19
Sep
2007

Was passiert

es ist hier gerade etwas still, weil draussen so viel passiert. und seit gestern nachmittag rast in mir alles noch viel mehr, ich rauche eine zigarette nach der anderen und spüle die dann noch verbleibende aufregung mit kaffee herunter. wenn mich der stern der glücksschweingöttin ordentlich bestrahlt, dann tut sich nämlich gerade ein schleichweg aus der kulturhölle auf. aus diesem verdammten projektchen- und aktiönchenzyklus. dann kann ich aufhören, an letztminütig verlängerte jahresverträge und in projektförderzeiträumen zu denken. und das fühlt sich auch aus der zeitlichen und räumlichen entfernung heraus schon so gut an, dass es zum heulen ist.

da weitet sich gerade etwas und irgendwo ganz tief drinnen kippen mauern zusammen, faltet sich der himmel und glitzert wieder etwas am grund der frühverwitterten, frustrationsmarmormierten erwerbsbiographie.

man redet sich bestimmte zustände gern schön, wenn die tapas im barlicht glänzen und die anderen von zu früh zu unausweichlich vorgezeichneten berufswegen sprechen, von der kollegin mit der man die nächsten 30, 40 jahre in einer dürftigen notgemeinschaft arbeiten muss. dann spiesst man ein stück marinierte feige auf und schwadroniert über die freuden der stetig wechselnden projekte, nickt mitleidig über ein leben, das bereits vor dem dreissigsten lebensjahr durch die überstürzte studienplatzwahl einer aufgedrehten abiturientin nun in betonsockel gegossen vor einem steht. warum wollte ich noch einmal werden, was ich jetzt nicht sein will....?

wenn ich die augen jetzt ganz fest schliesse, die dicken samtvothänge vor das draussen hänge und vorsichtig den ersten fußabdrücken im gras folge, die seit gestern abend ins dickicht führen, dann fühlt sich die eventuell anstehende, vielleicht letzte berufliche entscheidung gut, richtig und vor allem dringend notwendig an. mehr als alles andere will ich einmal eine münze über mein leben werfen, die ich danach nicht wieder in die hand nehmen muss. das ist eine pathetische und beinahe romantische sicht, aber verdammt: bitte keine unentschlossenheit mehr, die sich als sexy flexible freiheit tarnt.

ich will ein poliertes namensschild und ein postfach. ich will honigfarbene parkettseen in der wohnung und wenn ich abends in mein scheppernd aufseufzendes messingbett falle, dann wäre ich gern müde von arbeit und nicht von einem weiteren projektchen.

die letzten jahre haben ich mich manchmal gefühlt, wie eine animateurin in einem hotel auf fuerteventura, der man immer wieder suggeriert, wie toll es doch sein müsse zu arbeiten, wo andere urlaub machen. man sitzt den ganzen tag zwischen sonnenverbrannten bäuchen, wässrigen cocktails und lastminute-schnäppchen mit meerblick und versucht, sich als sprungfeder in dieser im-urlaub-muss-man-sich-auch-mal-was-gönnen-stimmung irgendwie am leben zu halten. mit der zeit verschwimmt die grenze zwischen eigener arbeit und fremden urlaubsfreuden und irgendwann treibt man vollkommen ziellos in dieser disneylandtätigkeit und weiss gar nicht mehr, ob man hier gerade am urlaub anderer leute arbeitet oder während der arbeit lauter kleine fremde kurzurlaube einlegt. man reibt sich auf und lässt sich von dieser spaßbudenathosphäre einsaugen. man stösst wie eine qualle oder ein pilz sporenschwaden aus projektvorschlägen und ideenwölkchen ab und für den kurzen kaffee und das fettige croissant zwischendurch ist auch immer zeit.

jetzt drücke ich mir vollkommen aufgekratzt selbst die daumen und schreibe abends still und heimlich an meinem vielleicht letzten projektvorschlag. das fühlt sich geheimnisvoll und beinahe konspirativ an: abends sammele ich rotgebrannte backsteine für feste mauern und verlege ein komplettes leitungssystem um ein leben, das im moment noch in einem hochflexiblen kleinen wohnei aus gebürstetem aluminium besteht, dessen abwasser jeden tag in eine andere wiese sickert. und vielleicht rollt mein wohnwägelchen demnächst in den carport eines schmucken einfamilienhauses, von dessen mansarde aus ich dann gelassen den karawanen der flexiblen endzwanziger nachwinke, die gerade auf dem weg zum nächsten großen ding sind.
schneck06 - 19. Sep, 15:12

vortrefflich geschildert! so ein perfekter bezahlter feierabend hat schon irgendwas. aber innerhalb dessen doch lieber die performance 'mansarde' als das projekt 'carport'...oder?

Miss Manierlich - 19. Sep, 16:44

lieber schneck, lieber walhalladada
(der einfachheit gleich eine doppelantwort)

dem lebensgefühl und vor allem der lebenswirklichkeit zwischen carport und der dekoration kalter platten mit krauser petersilie kann ich mich recht gut entziehen, auch meine ovarien sind bisher noch hübsch still und gegen katzen bin ich massiv allergisch.

nur ankommen, das würde ich gern. irgendwann mal im imaginären lebenslauf eine dicke rote zahl markieren und in schwungvoller schrift dahintersetzen: ab 200x tätigkeit als xy. ich fühle mich manchmal schlichtweg zu alt für dieses powergepointe, das milchkaffeeschwangere und-was-machst-du-grade-so-gequatsche, für das in jeder hinsicht aus-kisten-leben und die absolute unmöglichkeit, etwas zu planen. ja genau: pläne machen. solche, die gar nichts mit der beruflichen existenz und der prostituion mit personen zu tun haben, die als finanzier für jeden noch so großen dreck, den man gerade umsetzen muss, fungieren könnten.

ich will nach 10-12 stunden arbeit nach hause kommen, ich will unbezahlte überstunden und mitarbeiterbespechungen. ich möchte bis an mein lebensende 28 tage urlaub und eine betriebliche altersvorsorge. für das geschwätz auf semilegalen parties, hysterische zusammentreffen im veganen coffee shop und das austauschen von ideen und projektchen von einem schneeweissen ibook auf ein anderes bin ich zu müde.

ich möchte einen kleiderschrank - kein potpourri aus den kollektionen der letzten 10 jahre von h&m und zara, gespickt mit designerschuhen, die wie aliens dazwischen sitzen. ich möchte nicht, dass aus meinen manteltaschen regelmässig ein zettelregen aus telefonnummern und visitenkarten von lass-uns-mal-was-zusammen-machern rieselt. visitenkarten sollen sich nachts auf dem rolodex im büro (mit poliertem namensschild!) drehen und wer mir erzählt, dass er gerade an dieser wahnsinnsaktion im öffentlichen raum arbeitet, fliegt hochkant aus meiner stillen wohnung, in der es keinen einzigen flyer und schon gar keine bionade gibt. ich will hauchzarte kaschmirpullover und nicht länger mein eigenes büro und meine eigene firma sein. ich will einen burggraben zwischen mir und meiner arbeit und keine verschwommenen gespräche in szenebars und auf "events".

das kann man festanstellung und biographisches lock-in-syndrom nennen: ich nenne es ruhe. und klare grenzen. und angekommen sein.
walhalladada - 19. Sep, 16:10

Geradezu ein Lied könnte ich singen von der Projektenmacherei,
deren Urbild für mich übrigens Immermanns 'Münchhausen' abgibt:
Ist es ihm doch gelungen, backsteinbedürftige Hausbauer mit Hilfe des 'Projekts' 'Luftverdichtungsaccompagnie' um mehr als deren Erspartes zu bringen...
Weh! Auch das polierteste Namensschild nimmt - kaum angebracht - Anlauf stumpf zu werden und das Postfach quillt über vor lauten Postwurfsendungen und auf den Parkettseen hin und her kreuzen nur zu bald die Tretboote festangestellter Tristessen...
Jetzt will ich aber manierlich bleiben und das fiese Unken sofort beenden:Definiert man mit Serner "den Beruf als gelungenen Nachweis des Mangels jeder besseren schlechten Eigenschaft" dann kann man sich wohl glücklich schätzen, diesen 'Nachweis' in 'Festanstellung' anzutreten. Dieses Glück sei mit Ihnen!

schneck06 - 1. Okt, 23:32

was, werte mmm., was ist denn jetzt eigentlich aus dem carport geworden?

Miss Manierlich - 1. Okt, 23:53

immer langsam, lieber herr schneck. ein carport, in den man den rest des lebens rein- und rausfahren will, ist ja kein lieblos dahingeklatschtes stück eilarchitektur. wenn alles den rechten weg geht, liegt mein konzept mitte oktober ausgedruckt vor mir und krabbelt dann den weg allen bettelnden papiers nach oben. bis dezember will ichs aber wissen - nicht auszudenken, wenn ich die gelegenheit, mich beim traditionellen weihnachtseinkaufsausflug mit weitblick und geschmack für den letzten arbeitsplatz meines lebens einzukleiden, verpassen würde. wenn hier also kurz vor weihnachten eine lose bildersammlung mit abbildungen hauchzarter strickware, der lange erhechelten miu miu-tasche und eines dutzends marlenehosen auftauchen, fährt der wagen schon ein...
schneck06 - 2. Okt, 09:49

ich halte die daumen und harre der strickware!
bestens, ihr kulturschneck.
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