehr uncool aber: es gibt echt wörter, die man nicht benutzt. und als dame schon gar nicht (was weniger unfeministisch gemeint ist, als es klingt. frauen dürfen natürlich alles sagen was sie wollen. wenn frau aber eine dame sein möchte, dann verkneift sie sich manches eben. finde ich). vielleicht bin ich da auch überempfindlich, aber dieses zur-schau-gestellte überwinden von alten rollenbildern dadurch, dass man dauerhaft verbal entgleist, finde ich schlimm. ich mag frauen die eine bohrmaschine benutzen können. frauen die danach mit den jungs zusammen hocken und ein feierabendbier trinken auch. frauen die sich dabei besaufen und danach laut und mehrfach tonartwechselnd rülpsen finde ich widerlich. und mit dem muschi-titte-kram ist es genauso: schön, wenn jemand laut und energisch und beharrlich seine meinung vertritt. wenn er aber meint, dies mit einem übertrieben-testosteronigen macho-abziehbild-vokabular tun zu müssen, dann zeugt das von einem sehr merkwürdigen selbstbild. das wiederum ganz gut zu swarowski-steinchen als statement gegen blutdiamanten passt.

20
Mrz
2012

Arthur, Effie und Ich

Auf dem Weg zur Arbeit habe ich mir zuerst mit Safranskis Schopenhauer-Biographie die Zeit vertrieben. Danach mal wieder freudvoll Effi Briest gelesen. Jetzt liegt Oppenheimer in der Tasche, natürlich bin ich gerade bei der tragischen Schneewittchen-Zeit in England....

Lustigerweise ist mir erst gestern aufgefallen aufgefallen, wie eklig ich mich gerade qua Lektüre selbst bemitleide: der arme Arthur in der verhassten Lehre, böser Tauschhandel für eine lange Reise und godfather of Mitleid. Die arme, zur Hochzeit beschwatzte Effi hockt mit Krokodil und Chinesenbild in der Pampa am Meer. Und ich quäle mich jeden Tag hierher zum neuen Job und oszilliere völlig irrsinnig zwischen Jaulen und Jubel. Meist Jaulen. Und natürlich Selbstmitleid und trübe Stimmung - hier und da kurze manische Phasen des Freuens, die aber eher Trotz sind.

Gestern abend habe ich mir dann zum ersten Mal erlaubt darüber nachzudenken, wie es sich anfühlen würde morgen früh zu erwachen und wieder in die Kulturhölle zu gehen. Ich habe fast geheult vor Freude. Unglaublich, wie schnell mein Gehirn bereit war, diese mehr als dämliche Vorstellung im Zeitfenster kurz vorm Einschlafen als Realität gelten zu lassen. In dem Moment, in dem ich die Vorstellung denken durfte, fiel der Vorhang und statt eines groben Herantastens an einen Gedanken erwartete mich auf der Bühne bereits eine detaillierte Szene.

Sofort setzte Erleichterung ein . Wahnsinnige, riesengroße, sich beinahe körperlich manifestierende Erleichterung. Ich hörte mich förmlich Freunden und Kollegen sagen, dass ich es im neuen Job einfach nicht ausgehalten hätte. Dass mich das alles dumpf und stumpf im Kopf gemacht habe. Und dann mit Tränen in den Augen an meinem alten Schreibtisch sitzen und sich auf den ersten Kaffee des Jahres auf dem Dachgarten freuen...

Ich bin sehr selig eingeschlafen und heute morgen mit einer Art emotionalem Kater erwacht. Dann war ich wahnsinnig wütend auf mich, habe mich geschämt und noch ein bisschen bemitleidet. Später im Morgengrauen zur Straßenbahn gelaufen und lange dumpf aus dem Fenster gestarrt.

15
Feb
2012

Was seitdem passiert ist

- ein sehr intensives, langes und anstrengendes vorstellungsgespräch mit postkorb, selbst- und arbeitspräsentation, diskussion und jeder menge fragezeichen im kopf, die ich für mich lakonisch mit: "okay, war halt das klassische stress-ac" abgetan habe.

- zwei wochen später dann telefonisch die sehr, sehr freundlich-freudige und für mich ehrlch überraschende zusage (vom bösen bullen des ac), nochmal eine woche später der arbeitsvertrag, den ich ohne lange zu überlegen unterschrieben habe. zack, fakten schaffen - ohne ewiges gedankenkreiseln einfach auf den inneren bausparer hören.

- auflösungsvertrag beim alten arbeitgeber, abschlussberichte und finanznachweise für auftraggeber, viele gespräche mit kollegen und freunden (WAS? dafür gehst du hier weg?), viel jämmerliches köcheln im eigenen saft und immer wieder die frage: cooler job gegen weniger coolen job, ex und hopp gegen sicherheit, bekanntes gegen unbekanntes und natürlich viel, viel selbstmitleid und wehmut. beim langsamen büro-ausräumen. beim immer und immer wieder denken: ich hatte den tollsten arbeitsplatz der welt. und trotzdem immer im hinterkopf die stimme: weg hier. nichts wie weg hier.

ich bin immernoch der meinung, dass die entscheidung richtig ist und war. dass ich keine alternde, zappelige und irgendwann nur noch bemitleidenswerte kulturmuschi werden will, die in ein paar jahren gegen etwas jüngeres ausgetauscht wird. dass ich hier nichts neues mehr lernen kann und und weg muss. dass ich verdammtnochmal etwas anderes verdiene als katzen-hipster-gold und einen projektleiter-fantasietitel. neben lauwarmer anerkennung (wenn sie denn überhaupt kommt) nämlich zum beispiel genug geld. für bücher, gutes essen, große roben und hohe schuhe - und bei bedarf trotzdem auch ein neues auto oder einen spontanen urlaub. ja, über geld reden/nachdenken ist ja sooo daneben und gestrig und verspießt und euch geht´s auch mit weniger gut. mir nicht. und schon gar nicht im rentenalter. (noch so ein tabuthema, das man besser gar nicht anspricht, wenn man kein gewitter hochgezogener augenbrauen ernten will).

vor einigen tagen dann ein erstes, wirkliches einstellungsgespräch, an dessen ende ich meinen neuen chef am liebsten in die arme genommen hätte: ich habe noch kein einziges mal, also seit mehr als 10 jahren kulturhölle, so viel wertschätzung und freundlichkeit und lob bekommen. und das hat verdammt gut getan. okay, die neuen direkten kollegen haben mich in ihrer, beinahe beamten-parordierenden art und optik erstmal erschreckt. sehr sogar. ich weiss jetzt schon, dass ich sehr oft aus dem bürofenster auf waschbeton und glasbausteine schauen und denken werde: verdammte scheiße. ich weiss, dass ich mich über hundert kleinigkeiten und sturheiten und das-haben-wir-immer-schon-so-gemachts aufregen und weißglühend heimfahren werde.

aber das gefühl, nicht mehr bei den coolen kindern auf dem funky spielplatz herum hängen zu dürfen, nicht mehr mitzuspielen und bei den tollen parties nur noch zaungast zu sein wird weniger. weil ich das gefühl habe, dass der preis dafür zu hoch ist. zumindest für mich. es ist verdammt leicht, mit mitte-ende zwanzig von luft und moderne in einer etwas größeren und immernoch irgendwie improvisierten studentenwohnung zu leben und sich mittendrin und ach-wie-kühl zu fühlen. und es ist verdammt leicht, auf diesem status hängen zu bleiben, sein leben zu ver-kultur-zu-projekt-en und auch mit mitte vierzig wenig mehr zu haben, als immer das neueste macbook air, viele tolle kontakte und ein paar designerklamotten. wer das nicht will, muss halt irgendwann den sehr schmerzhaften absprung schaffen. ich für meinen teil freue mich jetzt einfach erstmal auf den arbeitsbeginn in wenigen wochen und auf den tag, an dem ich nicht mehr sagen muss: "ich bin projektleiterin für kulturprojekte". sondern: "ich kann was richtiges. ich bin expertin für dieses und jenes handfeste".
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