25
Okt
2011

Weiterentwicklung

ich bin 32 jahre alt. mein abiturschnitt war gut genug, um sofort mein wunschstudium aufzunehmen, das ich flott, ohne umwege und relativ freudlos durchgezogen und abgeschlossen habe. denn bereits kurz nach dem vordiplom winkte mein jetziger arbeitgeber mit einem praktikum, das in ein weiteres praktikum überging, dann in einen hiwi-vertrag verwandelt wurde und schließlich in meinem ersten arbeitsvertrag endete.

das ist jetzt mehr als sieben jahre her. ich liebe meine arbeit. ich bin glücklich mit den dingen, mit denen ich pro woche rund 70 stunden verbringe. ich mag meine projekte, meine abwechslung, meine kollegen. ich mag meine verdrehten künstler und versnobten kulturleute. ich liebe die aufregung vor einer eröffnung, das chaos, den stress und die sieben tage mit zu wenig schlaf, die immer enden wenn der erste grußwörtler hinterm pult steht. ich mag die kleinen schrulligkeiten, die exzessiven tankstelleneinkäufe zur nächtlichen teammotivation, den überdrehten humor angesichts der täglichen zehn katastrophen. ich bin glücklich mit meiner existenz in diesen extrem beschleunigten rhythmen aus ideengeburt, planung, umsetzung und abschluss. ich mag das ausprobieren, verwerfen, um unterstützung kämpfen und sich immer wieder beweisen müssen.

aber ich weiss, dass ich diesen job (ja genau: job. nicht beruf. denn die bezeichnung beruf würde verlangen, dass diese wüste melange aus erlerntem, einer handvoll softskills, dutzenden halbwissens-häppchen und ideechen etwas handfesteres wäre als es ist) nicht bis in alle ewigkeiten machen kann. einen großteil der arbeit hier erledigt ein schier endloses heer von praktikanten, volontären, gastkünstlern, werkverträglern und anderen glücksrittern des kulturbetriebes, die sich gern für begrenzte zeit ausnutzen lassen - immer in der hoffnung, einen festen vertrag zu bekommen. immer auf der suche nach dem spalt in der tür, um dauerhaft mitzumischen, einen einstieg zu finden, dabei zu sein. ich bin seit jahren dabei und ja: von innen ist diese arbeit genauso schön, wie sie von aussen aussieht.

neben den schönen, schlauen, begabten, coolen und natürlich immer und an erster stelle jungen gibt es auch eine handvoll hausinterner zombies. menschen, die seit vielen jahren auf den gleichen, mies bezahlten projektstellen herumhängen und darauf warten, dass der aufstieg, die beförderung, die volle stelle, die abteilungsleitung, die anerkennung oder irgendeine andere art der verbesserung passieren. und natürlich passiert: nichts. aber das fällt nicht allzusehr auf, weil es immer ein neues projekt, eine neue herausforderung, eine neue spannende idee oder etwas anderes, in das man sich hineinstürzen kann gibt. und warum sollte man den tollsten arbeitsplatz der welt schon wegen etwas so verspießten wie persönlicher weiterentwicklung verlassen, wenn nächste woche dieser großartige neue londoner star-irgendwas mit seiner entourage ankommt, und ein halbes jahr lang das nächste große ding realisiert?

ich habe seit einigen monaten das gefühl, das ich hier ganz dringend wegmuss. weil das glitzernde, spannende, interessante und bunte auf dauer einlullt und besoffen macht. und irgendwann - peng! - ist man kurz vor mitte 30 und stellt fest, dass sich eigentlich seit jahren nichts entwickelt oder verbessert. dass der job, den man gerade hat, so aufreibend und anstrengend ist, dass man im urlaub jeden morgen und jede nacht doch wieder vorm laptop klebt und mails beantwortet, skypt und immer wieder das mantra "im notfall bitte auf dem handy anrufen" tippt. und natürlich wird man ständig angerufen, weil auf der anderen seite des telefons auch lauter leute sitzen, die gelernt und verinnerlicht haben, dass urlaub eigentlich nur ein anderes wort für ein weit entferntes mobiles home office ist.

dann steigt die panik auf. die zombies werden zu einer gruseligen nachher-version der eigenen karriere. die scheiss-zeitverträge beginnen anzukotzen. genauso wie die tingelrunden zu stiftungen, ministerien und förderern. was mache ich eigentlich mit 50? will ich wirklich den rest meines lebens so verbringen? mit schuhen, büchern und kaschmir als trost und meinen eltern als rückfallposition für ein neues auto? einem langsam verrottenden promotionsrumpf auf dem immer neuesten notebook in der eigentlich zu kleinen mietwohnung? und warum habe ich doch gleich studiert, wenn ich heute alles meide, was damit zu tun hat?

also schreibt man eine bewerbung, die einzig und allein auf sicherheit zielt. auf eine schöne, komfortable, 39,5-wochenstunden-stelle und ein paar hundert euro mehr pro monat. und dann kommt die einladung zu einem bewerbungsgespräch mit ac. ausgerechnet mit ac! borniert schaut man sich website, berichte und die gesichter des teams an. lächelt abschätzig über das, was dort als heisser scheiss angekündigt wird, fühlt sich viel zu gut und schlau und clever für das alles. wie die büroräume schon aussehen, pfff! und man weiss nicht was schlimmer wäre: die stelle zu bekommen oder sie nicht zu bekommen.

23
Okt
2011

Das Problem

das scheißproblem ist nämlich, dass ich mir kinder wünsche. sehr sogar. und dass ich einen mann liebe, mit dem ich keine bekommen kann. dass da ein umfeld ist, dass mich von mehreren seiten penetrant in die zange nimmt und druck ausübt, subtil zur trennung drängt, völlig unverhohlen darauf lauert, dass endlich, endlich schluss gemacht wird. als ob man das könnte: sich trennen, weil man in zehn oder fünfzehn jahren etwas vermissen könnte, für dessen doch-noch-wahrwerdung man sich heute das herz mit einem stumpfen löffel aus der brust scharren müsste. sie können schlichtweg nicht die klappe halten, mit ihrer verdammten sorgerei um mein zukünftiges, kinderloses, einsames, kaputtes ich - zu dessen schutz sie auf mein heutiges ich beschissenste geschosse aus dem gewehr von mutti briest abfeuern. aber du willst doch auch. aber du wünschst dir doch auch. aber du fändest es doch auch schön wenn.

ja, will ich, wünsche ich, finde ich. aber je mehr ihr in eurer waagschale auf und nieder hüpft um euer gewicht zu erhöhen, desto bockiger werde ich. je mehr ihr mich dazu bringen wollt etwas zu wollen, desto sturer und dämlicher werde ich daran festhalten, es so lange zu verhindern, bis es nicht mehr geht. die zeit in 15 jahren, die habe ich mir versaut. aber die zeit bis dahin, die versaut ihr mir gerade.

6
Jul
2011

Wie man Yamamoto verstümpert

ein toller tag in london besteht für mich bestensfalls jeweils hälftig aus shopping und museumsbesuchen. das klappt im besten falle so wie am vorgestrigen montag: genji und ich schauten uns zuerst "sexual nature" im natural history museum an (eigentlich bin ich kein freund von plakatmotiven mit süüüüßen tieren, aber die foxy-lady-und-sexy-beast-plakate waren wirklich reizend), quietschten danach gemeinsam freudig im schmetterlingshaus und besetzten die stempelstationen, um alles was aus papier war mit fühlern, augen und flügeln zu schmücken.

am dienstag überredete ich genji dann zur yamamoto-ausstellung, was dank asien-bonus und der lockung, im victoria & albert museum gäbe es auch eine kleine sektion katanas zu beäugen, ganz gut funktionierte. generell finde ich es eine großartige sache, dass in london die präsenzausstellungen eintrittsfrei sind und man nur für temporäre ausstellungen eintritt bezahlen muss. das führt auf der anderen seite aber häufig dazu, dass überschaubare und schlecht kuratierte winzausstellungen nur zu prohibitiven preisen zugänglich sind - 8 pfund pro person finde ich persönlich für das, was in der yamamoto-ausstellung zu sehen war, ganz schön stolz. man könnte natürlich argumentieren, dass man dafür ja das recht, das ganze museum zu bestaunen erworben hatte, aber irgendwie hakt diese rechnung bei mir. für "the house of victor & rolf" hätte ich damals gern das doppelte bezahlt, das war großartig und spannend und eine reine freude - für yamamoto war es eine frechheit. großformatig tönte das blog der kuratorin zur ausstellung (feine einrichtung übrigens):

So what would make the exhibition at the V&A different?

In many ways, this exhibition will continue in the spirit of the Triptych. It is conceived as a site-specific installation rather than a chronological or even thematic retrospective look at Yamamoto’s work. In contrast to the previous exhibitions, this show will have a central core in one of the exhibition spaces and spread out in carefully chosen permanent collections galleries of the V&A. Each space will take its own meaning within the subtle narrative of the exhibition which explores the many corners of Yohji Yamamoto’s design world.


"different" war mein erleben der ausstellung tatsächlich. danke für den kleinen lacher.

was sich kuratorin ligaya salazar und szenograph masao nihei speziell bei der architektur gedacht haben, entzieht sich meinem verständnis komplett. (ich spreche hier nur über den teil der ausstellung, der im main exhibition space zu sehen war - die beiden anderen teile der ausstellung wollte ich mir danach nämlich nicht mehr anschauen - keine ahnung also, wie es z.b. war im wapping per bötchen ein brautkleid zu umkurven)

da hätten wir zunächst das, was salazar mal "factory settings" und ein andermal in der nzz das "futuristische szenario eines balls" nennt. ich nenne es: die ästhetik unverputzten, unverplankten wolfsburger systems. sah ein bisschen aus wie die inneneinrichtung eines beliebigen american apparel-stores. nichts gegen minmalistische architektur - aber das fand ich einfach nur hässlich. der raum wurde nicht aufgeteilt, da wurde nichts neues an nischen oder bereichen geschaffen: das waren schlichtweg nur gerüste. und zwar hässliche.

betrat man den raum, ging es nach rechts zur timeline, oder wie salazar in ihrem blog schreibt: a multi-media timeline which will highlight aspects of Yohji Yamamoto’s wider creative output. multi-media, soso. schonmal was von entspiegelten displays gehört, ihr nasen?!? die qualität des videomaterials war übrigens schlichtweg unterirdisch, ein bisschen als schaute man sich ein mieses youtube-video im fullscreen-modus an - vielleicht waren die displays deshalb nicht entspiegelt und man sah zumindest sich selbst einigermaßen scharf und ohne artefakte. primär gab es mitschnitte einzelner schauen zu bewundern, dazwischen dann auch kitanos "dolls" (juhu, okaye qualität!) und wim wenders "aufzeichnungen zu kleidern und städten". wirklichen aufschluss, was yamamoto zu diesem oder jenem bewog oder warum madness mal über den laufsteig clownen durften, gaben die lieblos an die wand geklebten texte leider auch nicht. zwischendrin hängt lustigerweise auch ein für meinen geschmack recht beliebiges postkartengroßes foto in einem ikea-esken bilderrahmen gleicher größe - nice job, guys.

und die kleider? die waren toll, keine frage. irgendwo (zu faul, das heraus zu suchen) las ich, man habe diese bewusst nicht datiert oder mit sonstigen informationen versehen. was bezeichnungen wie "m4" auf dem boden an mehrwert für eines der objekte bedeuten, durfte man einem kleinen faltblatt entnehmen. sicher könnte man jetzt argumentieren, das wichtigste seien eben jene kleider, also das produkt, und nicht hintergründe, motivationen oder entstehungsanekdoten. ich glaube aber, man versteht mode als kunstform nur, wenn man sie auch "lesen" kann. wenn man versteht, warum eine naht eine revolution ist. der rein ästhetische zugang zu einem kleidungsstück macht natürlich auch spaß, war mir persönlich aber ein bisschen zu dünn. also: gucken ja, verständnisförderung null. man hätte übrigens vielleicht auch puppen benutzen können, die nicht so dreckig und schäbbig aussahen und die fußspuren, die wie trampelpfade im schnee auf dem boden zu sehen waren, fand ich ästhetisch auch eher suboptimal. wenn ich an yamamoto denke, denke ich an klarheit, reinheit, an schnitte und formen wie schwertklingen. ich denke an präzision, die blendet - also schickt verdammtnochmal wenigstens ein mal pro woche eine putzfrau durch die ausstellung!

lieblos in eine vitrine geklatscht: beinahe beliebig wirkende stückchen alltagsgebrauchs-yamamoto. zwei taschen für hermès, turnschuhe für adidas. ja, die taschen sind ganz hübsch und y-3 ist sowieso toll. was das ganze soll, was das speziell an der zusammenarbeit mit adidas ist: die ausstellung schweigt.

der tag war gerettet, als wir im museumsshop "how to wrap 5 eggs" entdeckten - leider finde ich kein bild des garnelen-zöpfchens. das buch ist großartig und beinahe ein bisschen wie ein verpackungs-porno für liebhaber von bondage. trost angesichts der yamamoto-enttäuschung: "masters of style" im somerset house. und danach ist es nur noch ein katzensprung mit dem bus zu st. john bread and wine, wo erbsensuppe und kohlrabischeibchen mit rauke den tag endgültig mit zucker betupfen.

30
Jun
2011

Welche Bilder haben Sie im Kopf?

gestern abend: wieder einmal in "hart aber fair" reingezappt und erneut das ganz große kotzen bekommen und zornig mit der erkenntnis ins bett gegangen, dass frank plasberg sich demnächst einen job bei einem sensationslüsternen boulevardmedium suchen sollte, denn was und mit welcher penetranz da gefragt wurde, war wirklich zum kotzen.

"vom kinderwunsch zum kind nach wunsch" lautete das thema, die sendung kann man sich hier zu gemüte führen. neben dem unsäglichen gedankenspiel von der brennenden universitätsklinik, das selbst geister mit unauslotbarer intelligenz wie kristina schröder zu bekehren vermag und dem in seiner dämlichkeit kaum noch zu überbietenden begriff des "designerbabys" wurde es richtig, richtig, richtig widerwärtig, als plasberg versuchte, aus dem anwesenden gynäkologen bloechle mal ein paar krasse insiderinfos über missgebildete ungeborene kinder heraus zu kitzeln.

ab minute 35:20:

in einem theatralischen einspieler wurde gezeigt, dass es in deutschland bis kurz vor der natürlichen geburt möglich sei, besonders schwer missgebildete kinder abzutreiben. da bloechle selbst bereits solche eingriffe vornehmen musste, hielt plasberg es wohl für angebracht, bei ihm nochmal genauer nachzufragen "was für bilder er im kopf hat", wenn er an diese eingriffe zurückdenkt.

bloechle wich aus und antwortete allgemein, warum diese eingriffe so schwierig und traumatisch für die mütter seien. das reichte plasberg aber natürlich noch nicht: denn es sei zwar "ehrenwert, dass er (bloechle" jetzt auf die mütter zu sprechen kommen würde" - aber nochmal zurück zu den "bildern in seinem kopf". erneut will bloechle völlig zurecht nichts über die sicherlich furchtbaren bilder in seinem kopf erzählen und versucht, den fokus fort von einem voyeuristischen blick in sein horrorkopfkino zu lenken - das bild, das er im kopf habe, sei das leid der frauen. man sieht förmlich, wie plasberg innerlich aufstöhnt und sich fragt, warum bloechle sich so ziert und nicht endlich ein paar gruselige details über abgetriebene monster-säuglinge zum besten gibt. also direkt ein drittes mail nachgefragt: "als arzt angetreten um leben zu retten und zu heilen" hätte er (bloechle) die kinder doch gesehen - welche bilder habe er da denn im kopf? endlich gibt bloechle nach: "schwer fehlgebildet" seien diese kinder gewesen.

ich finde es ekelhaft, wie plasberg hier versucht hat sensationsgierig und sabbernd horror-geschichten aus einem gast herauszuholen. dieses insistierende, auf gruselige details und saftig-erschreckende berichte hoffende war einfach unmöglich. offenkundig hatte bloechle keine lust über diese erlebnisse zu sprechen - aber scheinbar war plasberg der meinung, dass sei sein gast den zuschauern schon schuldig, so einen kleinen blick ins horrorkabinett der spätabtreibungen. es war so durchschaubar, dass es plasberg weder darum ging, die erfahrungen der mütter begreifbar zu machen oder das furchtbare dieses tuns für die behandelnden ärzte zu berühren - es ging nur um voyeurismus, zurschaustellung und boulevardeske gier nach dem horror. respekt an bloechle, dass er dem nicht nachgegeben hat - verachtung für plasberg für diese art des fragens.

es ist nicht "ehrenwert" hier über das leid der mütter zu sprechen - es ist zentral für die gesamte debatte. es ist eine pflicht, über die mütter zu sprechen. und es ist eine bodenlose unterstellung, das wort designerbaby in den mund zu nehmen, wenn auf der anderen seite mütter stehen, die sich ein gesundes baby wünschen. ja genau: ein gesundes baby, ohne geistige oder körperliche behinderung, ohne erhöhte risiken an schweren erkrankungen zu leiden und mit der chance, ein ganz normales leben zu leben. es ist beschämend, dass man müttern, die diesen wunsch hegen quasi einen teil des natürlichen mutterinstinkts abspricht, weil sie wagen auszusprechen zu befürchten, den anforderungen, die ein behindertes kind für ihr leben bedeutet nicht gewachsen zu sein. und nicht gewachsen sein zu wollen. ich verstehe nicht, wie man diesen druck für die mütter rechtfertigen kann, wie man mütter durch das verbot dieser diagnoseform quasi darauf verpflichtet, diese bürde tragen zu müssen. das hat nichts mit designerbabys zu tun, sondern mit normalen, verständlichen und verdammtnochmal zu akzeptierenden gründen und wünschen. ich habe größten respekt und hochachtung vor müttern und familien, die glücklich und völlig normal mit einem behinderten kind leben - aber das ist keine pflichtleistung, die jede mutter und jede familie abrufen können muss. und mindestens genausoviel respekt habe ich vor müttern und familien, die sich schweren herzens dafür entscheiden, ein behindertes kind nicht bekommen zu wollen oder zu können. und diesen respekt liess das gespräch von seiten plasbergs und eines großteils seiner gäste schlichtweg vermissen.

1
Jun
2011

Da könnte ja Jeder kommen

ganz genau. zum beispiel ich.

psychologen finden statistik, daten sammeln und die arbeit mit großen stichproben vermutlich tendenziell ein wenig toller als der großteil der bevölkerung. also, zumindest der teil der psychologen, der nicht in der erstsemesterwoche überrraschend feststellte, dass der ich-will-was-schickes-mit-menschen-machen-beruf im grundstudium erstmal eher mit zahlen zu tun hat und infolgedessen spätestens in der inferenzstatistik hoffnungslos ausstiegen und doch lieber auf germanistik umschwenkten. während des statistiklastigen teils des studiums (bspw. der diplomarbeit oder den widerwärtigen empiriepraktikas) hat man es mit lächerlich kleinen winz-stichpröbchen zu tun, auf deren papierfundament man einen theoretischen wolkenkratzer auftürmt und zu rückblickend mindestens als humoresk einzustufenden schlussfolgerungen kommt. in diesem sinne ist die vorstellung einer rund 10 % der bevölkerung umfassenden stichprobe extrem verführerisch und der gedanke an einer wirklich großen erhebung mitzuarbeiten wirklich verlockend (sorry mikronzensus, aber du bist nur ein zehntel so groß). statistik fasziniert mich, die notwendigkeit einer volkszählung leuchtet mir aufgrund meines eigenen mangelhaften melde-und-abmeldeverhaltens absolut ein und da bevölkerungszahlen nunmal basis vielfältiger politischer oder infrastruktureller entscheidungen sind, paarte sich hier persönliches interesse aufs beste mit dem kern einer abgeschlossenen und fachlich größtenteils zu den akten gelegten ausbildung. erhebungsbeauftragte manierlich meldet sich zum dienst!

meine eltern sorgten sich um eventuelle übergriffe und fummeleien durch die befragten, der freundeskreis diskutierte den inhalt des fragebogens und tat seine datenschutz-bedenken kund, kollegen wollten clevere ausreden aus mir heraus quetschen (hey, cool, dann sag ich einfach dass ich diplomat bin!) - einzig genji teilt meine sachlichen beweggründe sowie meine faszination für die riesenstichprobe und mault höchstens, weil ich abends so oft unterwegs bin.

langsam mehren sich auch die ersten zeitungsberichte und blogtexte, in denen über sinn und unsinn des zensus oder un-okayes verhalten der interviewer berichtet wird. und wenn ich mir überlege, wie in meinem fall die schulung lief, welcher art die unterlagen zur terminankündigung und die äußeren insignien des verwaltungsaktes sind, dann verstehe ich sogar einen großteil des unmuts. präziser: des unmuts der leute, die nicht generell aus. z.b. gründen der informationellen selbstbestimmung gegen einen zensus sind, sondern die man durch den ablauf des verfahrens erst zu ablehnern macht.

mein "ausweis" hat weder ein foto, noch sieht er irgendwie bundesdruckerei-offiziell aus. die anschreiben, die mit der terminankündigungskarte und dem flyerchen in einem unauffäligen umschlag im briefkasten landen, sind ellenlang und im duktus komplett vergriffen - auch wenn ich eher lachen muss, wenn andernorts moniert wird, warum der empfänger nicht namentlich angeschrieben wird. die schulung war ein absoluter witz: wer noch nie eine befragung durchgeführt hat, den setzte man durch diese 3 stunden garantiert auch nicht in den stand, dies zu tun. regelmäßig briefe von der erhebungsstelle, in denen auf "vielfache rückfrage" nochmal absolute basics mitgeteilt werden, bestärken mich in diesem eindruck noch. klar gibt es dann probleme, wenn man jemandem mit einer latenten blockwartmentalität einen billigen ausweis, offiziell aussehende briefchen und eine namensliste in die hand drückt und auf die befragten loslässt. da kann bei der schulung noch so oft auf freundliches und höfliches verhalten hingewiesen werden: das auftreten eines speziellen typs interviewer, der sich als staatlich legitimierter zensuspolizist begreift und dabei sämtliche grenzen der guten befragungspraxis über den haufen wirft, ist vorprogrammiert. die aufwandsentschädigung, so lächerlich gering sie auch sein mag (da wäre werbeprospekte einwerfen vermutlich sogar die lohnendere tätigkeit im hausflur), tut ein übriges dazu, dass freundlicher umgang für ein paar euro über den haufen geworfen wird - unfreundlichkeit, nötigung und rüpelhafte grenzüberschreitung sind ja bares geld.

ob ich alles richtig mache, weiss ich natürlich nicht. ob die befragten zu mir vergleichsweise nett und offen sind, weil ich eine frau bin kann ich ebenfalls nicht ausschließen. wenn ich mir aber durchlese, was andere interviewer laut berichten so abziehen , dann kann man wirklich nur den kopf schütteln. irgendwie scheint aber auch auf der anderen seite eine gewisse unkenntnis ob des vorgangs zu herrschen - wobei man natürlich bei letzteren sagen muss, dass es aufgabe der erhebungsstellen oder der interviewer wäre, hier erklärungen parat zu haben.

vielleicht nochmal kurz zu timm hofmanns bericht:

ja, der interviewer sollte nicht einfach so mit dem bogen unterm arm vorbeikommen. wenn alles korrekt abläuft, dann war der befragter zum zeitpunkt des persönlichen termins nämlich schon zwei mal vor ort. ein mal, um abzugleichen ob die namen auf dem registerauszug mit denen auf klingelschildern/briefkästen übereinstimmen - das erleichtert das terminmanagement (montag 16.00 bei mustermann ist irgendwie leichter zu handhaben als montag 16.00 bei erdgeschoss links - wenn man denn diese info aus dem klingelbrett ablesen kann, was keineswegs standard ist) und man sieht zumindest grob, wer da noch wohnen könnte oder dies garantiert nicht mehr tut. beim zweiten besuch wirft man dann die schlimmen amtlichen schreiben, den infoflyer und die terminkarte in den briefkasten und erst beim dritten mal hat man den fragebogen dabei, klingelt und hofft, dass jemand daheim ist.

und da gehen die missverständnisse schon los: wir reden von einer haushaltsstichprobe, d.h. es werden keine personen aus dem register gezogen (wäre ja auch wenig sinnvoll, wenn die aktualität des selbigen geprüft werden soll), sondern adressen und damit die dort angesiedelten haushalte. und eben keine personen. klar interessieren mich in einem haushalt dann die personen, die dort zum stichtag wohnen - aber gezählt wird pro tür bzw. pro adresse. und deshalb ist es auch eher schwierig, individualisierte schreiben in die briefumschläge zu stecken, da man ja nicht sicher weiss, wer dort aktuell wirklich wohnt oder gemeldet ist, das soll ja erst abgeglichen bzw. erhoben werden. mein erhebungsbezirk umfasst ganze zwei häuser, meine registerliste ist alphabetisch geordnet: partner, wohngemeinschaften oder ehepartner kann ich daraus nicht lesen, meist habe ich erst am briefkasten gemerkt, dass zwei gemeldete in einer wohnung wohnen. "gezählt" wird auch nicht nach registerauszug, sondern auf nachfrage:da der registerauszug recht alt ist (stand november hiess es bei der schulung), sitzt man also im betreffenden haushalt und fragt nach, wer hier alles aktuell wohnt. ein z.b. im april geborenes baby wäre ein klassischer fall von nicht-auf-der-liste-aber-trotzdem-unbestreitbar-dort-wohnhaft. also: die namen, die ich habe sind schall und rauch und für die befragung absolut irrelevant. sagt mir die person, die ich mit glück antreffe, dass sie hier allein wohnt, dann muss ich das glauben, auch wenn meine liste z.b. sechs personen gleichen namens ausweist. und nein: ich darf auch nicht in andere zimmer gucken oder mir einen ausweis zeigen lassen. sagte mir jemand, er sei der oberbürgermeister, dann muss ich das so in den fragebogen schreiben. ich darf bei begründeten fällen des misstrauens (mir ist noch keiner begegnet) lediglich auf meiner terminliste in der notiz-sektion vermerken, dass ich nicht glaube, dass ich das vergnügen mit dem bürgermeister hatte. und natürlich ist mir klar, dass es sicher andere interviewer gibt, die ihre notizspalte für mannigfaltige vermutungen und spekulationen nutzen - genau diese art von mutmaßungs-spielraum dürfte es beim einsatz ungeschulter interviewer m.e. nicht geben, glücklicherweise muss sich aber genau derjenige mit den zu papier gekommenen spekulationen rumärgern, der die miesen schulungen verbockt hat: die erhebungsstelle.

lange rede kurzer sinn: der empfänger eines ankündigungs-briefes ist nicht persönlich "gemeint". es geht um die wohnung bzw. adresse, er wohnt eben dort und muss ergo auskunft geben. "beweisen", dass das alles seine richtigkeit hat und person x auskunft geben muss, kann der interviewer erstmal gar nichts und weil das so ist, haben die meisten erhebungsstellen eine hotline, auf der man als befragter anrufen und fragen kann, ob das alles seine richtigkeit hat. aber eben nicht: ist herr mustermann auskunfstpflichtig, sondern: ist die adresse xy teil eines erhebungsbezirkes und die bewohner damit auskunftspflichtig. weil das aber irgendwie bei der infoschwemme rund um den zensus verpennt wurde und man lieber in nationalfarben lackierte container animiert, sorgt das natürlich bei den befragten für frust und bei den interviewern für erklärungsnöte.

der interviewer im verlinkten beispiel hat sich zwar selten dämlich verhalten und hätte erstmal erfragen sollen, wer von den aktuell anwesenden denn auch wirklich dort wohnt. bei dieser auskunft ist er aber auf die ehrlichkeit der befragten angewiesen: hätten alle 5 gesagt, dass sie dort wohnen, dann hätte er auch 5 bögen rausrücken und ausfüllen lassen bzw. mit allen fünf ein interview führen müssen. so doof das klingt: schwindelei und falsche auskünfte kann der interviewer kaum entlarven. wenn die befragten spielchen spielen wollen, dann sitzen sie am längeren hebel. was mich eher verwundert ist, dass der interviewer einfach mal so die bögen hinlegt und weiter seine klingelrunde dreht: standard wäre, dass man den bogen schnell gemeinsam ausfüllt und nur auf wunsch des befragten den bogen aus der hand gibt. von miraus können die befragten das ding gern allein oder online ausfüllen (jaja, die geldfrage treibt viele interviewer sicher dazu auf dem eigentlichen interview zu bestehen). ich gebe den bogen nur deshalb nicht gern aus der hand, weil schon eine falsche stiftfarbe oder eine unleserliche sauklaue das ganze procedere hinfällig machen und ich den fragebogen darüber hinaus auch noch extrem schlecht konzipiert finde. der für mich mieseste fall: ich lasse den bogen auf wunsch der befragten zur selbstausfüllung in der wohnung, vereinbare einen termin zum abholen (siehe: der fiese portotrick der meisten erhebungsstellen, der knallhart zu lasten der interviewer geht), treffe dann niemanden an und muss nochmal kommen. und im zweifel auch nochmal und nochmal. auch gemein: aus einem haushalt wird eine person befragt, aber der ebenfals dort wohnhafte und auskunfstpflichtige partner ist nicht da. obwohl es erlaubt ist, dass der anwesende für den nichtanwesenden bzw. nicht auskunftsfähigen auskunft gibt (siehe auch: kleinkinder, demenzkranke partner), wollen manche den bogen lieber dabehalten und persönlich vom nichtanwesenden ausfüllen lassen - auch dort kann das abholen mehrere termine lang dauern.

den fragebogen, oder wie im bericht erwähnt "die bündel" vor die tür zu legen, ist extrem doof und zwar auch für den interviewer und die erhebungsstelle . auf jedem bogen befindet sich eine art code, der neben der authentifizierung bei der onlineausfüllerei auch den zweck hat, die zuordnung des fragebogens zu meiner befragtenliste zu gewährleisten. den code gibts zwei mal: ein mal auf den bogen gedruckt, ein mal als aufkleber. lasse ich einen fragebogen bei einer person, bitte ich diese mir ihren namen zu sagen, trage diesen in meine namensliste und klebe den aufkleber daneben, selbes verfahren bei nichtanwesenden. so habe ich den überblick, welche bögen mir noch fehlen und wieviele ich überhaupt ausgeteilt habe. einfach mal sechs bögen in den briefkasten schmeissen, weil laut veraltetem registerauszug dort sechs leute wohnen ist: naja. außerdem stelle ich mir das einsammeln der bögen (wenn sie denn richtig und überhaupt ausgefüllt werden) extrem unangenehm vor. dingdong, sie kennen mich zwar nicht, aber ich hatte ihnen da mal was in den briefkasten geworfen...

nett auch, dass jemand in den kommentaren des verlinkten beitrages schreibt, ohne namen auf dem brief könnte ja ein nachbar einfach seinen brief bei ihm einschmeißen? wenn der nachbar im selben haus wohnt könnte er das natürlich tun - aber das rettet ihn auch nicht vor einer befragung: kriegt er eben einen neuen bogen. der, bei dem der bogen "fälschlicherweise" gelandet ist, hätte bei gleicher adresse aber sowieso einen bogen gekriegt, das ist also kein drama, denn erhoben werden komplette adressen. ist es ein nachbar aus dem nebenhaus (also mit anderer adresse) der den umschlag in den briefkasten eines anderen hauses (also entweder in einem anderen oder gar keinem erhebungsbezirk) wirft, dann passiert dem, der den umschlag fälschlicherweise hat nix (er war ja nicht auskunftspflichtig) und der nachbar kriegt einen neuen bogen. aber das beispiel zeigt auch sehr hübsch, warum bögen in den briefkasten schmeissen eher unproduktiv ist und nur generve und mehrarbeit für den interviewer verursacht. und was die ausfüll-frist angeht: da dürfen sich meine befragten gern bis ende juli alle zeit der welt nehmen. am 31.07. muss ich die bögen abgeben, von miraus kann der termin zur abholung auch der 30.07. sein. und selbst wenn der bogen bis zum 31.07. nicht abgeholt werden konnte (termine zur abholung nicht eingehalten o.ä,): kurzer vermerk in die namensliste der erhebungsstelle, dass der bogen innerhalb der frist nicht abgeholt werden konnte und gut ists. dann gibt es einen freundlichen brief der erhebungsstelle, dass der bogen bitte per post geschickt werden soll und der drops ist gelutscht. (vermutlich muss man dann das porto selbst übernehmen oder den bogen persönlich bringen, der abholservice entfällt dann sicher)

wenn sich das ganze jetzt wirklich "an einem sonnigen abend im märz" (also minimum mehr als einen monate vor dem stichtag) zugetragen hat, wäre das in summe alles schon wirklich sehr ärgerlich und seltsam. trotzdem gehe ich davon aus (siehe: haushaltebefragung), dass man trotz einem hoffentlich entschuldigenden brief der erhebungsstelle um die befragung nicht herum kommt. mit glück kommt aber nicht nochmal der fiese ältere herr, sondern ein kundigerer interviewer. zu wünschen wäre es dem verfassser.

was die strafe für auskunftsverweigerer angeht: schwieriges thema. ich vermeide ehrlich gesagt das drohen mit der bußfgeldkeule. erstens werden die leute dann meist erst richtig wütend und auch ich würde mir ungern von jemandem drohen lassen. zweitens glaube ich nicht, dass die androhung von strafe jemanden der etwas nicht will, dazu bringt selbiges zu tun. drittens: da ich das bußgeld nicht verhänge, erscheint es mir juristisch gesehen extrem dünnes eis, damit zu drohen. zumindest in meinem erhebungsbezirk halten sich die totalausfälle oder auskunftsverweigerer aktuell noch extrem in grenzen - die beiden betreffenden haushalte waren freundlich, haben mir am telefon bzw. bei meinem persönlichen besuch freundlich und schlicht ihre gründe genannt und noch einen schönen tag gewünscht. ich habe den ausfall auf meiner liste vermerkt, soweit ich es konnte sachlich über die konsequenzen informiert und gut war´s. mit informationen über die konsequenzen meine ich aussagen á la: sie sind auskunftspflichtig, die erhebungsstelle wird sich in jedem fall noch einmal melden, es kommt garantiert nochmal ein bogen per post und es existiert auch die theoretische möglichkeit eines bußgeldes. mehr muss und mehr will ich dazu nicht sagen - auf debatten, wie hoch das bußgeld denn wäre und dass der betreffende einen super-anwalt hat und blabla habe ich keine lust. jetzt schon kann man sagen, dass die von mir befürchteten diskussionen, treppenhauskeifereien oder küchentischdebatten dankbarerweise ausbleiben - dafür ist die verschlossene wohnungstür natürlich des befragers best friend.

was den teil des datenschutzes, den die interviewer gewährleisten können (also alles ab dem abholen des befragungsköfferchens bis zur abgabe der ausgefüllten bögen und sonstiger unterlagen,) angeht, bin ich selbst hin und hergerissen. was definitiv geschult wurde, waren umfassende belehrungen im umgang mit den bögen (lass die unterlagen nicht offen auf dem küchentisch liegen. nein, dein mann darf nicht mal eben gucken was in einem ausgefüllten bogen steht. die bögen im auto liegen zu lassen und keine gute idee. wehe, du kopierst die bögen und vertickst oder benutzt sie für deine diplomarbeit/dein superforschungsprojekt). was aber irgendwie nicht problematisiert wurde: was zum henker mache ich mit den ausgefüllten bögen? meine liegen in einer großen schuhkiste im schlafzimmer und laut erhebungsstelle bleiben sie dort solange, bis ich eine größere (keine genau angabe, was größere so ungefähr ist) anzahl zusammen habe und persönlich in der erhebungsstelle abgebe. das einzige was diesbezüglich klar ist: am 31.07. spätestmögliche abgabe. was vorher damit passiert ist merkwürdigerweise offenkundig meiner einschätzung unterworfen. und das ist ein komplett inakzeptables vorgehen. keine ahnung, wie man das besser oder anders hätte regeln sollen (von miraus ein einwurfschlitz a la babyklappe in der erhebungsstellentür - eindeutig zuordenbar sind die dinger ja code sei dank), aber so geht´s einfach nicht. bzw.: es geht ja offenbar schon, aber es ist ein punkt, der die vorwürfe des mangelnden datenschutzes unwiderlegbar stützt. ob das zu all den anderen datenschutzvorwürfen noch dazukommen musste, mögen die einzelnen erhebungsstellen für sich beantworten.

und beim nächsten mal erzähle ich von den "übersetzungshilfen" und einem interviewer, der laut erhebungsbeauftragten-gerüchteküche in der wohnung der befragten vor dem interview gern erstmal gepflegt und ausgiebig aufs klo geht.

12
Mai
2011

Anstelle einer unter Dutzenden von Kommentaren verfassten Antwortvariante: Rechtschreibung à la Rosettenmeerschwein

da das publikum eines blogs erstmal immer ein theoretisches ist (das wie im falle der verlinkung durch bildblog auch schlagartig sehr praktisch, ja nahezu akut werden kann), man also quasi vor einer imaginären und nur in den wenigstens fällen wirklichen zuhörerschaft publiziert, nehme ich mir auch weiterhin die freiheit, meine texte hier als privatvergnügen und nicht als auftritt abzusetzen. und das bedeutet für mich: das geschriebene auf eine art und weise heraus zu rotzen, die mir persönlich angenehm ist, also alles klein zu schreiben. geht halt schneller. dass dieser umstand die leser seit anbeginn der manierismen nervt und folgerichtig regelmäßig moniert wurde, ist mir bekannt, ändert aber nichts daran, dass mir die überwindung des einmal angewöhnten kleinschreibens zu anstrengend ist oder ich es schlichtweg beim tippen vergesse und dann wieder zu faul bin, nachträglich großbuchstaben einzubauen. darüber darf man sich natürlich gern lang und breit aufregen – als respektlosigkeit empfinde ich es aber nicht. wie wäre es stattdessen mit gleichgültigkeit? die abgewrackte haremsjeans mit gummibündchen, die ich privat trage würde ich im job nicht anziehen, empfinde sie aber trotzdem als gemütliche freizeitalternative, die ich ungeachtet des umstandes, dass mich doch mal jemand aus dem beruflichen umfeld darin beim nächtlichen kippenkauf ertappen könnte, trotzdem trage. für das theoretische publikum, das klingeln könnte während ich so gekleidet auf dem sofa herumhänge, ziehe ich mich ganz sicher nicht schick an. und für die potenzielle zuhörerschaft, die hier einläuft weil mich jemand verlinkt, beginne ich auch ganz sicher nicht, auf bürofeine korrekte rechtschreibung bzw. deren korrektur umzuschwenken. schlichtweg weil das hier kein offizielles publizieren, kein verbales produzieren vor zuhörern, sondern privatvergnügen ist. jeder, der in seinem blog die kommentare offen lässt, ermöglicht dadurch reaktionen und zeigt an, dass diese durchaus auch gewünscht sind. daraus abzuleiten, ich schriebe hier nicht nur vor sondern auch für publikum und müsse darum den ansprüchen potenziellen publikums genüge tun, finde ich zumindest gewagt. der einzige anspruch, der mich hier interessiert ist der meinige – gern dürfen kommentatoren daraus eine bedauernswerte anspruchslosigkeit meinerseits ableiten. aber der komfort, hier so zu schreiben wie ich es möchte (also z.b. durchgehend klein), ist mir das risiko dauerhaften unmuts potenzieller leser absolut wert.
deal with it.


Lesehilfe:
Da das Publikum eines Blogs erstmal immer ein theoretisches ist (das wie im Falle der Verlinkung durch BILDblog auch schlagartig sehr praktisch, ja nahezu akut werden kann), man also quasi vor einer imaginären und nur in den wenigstens Fällen wirklichen Zuhörerschaft publiziert, nehme ich mir auch weiterhin die Freiheit, meine Texte hier als Privatvergnügen und nicht als Auftritt abzusetzen. Und das bedeutet für mich: das Geschriebene auf eine Art und Weise heraus zu rotzen, die mir persönlich angenehm ist, also alles klein zu schreiben. Geht halt schneller. Dass dieser Umstand die Leser seit Anbeginn der Manierismen nervt und folgerichtig regelmäßig moniert wurde, ist mir bekannt, ändert aber nichts daran, dass mir die Überwindung des einmal angewöhnten Kleinschreibens zu anstrengend ist oder ich es schlichtweg beim Tippen vergesse und dann wieder zu faul bin, nachträglich Großbuchstaben einzubauen. Darüber darf man sich natürlich gern lang und breit aufregen – als Respektlosigkeit empfinde ich es aber nicht. Wie wäre es stattdessen mit Gleichgültigkeit? Die abgewrackte Haremsjeans mit Gummibündchen, die ich privat trage würde ich im Job nicht anziehen, empfinde sie aber trotzdem als gemütliche Freizeitalternative, die ich ungeachtet des Umstandes, dass mich doch mal jemand aus dem beruflichen Umfeld darin beim nächtlichen Kippenkauf ertappen könnte, trotzdem trage. Für das theoretische Publikum, das klingeln könnte während ich so gekleidet auf dem Sofa herumhänge, ziehe ich mich ganz sicher nicht schick an. Und für die potenzielle Zuhörerschaft, die hier einläuft weil mich jemand verlinkt, beginne ich auch ganz sicher nicht, auf bürofeine korrekte Rechtschreibung bzw. deren Korrektur umzuschwenken. Schlichtweg weil das hier kein offizielles Publizieren, kein verbales Produzieren vor Zuhörern, sondern Privatvergnügen ist. Jeder, der in seinem Blog die Kommentare offen lässt, ermöglicht dadurch Reaktionen und zeigt an, dass diese durchaus auch gewünscht sind. Daraus abzuleiten, ich schriebe hier nicht nur vor sondern auch für Publikum und müsse darum den Ansprüchen potenziellen Publikums genüge tun, finde ich zumindest gewagt. Der einzige Anspruch, der mich hier interessiert ist der meinige – gern dürfen Kommentatoren daraus eine bedauernswerte Anspruchslosigkeit meinerseits ableiten. Aber der Komfort, hier so zu schreiben wie ich es möchte (also z.B. durchgehend klein), ist mir das Risiko dauerhaften Unmuts potenzieller Leser absolut wert.
Deal with it.

(yepp, kommentare dazu unerwünscht - wer dazu noch etwas sagen möchte, darf das gern unter dem stein des anstoßes tun. mache ich bestimmt auch noch)

11
Mai
2011

Anstelle eines Lena-Wortspiels: Benehmen wie ein Bürstenbinder

da zdf.kultur und einsfestival in meiner sendersortierung direkt hintereinander liegen, bin ich vorgestern beim zappen in die wiederholung jener unsäglichen show-für-deutschland-sendung gerutscht und hängen geblieben. was dem fernsehblog und dem spiegel offenbar genauso ging. lese ich mir deren einschätzungen durch muss ich allerdings annehmen, dass wir drei irgendwie unterschiedliche sendungen gesehen haben.

so schreibt das fernsehblog: "Die Fassungslosigkeit von Lena Meyer-Landrut über die Ahnungslosigkeit und Ungeschicklichkeit des Mannes war unübersehbar und nachvollziehbar."

und der spiegel juchzt gar: "Denn er und Lena haben sich bei ihrem ersten Treffen gehasst. Das war allerdings herrlich anzusehen: Wie der alte Hase Elstner sich mit seinen "Wetten dass..?"-Showmaster-Gesten an der 50 Jahre jüngeren Göre abarbeitete, die ihm, von dem Freundlichkeitsgetue sichtlich genervt, ständig in die Parade fuhr. (...) Es war das Großartigste, was die ARD seit langem auf dem Sendeplatz um 18.50 Uhr gezeigt hat."

zur erinnerung: wir sprechen von diesem...äh...interview. (leider nur in teilen, aber das wichtigste sieht man)

nur damit wir uns nicht falsch verstehen: ich hätte mir auch eine bessere moderatorenwahl als ausgerechnet frank elstner vorstellen können. die wichtigsten punkte, warum elstner-dooffinden und sich selig darüber lustigmachen angebracht waren, teile ich vermutlich mit den autoren der anderen texte. aber ehrlich gesagt: ein bisschen billig ist das elstner-bashing schon, denn das einzige moderationsobjekt, über das man sich ähnlich leicht belustigen kann, ist cherno jobatey. über elstners onkelhafte gesten aus der goldenen zeit des öffentlich-rechtlichen fernsehens und seine salbungsvolle, beichtstuhlig nach intimitäten bohrende art ist ebenso alles gesagt, wie über den moderierenden turnschuh.

was aber meiner meinung dringend mal gesagt werden müsste, ist das lena sich einfach nur komplett daneben benommen hat. wer jemals in ihr einen gegenentwurf zum handyverkaufenden castingshowgewinner mit hauptschulabschluss sehen wollte, der darf diese sichtweise nach der sendung getrost revidieren. auf eine bestimmte art von unhöflichkeit und schlechten manieren, die unverhohlen und vom publikum als ui-ui-ui-frech bejubelt zur schau gestellt wird, reagiere ich mit einem kotzreflex. wo fernsehblog und spiegel einen dilletantischen und schlecht vorbereiteten moderator sehen, den eine schlagfertige lena mit wonne auflaufen lässt, sehe ich einen dilletantischen und schlecht vorbereiteten moderator, der auf eine hinsichtlich ihrer umgangsformen komplett entgleiste junge frau trifft, der es neben manieren auch an professionalität fehlt. ja richtig: professionalität. denn nichts anderes erwarte ich von einem singenden zirkuspferdchen, das ein jahr zeit hatte, sich genügend routine im umgang mit jeder art von doofen fragen und unsympathischen gegenübers anzueignen. ich erwarte, dass so jemand den arsch zusammenkneift und ein freundliches lächeln aufsetzt, wenn ein interviewer pathetische vergleiche zieht ("sie sind der einsamste mensch da unten auf der bühne") oder probleme mit dem zählen hat ("die letzten beiden jahre"). pampigkeit, klugscheißerei und sparkassen-freche-jugendlichkeit ist nur dann angebracht, wenn das gegenüber selbst die grenze der höflichkeit und des guten geschmacks überschreitet und bspw. unverschämte privatangelegenheiten aus dem interviewten herausprovozieren will. solange ein interviewer nur belanglose, langweilende, mit priesterlichen gesten ummantelte nullinformationsfragen stellt, erwarte ich, dass ein medienprofi damit umgehen kann, ohne den interviewenden so billig vorzuführen, wie es in dieser sendung passiert ist.

was da neben elstner stand und saß war jemand, bei dem offenkundig irgendwann die gute erziehung auf der strecke geblieben ist und der in seinen nervösen reproduktionsversuchen eines früheren ichs lieber unverschämt und unhöflich wird, als sich eine neue attitüde zuzulegen. weil unverschämtes verhalten und kleingeistige besserwisserei offenbar näher an ihrem eigenen und dem lenabild der anderen sind, als entspanntes drüberwegsehen. man darf sich davon natürlich köstlich unterhalten fühlen, sich über den moderator lustig machen und altklug konstatieren, da habe aber jemand seine beste zeit hinter sich. letzteres gilt aber für moderator und zirkuspferd gleichermaßen.

denn mal ganz im ernst:
ich halte viele der gestellten fragen und getätigten aussagen jetzt auch nicht für superinnovativ und großes begfragungstennis. vielmehr fand ich sie nicht besser oder schlechter als vieles andere auch, was im umfeld solcher großereignisse eben angesprochen wird - irgendwie muss man ja durch die woche senden. (das kann und sollte man sicher besser machen, aber empörend scheiße fand ichs eben nicht)

angesichts des umstands vor was weiss ich wie vielen millionen zuschauern allein auf einer bühne bestehen zu müssen - ist es da wirklich die pannigste aussage der welt zu sagen, lena sei da unten einsam? wäre madame wirklich ein zacken aus der pippi-langstrumpfkrone gebrochen, lächelnd belanglos zu antworten: klar, das fühlt sich einsam an, da kann mir keiner helfen, da bin ich ganz auf mich gestellt? (den fantasiesprachenkram hätte sie als späßchen ja noch hinten dranhängen können, um die belanglos aussage zu lenaisieren)

ist es wirklich sooo daneben demjenigen (zugegebenermaßen vermutlich recht kleinen) teil der zuschauer, der nicht weiss dass in dieser gruseligen arena normalerweise fußball gespielt wird, diese info zukommen zu lassen? und ist es zuviel verlangt von einem durchgecoachten und im letzjährigen medienmarathon mit allen wassern gewaschenen singsternchen eine andere antwort zu erwarten als die streberige bemerkung, es sei immernoch ein fußballstadion? triebe man diese klugscheißerei auf die spitze, hätte elstner korinthenkacken können, dass es aktuell eben kein fußballplatz ist, sondernschauplatz des grandprix - wenn schon tempus-korrektur, dann richtig? fiel der ach so schlagfertigen lena echt nix besseres ein - von miraus auch ein gackeriger vergleich von fußballerwaden und grandprix-hühnerbeinchen?

zugegeben unbeholfen verkündet elstner die schnarchige knallerinfo, wo lena beim gandprix stehen wird - und wird prompt belehrt, sie stünde aber eher 32,7 cm vor der stelle, die er gezeigt hat: hahaha, der ist aber echt schlecht vorbereitet! meine güte, kann man nicht einfach sagen: ja, dort stehe ich - eigentlich wollte ich ja in einem goldenen massagesessel von der bühnendecke schweben, das war aber zu teuer? das wären vielleicht keine pointenschäumenden aussagen, aber weniger peinlich als die betont gelangweilt-coole art den anderen auflaufen zu lassen, wäre das allemal.
(und da habe ich noch nicht einmal den um beifall heischenden blick lenas erwähnt, mit dem sie einem imaginären publikum zusendet: habt ihr das gehört? war das nicht total charmant respektlos?)

wer so lange durchhält, bis lena beginnt elstners schwülstige ausführungen zu den fleissigen eventbienchen mit augenverdrehen und kopfgewackel zu untermalen, um schließlich das zu tun, was der spiegel simultanes nachäffen nennt, den durchlaufen heisskalte wellen des fremdschämens. für elstner, für dieses ganze spektakel, für diese beispiellose demonstration schlechten benehmens und für die gehässigkeit, mit der man sich andernorts über die vermeintliche elstnerdemontage freut.

28
Apr
2011

Ist schonmal jemandem aufgefallen,

dass die lacher bei der re:publica den gleichen gesetzmäßigkeiten folgten wie die aufgesetzte lacherei, die man auch bei einem sehr speziellen teil des kinopublikums während der vorführung unsynchronisierter englischer filme beobachten kann?

das funktioniert (im kino) ungefähr so: zwei darsteller kommunizieren in einem obskuren dialekt, der für den normalen zuschauer nur mit äusserster anstrengung als englisch erkenn- und somit auch nur mühevoll im kopf übersetzbar ist. erhöhter schwierigkeitsgrad: laute umgebungsgeräusche, die darsteller haben etwas im mund oder kämpfen miteinander und erhöhen gleichzeitig das sprechtempo um den faktor, um den auch das playback bei musicvideodrehs, zu dem darsteller die lippen bewegen müssen verschnellert wird, damit man dann beim fertigen video in normaltempo schöne smoothe bilder bekommt. kurz:man versteht nichts oder nur wenig oder aber viel zu spät. im kino gibt es nun immer, immer, immer personen, die bei jedem kleinsten verbal geäusserten witz in lautstarke spaßbekundungsgeräusche ausbrechen müssen - je unverständlicher der dialog, desto frenetischer werden späße von diesem publikumsteil gefeiert.

meistens ist der spaß, den leute wie ich ein, zwei sekunden später dann auch korrekt kopfübersetzt und durch den internen spaßometer gejagt haben, gar nicht so witzig. es geht bei dieser art von überdrehter expressreaktion auf eine laue vorlage aber auch gar nicht um die witzigkeit, sondern um eine ziemlich eklige art von distinktion. was der lacher nämlich ausdrücken will ist: geil, geil, geil - ich spreche und verstehe dermaßen versiert englisch, das glaubt ihr gar nicht! und weil wir das tatsächlich nicht glauben würden, fühlt sich dieser publikumsteil bemüßigt, uns über umwege damit zu konfrontieren, wie mächtig er des englischen ist (schön zu beobachten war das in "snatch" in nahezu jeder szene, in der brad pitt zu hören war. hab ich übrigens nichtmal in deutsch alles verstanden). ergo wird alles, was man nur irgendwie verstehen kann mit einer reaktion bedacht: ha! ha! ha!

und genau dieses haha ist mir auch bei der re:publica, die ich via stream im büro geguckt (bzw. eher gehört) habe, aufgefallen. also, nicht nur die englisch-lacher (die es scheinbar überall gibt, das war auf dem iba zwanzig zwanzig-forum in berlin auch nicht anders, nur da saß ich live in der hölle), sondern auch die fast noch schlimmeren ich-hab-das-internet-kapiert-lacher. mag ja sein, dass sich mancheiner schämt, wenn in scripted reality-sendungen schlimme menschen in schlimmen wohnungen sitzen und bei einer selbstgedrehten mit ihrern schlimmen freunden einen treuetest für ihren schlimmen partner planen. ich hingegen schäme mich, wenn bei der re:publica schenkelklopferig gelacht wird, weil jemand auf der bühne den bärtigen scherz "quelle: internet" bringt: hahaha, wie doof das öffentlich-rechtliche fernsehen doch ist, die sind mindestens so blöde wie die leute, die glauben man bräuchte einen twitteraccount um tweets lesen zu können, hahaha!

es kotzt mich an, wie selbstgefällig und vollgefressen eure egos sich in die sitze gekuschelt haben müssen, ihr quelle-internet-lacher, als sascha lobo am anfang seines trollvortrages auch noch erwähnte, ihr wäret "sowas ähnliches wie die internetszene", nämlich die leute, welche "die digitale gesellschaft prägen sollten". (japs!)

wenn man möchte, kann man in die folgenden ausführungen das plädoyer hineinlesen, dass doch bitte mal jemand, der nicht sascha lobo heisst anfangen möge, "den anderen" chatroulette und wikileaks zu "erklären". und hier wirds bezeichnend: denn das will weder sascha lobo (der davon lebt, dass das kein anderer tut, was ich als grund vollauf akzeptieren kann), noch die lacher aus dem publikum. die wollen lieber weiter elitär lachen.
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