21
Jan
2007

Matias Faldbakken: Macht und Rebel

ich drücke mich seit rund einer woche um die letzten, geschätzten vierzig seiten von lunar park herum und kann es einfach nicht fertig lesen. das sich häutende haus! der pferde meuchelnde terby! die verschwundenen jungs! voraussichtlich werde ich das blöde buch mit in den urlaub schleppen und es dort in sicherheit, also bei 35 grad im schatten lesen. bis es so weit ist, muss herr faldbakken, der gestern ausgelesen neben das bett geworfen wurde, herhalten.

Macht ist CCCCPU (Contemporary Counter Culture Commercial Pick Upper, Vertreter des "jungen" Flügels von NODDYS Corporate Identity Management Services (...) Machts Geschäftssinn und zupackender Charakter haben ihn direkt in den Underground geführt, um dort Beispiele für "Authentizität" etc. zu entdecken, die sich wirtschaftlich ausbeuten ließen, und dennoch ist es ihm bislang erspart geblieben, einer von ihnen zu sein. "Ihnen" meint hier die Kulturärsche, Aktivistenärsche, die neoradikaöen Bastarde, kritischen Theorie-Penner, die Slumkönige der progressiven Musik, die Bewohner des Sinnstiftungs-Ghettos, des großen Zigeunerlagers von Textproduzenten und Gegenkultur-Ratten

ich mag eigentlich keine zwanghaft provozierende literatur, aber die cocka hola company ist im grob als provo-porno-millieu umschriebenen sujetbereich wirklich ein ereignis. als erster teil der skandinavischen misathropie verfasst, mochte ich an coka hola die gewollt blassen protagonisten, das tobsüchtige aufflackern sinnloser und über-sinnhafter handlungen, egal ob es um analverkehr zweier heterosexueller pornosternchen oder eine verstümmelte kunstkritikerin ging. ich mochte den plaudernden ton, das ziellose dahintuckern der erzähleisenbahn, den umstand dass das buch auf keinen höhepunkt hinstrebte, sondern scheinbar wahllos klimax und banalität reihte. kurz: ein großartiges buch.

in puncto zorn, gleichgültigkeit im wortsinne und angepisstheit nimmt es "macht und rebel" allemal mit der company auf, irgendwie will sich jedoch bei mir kein wirkliches ästhetisches urteil, ein finaler eindruck oder eine bewertung einstellen, was umso ärgerlicher ist, als das buch zu rund einem drittel aus wirklich großartigen, allemal pikant smalltalkfähigen sätzen, hinreissenden grotesken und erschreckend schönen klarheiten besteht. der rest ist, auch das muss bedauerlicherweise deutlich gesagt werden, eine krude mischung aus zwanghafter provokation, unschönen und äussert vivide ausgebauten kindersexschilderungen und zitaten aus hitlerreden.

rebel und macht, die gezielt als antihelden aufgebauten und teilweise bis zur unkenntlichkeit mit akonformität und primär durch abneigungen gekennzeichneten protagonisten des buches bewegen sich auf den zwei verschiedenen seiten des konstrukts, das faldbakken den "underground" nennt. der unterground besteht hauptsächlich aus counterfeit brands (lästigerweise finden sich im buch recht häufig bidlbeispiele), illegal veranstalteten feierlichkeiten, den unvermeidlichen drogen, einem hauch no-logo und antiglobalisierungs- und antikonzernparolen sowie den angeschlossenen kulturklübchen zwischen lesbischen pamphleten und stehparties. wenn rebel nicht gerade gurken kauft, um sie sich zu zwecken der masturbation in den arsch und danach in den mülleimer zu stecken, erledigt er sporadisch und mit unverblümten hassgefühlen getränkt kleinere aufträge für eine firma namens push, vertreten in persona durch frank leiderstam, kurz fatty:


Alles in dem Gebäude befindet sich auf halbem Wege zwischen fancy und heruntergekommen, genau wie Fatty es will (...) An Fattys Tür steht in Großbuchstaben senkrecht von unten nach oben PUSH. Natürlich muss man die Tür ziehen.


bis zu diesem zeitpunkt möchte man jubilieren, weil alles bis dahin geäusserte so sympathisch ist. die baudrillard-brille fattys ("schwer zu sagen, ob die ironisch oder ernst sein soll"), schilderungen von tees mit der aufschrift: give it all up for fidel casthro. check guevara und karl markt! liefern gleich die nicht explizit gelieferte beschreibung ihrer träger mit, die beschreibung der in einem loft (klar!) residierenden firma, die aus screendesignern, minderjährigen script kiddies und grafikmädels bestehen - das alles ist wirklich gut und mit der nötigen prise überheblichkeit geschrieben. unangenehm wird es, als rebel auf einem schulausflug, auf den er seine sonderpädagoginnenfreundin begleitet, eine minderjährige im tanga, thong genannt, kennenlernt: an diesem punkt kippt die süffisante schilderung skandinavischer problemkinder mit oder ohne migrationshintergrund zum ersten mal leicht ins pädophile ab und rebel beobachtet die kinderunterwäsche etwas zu ausgiebig.

parallel wird macht eingeführt, der in einer obskuren firma als eine art hochbezahlter trendscout fungiert und konzepte, musik, personen oder bücher aus dem underground an multinationale konzerne mit oder ohne moralischen dreck am stecken verkaufen soll. es ist ganz putzig, impressionen eines meetings zu lesen, in dem macht kunden davon überzeugt, tangas unter dem markennamen gangbang einzuführen und mit bildern von massenvergewaltigungen zu bedrucken:

Im Laufe der letzten zehn Minuten kam zwischen den Parteien ein gewisser Dissens bezüglich der Frage auf, wie sich ganze Gruppenvergewaltigungen auf winzigen Tangaslips wiedergeben lassen, aber Macht erläuterte schlagend deutlich, wie sehr das durchschnittliche Teenagerauge darauf trainiert ist, winzig kleine Bilder zu entschlüsseln: (...) "If I didn´t know better, I´d name the next generation The Thumbnail Generation."

es kommt wie es kommen muss, macht und rebel lernen sich auf einer push-party, die rebel im späteren verlauf von buch und abend mithilfe seiner unter drogen stehenden minderjährigen problemkindfreunde (problemkind ist ein beliebtes wort des buches, warum selbiges so exzessiv verwendet wird leuchtet mir leider nicht ein) auf sehr unschöne weise und aus gründen des hasses auf fatty enden lässt, kennen. zu diesem zeitpunkt hat er bereits angefangen, weltanschaulichen trost in der lektüre von hitlerreden zu finden und zur erbauung die selbigen etwas dem zeitgeist anzupassen sowie zu modifizieren. macht, der gerade mit dem krisenszenario für eine ins moralische trudeln geratene firma betraut ist, findet eine der reden auf dem klo einer temporären fickbeziehung, bittet rebel um unterstützung und willigt seinerseits ein, für die freundliche hilfe fatty aus dem weg zu räumen.

die äusserst bitteren wermutstropfen des buches, folgen. zunächst schleichend, dann immer unangenehmer werden die enervierenden hitlerzitate (teils gekennzeichnet, ganz tempo-alike in den fliesstext eingewunden) mit dem thema pädophilie angereichert. wobei: um pädaophilie geht es eigentlich nicht. macht und rebel schlafen mit einer vierzehn- bzw. zwölfjährigen weil es so schön unkompliziert (rebel) oder so herrlich provokant und neu (macht) ist. das ganze liest sich dann in etwa so:

Macht zweites Heureka kommt, als er bemerkt, wie viel Aufmerksamkeit Rebel erntet, indem er im TESCO mit Thung rumknutscht, Ihm geht auf, wie uncool es ist eine Tussi zu haben, die vor den Neunzigern geboren ist. (...)
"Super Idee, Rebel, echt unglaublich, das mit so einer verboten jungen Freundin", sagt er.
"Ich weiss", sagt Rebel.
"Dass ich da nicht früher draufgekommen bin"
"Hat die kleiner Schwestern von deiner..."
"Thong"
"Ja, Thong...hat ihre Schwester einen Freund oder so..?"


zum kotzen ist nicht nur, das macht beim anschliessenden sex mit einer zwölfjährigen "kraft durch freude" verspürt. zum kotzen ist, wie rebel und seine problemkindarmee sich ss-runen, reichsadler und hakenkreuze tätowieren lassen. zum kotzen ist auch, dass macht und rebel mit den beiden schwestern pornos als werbefilme drehen. am widerlichsten ist aber, dass all´ diese dinge auf eine art und weise eingeführt werden, die auf seltsame art das gefühl vermittelt, macht und rebel würden als ironische helden agieren. so, wie fatty mcdonalds-produkte auf seinen parties verkauft, wenn die zutaten aus mcdonaldsfilialen geklaut sind, bedienen sich macht und rebel der letzten beiden noch verbliebenen hemmschwellen und verleiht herr faldbakken seinen beiden protagonisten den orden für das einreissen letzter tabus. bleibt nur der schale nachgeschmack, dass hier jemand den unterschied zwischen tabu und grenze nicht kennt.

bei palahniuk gibt es den immer wiederkehrenden begriff der kamera hinter der kamera hinter der kamera. ganz am ende der faldbakkenschen kamerakette steht ganz sicher kein pädaophiler hip-nazi, was die sache aber keineswegs besser macht. faldbakken rührt aus naomi klein, hitler, new economy und attacverschnitten einen cocktail, den er ironisch vor des lesers füsse kotzt: soll der konsument mal schauen, welche bröckchen nun ernst, kritisch, humorvoll oder belustigend gemeint sind. mitzuverfolgen, wie die einzelnen zutaten zusammen gemischt, in den scherzshaker geknallt und dreimal kräftig geschüttelt werden, ist manchmal äusserst unterhaltsam, oft ärgerlich, sehr oft ekelhaft und immer extrem verstelzt- bemüht.

diese dinge allein würden genügen, das buch erbost in eine ecke zu werfen und es als mies abzutun. wären da nicht die businesspläne der globalisierungsgegner, die guerilla-marketingesken strategien, ausdrücke wie "technical strategic infiltration-vessel against gonzopolitics" und das fulminante finale (dem leider noch einige, wiederum extrem ärgerliche ausführungen folgen):

Der Molotowregen des Fatty-Clans hält unvermindert an, es brennt und qualmt bis weit aus der Straße hinaus. Der Aktivistenclan hat noch hektoliterweise Benzin in petto, um bis morgen früh weiter zu machen: Remmy und Nasdaq haben an den Vorabenden aus mindestens dreissig Mercedes das Benzin geklaut.


vielleicht hätte ich dem buch vieles verziehen, wenn es nicht ausgerechnet mit einer kleinen party, ausgerichtet von den marketingchefs zweier firmen, geendet hätte und die letzten seiten des buches nicht mit pädophilen-, juden- und, äh, anderen blödsinnigen witzen gefüllt wären. man kann sich gut vorstellen, warum faldbakken dieses salonkunststückchen wählt, warum er es ungemein mutig und bedeutungsvoll findet, den pr-chef eines konzerns, der mit seiner engen, freundschaftlichen verbindung zu einem juden wirbt, judenwitze erzählen und dabei den oberschenkel einer minderjährigen zu tätscheln zu lassen. und dabei ist es einfach nur unsagbar dumm, vorhersehbar und irgendwie widerlich. bleibt zu hoffen, dass die skaninavische misanthropie als trilogie angelegt ist, herr faldbakken im nächsten interview etwas nachdenkt bevor er losplaudert und das nächste buch ein ganz und gar unerwartetes, skandalös unskandalöses werk wird. ein kinderbuch ganz ohne schwänze, logos und hitler wäre doch mal nett.
Igelborste - 24. Jan, 11:24

tja

Ich habe in Internet lustige Aussprüche gefunden

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