24
Aug
2006

Ferdinand und Fenditasche

ferdinand

erinnert sich noch jemand an ferdinand? an ferdinand den stier, einen herzzerreissenden disney-film, in dem es um einen zartfühlenden stier geht, der am liebsten in halbtotaler einstellung unter einem baum mit tiefhängenden ästen sitzt und an blumen riecht?

genji hat ferdinands gemüt. da, wo bei disney die stimme aus dem off resigniert flüstert: "und ferdinand? ferdinand saß einfach da und roch an den blumen", würde ich manchmal gern krächzen: "und der wichtelprinz? der wichtelprinz sitzt einfach da und denkt an sein auto. oder einen bagel.auf jeden fall zeigt er vollkommen anormale, d.h. ungerührte reaktionen"

ferdinand-gemüter machen mich komplett rasend, nichts erregt meinen unmut in kritischen situationen mehr, als jemand der mit stoischer ruhe neben mit sitzt und ferdinandisch an den blumen schnüffelt. und wann immer ich aufgeregt und ausser mir vor zorn bin, schnüffelt es neben mir gar heftig. ich bin ein extrem aufbrausendes gemüt und von extremer emotionaler auslenkbarkeit, während genji aufreizend affektflach ist. es vergeht kein gemeinsamer beruflicher termin aus dem ich köchelnd und mühsam beherrscht herauskomme, infolge dessen sich mein angestauter agsress nicht auf die barock-gutmütige blumenschnüffelseele an meiner seite entlädt. es macht mich rasend und ungleich wütender als die auslösersituation, wenn genji fröhlich gelaunt neben mir hertänzelt und nicht einmal den versuch unternimmt, aus solidarität auch ein bisschen erbost zu sein. wozu hat man denn spiegelneuronen?! na also.

um einen rasanten themenwechsel hinzulegen: das hier erregt ebenfalls meinen unmut. bisher dachte ich immer, schockierend mies gemachte türkische murakami-bags oder blenderfreund-paradiese wären die spitze des eisbergs potenzieller fake-konsumentinnen. offenkundig gehts aber immer noch ein stockwerk tiefer.

keine frage: ich hätte ebenfalls wahnsinnig gern eine muse-bag. am liebsten aus tollkirschenrotem krokoleder. womit ich mich aber in grund und boden schämen würde, wäre eines der "triple-a"-replica-modelle, die innen mit obskuren stöffchen ausgeschlagen sind und denen man ihre miese kinderstube 100 meter gegen den wind ansieht. lieber trage ich auch zukünftig zum bleistiftrock eine knallrote freitagtasche: wenn´s der salär eben nicht hergibt, dann ist das eben so. die schande, mit einer fake-tasche oder einem grausig nachgemachten d&g-top herum zu laufen, wäre mir persönlich einfach zu groß - da quäle ich mich lieber in würde und mit massenware von zara. entgegen aller anderslautenden stimmen: eine manufaktur-tasche im wert von zwei moantsgehältern sollte selbst ein blinder von einem massenproduzierten stück ramsch vom basar unterscheiden können. punkt. und angesichts der vielen schlampig gekleideten weststadtghetto-mädchen, die zu ihren trainingsanzügen und 5-euro-glitzertops eine echtheit heuchelnde gucci-tasche über der schulter hängen haben, deren wert das gesamte wohnungsinventar der familie übersteigt, überzieht scham und tiefe verachtung mein gesicht.

ich verstehe das gesamte prinzip mit diesem potemkinschen plunder nicht. wirklich. vielleicht liegts wieder an meiner kindheit unter einem portrait des alten fritz, aber ich verstehe nicht, warum man sich bei ebay eine offenkundig nachgemachte paddington-bag für 50 euro kauft. wenn es nur um die ästhetik gänge, sollten die betreffenden damen vielleicht eher hierhin abbiegen: da liegen die objekte der begierde als solider nachbau ohne das peinliche pseudo-label. wenn es tatsächlich nur um labels gehen sollte: herrgott, dann kauft euch bei h&m 20 tops und lasst im copyshop juicy couture und prada draufdrucken. das wäre konsequent und ähnlich triple-a wie ein standard-fake.

luxusbabe ist die konsequente weiterentwicklung des marktsegmentes für diejenigen leute, die sich für ein klassentreffen die kleinstmotorisierte c-klasse als coupe bei sixt ausleihen oder an ihrem schlüsselbund einen porsche-anhänger haben, der beim ersten date neben der kaffeetasse in szene gelegt wird. peinlich finde ich die dahinterliegende attitüde als schainbares mitglied der monetär-erlesenen käuferschicht identifiziert zu werden- nicht das begehren nach jimmy choo & co.
Rociel - 24. Aug, 03:35

Herrlich, wie man in nur einem Satz den Großteil einer Stadtjugend beschreiben kann. Wenn ich (der selbst aus dem Loch kommt, quasi der Hauptstadt des Beschriebenen) die Augen schließe und noch mal an jenen Satz mit den Trainingsanzügen denke, dann sehe ich: Babyblau. Pastellpink. Grelles Türkis. Hochgekrempelte Hosenbeine über goldenen Nikes. Huiuiui!

Miss Manierlich - 24. Aug, 13:43

lieber rociel,

der trainingsanzug-wahn nimmt angesichts der madonna-modelle bei h&m wirklich ungeahnte ausmaße an, dieter bohlen sollte fairerweise prozente an diesem stil bekommen. komischerweise denke ich persönlich bei trainigsanzügen sofort an die juicy-fakes, bei denen auf armee-grüner hose in weissen, germanischen lettern "punk" oder ähnlich peinliches steht. warten wir also gemächlich darauf, bis die ganzen dicklichen vorstadtschnecken sich in hedi-slimane-graue stretchjeans zwängen und selbige in ihre plastikstiefel von deichmann stopfen...auf dass der herbst grauenvoll werde!

grüße,
miss manierlich
Würfel (anonym) - 24. Aug, 21:02

Mich hat immer schon interessiert, woran erkennt man eigentlich genau den Unterschied zwischen den Taschen vom Vuitton Louis und den Kopien. Jedes Mädel in der Stadt läuft mit so einem Täschchen rum und man erkennt bei den meisten, dass sie sich das Ding kaum für 1000 Euro oder mehr gekauft haben. Wenn ich die Tasche mit einem Original vergleichen könnte, würde mir der Qualitätsunterschied wohl auffallen ... aber gibt es sonst Zeichen - sozusagen auf den zweiten Blick, wenn man genauer hinsieht. Ich trage selbst recht gerne Polos und Oberhemden von PRL und da sehe ich sowas neben der Qualität z.B. auf den ersten Blick. Ich habe noch keine Kopie gesehen, bei der die Stickerei so detailgetreu ausgeführt wurde, man erkennt z.B. Abweichungen bei den Beinen des Pferdes etc. Spätestens beim Tragen merkt man natürlich auch den Qualitätsunterschied... die Annehmlichkeiten des luftigen Pique-Stoffes im Sommer usw.

Miss Manierlich - 25. Aug, 21:54

lieber würfel,

vuitton ist definitiv ein echter härtefall - der ganze kram umfasst mittlerweile ein dramatisches spektrum an geblümten, mit kirschen bedruckten, in jeans und leder gebundenen scheusslichkeiten in mannigfaltigsten formen. ich würde mal tippen, dass es inklusive aller sonder- und limitierten modelle so an die 300 varianten ein und derselben scheusslichkeit gibt. da verliert man leicht den überblick, wie der zipper aussehen muss, wo die identifizierungsnummern stehen, was mit leder ummantelt sein muss, welche farbe das futter haben sollte usw. lange rede kurzer sinn: eine einfache formel für fake oder echt gibts nicht. trotzdem wage ich die behauptung: allein wenn man das leder einer neuen vermeintlichen vuitton-tasche berührt, ist klar, ob es sich um billigen plastikscheiss oder weiche originalware handelt. wer etwas länger zeit hat, wartet zwei, drei jahre: dann bekommen die originale nämlich angeblich eine eindeutige vuitton-patina ;-) ich glaube, was du über ralph lauren-polos sagst, gilt auch hier: miese verarbeitung, unregelmässige stiche, schlechte aufdrucke, schief platzierte logos, angelaufene zipper, humpelnde reißverschlüsse - man sieht´s eben einfach. aber um hier mal die wahrheit zu sagen: ich finde vuitton-taschen recht hässlich und selbst die billigste kirsch-pochette übersteigt das, was ich für eine handtasche auszugeben bereit und imstande bin, bei weitem.

liebe grüße,
miss manierlich
Frayza (anonym) - 24. Aug, 21:56

Ich geh mal Blümchen schnüffeln

Liebe Miss Manierlich,

ich habe wieder mal gerne diesen Beitrag gelesen. Und wenn ich sehr tief in meinen Erinnerungen grabe, glaube ich mich an Stier Ferdinand zu erinnern. Anders als Du, die ja förmlich bei, wie sagtest Du so schön "Ferdinand-Gemütern" an die Decke geht, würde ich mich dann doch eher dazu setzen und mit an den Blümchen schnüffeln. Wobei es doch in ganz seltenen Fällen passieren kann, dass ich auf rote Tücher reagiere.

Zum zweiten Thema kann ich ja so gar nichts sagen. Der einzige Grund um eine Tasche zu kaufen, ist für mich die Tatsache, daß ich einen Aufbewahrungsort für meinen Kram brauche. Da reicht auch ein Rucksack.
Auf dem Schreibtisch einer Kollegin hab ich mal so eine, ich glaube Luise Vuitton Tasche gesehen. Mein erster Gedanke: Was ist das denn fürn buntes Teil? Der zweite: Mit so was geht man auf die Straße? Der dritte nach dem ich dann irgendwie erfahren habe, daß das was Topdesignermäßiges war: Für so was gibt man viel Geld aus?
Du siehst ich bin eine absolute totale Modeignorantin. Ein modebewusster Mann hat mehr Ahnung von Designermode als ich …. Und nun steinige mich :-)

Frayza

P.S.: Ich hoffe, daß mit der URL hat geklappt. Technik bediene ich intuitiv, nach dem Motto „Denn sie weiß nicht was sie da tut“

Miss Manierlich - 25. Aug, 21:59

liebe frayza,

rucksäcke sind zuhöchst unpraktisch: jegliche oberbekleidung wird unschön nach hinten und entlang der gurte gezerrt und jedes sorgfältig gebügelte blüschen verwandelt sich in ein tränenmeer. ausserdem ist eine wühlende suche ohne absetzen des rucksackes kaum möglich und man sieht immer aus wie ein bombardierkäfer mit vollem arsenal. und was die ignoranz angeht: bei vielen dingen bin ich modisch ebenfalls äusserst ignorant - beispielsweise habe ich keine ahnung, wie lang man diesen herbst das röckchen trägt und warum tierfell-muster regelmässig gehypt werden. mir reicht ein spezialgebiet völlig aus und es ist mir scheissegal, wie groß der kragen eines mantels diesen winter sein darf.

bestes,
miss manierlich
Frayza (anonym) - 26. Aug, 01:22

Liebe Miss Manierlich,

beim Ausdruck "Bombardierkäfer mit vollem Arsenal" mußte ich tatsächlich Auflachen und das Grinsen wird wohl auch erst aus meinem Gesicht verschwinden, wenn ich im Schlummerland gelandet bin. Noch nie hab ich mich mit meinem Rucksack treffender beschrieben gesehen.

Es dankt

Frayza
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