16
Mai
2017

Heute, 16. Mai

Dienstreise, Mittelklassehotel, das offizielle Programm ist vorbei, die Hierarchie und ich stehen ein bisschen ratlos rum und überlegen, was man nun mit den letzten Stunden des Tages so macht. Und vor allem: ob man es gemeinsam oder allein macht. Und wer jetzt wen fragt und was die größere Grenzüberschreitung und Übergriffigkeit ist und überhaupt. Wir schlendern in eine Kneipe, bestellen Apfelschorle und reden ein bisschen um die Sache herum....

Die Sache ist: die Hierarchie und ich mögen uns ganz gern. Wir gehen gemeinsam in die Mittagspause, waren auch schonmal privat und in Gesellschaft von Dritten bei unverfänglicher Sitzunterhaltung (danke, Paul Auster, für diesen Begriff), hier mal ein Eis nach der Arbeit, dort mal ein ausgedehntes Kaffeetrinken in der Sonne zwischen zwei Terminen. Und jetzt sitzen wir beide peinlich berührt in der fremden Stadt und wissen nicht so richtig, was wir jetzt aus Sympathie, einem rein beruflichen Siezverhältnis und der Situation machen sollen. Immer schön auf die Mitte zielend frage ich einfach direkt, ob wir nicht irgendwo etwas essengehen und danach ins Kino wollen - und die Hierarchie sagt rundheraus nein, das ginge auf gar keinen Fall. Und zwar nicht, weil er sich keinen angenehmen Abend in meiner Gesellschaft davon versprechen würde oder den Vorschlag unpassend fände, sondern schlichtweg aus Angst und Vorsicht.

Es sei nämlich so, erzählt die Hierarchie zögerlich, dass das männliche (unsere Frauenquote ist ganz anständig und zwar auch durchaus in hinsichtlich des Führungspersonals immernoch recht männlichen Domänen wie Geld oder IT) Spitzenpersonal meines Arbeitgebers sich eher nicht gegenseitig in die Karten schauen lasse. Männerkollegenschaften blieben bei kritischen Themen, speziell in Personalführungsfragen immer seltsam bedeckt, man spricht nicht darüber, wie schwer das ganze Managen und Führen und Verantworten sei, sondern markiere speziell voreinander immer die ganz harte Nuss. Einzig bei einem Thema herrsche eine überraschende Offenheit: bei der kollegialen Beratung und Beratschlagung im Umgang mit weiblichen Mitarbeitenden. Dass man nie, nie, niemals bei Besprechungen die Türe schließen solle. Eine Mitarbeiterin nicht, egal wie schlichtweg höflich dies gemeint sei, auf einen Espresso einlade. Dass es sich verbiete, ein freundliches Kompliment zu machen oder in den Mantel zu helfen. Kurz: man etabliert hier einen Verhaltenskodex für männliche Führungskräfte im Kontext panischer Angst bzw. pathologischer Vermeidung dessen, was einem im Zusammenhang mit etwaigen Anschuldigungen extrem leicht auf die Füße fallen könne. Persönlich kenne ich (im Personalbereich kriegt mans halt mit) zwar nur zwei Fälle, in denen nachweislich und dokumentiert falsche Aussagen über vermeintiche Zudringlichkeiten vorlagen, aber die Hierarchie hat schon recht: der Fall der beschuldigten Vorgesetzten kam hart, schnell und sehr, sehr nachhaltig. Beide (auch wenn heute längst offiziell entlasteten) Männer wurden in Töchterunternehmen ausgelagert, vergammeln seitdem in demütigen Degradierungen und der Vorwurf des Belästigers, Grenzüberschreiters oder (sagt man wohl heute so) Abusers klebt bis heute wie sehr hartnäckige Scheisse am Schuh. Die Sache ist offiziell vom Tisch, aber da bleibt etwas an einem hängen, da liegt ein Vorwurf und den kriegt man nicht weg. (Und falls es interessiert: ich kenne deutlich mehr Fälle, von echtem Fehlverhalten bis zu handfester Belästigung. Die Lügen scheinen die extrem kleine Minderheit zu sein - sagt zumindest meine Statistik).

Man entwickele, so erzählt die Hierarchie, ein sehr nervöses Sensorium, beobachte peinlichst genau das Verhalten des weiblichen Gegenübers, zwinge sich selbst zu einem Verhalten, das lieber unhöflich als potenziell riskant ist - denn die Beispiele geistern immernoch als konstante Warnung über die Flure. Normales (und ja, auch ich finde das Geschilderte und nun Unterlassene normal, höflich, anständig, freundlich, gesittet) Verhalten sei so zwischen männlichen Vorgesetzten und weiblichen Mitarbeitenden quasi nicht mehr möglich, da man sich prophylaktisch durch erzwungene Distanz quasi permanent überkorrekt (heisst: maximal unangreifbar) verhalte. Gibt es doch mal ein Gespräch, für das man die Tür gern schließen würde, zieht man halt unter blödsinnigen Gründen einen Kollegen oder Betriebsrat dazu. Man besucht völlig irre Sensibilitätstrainings und zwar nicht, weil man sich sensibilisieren, sondern weil man neue, potenziell verfängliche Situationen mit ins Repertoire aufnehmen möchte.

Die Situation ist doch diejenige: unser Verhältnis ist und wird immer (quasi im Futur 2) vergiftet gewesen sein und bleiben. Weil ich eine Frau und damit immer sein potenzielles Opfer bin. Weil wir beide in einem Narrativ festsitzen, in dem ich am längeren Hebel sitze und ihn und seine Karriere jederzeit grundlos und mit sehr geringem Aufwand kaputtmachen kann. Kein einziges Unternehmen, das und dessen Organisationskultur ich kenne, kann es sich heute ernsthaft leisten, einen angezeigten Fall von Belästigung und Annäherung nicht rigoros zu verfolgen. Und damit meine ich: wirklich keines. Das mag vor ein paar Jahren noch anders gewesen sein, aber ich, als Subjekt und vermeintlich geschützter Gegenstand zahlreicher Guidelines und Regeln und Gesetze spüre sehr genau, was bei sowas halt auch auf der Strecke bleiben kann. Nämlich normales Verhalten. Der unwahrscheinliche Fall der Falschbeschuldigung ist nämlich derjenige, der Verhalten und Beziehungen sehr eindrignlich formt. Normalität, das heisst bei uns: künstlich distanziert. Normalität heisst, dass ich meinen männlichen Mitarbeitern sehr wohl sagen kann, wie schick ich sie heute in diesem Hemd oder jenen Sneakers fnde. Ich kann nach einem tollen Termin zwei Eis besorgen und ein Lob in der Sonne aussprechen. Ich kann, wenn es Grund gibt, zu einer Aussprache in mein Büro bitten und die Tür hinter uns schließen. Männer können das zwar auch, aber sie machen sich damit eben jedes Mal angreifbar und gelten unter männlichen Kollegen als geradezu verrückt verantwortungslos. Eine Mitarbeiterin zum Espresso einladen ist der Extremsport, das Bungeespringen männlicher Führungskräfte.

Darum ginge das leider nicht, mit dem Essen und dem Kino, sagt die Hierarchie. Und schon gar nicht auf Dienstreise, mit Übernachtung im gleichen Hotel (mir fällt ein, wie er sein Vorzimmer anpflaumte, warum wir im selben Hotel schlafen würden und wie ich noch dachte, dass ich ihn gar nicht so snobistisch und auf Chefstatus und folglich Chefunterbringung bedacht eingeschätzt hätte). Ich gehe allein ins Kino und erzähle ihm beim Frühstück, wie der Film so war. Unsere Apfelschorle bezahlen wir jeder für sich.
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