16
Mai
2017

Heute, 16. Mai

Dienstreise, Mittelklassehotel, das offizielle Programm ist vorbei, die Hierarchie und ich stehen ein bisschen ratlos rum und überlegen, was man nun mit den letzten Stunden des Tages so macht. Und vor allem: ob man es gemeinsam oder allein macht. Und wer jetzt wen fragt und was die größere Grenzüberschreitung und Übergriffigkeit ist und überhaupt. Wir schlendern in eine Kneipe, bestellen Apfelschorle und reden ein bisschen um die Sache herum....

Die Sache ist: die Hierarchie und ich mögen uns ganz gern. Wir gehen gemeinsam in die Mittagspause, waren auch schonmal privat und in Gesellschaft von Dritten bei unverfänglicher Sitzunterhaltung (danke, Paul Auster, für diesen Begriff), hier mal ein Eis nach der Arbeit, dort mal ein ausgedehntes Kaffeetrinken in der Sonne zwischen zwei Terminen. Und jetzt sitzen wir beide peinlich berührt in der fremden Stadt und wissen nicht so richtig, was wir jetzt aus Sympathie, einem rein beruflichen Siezverhältnis und der Situation machen sollen. Immer schön auf die Mitte zielend frage ich einfach direkt, ob wir nicht irgendwo etwas essengehen und danach ins Kino wollen - und die Hierarchie sagt rundheraus nein, das ginge auf gar keinen Fall. Und zwar nicht, weil er sich keinen angenehmen Abend in meiner Gesellschaft davon versprechen würde oder den Vorschlag unpassend fände, sondern schlichtweg aus Angst und Vorsicht.

Es sei nämlich so, erzählt die Hierarchie zögerlich, dass das männliche (unsere Frauenquote ist ganz anständig und zwar auch durchaus in hinsichtlich des Führungspersonals immernoch recht männlichen Domänen wie Geld oder IT) Spitzenpersonal meines Arbeitgebers sich eher nicht gegenseitig in die Karten schauen lasse. Männerkollegenschaften blieben bei kritischen Themen, speziell in Personalführungsfragen immer seltsam bedeckt, man spricht nicht darüber, wie schwer das ganze Managen und Führen und Verantworten sei, sondern markiere speziell voreinander immer die ganz harte Nuss. Einzig bei einem Thema herrsche eine überraschende Offenheit: bei der kollegialen Beratung und Beratschlagung im Umgang mit weiblichen Mitarbeitenden. Dass man nie, nie, niemals bei Besprechungen die Türe schließen solle. Eine Mitarbeiterin nicht, egal wie schlichtweg höflich dies gemeint sei, auf einen Espresso einlade. Dass es sich verbiete, ein freundliches Kompliment zu machen oder in den Mantel zu helfen. Kurz: man etabliert hier einen Verhaltenskodex für männliche Führungskräfte im Kontext panischer Angst bzw. pathologischer Vermeidung dessen, was einem im Zusammenhang mit etwaigen Anschuldigungen extrem leicht auf die Füße fallen könne. Persönlich kenne ich (im Personalbereich kriegt mans halt mit) zwar nur zwei Fälle, in denen nachweislich und dokumentiert falsche Aussagen über vermeintiche Zudringlichkeiten vorlagen, aber die Hierarchie hat schon recht: der Fall der beschuldigten Vorgesetzten kam hart, schnell und sehr, sehr nachhaltig. Beide (auch wenn heute längst offiziell entlasteten) Männer wurden in Töchterunternehmen ausgelagert, vergammeln seitdem in demütigen Degradierungen und der Vorwurf des Belästigers, Grenzüberschreiters oder (sagt man wohl heute so) Abusers klebt bis heute wie sehr hartnäckige Scheisse am Schuh. Die Sache ist offiziell vom Tisch, aber da bleibt etwas an einem hängen, da liegt ein Vorwurf und den kriegt man nicht weg. (Und falls es interessiert: ich kenne deutlich mehr Fälle, von echtem Fehlverhalten bis zu handfester Belästigung. Die Lügen scheinen die extrem kleine Minderheit zu sein - sagt zumindest meine Statistik).

Man entwickele, so erzählt die Hierarchie, ein sehr nervöses Sensorium, beobachte peinlichst genau das Verhalten des weiblichen Gegenübers, zwinge sich selbst zu einem Verhalten, das lieber unhöflich als potenziell riskant ist - denn die Beispiele geistern immernoch als konstante Warnung über die Flure. Normales (und ja, auch ich finde das Geschilderte und nun Unterlassene normal, höflich, anständig, freundlich, gesittet) Verhalten sei so zwischen männlichen Vorgesetzten und weiblichen Mitarbeitenden quasi nicht mehr möglich, da man sich prophylaktisch durch erzwungene Distanz quasi permanent überkorrekt (heisst: maximal unangreifbar) verhalte. Gibt es doch mal ein Gespräch, für das man die Tür gern schließen würde, zieht man halt unter blödsinnigen Gründen einen Kollegen oder Betriebsrat dazu. Man besucht völlig irre Sensibilitätstrainings und zwar nicht, weil man sich sensibilisieren, sondern weil man neue, potenziell verfängliche Situationen mit ins Repertoire aufnehmen möchte.

Die Situation ist doch diejenige: unser Verhältnis ist und wird immer (quasi im Futur 2) vergiftet gewesen sein und bleiben. Weil ich eine Frau und damit immer sein potenzielles Opfer bin. Weil wir beide in einem Narrativ festsitzen, in dem ich am längeren Hebel sitze und ihn und seine Karriere jederzeit grundlos und mit sehr geringem Aufwand kaputtmachen kann. Kein einziges Unternehmen, das und dessen Organisationskultur ich kenne, kann es sich heute ernsthaft leisten, einen angezeigten Fall von Belästigung und Annäherung nicht rigoros zu verfolgen. Und damit meine ich: wirklich keines. Das mag vor ein paar Jahren noch anders gewesen sein, aber ich, als Subjekt und vermeintlich geschützter Gegenstand zahlreicher Guidelines und Regeln und Gesetze spüre sehr genau, was bei sowas halt auch auf der Strecke bleiben kann. Nämlich normales Verhalten. Der unwahrscheinliche Fall der Falschbeschuldigung ist nämlich derjenige, der Verhalten und Beziehungen sehr eindrignlich formt. Normalität, das heisst bei uns: künstlich distanziert. Normalität heisst, dass ich meinen männlichen Mitarbeitern sehr wohl sagen kann, wie schick ich sie heute in diesem Hemd oder jenen Sneakers fnde. Ich kann nach einem tollen Termin zwei Eis besorgen und ein Lob in der Sonne aussprechen. Ich kann, wenn es Grund gibt, zu einer Aussprache in mein Büro bitten und die Tür hinter uns schließen. Männer können das zwar auch, aber sie machen sich damit eben jedes Mal angreifbar und gelten unter männlichen Kollegen als geradezu verrückt verantwortungslos. Eine Mitarbeiterin zum Espresso einladen ist der Extremsport, das Bungeespringen männlicher Führungskräfte.

Darum ginge das leider nicht, mit dem Essen und dem Kino, sagt die Hierarchie. Und schon gar nicht auf Dienstreise, mit Übernachtung im gleichen Hotel (mir fällt ein, wie er sein Vorzimmer anpflaumte, warum wir im selben Hotel schlafen würden und wie ich noch dachte, dass ich ihn gar nicht so snobistisch und auf Chefstatus und folglich Chefunterbringung bedacht eingeschätzt hätte). Ich gehe allein ins Kino und erzähle ihm beim Frühstück, wie der Film so war. Unsere Apfelschorle bezahlen wir jeder für sich.

7
Mai
2017

Heute, 7. Mai

Wir suchen im Café im Schlosspark den schönsten oder zumindest irgendeinen Platz, denn es ist sonnig und Samstag und alles riecht nach Flieder, also: voll. Nach mehren Runden sagt eine ältere Dame, die sehr solide in Beige vor ihrem Spargel sitzt, wir könnten uns gern zu ihr setzen, aber weil ich rauchen will, lehne ich ab. Es war eine freundliche Dame, die lächelt und herzlich wirkt, aber eben trotzdem an einem Samstag allein Spargel isst und ein Glas Wein trinkt. In meinem Kopf rauscht sofort das Schuldgefühl los. Dort hinsitzen hätte man sich gemusst, vielleicht war die Freundlichkeit der Wunsch nach ein, zwei gewechselten Worten, lieb wirkte sie doch, die Dame. Habe ich zu schnell abgelehnt, war ich freundlich genug, warum nicht doch dort hinsetzen? Warum um Himmelswillen geht denn niemand mit der netten Dame ein Glas Wein trinken am Samstag? Wo sind die Kinder oder Enkel oder Nachbarn, verdammt? Als sie sich die Eiskarte bestellt und sehr gewissenhaft und vorfreudig einen Eisbecher aussucht, bin ich schon wieder den Tränen nahe und ärgere mich über all die wehleidige Projektion (würde ich öffentlich immer leugnen) und hoffe, die Dame ist ein gemeiner Besen, mit dem zurecht keiner an einem Samstag im Schlosgarten sitzen will.

2
Mai
2017

Heute, 2. Mai

Am Wochenende mit einer Freundin (einer der letzten, die gefühlt permanente Jobwechselei und Umzieherei der letzten Jahre hat Spuren hinterlassen. Ironie: in der Wohnung und in dem Leben, das ich mir so gewünscht und das ich mir hans-im-glück-invers ertauscht habe, bin ich quasi allein) auf dem Sofa "freaky friday" gesehen. Mich viele, viele Minuten gefragt, warum mich der Film so unendlich traurig macht. Brutal einbrechende Erkenntnis in den letzten Minuten (genauer: beim Bandauftritt zum Casting-Irgendwas): ich werde dieses Gefühl immer nur in eine Richtung kennenlernen. Ich liebe meine Mutter über alles, wir verbringen so viel Zeit, wie es 600 km Distanz und 60-Stunden-Wochen zulassen. Wir fahren gemeinsam in den Urlaub, wir schicken uns Päckchen mit ich-hab-an-dich-gedachts, wir brauchen einander sehr und vielleicht wird das alles irgendwann auch mal Grey Gardens-artig , aber für den Moment ist es schön und genug. Als Jamie Lee da so auf den Bass eindrischt und Lindsay auf der Bühne irgendetwas dazu vor sich hinmimt, platzte mir höchst unangenehm in den Kopf, dass ich keine Kinder bekommen werde. Nie. Dass später gestern war. Dass die einzige Mutter-Tochter-Beziehung, die ich je haben werde, die zu meiner Mutter ist. Ich fange instant an zu heulen.

24
Feb
2017

24
Jul
2016

Heute, 24. Juli

Hallihallo, Edition F!

Schluss soll endlich mal wieder sein. Dieses Mal mit der Schikane (!) von Müttern beim beruflichen Wiedereinstieg.

Vielleicht verdeutlicht die Verwendung des Begriffes "Unternehmen" im Artikel ja, dass sich Eure Ausführungen nur auf die Privatwirtschaft beziehen, denn aus dem öffentlichen Dienst hört man ja hier und da was anderes, aber wie auch immer: Schikane?! Ernsthaft?!

Der Reihe nach:

Da gibt es Hunderttausende größtenteils hoch qualifizierter Arbeitskräfte, deren Motivation ebenso groß sein dürfte wie ihre Fähigkeit, Dinge effizient zu organisieren und umzusetzen. Ich spreche von Müttern.


Schön zu wissen, dass Mütter nicht nur größtenteils "hoch qualifiziert" sind (was genau darf ich mir darunter vorstellen?), sondern qua Mutterschaft auch noch magische Fähigkeiten im Organisieren und "Umsetzen" gewonnen haben. Und die Motivation erst! Können wir uns nicht drauf einigen, dass Mütter so qualifiziert, motiviert und organisiert sind wie andere Mitarbeitende auch- beispielsweise kinderlose Frauen oder gar weisse, mittelalte Männer? Ich spreche, gerade als Personalverantwortliche in einer Organisation mit ca. 8.000 Mitarbeitern, gern von Menschen.


Aber jetzt verrate ich den Personalern und den Unternehmen, die glauben, sie könnten sich ein Verhalten wie oben beschrieben leisten, mal ein Geheimnis: Das dicke Ende wird kommen. (...) Ich bin jetzt auch im Spiel, (...).


Whooohoo - er ist jetzt auch mit im Spiel, der krasse Gamechanger! Darf ich ein Geheimnis zurück verraten? Wenn ich mir mal unsere Bewerberspiegel für Stellen im Bereich von ca. 40.000 -50.000 € Jahresgehalt anschaue (also noch nichtmal das mittlere oder das Spitzenmanagement, sondern Standardjobs) , habe ich jetzt nicht so arg das Gefühl, dass hier irgendein dickes Ende kommt. Es tut mir leid, aber: Bereits in diesen Gehaltsklassen bekommen wir quasi alles, was wir wollen. Promoviert, mehrjährige Auslands- und Projekterfahrung, mehrsprachig, ehrenamtlich engagiert Geschlecht und Alter kann ich mir aus einem breiten Spektrum aussuchen. Warum? Weil wir ein verdammt attraktiver Arbeitgeber sind. Auch weil wir nicht unbegrenzt und auf Kosten unserer Vollzeit arbeitenden Mitarbeitenden (schonmal daran gedacht?) auf die Bedürfnisse nach maximaler Flexbilität einzelner Mitarbeitergruppen eingehen. Wir haben Teams mit teilweise mehr als 50% Mitarbeitenden in Teilzeitarbeitsmodellen, da kommt Freude auf, wenn jemand krank wird, Urlaub koordiniert werden will oder - huch - auch noch ein Problem autaucht. Fürsorgepflicht meint eben auch Verantwortung für die armen Schweine, die unverheiratete, kinderlose Singles sind und die nicht immer einspringen, auffangen und zurückstecken wollen.


Wir wehren uns gegen die Abwertung ganzer Bevölkerungsgruppen und dagegen, dass ihr uns allen die Vereinbarkeit so schwer macht. Ihr seid nicht mehr der Mittelpunkt von allem. Wir sind es.


Falsch. Wir (ich nehme mal an, gemeint ist der böse Arbeitgeber?) sind der Mittelpunkt Eures Berufslebens. Auf alle anderen Mittelpunktjobs in Eurem Leben verzichten wir ganz gerne. Und wir (seufz) sind es leid diejenigen zu sein, die eine Vereinbarkeit herstellen müssen, die an ganz anderer Stelle verkackt wird. Ich wünsche mir von Herzen flächendeckende Ganztagsbetreuungsangebote - aber wenn´s die nicht gibt, kann doch die Lösung nicht darin bestehen, dass der Arbeitgeber dauerhaft einspringt? Dass Eure Kollegen die Flexbilität aufbringt, die Eure Kindertagesstätte nicht leisten kann? Dass Schikane genannt wird, was schlichtweg rationale Sicherung Eures Arbeitsplatzes ist? Kein Kunde wartet, weil Eure Kinder Durchfall haben. Niemand der uns bezahlt, Leistungen und Services zu erbringen ordnet seine Bedürfnisse Euren Privatangelegenheiten unter.


Ich bin die Diskussionen leid, in denen sich vor allem junge Frauen gegenseitig ihr Leid klagen: von unnachgiebigen Arbeitnehmern, diskriminierenden Vorgesetzten und schikanösen Kolleg_innen.


Ich bin die Diskussionen auch leid. Ehrlich. Ich bin die Ansprüche leid. Das trotzige Einfordern von Wertschätzung und Achtung Eurer Bedürfnisse. Den beinahe hämischen Ton in Beiträgen wie dem verlinkten: da tropft sie aus den Zeilen, die schadenfroh-beleidigte vermeintliche Kenntnis eines Wandels der Arbeitswelt, in der böse, mütterschikanierende Arbeitgeber schon noch sehen werden, was passiert (hier bitte Superschurkenlachen einblenden). Witzig, wie Ihr Euch auf den demographischen Wandel freut und diesen herbeisehnt. Kann der War for Talents mal bitte schnell kommen: ich brauche echt dringend einen verständnisvollen Arbeitgeber!


Die Zeit ist ohnehin auf unserer Seite.



Krass, diese Gewissheit hätte ich auch gern, ehrlich. Welche Zeit genau soll denn hier kommen? Die Zeit, in der Arbeitgeber morgens Chiapudding und vegane Muffins anbieten, jeden Tag bring-your-kids-to-work-day ist und Vorgesetzte verständnisvoll lächeln, wenn Eltern mitten im größten Stress ein krankes Kind aus der Kita abholen und frei nehmen müssen? Jetzt verrate ich mal ein Geheimnis: diese Zeit wird nicht kommen. Nicht so und nicht so schnell. Wie wäre es bis dahin mit Kompromissen, gegenseitigem Verständnis und dem Abstieg vom Elternthron der moralischen Überlegenheit? Momentan brauchen wir uns erstmal beide: ich Eure Arbeitskraft, ihr Euer Gehalt. Seid Ihr gut, habe ich keinen Grund, Euch zu schikanieren oder auszutauschen - aber diejenigen, die mir drohen und sich selbst als unverzichtbar darstellen, provozieren mich leider zur Probe aufs Exempel. Wir sind eben beide ersetzbar; ihr könnt Euch alternativ den Arbeitgeber Eurer Träume suchen, ich mir den entsprechenden Mitarbeitenden.

12
Jul
2016

Heute, 12.07.

Unfassbar: es zerreisst mich fast vor Sehnsucht und dem Wunsch, so schnell wie möglich zurückzukommen und da hockt tatsächlich jemand im Wunschland und jammert über banalste Kleinigkeiten, während die üblichen Verdächtigen in den Kommentaren dankbar den vermeintlichen Übergriff mit pass-auf-dich-aufs verzieren. Exakt DAS ist euer Scheissproblem: immer mangelt es jemandem an Respekt für euch, immer würdigt jemand eure Bedürfnisse nicht genug und hinter jeder Ecke lauert der Übergriff. Unwohlsein lässt sich bis zur Hysterie hochpeitschen, alles was keine quality time mit Kuschelsocken und Katze ist, ist peinigende Qual. Reisst euch zusammen, verdammt, möchte ich regelmäßig in die Kommentare schreiben. Man hört euch zu, man liest euch, ihr habt die Aufmerksamkeit, die klugen, tollen Frauen gebührt - und ihr jammert über Küchenkrach und verwackelte Fotos.

8
Mrz
2016

Heute, 08.03.

Ich gebe gern und verhältnismäßig (gemessen am Anteil meines Einkommens,) viel Geld für Essen aus. Das heisst: Basics im Lieblingssupermarkt, dazu Wochenmärkte, alles vom Tier (das macht aber einen eher kleinen Teil aus, Fleisch ist nicht so arg meins, nur bei Gulasch, Bolognese und Sushi setzt es bei mir aus) beim lokalen Fachdealer, viel auswärts essen, viel und genussig daheim kochen. Wenn ich Kokoswasser, den ersten Spargel, grüne Smoothies oder Konditoren-Schweinsöhrchen will, dann schmeisse ich Geld nach dem Wunsch. Essen ist mir wichtig und folglich gebe ich dafür gern und relativ sorglos Geld aus. Ich weiss nicht, ob das ein Privileg ist, aber wenn, dann ist es sicherlich eins, das man wollen muss. Und zwar immer und unabhängig vom Einkommen.

#armeleuteessen also. Ich weiss (im Sinne von: selbst oder aus nächster Nähe gesehen) nichts darüber, wie oder was arme Leute essen. Was ich weiss ist, was man halt so glaubt, oder was zu glauben man nahegelegt bekommt, was arme Leute essen oder (noch schlimmer) was sie vermeintlich essen könnten, wenn sie nicht ihre ganzen paar Kröten für Kippen, Alkohol und anderen Kram raushauen würden. Was speziell in letzterem mitschwingt ist der latende Vorwurf, das Geld sei da, allein es fehle der Wille, das Engagement, die Fähigkeit zur priorisieren. Fakt ist: Armut bedingt schlechtes (also z.B. industriell hochverarbeitetes, naturfernes, in Treibhäusern und Quälanstalten produziertes Zeug) Essen. Genauso wie eher beengte Wohnverhältnisse. Kein Urlaub. Eingeschränkte Mobilität. Das ist schlimm - aber keine Wertung, Etwas ein "Armeleuteessen" zu nennen, ein Essen also als billig, günstig, wasauchimmer zu bezeichnen, sagt (zumindest in meiner Lesart) nur etwas über den Preis aus - aber nichts darüber, dass Menschen mit wenig Geld nichts anderes verdient hätten oder eben nichts anderes essen dürften. Es sagt: die Zutaten, die dieses Essen ausmachen, sind billig oder auch für Menschen mit wenig Geld erschwinglich. Und ganz ehrlich: wenn ich mir Kartoffelbrei mit Spiegelei oder Arme Ritter mache, tue ich das nicht, weil ich mit kribbelnder Kopfhaut mal in meiner bornierten Wohlfühlbubble erfahren will, was die armen Leute so essen. (Das einzige überteuerte Lebensmittel, das ich wirklich mag sind Trüffel. Wenn ich mir das mal gönne, dann weil ich den Geschmack sehr gern mag - nicht weil ich mal wissen möchte, wie es sich anfühlt reich zu sein).

Ich würde mir wünschen und ich würde mich ehrlich freuen, wenn jeder Mensch, egal ob arm oder reich oder gefühlt irgendwo dazwischen gut und nachhaltig essen könnte - und dies auch täte. Und komischerweise war mein erster Gedanke beim ArmeLeuteEssen-Experiment nicht, den armen Menschen mal zu zeigen, dass man sehr wohl bio essen könnte, wenn man nur wöllte. Sondern: Druck auf diejenigen auszuüben, die finanziell sehr wohl könnten, es aber trotzdem nicht tun. Jemandem, der pro Tag wenige Euro für seine Ernährung hat, mache ich keinen Vorwurf, wenn er sich gegen bio und für irgendetwas anderes, z.B. mehr Masse entscheidet. Jemandem, der das Geld hätte, aber beim Essen spart, darf man hingegen sehr wohl die Frage stellen, warum sich in dieser Weise entschieden wird. Und im Gegensatz zum Empfänger von finanzieller Unterstützung sehe ich hier wirkliche Verantwortung für den eigenen Konsum und den Teil des Verhaltens sowie von Entscheidungen, die durch Geld bestimmt werden. Für mich war der Duktus des Experiments: Wenn es sogar unter den denkbar schlimmsten finanziellen Bedingungen möglich ist, sich bewusst und gut zu ernähren - dann gibt es eigentlich keine Ausrede und keine Entschuldigung mehr, dies bei höherem Einkommen nicht zu tun. Deutlicher: Dann ist es eine bewusste Entscheidung (für Urlaub, eine höhere Taktung beim Erwerb technischer Geräte, größere Wohnungen, tollere Autos), das Geld nicht für Essen auszugeben. Spannend ist für mich nicht die Biorama-Frage, ob sich bio nur "Besserverdiener" leisten können - sondern ob es Menschen gibt (von miraus kategorisiert anhand ihres Einkommens), die sich etwas leisten müssten. Und die sich wirklich dafür rechtfertigen müssten, es nicht zu tun. Ich möchte über Entscheidungen sprechen - nicht über die Auswirkungen von Bescheiden. (Extrem regt mich beispielsweise immer auf, wie ein bisschen Kleingeld für einen offenkundig Obdachlosen mit Verweis darauf, das Geld würde ja doch nur versoffen, verwehrt wird. Diese den-Gegenstand-meiner-Wohltat-bestimme-immernoch-ich-Attitüde ist superschlimm. Mich freut der Gedanke, dass sich jemand für das bisschen Kleingeld ein Bier kaufen kann, auf das er Lust hat. Das Essensding ist irgendwie genauso: kauft euch etwas Gutes, Sinniges, Wertiges, wenn ihr schon Geld von der Allgemeinheit bekommt.)

Ausgesprochen schlimm ist leider auch die reflexhaft um sich beissende Reaktion derjenigen, die sich sofort zum Rächer der Entehrten machen. Ich finde es nicht zynisch, ein Essen "ArmeLeuteEssen" zu nennen und das "Experiment" übt m.E. viel mehr Druck auf die, die sich gutes Essen leisten können aus, als auf Menschen, die finanzielle Unterstützung beziehen müssen. Überhaupt keinen anderen Verhaltensmodus als Empörung und keine andere Reaktion mehr als Betroffenheit und Kränkung zu empfinden ist ebenfalls eine bewusste Entscheidung, Wie ich meine Privilegien checken soll, ohne mich zu fragen wie es ohne sie aussieht, oder wie Verzicht aussähe, ist mir nicht klar. Ich dachte immer, sich in andere Lebensumstände hineinzuversetzen, wäre etwas Richtiges - die Reaktionen auf diese läppische Aktion belehren mich aber gerade, dass das borniert und überheblich sei. Entbindet wenig Haben vom wollen müssen? Muss man viel haben, um zu können?

Niemand muss die Kraft haben, etwas zu wollen. Niemand muss wollen können. Aber auch ohne Müssen und Wollen gibt es Verantwortung, und sei es auch nur für die eigenen Entscheidungen.

Im vielgeteilten Artikel "vom Luxus über #armeleuteessen zu fantasieren" findet sich leider ganz am Ende Krudes. Hier heisst es:

[tl,dr: Selbstversuche wie #armeLeuteessen möchten bestimmte Menschen(gruppen) motivieren, Konsumentscheidung für sich zu begründen bzw. bestimmte Argumente bestimmter Menschen nicht gelten zu lassen, ohne zu hinterfragen, auf welcher Grundlage welche Entscheidungen getroffen werden. Das ist missachtende Kackscheiße und nicht nachhaltig.]


Ich verstehe es einfach nicht. Warum werden die Erfahrungen von Menschen mit wenig oder kleinem Budget für Ernährung für ungültig erklärt, wenn ich meine eigenen Konsumentscheidungen hinterfrage? Darf wirklich nur noch derjenige über ein Problem (und ich halte es für ein Problem, sich aus finanzieller Not schlecht ernähren zu müssen) sprechen, der es nicht nur selbst sondern dauerhaft und unverschuldet erlebt, weil alles andere Missachtung und Herabwürdigung ist? Ähnliches ist hier zu lesen: Warum ist es überhaupt notwendig, sich im Rahmen eines Selbstversuchs einen Einblick in diese Lebenssituationen zu verschaffen, wenn es doch genügend Menschen gibt, die mit diesen Lebenssituationen auch tatsächlich leben? Warum greift man nicht auf deren Erfahrungsschatz zurück, gibt ihnen den Raum darüber zu sprechen und nimmt sie dabei auch als Experten ihrer Lebenslage ernst?. Ernsthaft, wir fragen uns, warum es eigentlich notwendig ist, sich einen Einblick in eine Lebenssituation zu verschaffen, die nicht die eigene ist? Selbstversuche (für mich sind es keine) sind ebensowenig nachhaltig wie Zuhören und repitierende Schilderungen Betroffener. Glaubt ernsthaft jemand, der Mindestsatz wäre so niedrig, weil noch nie jemand die Gelegenheit gehabt hätte ernsthaft und eindringlich zu erzählen, wie sich das Leben mit Mindestsatz anfühlt? Dass es also nur ein Mal ein richtiges, ernsthaftes, echtes Zuhören geben müsse, damit sich etwas ändert? Es ist anders und schlimmer: Jeder weiss, dass das zu wenig Geld ist. Jeder kann sich vorstellen, wie beschissen es ist mit so wenig Geld zu leben. Zuhören ändert nichts - ändern ändert etwas. Und Perspektivwechsel sind nichht die schlechtes Ausgangsbasis für Veränderungen.

7
Mrz
2016

Heute, 07.03.

Morgens im Büro erwartet mich Post zur geplanten Auslandsexkursion, die Übersicht der Auswahl der anderen Teilnehmer erfreut mein Herz sofort, denn angereichert wird die Runde durch eine schon auf den ersten Blick belustigende Combo aus Sachsen ("Saxon Bohemian Switzerland"), ich glaube an die hänge ich mich dran, unsere eigene Gruppe klingt nicht halb so witzig.

Für eine nachmittägliche Großkundgebung fürs mittlere Management wurde mir spontan am Freitag ein aktiver Part zugeteilt, leider wieder ein Thema, bei dem es immer, immer, immer Streit und Gezänk gibt. Ich bin übrigens fest davon überzeugt, dass solche Runden strikt hierarchisch zugangsbeschränkt sind, weil es keinem Mitarbeiter zuzumuten ist, unsere supertoppigen, exquisit handverlesenen Führungskräfte dabei zu beobachten wie sie aufeinander einzicken und sich infantil beharken. Man erzählt sich, es habe da mal eine unschöne Szene gegeben, bei der zwei Granden aneinander gerieten und einer von beiden in einen Schirmständer stürzte (sagen die einen) bzw. geschubst wurde (sagen die anderen). Man kann ja so unglaublich viel über eine Organisation lernen, während man ihre Narrative kennenlernt.

Dieses mal findet die vierteljährliche Einpeitschung aus logistischen Gründen in einer Location statt, die allgemeine Empörung hervor gerufen hat - niemanden scheint hier etwas dabei zu stören, offene Empörung über das miese Catering an einem Ort zu äussern, an dem eigentlich die nächste große Einsparrunde diskutiert werden soll. Ich weiss das ist ein schlimmes Klischee, aber man scheint zu erwarten, dass es für die Qualen des harten, basar-artig durchgefeilschten Sparvorschlagsnachmittags (wenigstens machen sie es sich nicht leicht, sondern kämpfen um jedes FTE) zur Belohnung wenigstens Kalbsgulasch geben muss. Unschwer zu erraten: es gibt kein Kalbsgulasch. Aber dafür enttäuschte Gesichter, die ernsthaft widerspiegeln: ich war doch jetzt vier Stunden ganz brav, habe ich dafür keine Belohnung verdient?


(Streit und Gezänk gab es natürlich trotzdem. Ich war aber völlig damit beschäftigt, unauffällig zu schnüffeln, denn ich hatte tatsächlich heute morgen das schlimme Schwitzkleid aus dem Schrank gezogen, in dem ich schon nach einer halben Stunde beginne zu schwitzen. Ganze acht Deotücher und eine gefühlte Flasche Spray später entscheide ich, dass es jetzt entweder zu spät ist oder ich nie gerochen habe wie ein Bauarbeiter und schmeisse mich darum frohgemut an den Trog mit der Gulaschsuppe. Drei Stunden später werfe ich das Kleid zuhause in die Wäsche, ohne noch einmal zu schnüffeln und fühle mich wahnsinnig toll und über jede Selbstkritik erhaben.)
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